Gefangenenfreilassung Belarus: Trumps Charmeoffensive in Minsk

Die Ausreise von mehr als 120 politischen Gefangenen aus Belarus zeigt, wie effizient die USA ihre Politik in Europa verfolgen, schreibt der Belarus-Experte Felix Ackermann (Professor für Public History, Fernuniversität Hagen) nach der Freilassung in seiner Analyse.
Am Samstag fuhr ein Bus mit ungewöhnlichen Passagieren aus Minsk in Richtung Ukraine. An Bord waren Maria Kalesnikava und weitere vier Dutzend politischer Gefangener. Insgesamt kamen am Wochenende 123 Geiseln des Lukaschenko Regimes frei. Sie gehörten zu den über zweitausend Belarusen, die nach den Massenprotesten im Sommer 2020 längere Haftstrafen antreten mussten. Gefängnisaufseher und Verhörspezialisten des KGB bestraften sie bis zuletzt für ihre prominente Rolle als Politiker, Journalisten, Juristen, Künstler und Menschenrechtsaktivisten. Andere Verfolgte wurden auf Fotoaufnahmen der Demonstrationszüge und in Telegram-Nachbarschaftschats identifiziert. Hinter der Grenze fiel die Musikerin Kalesnikava dem ehemaligen Bankier Viktor Babaryka um den Hals. Sie hatte 2020 seinen Wahlkampf koordiniert und nach seiner Verhaftung den Sommertraum der alternativen Kandidatin Svetlana Zichanouskaja befeuert. Das Herz, das Kalesnikavas Finger formen, wurde zum Sinnbild der friedlichen Proteste.
Der Plan: Europa schwächen
Bei aller Erleichterung über die Freilassung zeigt der zweite große Gefangenendeal, dass es nicht stimmt, dass sich die USA aus Europa zurückziehen. Stattdessen lassen sie keine Gelegenheit aus, um die Europäische Union zu schwächen, die sich in Bezug auf Belarus nach der Entführung eines Ryanair-Flugzeugs nach Minsk 2021 geschlossen zu einem harten Sanktionskurs gegenüber dem 10-Millionen-Einwohnerland durchgerungen hatte. Jetzt war es Trumps Gesandter John Coale, der zwei Tage lang die Modalitäten der Freilassung vor Ort verhandelte. Alexander Lukaschenko war zu diesem Schritt bereit, weil die USA im Gegenzug einen Teil der ihrerseits verhängten Sanktionen aufheben, die die Volkswirtschaft der Republik Belarus besonders hart getroffen hatten. Dazu gehören Produkte der Chemie- und Kalisalz-Industrie, die eine zentrale Rolle für die Integration von Belarus in den Weltmarkt gespielt hatten. Lukaschenko war bereit, selbst seine prominentesten Gegner freizulassen, zu denen auch der Friedensnobelpreisträger Ales Beliatski gehört. Er glaube, auf diese Weise die internationale Isolation zu überwinden, in die er den von ihm seit drei Jahrzehnten autoritär beherrschten Staat 2022 durch die Unterstützung des russischen Angriffskriegs manövrierte.
Der Kontext der direkten Verhandlungen zwischen Washington und Minsk bleibt auch 2025 der Krieg in der Ukraine. Lukaschenko hatte den russischen Überfall im Februar 2022 unterstützt, indem er den russischen Vormarsch auf Kiew von Norden ermöglichte. Zugleich hatte er stets darauf geachtet, nicht unmittelbar Kriegspartei zu werden und keine eigenen Soldaten in das Nachbarland zu entsenden. Der US-Gesandte Coale zeigt, über wie wenig Kompetenz die Trump-Administration in Bezug auf die Region verfügt, als er nach der Freilassung der prominenten Gefangenen öffentlich erklärte, Lukaschenko könne positiven Einfluss auf Wladimir Putin ausüben, um den Krieg in der Ukraine zu beenden. Russland hatte immer wieder belarusische Verschärfungen im Vorgehen gegen die eigenen Bürger kopiert. Statt dass Putin den Krieg gegen die Ukraine von heute auf morgen beendet, ist wahrscheinlicher, dass er dem selbstherrlichen Regieren von Lukaschenko und damit dem Rest Souveränität der Republik Belarus ein Ende setzt.
Schwächung der Opposition im Exil
In den drei Monaten zwischen der ersten umfangreichen Gefangenenbefreiung im September 2025 und der frohen Kunde über Maria Kalesnikavas Fahrt in die Freiheit, hatte sich bereits etwas Grundlegendes in der Region verändert. Das ist daran zu erkennen, dass die Freigelassenen im September nach Litauen abgeschoben wurden. Jetzt erfolgte die Deportation der meisten Befreiten in die Ukraine. Polen und Litauen hatten ihre Unterstützung für die belarusische Opposition 2025 deutlich verringert. Innenpolitisch sorgt in beiden Ländern die Dauerpräsenz von Migranten aus dem Osten für polarisierende Auseinandersetzungen. Dabei werden Belarusen sprachlich kaum von Ukrainern unterschieden und in beiden Ländern gibt es im Alltag viele Russischsprachige, die erst im Laufe der vergangenen fünf Jahre aus Belarus oder der Ukraine eingereist sind.
Die politischen Eliten in Litauen wollen trotz deutlicher Zeichen nicht anerkennen, dass die USA unter Trump die transatlantischen Verbindungen bereits weitgehend gekappt haben. Die Verringerung der Sicherheitsstufe für das Büro der bisherigen Anführerin der Opposition im Exil, Swjatlana Zichanouskaja, war wahrscheinlich ein Zugeständnis an die Trump-Administration. Das heißt, dass die USA parallel in Minsk auf das Regime zugehen und die Regierung in Vilnius dazu bewegt haben, sich von der Anführerin des belarussischen Exils zu distanzieren. Deshalb ist es kein Zufall, dass Zichanouskaja nur wenige Tage vor der Freilassung Anfang Dezember verkündete, dass ihr Stab nach Warschau umziehen werde. Damit erhöht sich in der polnischen Hauptstadt die Anzahl hochkarätiger politischer Akteure aus Minsk, die weder über eigene Mittel noch über politischen Einfluss auf die Gesellschaft in ihrer Heimat verfügen.
Auch Deutschland zieht sich zurück
Belarusische NGOs hatten bereits zuvor berichtet, dass die Unterstützung überall in der Europäischen Union zurück geht. Auch die Bundesrepublik Deutschland stellt zu Ende 2025 die Förderung wichtiger Initiativen ein. Zu diesen gehört das Forum für historische Belarusforschung, das in einem interdisziplinären Rahmen diskutiert hatte, wie heute in Belarus und Russland staatlich sanktionierte Geschichtsnarrative zum Teil der hybriden Kriegsführung werden. In Berlin fehlt sowohl das Geld für die Fortführung als auch das Verständnis, dass es gerade beim drohenden Komplettausfall von Litauen und Polen als Unterstützer der belarusischen Opposition wichtig ist, proaktiv diejenigen zu unterstützen, die erklären können, was sich derzeit westlich der Russländischen Föderation und östlich der Europäischen Union verändert.
Weiterhin 1200 politisch Verfolgte hinter Gittern
Zusammen mit der guten Nachricht über die Freilassung kamen aus Minsk gleich mehrere schlechte Nachrichten. Zu den Bedingungen des Gefangenenaustauschs gehört, dass die prominenten Akteure ihr Heimatland verlassen müssen. Die Aussicht auf eine schnelle Rückkehr ist derzeit gering. Damit bleibt in Belarus eine geschwächte Zivilgesellschaft zurück, während in Vilnius und Warschau sehr viele politische Akteure verzweifelt um Einfluss und Unterstützung vonseiten der Europäischen Union ringen. Zu den schlechten Nachrichten gehört auch, dass auch nach der Freilassung von 123 Gefangenen noch immer 1200 politisch Verfolgte hinter Gittern verbleiben. Denn Belarus bleibt unter Alexander Lukaschenko eine Diktatur mitten in Europa. Nach der letzten Freilassung hatte er die frei gewordenen Zellen wieder mit politisch Verfolgten aufgefüllt.
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