Ungleiche Freunde: Über Risiken und Grenzen der russisch-chine­si­schen Partnerschaft

China und Russland stellen sich gerne als Partner einer antiwest­lichen Allianz dar: In Wirklichkeit ist Moskau aber nur ein Junior-Partner, der aber Pekings Unter­stützung im Angriffs­krieg gegen die Ukraine braucht. Über die Risiken und Grenzen der russisch-chine­si­schen Partner­schaft und über die Folgen für Europa haben wir bei einer Exper­ten­runde in Berlin zusammen mit dem Londoner Thinktank NEST Centre gesprochen.

Anlass der Diskussion war das NEST-Paper „Marriage without love“ zum selben Thema. Teilge­nommen haben mehr als 30 Exper­tinnen und Experten aus Politik, Diplo­matie, Medien, Wissen­schaft und Thinktanks. Weil die Diskussion unter Chatham House Rules stattfand, sind Zitate nicht zugeordnet.

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Im ersten Teil der Diskussion ging es um den Charakter der chine­sisch-russi­schen Bezie­hungen sowie um ihre Grenzen.

Die Experten waren sich einig, dass die Partner­schaft zwischen Moskau und Peking robust ist und sich derzeit in vielen Bereichen vertieft. Beide Länder verfolgen das gemeinsame Ziel, die vom Westen dominierte liberale Weltordnung in Frage zu stellen. Gleich­zeitig sind die russisch-chine­si­schen Bezie­hungen zutiefst asymme­trisch, wobei Moskau sich zunehmend in einer unter­ge­ord­neten Position befindet Und: trotz ihrer antiwest­lichen Haltung haben beide Länder weder eine gemeinsame Ideologie noch eine gemeinsame Vision für eine Weltordnung im 21. Jahrhundert.

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Darüber hinaus ist das bilaterale Verhältnis von gegen­sei­tigem Misstrauen geprägt, das sich aus histo­ri­schen Traumata und kultu­reller Distanz speist. Dieser Faktor bleibt mindestens mittel­fristig relevant, auch wenn beide Länder derzeit zunehmend eng zusammenarbeiten.

Die Bezie­hungen sind eine von Eigen­in­ter­essen und Realpo­litik getriebene flexible strate­gische Partner­schaft. Beide Seiten sind sich der Vorteile daraus bewusst, doch die Partner­schaft hat auch ihre Grenzen und poten­zielle Spannungsfelder.

Peking als Wohlfühl-Partner, der Putins Schwäche nutzt

Für Moskau ist die Beziehung zu Peking eine Quelle geopo­li­ti­schen Wohlbe­findens und ein Kraft­mul­ti­pli­kator für den russi­schen Einfluss weltweit. Ohne China wäre Russland und das Regime Putin erheblich geschwächt. Seit dem russi­schen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 und der darauf­fol­genden Verhängung von Wirtschafts­sank­tionen ist China für die russische Wirtschaft unver­zichtbar geworden, da es Märkte, Techno­logie, Finanz­kanäle und Dual-Use-Güter bereit­stellt, die die aktuelle russische Kriegs­führung ermöglichen.

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Gleich­zeitig gibt es viele Anzeichen dafür, dass Chinas Unter­stützung für den russi­schen Krieg Grenzen hat. Peking will gewiss nicht, dass Russland verliert. Die Frage ist, wie sehr die Chinesen wollen, dass Russland gewinnt.

Für China sorgt ein freund­liches Russland für relative Ruhe entlang der 4.200 Kilometer langen gemein­samen Grenze sorgt. Dies ermög­licht Peking, sich auf wichtigere Dinge wie den Bezie­hungen zu den USA zu konzen­trieren. In der ausge­prägten strate­gi­schen Rivalität mit Washington dient Russland generell so als nützlicher geopo­li­ti­scher Partner. Die russische Duldung der Ambitionen Pekings (wie etwa in Nordost- und Zentral­asien, in der Arktis oder in der globalen Gouver­nante) ist dabei nicht weniger wichtig als eine aktive Zusammenarbeit

Der wachsende Abstand zwischen zwei ungleichen Partner wirft für den Kreml poten­ziell aber die Frage auf, wo die geopo­li­ti­schen und geoöko­no­mi­schen Grenzen gezogen werden sollen.

Die Experten hoben hervor, dass obwohl sich die wirtschaft­lichen Bezie­hungen zwischen China und Russland inten­si­viert haben, sind sie für Russland einseitig und wenig vorteilhaft geworden: Während China Indus­trie­güter liefert, kommen aus Russland fast nur Rohstoffe.

Peking nutzte den zunehmend asymme­tri­schen Charakter der Bezie­hungen und die Schwäche Russlands in den letzten Jahren intensiv aus, indem es Öl und Gas zu reduzierten Preisen kaufte, die chine­si­schen Indus­trie­ex­porte ausweitete und seine Position in Schlüs­sel­sek­toren der russi­schen Wirtschaft stärkte. Gleich­zeitig seien viele zuvor vielver­spre­chende und zukunfts­ori­en­tierte Formen der techno­lo­gi­schen und indus­tri­ellen Zusam­men­arbeit seit dem Einmarsch in die Ukraine auf Eis gelegt worden oder ganz verschwunden. Bei der wirtschaft­lichen Zusam­men­arbeit hält China eine gewisse Distanz ein, da die russische Wirtschaft wegen der Sanktionen toxisch ist und Peking keine Konkurrenz aus Russland möchte.

Gleich­zeitig argumen­tierten die Experten, dass China die Abhän­gigkeit Russlands nur bis zu einem gewissen Grad ausnutzen kann. Peking kann Putin nicht zu sehr in die Enge treiben, da übermä­ßiger Druck zu Insta­bi­lität innerhalb Russlands führen und mögli­cher­weise das Überleben des Kreml-Regimes gefährden könnte – ein Szenario, das China vermeiden möchte.

China setzt auf erneu­erbare, Russland bleibt von fossilen Brenn­stoffen abhängig

Obwohl die Energie­part­ner­schaft nach wie vor eine entschei­dende Säule der bilate­ralen Bezie­hungen ist und sich kurzfristig weiter vertiefen könnte – nicht zuletzt aufgrund der Insta­bi­lität im Nahen Osten –, argumen­tierten die Experten, dass ihre langfristige Bedeutung wahrscheinlich abnehmen werde. China sieht seine geoöko­no­mische Zukunft in erneu­er­baren Energien und techno­lo­gi­scher Dominanz. Sein Übergang zu einer techno­lo­gie­ge­trie­benen, postfos­silen Wirtschaft steht in scharfem Kontrast zu Russlands wachsender Abhän­gigkeit von fossilen Brenn­stoffen, Rüstungs­pro­duktion und Rohstoff­ex­porten. Langfristig könnte Chinas wirtschaft­licher Wandel daher eine existen­zielle Heraus­for­derung für Russlands Position und Einfluss im inter­na­tio­nalen System darstellen.

Ein weiterer wichtiger Faktor in den chine­sisch-russi­schen Bezie­hungen sind ihre unter­schied­lichen Vorstel­lungen über eine Weltordnung. Obwohl beide Länder die Vorherr­schaft der USA in Frage stellen und sich für eine „multi­polare Weltordnung“ einsetzen, bedeutet das Konzept der Multi­po­la­rität in Moskau und Peking sehr unter­schied­liche Dinge. Im russi­schen Verständnis geht es um eine Art „Jalta 2.0“, wo die Großmächte USA, China und Russland Macht und Einfluss­sphären unter sich ausmachen. Xi Jinping scheint seiner­seits aufge­schlos­sener als seine Vorgänger gegenüber der Idee einer „G2“ aus China und den USA zu sein, weil dies den beiden Ländern auf eine Ebene stellt.

Im Bezug auf sein Auftreten auf der inter­na­tio­nalen Arena wurde Peking als eine „revisio­nis­tische, aber nicht revolu­tionäre Macht“ beschrieben: China präsen­tiere sich als Vertei­diger der Globa­li­sierung und des Multi­la­te­ra­lismus, nutze dabei seine Wirtschafts­kraft und seinen globalen Einfluss, um liberale Werte konse­quent zu unter­graben und das weltpo­li­tische Vakuum zu füllen.

Peking strebe danach, das inter­na­tionale System auf Kosten der USA und Europas umzuge­stalten, dabei aber weiter innerhalb des Systems zu agieren. Peking befür­worte eine regalierte inter­na­tionale Ordnung, die es als Voraus­setzung für die Verwirk­li­chung des „chine­si­schen Traums“ natio­naler Erneuerung ansieht.

Russland dagegen wurde als Macht darge­stellt, die darauf abzielt, das System zu zerstören, da es von geopo­li­ti­scher Insta­bi­lität profi­tiert und in Krisen- und Umbruch­si­tua­tionen gedeiht.

Obwohl diese Unter­schiede langfristig eine Heraus­for­derung für die Partner­schaft darstellen könnten, argumen­tierten die Teilnehmer, dass die chine­sisch-russi­schen Bezie­hungen mittel­fristig stabil bleiben werden. Die Idee eines „umgekehrten Kissinger“ oder „umgekehrten Nixon“ – worin Washington versuchen soll, die Bezie­hungen zu Russland zu verbessern, um einen Keil zwischen Moskau und Peking zu treiben – wurde als illuso­risch abgetan. Weder Russland noch China könnten es sich derzeit leisten, ihre Partner­schaft aufs Spiel zu setzen.

China unter­gräbt Europa als Wirtschaftsmacht

Im zweiten Teil der Diskussion ging es um die Heraus­for­de­rungen, die China für Europa und vor allem für Deutschland darstellt.

Pekings Wirtschafts­po­litik ist längst keine Heraus­for­derung, sondern eine akute Bedrohung: China unter­gräbt die Macht Europas an zentraler Stelle, nämlich beim wirtschaft­lichen Potenzial. Zwar ist die Wirtschafts­leistung der EU nominal immer noch größer als die Chinas (der IWF erwartet für 2026 23 Billionen Dollar für Europa, 20,8 für China). Doch Peking verfügt über mehr Selbst­ver­trauen, Ehrgeiz und Risiko­be­reit­schaft. Ein eklatantes Beispiel hierfür sind die 2025 von Peking verhängten Export­be­schrän­kungen für seltene Erden, die die EU hart trafen. Europa leidet bereits jetzt unter Deindus­tria­li­sierung, allein in Deutschland gehen geschätzt 10.000 Industrie-Arbeits­plätze monatlich verloren.

Dazu kommt Chinas Rolle als wichtigster Unter­stützer Russlands im Angriffs­krieg gegen die Ukraine. Der brutale Krieg sei „unglaublich günstig“ für Peking, da China „nichts ausgibt, viel gewinnt und froh ist, dass seine größten Gegner für die militä­rische Unter­stützung der Ukraine jeden Tag Geld verbrennen“ – Geld, das weder Einnahmen noch Wohlstand generiert.

Europas Reaktion beschränkte sich lange auf Worte: Mit offener Kritik hofften Diplo­maten, chine­sische Beamte zum Umdenken zu bewegen, weil sie um den Ruf Pekings als neutrale Macht fürch­teten. Mit dem 20. Sankti­ons­paket gegen Russland hat die EU im April 2026 erstmals Maßnahmen gegen Dritt­staaten für die Lieferung von Waffen­sys­temen und Dual-Use-Gütern an Moskau einge­führt – betroffen sind auch Banken und Unter­nehmen aus China. „Wir sind der Ansicht, dass Chinas Unter­stützung für Russlands Krieg unseren Inter­essen enorm schadet“, sagte ein Entscheidungsträger.

Doch das könnte bei weitem nicht ausreichen. Argumen­tiert wurde, dass sich chine­sische Beamte wenig bis gar nicht um ihren Ruf in Europa sorgen, weil sie nicht glauben, dass (die Europäer) eine Rolle spielen. Andere wiesen darauf hin, dass Peking seine Haltung gemäßigt habe und weniger aggressiv als noch vor einigen Jahren sei. Insgesamt habe China für seine Unter­stützung Russlands im Krieg gegen die Ukraine aber noch keinen wirklichen Preis gezahlt.

In der anschlie­ßenden Debatte über Sanktionen wurde über Maßnahmen gegen die chine­sische Luftfahrt­in­dustrie, etwa durch Software­be­schrän­kungen bei Airbus-Flugzeugen disku­tiert – ein Thema, dass durch die Konkurrenz des US-Riesen Boeing und die wachsende Unsicherheit über Washingtons Haltung in dieser Frage verkom­pli­ziert wird.

Kritik wurde auch an der EU-Handels­po­litik gegenüber China geübt, die den Block zu einem Liefe­ranten „leicht ersetz­barer“ Agrar- und Rohstoff­güter wie Gerste, Kartoffeln und sogar Hühnerfüße gemacht habe, während die Chinesen „alle indus­tri­ellen Bereiche übernehmen“.

Die EU muss geschlossen gegen China auftreten

Am Ende der Diskussion stand die Schluss­fol­gerung, dass Europa gemeinsam und nicht auf natio­naler Ebene gegen China vorgehen müsse. Ziel müsse sein, die Folgen von Pekings aggres­siver Wirtschafts­po­litik rasch (innerhalb von 6 bis 12 Monaten) abzumildern, um die heimische Industrie zu schützen und um gleich­zeitig die Ukraine bei der Abwehr des russi­schen Angriffs­krieges zu unter­stützen. Sollte dies scheitern, warnen die Experten vor einem Szenario, in dem eine von China geführte Weltordnung zur Aufspaltung der EU und zu einer größeren Rolle Russlands führt.


 

Mitarbeit und Reaktion: Nikolaus von Twickel

 


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