„Das Gute kann nicht nur das sein, was wir beweinen“

Der ukrainische Philosoph Wolodymyr Jermolenko zeigt in seinem Buch „Eine Kultur des Trotzdem. Wie die Ukraine Europa hilft“, dass die entscheidenden Fragen unserer Zeit gegenwärtig im Osten des Kontinents gestellt werden. Marko Martin hat es für uns gelesen.
Ziviles Denken: bloß ein bundesdeutsches Selbstgespräch?
Es ist schon verblüffend: Trotz aller Beteuerungen der Notwendigkeit, „sich selbst immer wieder zu hinterfragen“, auf „kommunikative Vernunft“ zu setzen und „Denkschablonen zu misstrauen“, bleibt der hiesige Diskurs größtenteils weiterhin das, was er schon immer war – ein bundesdeutsches Selbstgespräch. So fand sich etwa in den irritierend weihevollen Nachrufen auf den im März verstorbenen Philosophen Jürgen Habermas auch keine Erwähnung jenes im Mai 2022 der FAZ erschienenen Essays, in dem sich der ukrainische Philosoph Anatolij Jermolenko an den von ihm seit Jahrzehnten immens bewunderten Denker gewandt hatte. Bedeutete, so die dringliche Frage aus dem attackierten Kyjiw an den lauschigen Starnberger See, das fortgesetzte ukrainische Widerstehen denn tatsächlich eine „Eskalation“, und weshalb – dies vor allem – wird bei all dem nie thematisiert, was Putin über den Westen denkt und an hybriden Angriffen bereits umsetzt? Zwischen den (in respektvollem Ton geschriebenen) Zeilen schwang dabei immer wieder die entscheidende Frage mit: Was ist ein „ziviles Denken“ wert, wenn es derart sprachlos bleibt gegenüber den massenmörderischen Vollstreckern des Nicht-Zivilen, ja schlimmer noch: wenn es zu Lasten der Opfer sogleich in die Defensive geht?
Das Ideal der griechischen Agora
„Eine Kultur des Trotzdem. Wie die Ukraine Europa hilft“ lautet der Titel des aktuellen Essays von Wolodymyr Jermolenko. Geboren 1980 in Kyjiw, ist er wie sein Vater Anatolij Philosoph – und vermag wie dieser bohrende Fragen zu stellen, ohne deren Gehalt durch polemischen Überschuss zu beschädigen. Für ihn ist die griechische Agora ein Ideal, dem zumindest Westeuropa in einer Jahrtausende währenden Entwicklung praktisch immer näher gekommen sei. (Es hätte dabei der Argumentation freilich nicht geschadet, wären hier auch die Menschheitsverbrechen der antiken bis zur modernen Sklaverei erwähnt worden und deren, gemessen am gedanklichen Vorrat, skandalös elend späte Überwindung.) Was aber geschieht, wenn die gegenwärtige Agora, d.h. die liberale Demokratie und deren Debatten- und Zivilgesellschaft, tödlich bedroht wird?
Das Agon als ihr Gegenspieler?
Jermolenko bringt hier den Begriff des Agon ein, der bezeichnenderweise trotz gleicher Wortwurzel weit weniger bekannt ist: Agon steht für Wettbewerb, aber auch Kampf. Weit davon entfernt, diesen nun im Sinne eines konservativen bzw. neo-rechten Faibles für „Thymos“, Tumult und Wut vitalistisch zu verabsolutieren und das Zivile als vermeintlich schwach zu schmähen, wird Agon plausibel als eine Art stets zu kontrollierender, aber auch lebensnotwendiger Gatekeeper beschrieben: Ohne den Willen und die Kapazität zur robusten Verteidigung keine nachhaltige Debatten-Demokratie. Mit Blick auf den Westen nach 1945 gelingt es Yermolenko in nur wenigen, in denkbar ruhiger Diktion geschriebenen Sätzen, eine ganze Mentalitätsgeschichte zu skizzieren.
„Es ist verständlich, warum die Agora in den Vordergrund getreten ist. Sowohl die bolschewistischen als auch die nationalsozialistischen und faschistischen Kräfte lehrten ihre Adepten den kompromisslosen Kampf und verurteilten jeglichen Dialog mit einer anderen Sichtweise. Sie propagierten Unerbittlichkeit statt Kompromissfähigkeit. Sie vermuteten überall Feinde. Sie schufen einen Kult des Kriegers und einen Kult des Eisens. Mit der Abwendung von diesen Erfahrungen beschloss das westliche Nachkriegseuropa, auch den Wert des Agon selbst zu diskreditieren. Also ob es das Kind mit dem Bade ausgeschüttet hätte. Anstatt zu sagen, dass die Verabsolutierung des Agon gefährlich sei, beschloss Westeuropa, die Agora zu verabsolutieren. Also zu behaupten, dass Kommunikation und Kompromiss die einzigen Mittel der Interaktion sind. Selbst der Interaktion mit dem Bösen. Als daher das von Putin ausgehende Böse entschied, für die Niederlage im Kalten Krieg an Europa Revanche zu üben, beschloss man instinktiv, mit diesem Bösen in Korrespondenz zu treten.“
Fatale Komplizenschaft
Was freilich nicht nur ein Denkfehler und eine Verwechslung der Kategorien war, sondern in der Konsequenz letztlich in Komplizenschaft mündete. „Es stellte sich heraus, dass dies das Böse nicht stoppt, sondern im Gegenteil noch ermutigt. Es stellte sich heraus, dass es Momente in der Menschheitsgeschichte gibt, in denen sich das Böse nicht nur im Kampf, sondern auch durch den Dialog vervielfacht. Sowohl Agon ohne Agora als auch Agora ohne Agon führen uns in den Abgrund.“
Volodymyr Yermolenko, der 2011 in Paris promoviert hat und zu den wichtigsten Vermittlern eines philosophisch-politischen Ost-West-Diskurses zählt, kann in seiner erhellenden Antike-Interpretation zweifellos auch auf das Denken des antitotalitären André Glucksmann (1939–2015) zurückgreifen, auch wenn dieser hier in diesem ansonsten so assoziationsreichen Buch keine Erwähnung findet. Dafür aber gibt es u.a. auch einen kleinen Exkurs zur westlichen Literaturgeschichte von der Heldensage bis zum psychologischen Roman des skeptischen Antihelden, die sich zu einer nachvollziehbaren Kritik am Westen weitet – eben weil sie nicht mit den üblichen völkischen oder abgestanden kulturkritischen Ressentiments hantiert, sondern einen weiteren blinden Fleck offenlegt.
Die Figur des Helden
Denn nicht allein aus ukrainischer Perspektive: Was ist so bedenklich an einem „Helden“, dass man ihn bis heute in Büchern, auf Theaterbühnen und in Debatten geradezu zwanghaft „entmystifizieren“ muss? Wolodymyr Jermolenko schreibt: „Der Held steht im Gegensatz zum Henker. Der Henker tötet Wehrlose, der Held tritt gegen den bis an die Zähne bewaffneten Gegner in den Kampf. Der Henker verachtet die Schwachen, der Held tritt dem Starken entgegen. Das ist die Basis der moralischen Differenz. Sie ist der Schlüssel, um die gesamte Menschheitsgeschichte zu verstehen.“
Infragestellen des progressiven Kanons
Hand aufs laue Herz: Wann hat man hierzulande und im gesamten, sich als progressiv verstehenden Westen zum letzten Mal solche Sätze gehört, die doch pure Selbstverständlichkeiten wieder in den Blick rücken? Yermolenko macht deshalb kein Hehl aus seiner Skepsis vor einer „Kritischen Theorie“, sofern diese nicht ebenso kritisch ist gegenüber ihren eigenen Prämissen und Schlussfolgerungen. Für ihn geradezu fatal, wie in einem westlichen Mindset, das u.a. auch sehr viel von der eigenen „Erinnerungskultur“ hält, das Gute permanent in der Defensive verbleibt – gedanklich und auch praktisch. „Opfer stehen in den allermeisten Fällen auf der Seite des Guten, aber das bedeutet nicht, dass das Gute nur als Opfer existieren kann. Vielmehr muss sich auch das Gute verteidigen können. Das Gute muss leben. Das Gute kann nicht nur das sein, was wir beweinen. Das Gute kann nicht nur Anlass für eine Grabinschrift und Gegenstand eines Trauerzugs sein... Folgendes muss klargestellt werden: Das Gute muss sich verteidigen können. Das Gute muss zurückschießen können. Das Gute muss sich wehren können. Sonst hört es auf, gut zu sein. Sonst wird es zum Friedhof des Guten.“
Kritischem Denken ohne Glauben fehlt die Macht
Anders gesagt: Lieber Westen, spare dir Trauerbekundungen zu den Massakern in Butscha und an anderen Orten, belasse es auch nicht beim idealisierenden Barmen angesichts unseres Leides, sondern sorge verdammt noch mal dafür, dass unser Widerstand endlich hinreichend Verteidigungswaffen erhält. Hier schreibt einer, der sich – wie sein überfallenes Land – ganz entschieden weigert zum Opfer zu werden, verhöhnt von den nihilistischen russländischen Tätern und pflichtschuldig bemitleidet von einer westlichen Kultur, der über die Jahrzehnte etwas ganz Entscheidendes abhandengekommen ist. Dabei, so insistiert Yermolenko, liege doch „die tiefere Bestimmung Europas im Widerstand gegen die Tyrannei“ und deshalb auch im Glauben daran, dass ein solcher Widerstand notwendig ist und siegreich sein kann. „Ohne diesen Glauben sind wir unserer Augen beraubt. Glaube ohne kritisches Denken ist fanatisch, aber kritischem Denken ohne Glauben fehlt die Macht. Was kaputt gegangen ist, ist die Einsicht, dass Freiheit verteidigt werden muss. Dass uns Werte nicht ein für alle Mal gegeben sind und dass sie kein Verbrauchsgegenstand sind. Dass moralischer Fortschritt nicht garantiert ist.“
Diese Kritik ist beides – ethisch und pragmatisch. In immer wieder neuen, ebenso überraschenden wie nachvollziehbaren Wendungen wird sie in diesem Essay artikuliert, bis hin zum Befund, dass sich ein ins Exzessive getriebener Individualismus irgendwann selbst entleibt. „Das Individuum, das einzig nach ‚Selbstverwirklichung´ strebt, wird zu etwas Geringerem als zu seinem Selbst – es wird in der Regel zu einer Schachfigur, die durch äußere Kräfte manipuliert wird. Die Angst, der Sicherheit beraubt zu werden, raubt dir die Sicherheit.“
Sorgen um die mentale wie politische Beschaffenheit des Westens
Angesichts der hiesigen Nicht-Wahrnehmung des Charakters der russländischen „Thanatokratie“ („Tyrannen glauben, dass sie bestimmen, wann wir sterben werden“) macht sich Yermolenko große Sorgen um die mentale und politische Beschaffenheit des Westens. Da ist zum einen der ultrarechte Block: „Er träumt davon, alte Stärke und früheren Ruhm wiederzuerlangen, ist aber nur bereit, sie gegen Schwächere (vorrangig MigrantInnen) anzuwenden. Das, was er als seine Stärke ansieht, ist in Wahrheit eine Schwäche, das Syndrom des Henkers und nicht des Helden, und deswegen bewundert er das faschistische Russland.“ Hingegen das „Europa der Vernunft“: „Es vergisst, dass Rechte schnell verloren gehen, wenn man sie nicht verteidigt. Wird es dennoch wieder zu einem Diskurs über Rechte finden, die Durchsetzungskraft haben? Wird es wieder zu einem Diskurs über Stärke finden, die Rechte schützt, zu einem Gleichgewicht zwischen Agora und Agon? Diesen Gedanken richte ich an die EuropäerInnen: Ihr seid stärker als Russland; wir sind gemeinsam stärker als die neuen oder alten Tyrannen in der Welt; aber euer Problem besteht darin, dass ihr nicht an eure Stärke glaubt.“
Eine existenzielle, keine akademische Debatte
Das ist alles andere als eine akademische Debatte, und Wolodymyr Yermolenko macht eindringlich klar, dass jede Verzögerung einer Beantwortung dieser Fragen tödlich ist. „Die Ukraine hat Europa viel Zeit erkauft – um den Preis vieler ukrainischer Leben. Aber wir haben nicht unendlich viele Leben zu geben. Sie gehen irgendwann zur Neige.“
Mit genau diesem Wissen kämpft die Ukraine. Kämpft und denkt. Und teilt es in Büchern wie diesem eindringlich mit – als ein weiteres unverdientes Geschenk an uns.
Wolodymyr Jermolenko: Eine Kultur des Trotzdem. Wie die Ukraine Europa hilft. Aus dem Ukrainischen von Tine Hammer und Jutta Lindekugel. edition.FotoTAPETA, Berlin 2026. 127 S., brosch., Euro 15,-
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