Der Iran und die Ukraine: Was Europa jetzt tun muss

Die Umstände und Folgen des 40-Tage-Kriegs gegen den Iran wirken sich direkt auf die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine und den aktuellen Kriegsverlauf in Europa aus. Der ehemalige Diplomat Johannes Regenbrecht liefert in seinem Policy Paper eine umfangreiche Analyse und erläutert, wie Europa jetzt handlungsfähig wird.
Die künftige europäische Nachkriegsordnung hängt mit Blick auf Russland auch davon ab, ob ein Friedensschluss mit dem Iran das Regime wirtschaftlich, militärisch und vor allem auch nuklear einhegt, oder ob es auf eine Beschwichtigung und damit Stärkung Teherans hinausläuft. Trotz aller berechtigten Kritik an dem völkerrechtlich fragwürdigen Krieg Israels und der USA und dem erratischen Zickzackkurs Trumps: Die Aggression Russlands gegen die Ukraine und der Krieg gegen ein mörderisches, brandgefährliches Terrorregime sind zwei Seiten derselben Medaille, der Auseinandersetzung zwischen den westlichen Demokratien und der autoritären Achse Moskau-Teheran und Beijing. Der Ausgang des Irankriegs wird ein Wendepunkt für die Ukraine und für Europa sein.
1. Der Krieg gegen den Iran ist auch „unser“ Krieg
Die Verzahnung beider Kriege ist trotz aller Unterschiede mit Händen zu greifen. Der Krieg gegen den Iran bestimmt seit dem 28. Februar die Schlagzeilen und saugt die öffentliche Aufmerksamkeit von der Ukraine ab. Iran und die Straße von Hormus wurden schlagartig zur obersten politischen Priorität.
Folge: Die Dreiergespräche der USA mit Russland und der Ukraine liegen seither brach. Die Preisexplosion bei Öl und Flüssiggas hat zu ersten Aufweichungen im Sanktionsregime gegen Russland geführt. Vor allem Indien steht stark unter Druck.
Während der Energiepreisschock zusätzliche Milliardenbeträge in Putins Kriegskasse spült, erzielte die Ukraine taktische Erfolge mit Drohnenangriffen auf russische Ölterminals am Schwarzen Meer und an der Ostsee, womit sie den Ölumschlag Russlands teilweise lahmlegte. Der Ausdünnung militärischer Ressourcen, vor allem der Verknappung von Abwehrsystemen gegen Drohnen- und Raketenangriffe, begegnet Präsident Selenskyj mit einem klugen Schachzug: Die Ukraine stellt ihre umfassende Expertise bei Drohnenbau und integrierten Luftverteidigungssystemen bis zu elf Staaten des Nahen und Mittleren Ostens zur Verfügung. Im Gegenzug sagen diese unter anderem zu, erhebliche Teile des ukrainischen Energiebedarfs zu decken. Die Ukraine wird damit nicht nur zum Exporteur von Sicherheit, sondern erstmals auch zum politischen Akteur in der Region. Die Ukraine bringt sich strategisch klug ein, um nicht nur wirtschaftlich und eventuell auch rüstungstechnisch zu profitieren, sondern auch den Boden für wirtschaftliche und politische Unterstützung in einer Region zu bereiten, die Moskau und Kyjiw traditionell äquidistant gegenübersteht.
Wie durch ein Brennglas zeigt der Nexus des Irankriegs mit der Aggression Russlands gegen die Ukraine, der größten militärische Bedrohung Europas seit 1945, dass der Krieg gegen den Iran auch „unser“ Krieg ist – ob die Europäer wollen oder nicht. Das Diktum von Verteidigungsminister Pistorius ist taktisch unklug, weil es Deutschland und Europa als politische Akteure zurücknimmt und Trumps Narrativ stärkt, dass auch Russlands Krieg gegen die Ukraine kein Krieg der USA sei.
Die Feststellung der Bundesregierung, dass Washington vor dem gemeinsamen Angriff mit Israel die Europäer zu keinem Zeitpunkt eingebunden oder zumindest konsultiert hat, trifft zu. Sie ist aber nicht mehr als ein weiteres Symptom der Geringschätzung der NATO-Verbündeten durch Trump. Der nutzt die angebliche Verweigerung von Hilfe durch die europäischen Alliierten als willkommenen Vorwand für seine Retourkutsche: die erneute Infragestellung der NATO und damit der Solidarität Amerikas mit Europa und der Ukraine. Trump bedroht das Bündnis und attackiert seine Alliierten, sagt aber kein Wort zu Russland, das den Iran mit Waffen und während des Kriegs mit Satellitendaten in Echtzeit über Standorte von US-Kriegsschiffen und Flugzeugen versorgte.
In die Verhandlungsrunde in Islamabad am 12. April gingen die USA angeschlagen hinein – und kamen mit leeren Händen wieder heraus.
Der Iran bleibt hoch gefährlich als militärisch gerüstete Macht im Besitz der Hälfte seiner Vorkriegsbestände an Raketen und Drohnen, dezimierten, aber wiederherstellbaren Anreicherungskapazitäten für kernwaffenfähiges Material und handlungsfähigem Mullah-Regime mit immer noch intaktem Terrornetzwerk von Huthis bis Hisbollah. Das Regime rühmt sich als Sieger – nicht nur, weil es trotz seiner Schwächen noch nicht am Boden liegt, sondern weil es mit Zugriff auf die Meerenge von Hormus einen zentralen Teil des globalen Öl- und LNG-Transits kontrolliert.
Aber: Trotz aller Risiken (mögliche Luftangriffe Teherans auf die Golfstaaten oder die Ost-West-Pipeline in Saudi-Arabien) könnte die Rechnung Washingtons, durch die US-Blockade den Spieß umzudrehen, aufgehen. Die Blockade kostet den Iran pro Tag mehrere 100 Mio. USD, könnte zur Einstellung der Ölförderung führen und seine von massiver Inflation und Rezession geplagte Wirtschaft ins Bodenlose abstürzen lassen. Vor diesem Hintergrund steigt der Druck auf das Regime mit jedem Tag – möglicherweise stärker als durch die Bombardierungen. Sollte es gleichzeitig Washington und Tel Aviv gelingen, die Libanon-Verhandlungen dauerhaft vom Iran-Dossier abzutrennen, wäre das ein wichtiger Schritt zur Isolierung und damit zur Schwächung der Hisbollah.
Der Golf in limbo und die Weltwirtschaft im energiepolitischen Würgegriff: Das ist die Perspektive, jedenfalls mittelfristig. Die Verhandlungen werden zäh und schwierig sein. Aber keine Seite kann sich leisten, aus ihnen auszusteigen. Das Mullah-Regime ist wirtschaftlich massiv unter Druck. Trump, der im Vorfeld der Midterm Elections am 3. November vor einer Wiederaufnahme groß angelegter Bombardierungen zurückschreckt, braucht ein vorzeigbares Verhandlungsergebnis, um seine Truppen nach Hause zu bringen.
Fest steht: Je länger die Hängepartie mit der doppelten Blockade der Straße von Hormus andauert, desto länger bleiben die Energiepreise hoch und die politisch-diplomatischen Ressourcen Washingtons an den Iran (und Libanon) gebunden. Sie stehen der Ukraine nicht zur Verfügung. Oder, was schlimmer wäre: Trump könnte zu seiner „Entlastung“ erneut massiven Druck auf Kyjiw ausüben, sich auf die Bedingungen Putins einzulassen, also insbesondere den Donbas zu räumen, um seinen ramponierten Nimbus als „Friedensstifter“ wenigstens teilweise zum Leuchten zu bringen.
Betrachtet werden soll der Konflikt aus Sicht der Ukraine und der EU einerseits sowie Russlands (und Chinas) als geopolitisch-systemische Rivalen Europas andererseits. Was bedeutet die Lage am Golf für die Ukraine? Was muss Europa tun?
2. Ist die Allianz der Autokraten am Ende?
Russland verurteilte den Krieg als „unprovozierte Aggression“ gegen seinen „strategischen Partner“ Iran. Die Tötung Ali Chameneis sei eine „zynische Verletzung aller Normen menschlicher Moral und des Völkerrechts“.
Moskaus vermeintliches Eintreten für das Völkerrecht ist selektiv, opportunistisch und angesichts des menschenverachtenden Angriffskriegs gegen die Ukraine verlogen. Der Protest gegen das Vorgehen Israels und der USA erfolgt darüber hinaus höchst selektiv. Anfang Januar hatte der Kreml bei Sturz und Verhaftung des venezolanischen Präsidenten Maduro geschwiegen, während kremlnahe Medien Washingtons Nacht-und-Nebel-Aktion gegen Venezuela zur Relativierung der russischen Aggression gegen die Ukraine nutzten – und zynisch die Frage stellten, warum Russland mit seinen Feinden nicht ähnlich umgehe.
Das Schweigen des Kremls zu Maduro ist kein Zufall, gehört Venezuela doch auch aus Sicht Russlands zur „westlichen Hemisphäre“, in der die Großmacht USA nach Gutdünken schalten und walten dürfen. In seiner letzten Jahrespressekonferenz am 19. Dezember 2025 hatte Putin Trumps Neuauflage der Monroe-Doktrin in Form der National Security Strategy vom November 2025 explizit gutgeheißen. Die Sicherheitsstrategie entspreche weitgehend der Sichtweise Russlands. Diese hatte Putin mit Blick auf die Ukraine in seinem Aufsatz „Über die historische Einheit der Russen und Ukrainer“, mit der er die Aggression Russlands gegen seinen Nachbarn im Südwesten rechtfertigt, zu Papier gebracht. Russland selbst definiert sich nicht in seinen Grenzen als Nationalstaat, sondern bezieht seine Identität aus seinem selbst definierten Status als Hegemonialmacht über Staaten mit „eingeschränkter Souveränität“ innerhalb des eigenen Großraums. Nahezu spiegelbildlich proklamiert die US-Strategie die „Wiederherstellung“ amerikanischen Vorrangs in der „westlichen Hemisphäre“. Dabei sollen gebietsfremden Rivalen („non-Hemispheric competitors“) die Stationierung jeglicher „Bedrohungskapazitäten“ oder die Kontrolle über strategische Ressourcen verwehrt bleiben.
Genau deswegen hat Moskau Probleme mit dem US-Angriff auf den Iran: Das Land liegt weit außerhalb der westlichen Hemisphäre unmittelbar an der sensitiven Südflanke des „Einflussgebiets“ der Russischen Föderation an den Grenzen zum Südlichen Kaukasus und zu Zentralasien. Der Angriff auf den Iran ist aus Moskauer Perspektive deswegen regelwidrig, weil er das gemeinsame Konzept der Großraumordnung mit „Interventionsverbot für raumfremde Mächte“ unterläuft und den Einfluss Russlands in der Region schwächt – und nicht, weil er gegen den völkerrechtlichen Grundsatz des Gewaltverbots verstößt. Dass Russland in puncto Völkerrecht mit zweierlei Maß misst, zeigt sich auch daran, dass es sich (mit China) bei der Abstimmung über die von Bahrein eingebrachte UN-Sicherheitsratsresolution 2817 mit Verurteilung der iranischen Luftangriffe auf die Golfstaaten am 11. März der Stimme enthielt.
Die russische Reaktion auf den Irankrieg zeigt damit auch die Grenzen der Vision einer neuen russisch-amerikanischen Entente beim Aufbau einer multipolaren Weltordnung auf. Die Aussicht auf einvernehmliche Abgrenzung der jeweiligen imperialen Einflusssphären hatte nach dem zweiten Amtsantritt Trumps im Januar 2025 viele kremlnahe Analytiker begeistert. Iwan Timofejew, Generaldirektor des regierungsnahen Russischen Rats für Internationale Angelegenheiten (RIAC), zieht dagegen jetzt eine nüchterne Bilanz: Moskau müsse in den Verhandlungen zur Ukraine hart bleiben, weil „Konzessionen nichts nützen“. Wichtige Lehren aus dem Irankrieg: Innere Unruhen stachelten nur Russlands äußere Gegner zum Eingreifen an. Und Sanktionen seien die Vorstufe zur Anwendung militärischer Gewalt.
Aus Sicht Chinas ist der Irankonflikt ein weiteres Symptom der Destabilisierung der globalen Ordnung, von der China existenziell abhängig ist. Die zwischen Protektionismus, Militäreinsätzen und strategischer Improvisation schwankenden USA sind ein Albtraum für Beijing, das auf eine „berechenbare Rivalität“ als Rahmen für innenpolitische Stabilität und wirtschaftliches Wachstum angewiesen ist. Beijings intensiver Einsatz zur Einfädelung der US-iranischen Verhandlungsrunde in der Hauptstadt von Chinas „strategischem Allwetterpartner“ Pakistan reflektiert strategisches Eigeninteresse. Das chinesische Modell hängt von Globalisierung und sicheren, offenen Transportwegen ab. Unmittelbar könnte der Außenhandel unter Druck geraten, der 2025 einen Rekordüberschuss von 1,2 Bio USD (6% des BIP Chinas) erwirtschaftete und damit die endemisch nachfrageschwache Binnenkonjunktur massiv subventionieren konnte. Ein unberechenbarer und zu Gewalteinsatz bereiter Trump könnte, fürchten chinesische Analytiker, nicht davor zurückschrecken, etwa die Straße von Malakka oder das Südchinesische Meer ins Visier zu nehmen. Schlussfolgerung: Die Stärkung der eigenen Verteidigungsfähigkeit (mit Anstieg des Militärhaushalts von 7 % in diesem Jahr) bleibt oberste Priorität, wie auch die Moderation der schwierigen Beziehungen zu dem Mitte Mai 2026 auf Staatsbesuch in Beijing erwarteten Trump. Gleichzeitig stärkt aber die Erosion der „westlichen“ regelbasierten Ordnung Xi Jinpings Gegenmodell einer „Schicksalsgemeinschaft der Menschheit“ unter Ägide des „Reichs der Mitte“, das sich als Regelsetzer und Ordnungshüter für eine zunehmend regellose und unsichere Welt inszenieren kann.
3. Die Folgen für die Ukraine: Energiepreisschock und „Patriot“-Defizit
Die wirtschaftlich wohl größte Herausforderung für die Ukraine liegt im Energiepreisschock, der für Russland wie gerufen kommt, um seine schwer angeschlagene Kriegswirtschaft anzukurbeln. Durch die Straße von Hormus werden nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) 25% des weltweit verschifften Öls und 20 % des LNG geleitet. Ein Großteil davon, rund 80 %, ist für asiatische Märkte bestimmt, insbesondere für Indien und China. So bezieht Beijing 40% des durch die Straße von Hormus verschifften Öls und den Löwenanteil der iranischen Rohölexporte (80%). Der enorme Preisanstieg von Rohöl und Gas verschafft Russland Mehreinnahmen in Milliardenhöhe. Die Verknappung des Energieträgers und noch nicht genutzte Pipelinekapazitäten etwa in Richtung China erschließen Russland weitere Einnahmequellen. Die enorme Bedeutung des Rohstoffsektors für die Volkswirtschaft der Russischen Föderation zeigen folgende Daten: Öl- und Gaseinnahmen machen 30% der Einnahmen im russischen Staatshaushalt aus. Bei Konzipierung des Budgets für 2026 war das Moskauer Finanzministerium noch von einem jährlichen Durchschnittspreis von 59 USD/Urals Crude ausgegangen (Preis am 13. April bei rd. 120 USD). Jeder Anstieg um 5 USD pro Barrel spült, über das gesamte Jahr gerechnet, zusätzliche 6 Mrd. USD in Putins Kriegskasse.
Die hohen Energiepreise üben gewaltigen politischen Druck auf das Sanktionsregime gegen Russland aus. Als Erste sind die USA eingeknickt, die ihre Sanktionsdrohung gegen Indien, falls es Öl von Russland kauft, für 30 Tage suspendiert hatten. Innerhalb der EU könnte die politische Koalition, die die Russlandsanktionen trägt, mit Blick auf Energieimporte brüchig werden. Auch könnte sich Druck zur Revision des Ratsbeschlusses aufbauen, den Bezug von LNG aus Russland bis 2027 ganz einzustellen, solange die größte LNG-Anlage der Welt von Ras Laffan (Katar), das für 20% der weltweiten LNG-Produktion steht, nach den höchst effektiven iranischen Luftschlägen vom 18. März außer Betrieb ist – möglicherweise für Jahre.
Die drastische Dezimierung der Bestände an Luftabwehrwaffen vor allem gegen ballistische Raketen und Marschflugkörper wird sich negativ auf den kriegswichtigen Nachschub der Ukraine auswirken. Allein in den ersten Kriegstagen haben die Golfstaaten rund 800 Patriots verschossen, mehr als die Ukraine in vier Kriegsjahren gegen russische Angriffe. Trotz erheblicher Produktionssteigerung durch Lockheed Martin, aber auch europäische Hersteller wie Rheinmetall oder Diehl Defence (IRIS‑T) wird die Verfügbarkeit von Abwehrflugkörpern in den nächsten Jahren aufgrund des dreifachen Nachfragedrucks durch die Ukraine, die Golfstaaten und Rüstungsbedarfe der USA und Europas überschaubar bleiben. Die USA werden trotz vorgesehener Produktionssteigerungen von Luftabwehrsystemen die Auffüllung eigener Bestände priorisieren und für die Ukraine bestimmte Lieferungen, die von europäischen NATO-Staaten finanziert werden, tendenziell zusammenstreichen.
Im Gegensatz dazu wird die zeitweise Unterbrechung von Lieferungen iranischer Raketen und Drohnen an Russland die Position der Ukraine nur geringfügig verbessern. Denn Russland hatte die Fabrikation von Drohnen iranischen Typs (insbesondere der Einwegdrohne Shahed 136) in den vergangenen Jahren schon weitgehend lokalisiert und die iranische Ausgangsversion technisch weiterentwickelt (Geran‑2).
4. Bilanz
- Der Energiepreisschock setzt die Ukraine von drei Seiten unter Druck: Weltweite Rezession und Inflation bedrohen die eigene Wirtschaft. Die Regierungen von Kyjiws Partnerländern müssen bei Unterstützung der Ukraine mit knapperen Ressourcen und verringerter Akzeptanz ihrer Wähler auskommen. Russland spült der hohe Ölpreis viele Milliarden zusätzlich in die Kriegskasse.
- Die dramatische Verknappung von Luftabwehrsystemen bedroht angesichts der Raketenarsenale Russlands die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine. Europa ist beim derzeitigen Stand seiner Rüstungsindustrie nicht in der Lage, komplexe integrierte Systeme auch zur Abwehr ballistischer Waffen selbst herzustellen. Es kann die zurückgehende US-Lieferbereitschaft nicht kompensieren.
- Die Aushöhlung des Völkerrechts durch Russland und die USA schwächt die Position der Ukraine und der Europäischen Union. Das Eintreten für universelle Regeln wie Gewaltverbot und Unverletzlichkeit der Grenzen verliert weiter an Glaubwürdigkeit und damit politischer Durchschlagskraft.
- Der Krieg gegen den Iran läuft den Interessen Russlands und Chinas zuwider. Dennoch beeinträchtigt er nicht die opportunistische Zusammenarbeit Trumps mit Putin. Von Trumps fortgesetzter Rhetorik gegen Bündnispartner der NATO profitieren Russland und China.
- Gleichzeitig befeuert der Irankrieg den globalen Rüstungswettlauf und Drang zur Atombombe, vor allem auch beim Iran. Trumps territoriale Ambitionen reflektieren z.B. aus der Sicht Chinas „offensiven Realismus, Unilateralismus und Hegemonismus“ und verstärken den Trend zur Aufrüstung. Antiwestliche Bündnisse wie BRICS und SCO gewinnen weiter an Momentum.
- Die Position der USA als „Vermittler“ in den Dreiergesprächen mit der Ukraine und Russland bleibt erhalten, solange sich Washington auf die Mediation eines rein transaktionalen „Deals“ beschränkt und primär die Interessen Moskaus bedient. Als Verfechter von Prinzipien wie territorialer Integrität oder außenpolitischem Selbstbestimmungsrecht dagegen fallen die USA wegen der eigenen Unglaubwürdigkeit aus.
- Der Druck auf Trump, zu einem schnellen Abschluss des Ukraine-Dossiers (zu Putins Bedingungen) zu kommen, um wenigstens einen Krieg zu „beenden“, ist erheblich gestiegen. Vor den Midterm Elections könnte Trump nach einem schnellen Erfolg streben, um das Iran-Desaster optisch auszubügeln. Moskau legte schon einen Köder aus mit dem vergifteten Vorschlag, es würde sich mit Räumung „nur“ des Donbas durch die Ukraine zufriedengeben.
- Durch die Bereitstellung eigener Expertise und Technologie zur Drohnenabwehr an die Golfstaaten vollzieht die Ukraine eine hoch willkommene Wende zum Exporteur von Sicherheit für eine große Zahl von Ländern in einer weltwirtschaftlich strategisch wichtigen Region
5. Was können Deutschland und die Europäische Union tun?
- Entscheider in Berlin und Brüssel sollten beide Konflikte wegen ihrer Überlappung und gegenseitigen Durchdringung stets gleichzeitig im Auge behalten. Um damit Pakete zu schnüren, zum Beispiel Beteiligung an einer Mission zur Sicherung des Schiffsverkehrs in der Straße von Hormus nur dann, wenn die USA die Lieferung von Luftabwehrwaffen und ‑systemen an die Ukraine nicht reduzieren und die EU an den Ukraine-Verhandlungen gleichberechtigt beteiligen.
- Auf zeitnahe Wiederaufnahme der Ukraine-Gespräche unter voller Teilnahme der europäischen Unterstützer der Ukraine dringen. Aber „schnellen Deal“ auf Kosten und zu Lasten der Ukraine verhindern!
- Stabilisierung und Verstetigung der Waffenlieferungen und finanziellen Unterstützung der Ukraine. Nach der Abwahl Orbans in Ungarn zügige Verabschiedung und Umsetzung des 90 Mrd. Euro-Pakets für die Ukraine. Außerdem neuer Anlauf, um die eingefrorenen Vermögenswerte Russlands endlich nutzbar zu machen.
- Schaffung eines Airbus-Moments in der Luftabwehr: Aufbau einer europäischen Produktion von Luftabwehrsystemen und Abwehrraketen durch Zusammenführung des Know-how der Hersteller von Waffensystemen wie IRIS‑T (Deutschland), SAMP/T (Frankreich/Italien) und NASAMS (Norwegen), um die Abhängigkeit von den USA im Bereich integrierter und umfassender Luftabwehrsysteme zu beenden.
- Aufhebung der Sperrung der Straße von Hormus nur durch eine Verhandlungslösung, die auf umfassende Öffnung und vollständige Wiederherstellung des Status quo ante abzielt.
- Bildung einer politischen Koalition mit gleichgesinnten Anrainerstaaten von Wasserstraßen unter Beteiligung der Internationalen Seeschiffahrtsorganisation (IMO) für weltweit unbehinderte und kostenfreie Schiffspassage durch Meerengen. Klarstellen, dass die Erhebung von Gebühren ein schwerer Verstoß gegen das UN-Seerechtsübereinkommen (1982) wäre und einen gefährlichen Präzedenzfall setzten würde. Das Thema gehört daher nicht auf die Verhandlungsagenda mit dem Iran.
- Missbräuchlicher Erosion der Russland-Sanktionen zur Erhöhung des Öl- und Gasangebots entgegenwirken. Keine Aufweichung der EU-Sanktionen. Fristgerechte Einstellung von LNG-Importen aus Russland Anfang 2027.
- Festhalten am G7-Preisdeckel für russisches Öl und Ölprodukte, nach Möglichkeit Hinwirken auf weitere Absenkung, um ein politisches Signal zu setzen.
- Entwicklung kreativer und effektiver Methoden zur Unterbindung bzw. Einschränkung der Rüstungskooperation zwischen Russland und Iran.
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