Ist die Wissen­schafts­freiheit unter Druck?

Trump an der Macht in den USA, Rechts­po­pu­listen auf dem Vormarsch in Deutschland und anderen europäi­schen Ländern – gerät die Freiheit der Wissen­schaft auch bei uns immer stärker unter Druck? Darüber sprachen Expert:innen aus Forschung, Verwaltung und Politik am 28. Mai.

Bei der Abend­ver­an­staltung Wissen­schafts­freiheit unter Druck? Zwischen Trumpismus und „Cancel Culture“ im Rahmen der Fachtagung „Wissen­schafts­freiheit unter Druck“ disku­tierten Dr. Janika Spannagel, Politik­wis­sen­schaft­lerin an der Freien Univer­sität Berlin, Prof. Dr. Sascha Spoun, Präsident der Leuphana Univer­sität Lüneburg und Tobias Dünow, Staats­se­kretär für Wissen­schaft im Land Brandenburg mitein­ander, moderiert von Martin Mair, Deutschlandfunk.

„Nur wo Wissen­schaft frei von äußeren Einflüssen selbst definiert, was Wissen­schaft ist, kann Reflexion und Innovation gedeihen“, sagte eingangs Sascha Spoun. „Deshalb zeichnet ein System, in dem Forschungs­in­sti­tu­tionen ihre eigene Agenda definieren, erfolg­reiche Staaten aus“, sagt er. Die Freiheit mache deutsche Forschungs­standorte zudem attraktiv: „Viele Studie­rende und Professor:innen schätzen unser System dafür und wählen es für sich aus.“

Gut geschützt?

Was den Status Quo in Deutschland angeht, zeigten sich die Podiums­gäste eher optimis­tisch. Das Grund­gesetz biete verläss­lichen Schutz vor politi­schen Eingriffen in das Wissen­schafts­system. Dort steht Wissen­schaft auf derselben Ebene mit dem Individuum, dem politi­schen System oder dem öffent­lichen Rundfunk: Ihre Freiheit ist auf ewig garan­tiert unantastbar. Sascha Spoun beobachtet zudem „eine aufge­klärte und sensible Öffent­lichkeit, die prinzi­piell bereit ist, für diese Grund­ge­danken einzustehen.“

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Mehr Infor­ma­tionen

Und man sollte die wissen­schaft­liche Freiheit in Deutschland nicht kleinreden [...]

Dr. Janika Spannagel, Politik­wis­sen­schaft­lerin, Freie Univer­sität Berlin

Wir haben es in Deutschland noch gut – so der Konsens auf dem Podium. „Und man sollte die wissen­schaft­liche Freiheit in Deutschland nicht klein­reden“, warnt Janika Spannagel. „Denn Selbst­zensur kann zu einer selbst­er­fül­lenden Prophe­zeiung werden, wenn wir uns immer wieder erzählen, wie schlimm es gerade um die Wissen­schafts­freiheit steht.“

Gleichwohl sorgen die Podiums­gäste sich auch um die Situation in Deutschland. Kritik an oder Druck auf Wissenschaftler:innen sei kein neues Phänomen, meint die Politik­for­scherin, es nehme aber insbe­sondere in Diszi­plinen wie der Gender- oder Rassis­muss­for­schung neue Dimen­sionen an.

Syste­ma­tische Angriffe auf Hochschulen

Die wissen­schafts­feind­lichen Ideen und Vorschläge der AfD etwa nennt Sascha Spoun „syste­ma­tische Angriffe auf die Leistungs­fä­higkeit der Hochschulen“. Deren Aufgabe sei ja, Entwick­lungen zu erkennen, zu analy­sieren und entspre­chende Forschungs- und Bildungs­an­gebote zu machen. „Die Forde­rungen im AfD-Programm sind typisch für Personen, die das Hochschul­system nicht verstehen wollen“, sagt er. „Mich besorgt, wie wenig wir uns mit den dahinter liegenden Tendenzen beschäf­tigen. Wir müssen die von den Menschen artiku­lierten Sorgen und Probleme angehen, die die AfD mit diesen unzutref­fenden Konzepten zu lösen vorgibt.“

Die Partei habe die funda­mentale Ablehnung gegen „die da oben“ – Gerichte, Politik, auch Wissen­schaft – aus echter Überzeugung zum Programm erhoben, meint Staats­se­kretär Tobias Dünow. Sie greife damit das Gefühl weiter Teile der Gesell­schaft auf, dass Systeme nicht mehr funktio­nierten. Auf die Wucht der rechts­po­pu­lis­ti­schen Wissen­schafts­feind­lichkeit seien demokra­tische Parteien nicht einge­stellt gewesen, sagt er und blickt zunächst in die USA. „Die Bruta­lität und Konse­quenz des Trump’schen Vorgehens und die Hilflo­sigkeit der Hochschulen haben uns überrascht.“

Wir sind immer wieder überrascht, dass bestimmte Grund­sätze plötzlich nicht mehr selbst­ver­ständlich sind...

Sascha Spoun, Präsident der Leuphana Univer­sität Lüneburg

In den USA habe sich Wissen­schafts­feind­lichkeit seit Jahren in ein republi­ka­ni­sches Kultur­kampf-Narrativ eingefügt, erläu­terte Janika Spannagel, Politik­wis­sen­schaft­lerin, Freie Univer­sität Berlin, das Univer­si­täten als Sünden­böcke für alles darstelle, was in der Gesell­schaft schief­läuft. „Das hat schon vor Trumps zweiter Amtszeit ein bestimmtes Klima geschaffen und Eindruck hinter­lassen“, sagt sie, selbst wenn Regie­rende ihre wissen­schafts­feind­lichen Ideen nicht in Geset­zesform durch­setzen konnten.

Mehr Geld, konstruktive Streit­kultur, strate­gische Weitsicht

Was braucht es in der derzei­tigen Lage, um deutsche Hochschulen gegen rechts­po­pu­lis­tische Angriffe zu stärken? Einig waren sich die Disku­tie­renden: Die Hochschulen bräuchten deutlich mehr finan­zielle Mittel, um einen „Resili­en­z­puffer“ gegen politisch bedingte finan­zielle Einschnitte aufzu­bauen. Der Anteil unkündbar angestellten Personals sichere zwar einen Grad an Konti­nuität und thema­ti­scher Freiheit.

„Es gibt einen ‚Bremsweg‘ “, wie Tobias Dünow es formu­lierte. Auch die finan­zielle Selbst­ver­waltung der Forschungs­ein­rich­tungen verleihe eine gewisse Resilienz. „Aber die reicht bei weitem nicht aus“, betont er. „Der Haushalts­ge­setz­geber kann das System kaputt­sparen, wenn er es will.“

Nur indem wir die Hochschulen auch als Orte kulti­vierten Streits stärken, fördern wir nachhaltige Resilienz.

Tobias Dünow, Staats­se­kretär für Wissen­schaft im Land Brandenburg

Gleich­zeitig sei Freiheit nicht allein eine Frage der finan­zi­ellen Mittel. „Nur indem wir die Hochschulen auch als Orte kulti­vierten Streits stärken, fördern wir nachhaltige Resilienz“, sagt der Staats­se­kretär. Und mit Blick auf die Schnitt­stellen von Wissen­schaft und Politik: „Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass wir die wissen­schaft­liche und die politische Sphäre sauber vonein­ander trennen müssen, um konstruktiv mitein­ander streiten zu können.“

Die Hochschulen müssten strate­gische Weitsicht entwi­ckeln, um mit Disrup­tionen umgehen zu können, meint Leuphana-Präsident Sascha Spoun. „Wir sind immer wieder überrascht, dass bestimmte Grund­sätze plötzlich nicht mehr selbst­ver­ständlich sind – freie Bewegung im Schen­genraum, globale Liefer­ketten oder auch Wissen­schafts­freiheit“, sagt er. „Statt­dessen müssen wir in einen Modus gelangen, in dem Fragen von Sicherheit und deren Störungen viel zentraler sind. Das ist ein Lernprozess.“ Auf Nachfrage der ehema­ligen Bundes­for­schungs­mi­nis­terin Edelgard Bulmahn, die im Publikum saß, schil­derte er eine europa­weite Vernetzung auf insti­tu­tio­neller, bilate­raler sowie persön­licher Ebene, die diesen Lernprozess fördere.

Solida­rität und sichere Perspektiven

Als weiteren Resili­enz­faktor nannten die Disku­tie­renden Solida­rität und Zusam­menhalt – zwischen den Bundes­ländern, zwischen Einrich­tungen und zwischen Fachbe­reichen. „Solida­rität hört oft dann auf, wenn am Geldhahn gedreht wird“, sagt Janika Spannagel. „Da haben anti-wissen­schaftlich einge­stellte Kräfte einen starken Hebel, Einrich­tungen zu erpressen.“

Wichtig ist ihr zudem, dass wissen­schaft­licher Nachwuchs in Deutschland mehr Sicherheit bekommt. „Viele kluge Köpfe wandern ab“, angesichts unsicherer beruf­licher Perspek­tiven. „Das schadet auch der Wissen­schafts­freiheit.“ Sie selbst als Postdok­to­randin sei beispiels­weise eher betroffen von den prekären Verhält­nissen im akade­mi­schen Mittelbau als von rechten Anfein­dungen gegen ihre Forschung.

Keine syste­ma­tische Diskursverengung

Die AfD gibt vor, Wissen­schaft schützen zu wollen – nämlich vor Cancel Culture, dem Ausschluss unlieb­samer Personen oder Organi­sa­tionen aus dem Diskurs. Was ist dran an der ‚Diskus­si­ons­ver­engung in konflikt­träch­tigen Themen­feldern‘, die die AfD beschreibt?

„Das, was Rechts­po­pu­listen oder auch andere bisweilen als Cancel Culture an die Wand malen, halte ich eher für ein Kultur­kampf­thema“, sagt Staats­se­kretär Tobias Dünow. „Bei näherem Hinschauen stellen sich Fälle angeb­lichen Cancel­lings oft anders dar, als zunächst sugge­riert wurde.“ Nicht alle Menschen im Publikum teilten diese Auffassung und warfen ihm vor, zu banali­sieren. Doch auch Sascha Spoun attes­tiert der deutschen Wissen­schaft ein breites, offenes Spektrum an Forschungs­themen und Positionen. Er erkennt kein syste­ma­ti­sches Problem von Diskurs­ver­engung oder Cancelling.

Angesichts entspre­chender medialer Berichte und politi­scher Diskus­sionen mahnt er jedoch die Pflicht der Hochschulen an: Bei Konflikt­themen, beispiels­weise dem Israel-Palestina Konflikt oder auch der Rolle der Bundeswehr in der deutschen Gesell­schaft, müssten sie eine klare Grund­haltung zur Menschen­würde nach innen und außen vertreten, den Raum für Verhand­lungen über Anfor­de­rungen und Werte offen­halten und Demokra­tie­bildung anbieten. Tobias Dünow betont wiederum die Verant­wortung der Politik, auch angesichts von Unruhen oder Konflikten innerhalb des Wissen­schafts­systems dessen Freiheit konse­quent zu vertei­digen, etwa wenn es um die Handhabung antise­mi­ti­scher oder rassis­ti­scher Vorfälle gehe. „Sie muss Insti­tu­tionen und Personen den Rücken stärken“, sagt er, „auch wenn sie nicht alles gutheißt, was diese tun oder sagen.“

Gut geschützt?

Was den Status Quo in Deutschland angeht, zeigten sich die Podiums­gäste eher optimis­tisch. Das Grund­gesetz biete verläss­lichen Schutz vor politi­schen Eingriffen in das Wissen­schafts­system. Dort steht Wissen­schaft auf derselben Ebene mit dem Individuum, dem politi­schen System oder dem öffent­lichen Rundfunk: Ihre Freiheit ist auf ewig garan­tiert unantastbar. Sascha Spoun beobachtet zudem „eine aufge­klärte und sensible Öffent­lichkeit, die prinzi­piell bereit ist, für diese Grund­ge­danken einzustehen.“

 

Dieser Beitrag erschien zuerst auf der Website der Volks­wa­gen­Stiftung, mit der zusammen wir diese Veran­staltung organi­siert und durch­ge­führt haben. Wir bedanken uns bei der Volks­wa­gen­Stiftung für die gute Zusammenarbeit.

 

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