Zum Stand der rus­si­schen Inva­sion in der Ukraine – Was Deutsch­land jetzt tun kann und muss

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Der Mili­tär­ex­perte Gustav C. Gressel zum Krieg in der Ukraine: Sein Ausgang hängt auch davon ab, dass der Westen der Ukraine die nötigen Waffen liefert. Gleich­zei­tig muss die rus­si­sche Öko­no­mie rasch lahm­ge­legt werden, damit Putin keine Reser­ven für den Krieg mobi­li­sie­ren kann. Ein hartes Öl- und Gas­em­bargo kann nach einem rus­si­schen Rückzug schritt­weise gelo­ckert werden.

1. Kurze Zusammenfassung

  • Die rus­si­sche Führung zielt auf die Zer­schla­gung der Ukraine als Staat und Nation ab. Dieses Ziel soll durch eine Ver­nich­tung der poli­ti­schen, kul­tu­rel­len und intel­lek­tu­el­len Eliten und eine dau­er­hafte Besat­zung des Landes erreicht werden.
  • Im Falle eines rus­si­schen Sieges droht Europa kein fest­ge­fro­re­ner Kalter Krieg, sondern eine vola­tile, insta­bile Situa­tion an seiner Ost­flanke, an der Russ­land durch stän­dige Pro­vo­ka­tion und mili­tä­ri­sche Ein­schüch­te­rung den Westen davon abschre­cken wird, sich in „innere Ange­le­gen­hei­ten“ Russ­lands wie seiner Besat­zungs­re­gime in Belarus und der Ukraine einzumischen
  • Mili­tä­ri­sche Dro­hun­gen gegen die NATO – kon­ven­tio­nell wie nuklear – sind so lange reine Psy­cho­lo­gie, als es in der Ukraine orga­ni­sier­ten mili­tä­ri­schen Wider­stand gibt. Sollte dieser Zusam­men­bre­chen ist eine Aus­wei­tung der rus­si­schen Aggres­sion über die Ukraine denkbar, bis zu einem gewis­sen Grad sogar wahrscheinlich.
  • Die Ukraine hat die Chance, Russ­land in einen Ermat­tungs­frie­den zu zwingen, ähnlich wie das Finn­land 1939/​40 im Win­ter­krieg gelang. Hierzu braucht sie aber drin­gend west­li­che Unterstützung.
  • Die Ver­tei­di­gungs­fä­hig­keit der Ukraine kann nicht alleine durch die Bereit­stel­lung von infan­te­ris­ti­scher Pan­zer­ab­wehr und Flie­ger­ab­wehr­lenk­waf­fen sicher­ge­stellt werden. Es braucht zum beweg­li­chen Abwehr­kampf auch mecha­ni­sierte Reser­ven. Diese schmel­zen ohne west­li­chen Nach­schub in den nächs­ten Wochen ab.
  • Auch im Bereich der Flie­ger­ab­wehr ist der Erhalt von Waf­fen­sys­te­men zum Abfan­gen hoch flie­gen­der Flug­zeuge von ent­schei­den­der Bedeutung.
  • Aus rus­si­scher Sicht ist das Datum des 1. April 2022 – die Ein­be­ru­fung einer neuen Staffel von Wehr­pflich­ti­gen – ent­schei­dend zur Gene­rie­rung wei­te­rer Kräfte. Erst wenn die Ukraine die dann erfol­gende neue Welle an Angrif­fen abweh­ren kann, wird Russ­land zu ernst­haf­ten Ver­hand­lun­gen bereit sein.
  • Ein weit­ge­hen­der Zusam­men­bruch der rus­si­schen Wirt­schaft vor dem 1. April wäre wohl die einzige Chance, diesen Krieg mit west­li­chen Sank­tio­nen ent­schei­dend zu beeinflussen.
  • In der West­ukraine könnte orga­ni­sier­ter mili­tä­ri­scher Wider­stand noch lange geleis­tet werden. Ein Auf­wach­sen ukrai­ni­scher Kräfte und die Aus­rüs­tung mit kom­ple­xe­ren Waf­fen­sys­te­men wäre möglich, wenn man zunächst stark geschützte Kern­ge­biete im Westen aufbaut.
  • Dazu bräuchte es aber zuerst eine robuste, über sym­bo­li­sche Soli­da­ri­täts­ges­ten hin­aus­ge­hende mili­tä­ri­sche Präsenz der NATO an ihrer Ost­flanke. Erst eine solche Präsenz würde weiter mili­tä­ri­sche und poli­tisch-diplo­ma­ti­sche Schritte erlauben.

2. Rus­si­sche Kriegsziele

Der rus­si­sche Angriffs­krieg gegen die Ukraine zielt auf die Unter­wer­fung und Beset­zung des gesam­ten ukrai­ni­schen Staats­ge­bie­tes. Seine primäre Absicht ist die Aus­lö­schung der natio­na­len und kul­tu­rel­len Iden­ti­tät der Ukraine. Dies schließt die phy­si­sche Ver­nich­tung ihrer poli­ti­schen, intel­lek­tu­el­len, jour­na­lis­ti­schen, kul­tu­rel­len und admi­nis­tra­ti­ven Eliten und ihrer Armee ein, soweit sie Wider­stand leisten. Die anfangs offen pro­pa­gierte „Demi­li­ta­ri­sie­rung und Ent­na­zi­fi­zie­rung“ der Ukraine war eine kaum ver­hüllte Ankün­di­gung dieser Ziele. Zahl­rei­che Ver­haf­tun­gen von ukrai­ni­schen Ver­tre­tern von Ver­wal­tung und Zivil­ge­sell­schaft in Cherson, von denen niemand zurück­ge­kom­men oder wieder auf­ge­taucht ist, sowie die Werbung für die Aus­stel­lung rus­si­scher Pässe in besetz­ten Gebie­ten ist ein klarer Hinweis auf die impe­ria­len und kolo­nia­len Ziele Russlands.

Das lang­fris­tige Ziel des Kremls, die ukrai­ni­sche geis­tige Elite flä­chen­de­ckend zu ver­nich­ten, ist nicht ohne die Ein­rich­tung von Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern zu errei­chen. Es sollte ins­be­son­dere deut­schen Ent­schei­dungs­trä­gern klar sein, was der ukrai­ni­schen Gesell­schaft im Falle der Nie­der­lage droht.

Russ­land ver­sucht durch blanken Terror die ukrai­ni­sche Gesell­schaft von der Unter­stüt­zung des Wider­stan­des abzu­brin­gen und zu einer Akzep­tanz rus­si­scher Herr­schaft zu zwingen. Dazu gehört das gezielte Bom­bar­de­ment ziviler Ein­rich­tun­gen – Kin­der­gär­ten, Schulen, Kran­ken­häu­ser, Pfle­ge­heime – sowie Ver­haf­tun­gen, Erschie­ßun­gen und Ernied­ri­gun­gen ein­schließ­lich Ver­ge­wal­ti­gun­gen in den von rus­si­schen Truppen besetz­ten Gebie­ten. Der Angriff auf die beson­ders schwa­chen und unge­schütz­ten Teile der Gesell­schaft (Frauen, Kinder, Kranke, Alte) ist dabei gezielt gewählt, um zu demons­trie­ren, dass die ukrai­ni­sche Armee ihre Bürger nicht schüt­zen könne. Niemand soll im Irr­glau­ben sein, dass es sich beim Bom­bar­de­ment von Geburts­kli­ni­ken und Schulen um „Ver­se­hen“ handelt.

Sollte Russ­land in diesem Krieg als mili­tä­ri­scher Sieger her­vor­ge­hen, ist nicht nur in der Ukraine mit einer Ter­ror­herr­schaft zu rechnen, wie sie es seit dem Vor­marsch der Wehr­macht in dieses Gebiet nicht mehr gegeben hat. Eine Flücht­lings­welle, die – wenn man die Zahlen aus dem Donbas auf die gesamte Ukraine hoch­rech­net – weit über die 10 Mil­lio­nen gehen kann, ist dann noch das geringste Problem Europas. Russ­land wird nicht nur in der Ukraine eine gegen die NATO gerich­tete Mili­tär­struk­tur auf­bauen. Putin schreibt auch jede Art des Wider­stan­des gegen ihn – seien es die Unab­hän­gig­keits­be­stre­bun­gen in Tsche­tsche­nen oder Bür­ger­pro­teste in rus­si­schen Groß­städ­ten – den USA und der NATO in die Schuhe. Da man ange­sichts der rus­si­schen Bru­ta­li­tät mit wei­te­rem bewaff­ne­ten Wider­stand in der Ukraine rechnen muss, ist davon aus­zu­ge­hen, dass Russ­land den Westen dafür ver­ant­wort­lich macht und ihn durch mili­tä­ri­schen Druck, inklu­si­ver nuklea­rer Dro­hun­gen, ein­zu­schüch­tern und abzu­schre­cken ver­sucht, sich nicht „in die inneren Ange­le­gen­hei­ten Russ­lands“ einzumischen.

Dass auch nach einem mili­tä­ri­schen Sieg in der Ukraine noch erheb­li­che Teile der rus­si­schen Armee, der Natio­nal­garde und des FSB in der Ukraine sta­tio­niert bleiben müssten, um die erober­ten Ter­ri­to­rien zu beherr­schen, ist sicher. Diese Teile werden sys­te­ma­tisch in Kriegs- und Mensch­heits­ver­bre­chen invol­viert. Damit werden sie wie­derum an das Regime gebun­den, da ihnen sonst der Prozess droht. Die rus­si­schen Truppen kehren verroht aus der Ukraine nach Russ­land zurück. Das wie­derum zieht eine weitere Stei­ge­rung der inneren Repres­sion in Russ­land und eine Mili­ta­ri­sie­rung seiner Außen­po­li­tik nach sich. Europa wird keinen „sta­bi­len“ Kalten Krieg ernten, wie wir ihn aus den 1970er und 1980er Jahren in Erin­ne­rung haben. Viel­mehr wird er den insta­bi­len 1940ern und 1950ern glei­chen, als Stalin die neu erober­ten Ter­ri­to­rien in das sowje­ti­sche Impe­rium zwang, jeden Wider­stand brach und mit der Berlin-Blo­ckade die Grenzen seiner Macht aus­tes­tete. Es ist kei­nes­wegs sicher, dass sich alle daraus erfol­gen­den Krisen fried­lich lösen und ent­schär­fen lassen.

3. Nukleare Eskalation?

Moskaus Ankün­di­gung, seine Nukle­ar­streit­kräfte in erhöhte Ein­satz­be­reit­schaft zu ver­setz­ten, hat im Westen für einige Ver­un­si­che­rung gesorgt. Dabei handelt es sich um nichts anderes als psy­cho­lo­gi­sche Kriegs­füh­rung. Es gibt kei­ner­lei Anzei­chen dafür, dass die rus­si­schen Nukle­ar­streit­kräfte Schritte unter­neh­men, die über den regu­lä­ren Übungs­be­trieb (in den letzten Wochen fanden die „Grom 2022“-Übungen der Nukle­ar­streit­kräfte statt) hin­aus­ge­hen. Sowohl ein Einsatz von Atom­waf­fen in der Ukraine als auch gegen den Westen sind derzeit höchst unwahrscheinlich.

In der Ukraine kann das rus­si­sche Militär durch thermo­ba­ri­sche Waffen ähn­li­che Zer­stö­rungs- und Ein­schüch­te­rungs­wir­kung erzie­len, ohne sich das inter­na­tio­nale Stigma eines Atom­waf­fen­ein­sat­zes zuzu­zie­hen. Auf­grund der west­li­chen Sank­tio­nen ist Russ­land auf die neu­trale Haltung von Staaten im Rest der Welt (Indien, Vietnam, Israel, etc.) ange­wie­sen. Ein Atom­waf­fen­ein­satz würde das ohne zusätz­li­chen mili­tä­ri­schen Nutzen gefähr­den. Zudem ent­steht das Problem der radio­ak­ti­ven Rück­wir­kun­gen auf Russland.

Auch der Einsatz nuklea­rer Waffen gegen die NATO ist unwahr­schein­lich. Dieser hätte den sofor­ti­gen Ein­tritt des Bünd­nis­ses in den Krieg zu Folge. Das kann sich Russ­land mili­tä­risch nicht leisten, da seine Armee zurzeit in der Ukraine gebun­den ist. Weite Teile Russ­lands, beson­dere der fern­öst­li­che Mili­tär­be­zirk sind mili­tä­risch ent­blößt. Es müsste, um eine Erobe­rung des eigenen Staats­ge­bie­tes aus­zu­schlie­ßen sofort auf die Ebene des stra­te­gi­schen Nukle­ar­krie­ges eska­lie­ren, was einem Selbst­mord gleichkommt.

Putin und der rus­si­sche Mili­tär­ge­heim­dienst (GU, vormals GRU) fürch­ten die stra­te­gi­sche und nukleare Über­le­gen­heit der USA. Die Ein­satz­be­reit­schaft ame­ri­ka­ni­scher stra­te­gi­scher Atom­waf­fen­trä­ger ist in der Praxis um vieles höher als das rus­si­sche. Zudem über­schätzt man in Russ­land die Leis­tungs­fä­hig­keit der ame­ri­ka­ni­schen Rake­ten­ab­wehr. Der Krieg in der Ukraine hat ein­drucks­voll unter Beweis gestellt, wie tief ame­ri­ka­ni­sche Nach­rich­ten­dienste Ein­blick in die ope­ra­tive Planung Russ­lands haben. Russ­land könnte also die USA kaum mit einem nuklea­ren Angriff über­ra­schen. In der rus­si­schen Denke könnten die USA bei Anzei­chen rus­si­scher Vor­be­rei­tun­gen einen prä­ven­ti­ven Atom­schlag anord­nen, der das rus­si­sche Poten­tial weit­ge­hend aus­schal­tet. Das US-Rake­ten­ab­wehr­sys­tem würde dann ein­zelne rus­si­sche Inter­kon­ti­nen­tal­ra­ke­ten abfangen.

Dass dieses Sze­na­rio auf einer Über­schät­zung der ame­ri­ka­ni­schen Ent­schlos­sen­heit und der ame­ri­ka­ni­schen tech­ni­schen Fähig­kei­ten beruht, tut hier wenig zur Sache. Denn solche Sze­na­rien sind mitt­ler­weile zur Glau­bens­welt im Kreml gewor­den, so wie man glaubt, Ukrai­ner und Russen sein ein Volk. Es ist daher sehr unwahr­schein­lich, dass Russ­land hier zu nuklea­ren Mitteln greifen würde.

Nach gel­ten­den rus­si­schen Prin­zi­pien der nuklea­ren Abschre­ckung und impli­zi­ten Erfah­run­gen aus rus­si­schen Manö­vern, Fach­ver­öf­fent­li­chun­gen und Dis­kus­sio­nen ist die Option der nuklea­ren Eska­la­tion für den Fall einer direk­ten mili­tä­ri­schen Kon­fron­ta­tion Russ­lands mit der NATO vor­be­hal­ten. Waf­fen­lie­fe­run­gen, Sank­tio­nen und andere Formen der Unter­stüt­zung der Ukraine sind weit unter­halb der nuklea­ren Reiz­schwelle. Nur wenn die NATO mit geschlos­se­nen mili­tä­ri­schen For­ma­tio­nen – etwa meh­re­ren Pan­zer­di­vi­sio­nen – in den Krieg ein­grei­fen würde und sich durch die daraus resul­tie­rende mili­tä­ri­sche Situa­tion eine erste Gefahr für Kern-Russ­land ent­wi­ckeln würde, wäre der Einsatz dieser Waffen eine rea­lis­ti­sche Option.

Indes hat Russ­land erkannt, das die Furcht vor dem Atom­krieg das beste Mittel ist, die west­li­che Öffent­lich­keit von einer Unter­stüt­zung der Ukraine abzu­hal­ten, nachdem alle anderen Mittel der Infor­ma­ti­ons­kriegs­füh­rung und Mei­nungs­bein­flus­sung versagt haben. 30 Jahre nach Ende des Kalten Krieges herrscht auch in den Reihen der poli­ti­schen Ent­schei­dungs­trä­ger im Westen blanke Unwis­sen­heit über alle Fragen nuklea­rer Abschre­ckung vor. In diese Lücke stoßen die rus­si­schen Dro­hun­gen und Ver­un­si­che­run­gen – in diesem Stadium rein als psy­cho­lo­gi­sches Druck­mit­tel, nicht in der Substanz.

Der Einzige Einsatz von Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen, der derzeit rea­lis­tisch erscheint, wäre der Einsatz pri­mi­ti­ver che­mi­scher Kampf­stoffe (Chlor­gas etc.) oder radio­ak­ti­ver Sub­stan­zen (radio­lo­gi­sche Waffen), um der Ukraine einen Unfall im Bereich der Lage­rung solcher Sub­stan­zen oder einen Anschlag in die Schuhe zu schie­ben. Ziel wäre die Dis­kre­di­tie­rung der ukrai­ni­schen Führung in der eigenen Bevöl­ke­rung und im Westen.

4. Stand der Offensive

Russ­land begann den Krieg als „spe­zi­elle mili­tä­ri­sche Ope­ra­tion“ mit dem Ziel, schnell die Haupt­stadt Kyiv und andere wich­tige Städte ein­zu­neh­men und so eine Kapi­tu­la­tion der Ukraine zu erzwin­gen. Diese Phase des Krieges ist in den ersten Tagen des Krieges kläg­lich geschei­tert. Man unter­schätze den ukrai­ni­schen Wider­stand kom­plett. Die Folgen dieser Fehl­ent­schei­dung wirken sich bis heute mili­tä­risch aus.

Zu Beginn des Krieges setzte Russ­land etwa 120 Batail­lons­kampf­grup­pen (engl. Bat­talion Tac­ti­cal Groups, BTG) gegen die Ukraine ein. Eine BTG besteht jeweils aus dem ersten Batail­lon eines Mot­schüt­zen- oder Pan­ze­re­gi­ments, ver­stärkt durch die erste Kom­pa­nie der Kampf­un­ter­stüt­zungs­ba­tal­lione der ent­spre­chen­den Brigade oder Divi­sion: einer Bat­te­rie Rohr­ar­til­le­rie, einer Bat­te­rie Rake­ten­ar­til­le­rie, einer Pan­zer­ab­wehr­kom­pa­nie, einer Bat­te­rie Flie­ger­ab­wehr, einer Pio­nier­kom­pa­nie, sowie einigen Ver­sor­gungs­ele­men­ten (Trans­port, Betriebs­mit­tel, Sanität). Der Grund für die Her­aus­lö­sung der jeweils ersten (manch­mal auch zweiten) Batail­lone bzw. Kom­pa­nien ist, dass diese jeweils aus Berufs- und Ver­trags­sol­da­ten bestehen. Manch­mal werden zwar Wehr­pflich­tige nach Abschluss ihres Wehr­diens­tes recht unsanft „über­re­det“ einen ein­jäh­ri­gen Vertrag zu unter­schrei­ben, aber auf dem Papier sind es Frei­wil­lige, die dann in den Krieg geschickt werden können.

Dieses System erlaubt es Russ­land, rasch Kräfte zu for­mie­ren und zu ver­le­gen. Die innen­po­li­tisch umstrit­tene Ver­wen­dung von Grund­wehr­pflich­ti­gen und Reser­vis­ten wird ver­mie­den. Das System geht auf Erfah­run­gen des Tsche­tsche­ni­en­krie­ges zurück, aller­dings gab es erst nach dem Geor­gi­en­krieg den Willen und die finan­zi­el­len Res­sour­cen, um es zu imple­men­tie­ren. Aber da liegt auch das Problem: es eignet sich für „show of force“ Ope­ra­tio­nen oder zur Gene­rie­rung von Truppen für kolo­niale Kon­flikte wie Tsche­tsche­nien oder Geor­gien. Für den großen Krieg hoher Inten­si­tät wie in der Ukraine ist das System wenig geeignet.

Von den jewei­li­gen Armee­kom­man­den direkt gelei­tete Ope­ra­tive Manö­ver­grup­pen bestehend aus 12 bis zu 20 BTGs sind zu umständ­lich in der tak­ti­schen Führung und Koor­di­na­tion. Die Armee­kom­man­dan­ten müssen sich um zu viele Ein­hei­ten kümmern, spielen quasi gleich­zei­tig Corps- und Bri­ga­de­kom­mando auf einmal. Wich­tige Lagein­for­ma­tio­nen oder Befehle werden über­se­hen oder zu spät gegeben. Schlechte Funk­ge­räte ver­stär­ken das Problem. Dann müssen kom­man­die­rende Gene­räle nach vorne, um sich selbst ein Bild der Lage zu machen, sie werden damit ein leich­tes Ziel für Atta­cken des Gegners. Die Moral der Truppe und das Ver­trauen in die Führung hat unter den fal­schen Kriegs­vor­wän­den (vielen Sol­da­ten wurde nicht gesagt, dass sie in einen echten Krieg mar­schie­ren) stark gelit­ten und wurde durch das orga­ni­sa­to­ri­sche Chaos weiter verstärkt.

Die Koor­di­na­ti­ons­schwie­rig­kei­ten sind umso größer bei den Kampf­un­ter­stüt­zungs­trup­pen, ins­be­son­dere der Flie­ger­ab­wehr. Vier zusam­men­ge­stop­pelte Bat­te­rien sind noch lange kein Batail­lon. Hier wirkt sich das Fehlen der über­ge­ord­ne­ten Batail­lons- und Regi­ments­kom­man­dos beson­ders schwer aus, da diese die Feu­er­sek­to­ren mit den Luft­streit­kräf­ten koor­di­nie­ren. Ohne diese Kom­man­do­struk­tu­ren wissen die rus­si­schen Flie­ger­ab­wehr­kräfte nicht, welche Flug­be­we­gun­gen eigene sind, und ver­hal­ten sich dem­entspre­chend zurück­hal­tend (und werden dann von ukrai­ni­schen Bay­raktar Drohnen ange­grif­fen). Die rus­si­sche Luft­waffe ihrer­seits kann kaum effek­tive Luft­nah­un­ter­stüt­zung fliegen aus Furcht, von eigenen Flie­ger­ab­wehr­sys­te­men abge­schos­sen zu werden. Da Russ­land und die Ukraine die­sel­ben Systeme mitt­le­rer Reich­weite ein­setz­ten, muss sie auch bei Angrif­fen auf Radar- und Feu­er­leit­stel­lun­gen Vor­sicht walten lassen, um nicht die eigene Flie­ger­ab­wehr aus­zu­schal­ten. All diese Schwä­chen kommen den ukrai­ni­schen Ver­tei­di­gern zugute, die sich tak­tisch sehr geschickt auf ihren Gegner einstellen.

Zu guter Letzt sei auch erwähnt, dass Ein­rich­tun­gen der Feld­in­stand­set­zung (Werk­stät­ten, etc.) Ein­rich­tun­gen der Brigade und Divi­si­ons­ebene sind, die nicht mit ins Feld geführt wurden, da in ihnen Wehr­pflich­tige dienen. Da sich die rus­si­schen Kräfte zum Teil seit Oktober schon in Übungen befan­den, und rou­ti­ne­mä­ßige Instand­set­zungs­ar­bei­ten nicht erle­digt wurden, ist der Zustand des Mate­ri­als (Räder, Ketten, Schmier­mit­tel in Motoren und Getrie­ben, etc.) dem­entspre­chend schlecht und führt zu hohen tech­ni­schen Ausfällen.

Hinzu kommt, dass wohl viele zum Ver­trags­ab­schluss gezwun­gene „Frei­wil­lige“ nach Über­schrei­ten der Grenze deser­tiert sind.

Die rus­si­sche Armee verfügt nach eigenen Angaben über 168 BTGs, etwa 110 bis 120 davon wurden am 24. Februar gegen die Ukraine ein­ge­setzt. Der erste Ansatz erfolgte mit min­des­tens 34 BTG auf Kyjiw, 24 BTG auf Charkiw, 13 BTG zusätz­li­che BTG zu den Kräften der DNR und LNR aus dem Donbas, und min­des­tens 20 BTG aus der Krim auf Cherson und Rich­tung Mariu­pol. Etwa 20 bis 30 BTG wurden als Reserve zurück­be­hal­ten und wurden erst in der zweiten Woche des Krieges ein­ge­setzt. Es wurden auch min­des­tens 10 weitere BTG (ver­mut­lich mehr) in die Ukraine verlegt bzw. befin­den sich in Marsch.

Selbst mit diesem mas­si­ven Kräf­te­ein­satz konnte die rus­si­sche Armee keines ihrer anfäng­lich gesteck­ten Ziele errei­chen. Sie verfügt über maximal 38 weitere BTG die dem Kampf zuge­führt werden können, ohne auf Wehr­pflich­tige und Reser­vis­ten zurück­grei­fen zu müssen. Bedenkt man, dass durch Kampf­hand­lun­gen, Deser­ta­tion, und Kapi­tu­la­tion Kräfte von etwa 30 BTG aus­ge­fal­len sind, ist das nicht viel. Es reicht zur Fort­set­zung des Krieges, aber nicht um unmit­tel­bar eine stra­te­gi­sche Ent­schei­dung zu erzwingen.

5. Neue Kräfte?

Für Moskau ist es daher beson­ders wichtig, neue Kräfte auf­zu­bie­ten. Das Zufüh­ren von Wagner-Söld­nern (etwa 4000 an der Zahl) und ange­wor­be­nen Truppen aus dem Nahen Osten und Afrika kann die Lücken im rus­si­schen Kräf­te­dis­po­si­tiv nicht schlie­ßen. Dafür sind diese Kräfte ent­we­der zu wenig (Wagner) oder in Kampf­kraft, Aus­bil­dung und Moral der Aufgabe nicht gewach­sen (Kano­nen­fut­ter aus Syrien). Teil­mo­bil­ma­chun­gen in länd­li­chen Räumen (Dage­stan) dient der Her­aus­lö­sung wei­te­rer Berufts- und Ver­trags­sol­da­ten aus dem Aus­bil­dungs- und Frie­dens­be­trieb, um Ver­luste aus­glei­chen zu können. Aber auch dem sind Grenzen gesetzt.

Die Kriegs­pro­pa­ganda und das Schüren von Begeis­te­rung für den Krieg laufen auf Hoch­tou­ren. Das Regime ist, was den Einsatz von Grund­wehr­die­nern angeht, noch vor­sich­tig, da eine Kon­fron­ta­tion breiter gesell­schaft­li­cher Schich­ten mit der Rea­li­tät des Krieges in der Ukraine erheb­li­che innen­po­li­ti­sche Risiken birgt. Inwie­weit die gegen­wär­tige Pro­pa­ganda hier für die ent­spre­chende Geschlos­sen­heit sorgen kann, ist nicht abzu­se­hen. Eine volle Mobil­ma­chung Russ­lands würde den Krieg zuun­guns­ten der Ukraine ent­schei­den, aber womög­lich auf Kosten der Regime­sta­bi­li­tät in Moskau. Diese Fragen wägt Putin und die Regime-Entou­rage gerade ab, Ausgang ungewiss.

Ent­schei­dend für die Frage ob Russ­land im gegen­wär­ti­gen Rahmen den Krieg wird fort­set­zen können, wird der 1. April 2022 sein. An diesem Ein­rü­ckungs­ter­min rücken nicht nur hun­dert­tau­sende Wehr­pflich­tige in die Armee ein, sondern schei­den auch ebenso viele wieder aus (im preu­ßi­schen Mili­tär­jar­gon „aus­mus­tern“ genannt). Diese werden für Ver­trags­ver­hält­nisse in der Armee ange­wor­ben, um sie in den Krieg schi­cken zu können. Ins­be­son­dere frei­lich die Wehr­pflich­ti­gen jener kri­ti­schen Ele­mente, die den BTGs bisher fehlen). Dann könnte man die feh­len­den Werk­stät­ten und andere Aus­rüs­tung samt der schon fertig aus­ge­bil­de­ten Sol­da­ten in die Ukraine ver­le­gen. Nach diesem Datum ist also mit einer qua­li­ta­ti­ven und quan­ti­ta­ti­ven Ver­bes­se­rung der rus­si­schen Lage zu rechnen.

Ziel des Westens muss es daher sein, in der noch ver­blie­be­nen Zeit die ukrai­ni­sche Armee soweit zu unter­stüt­zen, dass die diesem neuen Angriff stand­hal­ten kann und durch schnelle, harte und breite Sank­tio­nen die rus­si­sche Wirt­schaft vor diesem Datum lahmzulegen.

6. Ukrai­ni­sche Verteidigung

Die ukrai­ni­schen Ver­tei­di­ger haben sich nicht nur als äußerst tapfer, sondern auch als tak­tisch und ope­ra­tiv ver­siert und fle­xi­bel ver­tei­di­gend erwie­sen. Dass die an Tag 15 noch ein­satz­be­reite Kampf­flug­zeuge und funk­ti­ons­fä­hige Flie­ger­ab­wehr­sys­teme mitt­le­rer Reich­weite ver­fü­gen, über­trifft die posi­tivs­ten Erwar­tun­gen. Aber auch die Ukrai­ni­sche Armee hat Ver­luste hin­neh­men müssen und der Ver­brauch von Muni­tion wird mit zuneh­men­der Dauer des Krieges zum Problem.

Die ukrai­ni­sche Armee ver­fügte vor dem Krieg über etwa 70 Batail­lone an Kampf­trup­pen (Pan­zer­kräfte, Mecha­ni­sierte Infan­te­rie, Infan­te­rie). Diese bilden nach wie vor den harten Kern der Ver­tei­di­gung an allen Front­ab­schnit­ten. Hinzu kamen etwa 50.000 Mann ein­be­ru­fene Reser­vis­ten und 100.000 Mann Ter­ri­to­ri­al­ver­tei­di­gung, hinzu Frei­wil­lige aus dem In- und Ausland. Die ukrai­ni­schen Kräfte konnten also in den letzten Tagen stark anwach­sen, aller­dings bestehen die fri­schen Kräfte aus leich­ter Infan­te­rie: sie kann den mecha­ni­sier­ten Kräfte Russ­lands nur stand­hal­ten, wenn sie ver­tei­di­gungs­güns­ti­ges Gelände nützen kann – in diesem Fall Städte. Außer­halb der Städte, ins­be­son­dere im flachen Agrar­land in der Süd­ukraine, können sie das nicht.

Auch haben die ukrai­ni­schen Ver­tei­di­ger das Problem, dass es mehr Raum als Kräfte gibt, um diesen abzu­de­cken. Rus­si­sche Truppen finden immer wieder Lücken zwi­schen den ukrai­ni­schen Ver­tei­di­gern, um an diesen vorbei in die Tiefe zu stoßen. Dann müssen die Ukrai­ner diesen den Nach­schub abschei­den, und die ein­ge­drun­ge­nen Spitzen mit mecha­ni­sier­ten Reser­ven ver­nich­ten. Dies gelang ins­be­son­dere um Kyjiw und Tscher­ni­hiw recht gut. Aller­dings kostet es auch der Ukraine Kräfte und Mate­rial, ins­be­son­dere das ihrer mecha­ni­sier­ten Reserven.

So viele Pan­zer­ab­wehr­waf­fen die Ukraine auch bekom­men mag, allein auf­grund des Gelän­des ist eine rein infan­te­ris­ti­sche Ver­tei­di­gung auf Dauer nicht durch­halt­bar. Um die ukrai­ni­sche Ver­tei­di­gungs­fä­hig­keit zu erhal­ten ist ein Nach­schub auch mit schwe­rem Gerät – Panzer, Artil­le­rie, Schüt­zen­pan­zer und der dazu­ge­hö­ri­gen Muni­tion drin­gend notwendig.

Sel­bi­ges gilt für die Luft­ver­tei­di­gung. In der ver­gan­ge­nen Woche konnte die Ukraine der rus­si­schen Luft­waffe die höchs­ten Ver­luste seit dem zweiten Welt­krieg zufügen. Aller­dings halfen das schlechte Wetter und die dicke Wol­ken­de­cke. Um Ziele iden­ti­fi­zie­ren und angrei­fen zu können, mussten die rus­si­schen Piloten die Wol­ken­de­cke unter­flie­gen und kamen so in den Bereich der ukrai­ni­schen Luft­ab­wehr, der es an schul­ter­ge­stütz­ten Raketen (Stinger, Igla, und pol­ni­sche Grom) nicht mangelt. Nun macht sich aber ein Hoch­druck­ge­biet über der Ukraine breit, und rus­si­sche Flug­zeuge können größere Höhen für ihre Angriffe nutzen.

Die Ukraine verfügt noch über ein­satz­fä­hige Flie­ger­ab­wehr­ra­ke­ten­sys­teme mitt­le­rer und großer Reich­weite, ins­be­son­dere Buk-M1 und S‑300. Auch fliegt die Luft­waffe Abfang­e­in­sätze. Solange diese Waf­fen­sys­teme eine Bedro­hung auch für hoch­flie­gende rus­si­sche Flug­zeuge dar­stel­len, wird die rus­si­sche Luft­waffe ihrer­seits Systeme zurück­hal­ten, die sie keinem großen Risiko aus­set­zen will. Das betrifft ins­be­son­dere Bomber (Tu-22M3, Tu-95/142, Tu-160), die das Rück­grat der luft­ge­stüt­zen nuklea­ren Abschre­ckung stellen, ande­rer­seits bei wenig Risiko (wie etwa in Syrien) zum Flä­chen­bom­bar­de­ment von Städten ein­ge­setzt werden. Die weitere Ver­füg­bar­keit solcher Kampf­mit­tel hat einen ent­schei­den­den, unmit­tel­ba­ren Ein­fluss auf die huma­ni­täre Lage.

7. Welche Militärhilfe

Die ukrai­ni­sche Armee braucht unsere unmit­tel­bare Unter­stüt­zung: umfas­send, unbü­ro­kra­tisch und sofort.

Kurz­fris­tig imple­men­tier­bare Hilfe besteht vor allem im Über­las­sen von Aus­rüs­tung, Gerät und Muni­tion, die in der Ukraine kei­ner­lei logis­ti­schen- oder Trai­nings­vor­lauf benö­ti­gen. Von Kalasch­ni­kow Sturm­ge­weh­ren über RPG‑7 und Muni­tion hinauf zu Kampf­pan­zern (T‑72, PT-91), Schüt­zen­pan­zern (BMP‑1/​2), Mann­schafts­trans­port­pan­zer (MT-LB, BTR) findet sich vor allem in den Armeen unserer öst­li­chen Ver­bün­de­ten vieles, was die Ukraine brau­chen und ver­wen­den kann. Auch MiG-29 Kampf­flug­zeuge gehören dazu, wie fin­ni­sche Buk-M1 und slo­wa­ki­sche und grie­chi­sche S‑300 und pol­ni­sche und grie­chi­sche 9K33 Osa Fliegerabwehrraketen.

Ins­be­son­dere Nach­schub an gepan­zer­ten Kampf- und Gefechts­fahr­zeu­gen ist für den Erhalt mecha­ni­sier­ter Reser­ven wichtig. Flie­ger­ab­wehr­lenk­waf­fen halten die Bedro­hung rus­si­scher Bomber durch diese auf­recht. Hier sind in erster Linie die öst­li­chen Ver­bün­de­ten Deutsch­lands gefragt, aller­dings muss bei vielen Geräten aus NVA Bestand auch eine deut­sche Export­ge­neh­mi­gung ein­ge­holt werden. Deutsch­land sollte den NATO-Part­nern, die ihre eigenen Armeen und Muni­ti­ons­be­stände durch diese Hilfs­lie­fe­run­gen ent­blö­ßen, direkt helfen, sowohl in der Nach­be­schaf­fung, als auch durch Sta­tio­nie­rung von Truppen zum Erhalt der ört­li­chen Sicherheit.

Weitere unmit­tel­bar nütz­li­che Aus­rüs­tungs­ge­gen­stände sind Win­ter­uni­for­men, Schutz­wes­ten, Helme, Nacht­sicht­ge­räte, Wär­me­bild­ge­räte, ver­schlüs­selte Funk­ge­räte, schwere Scharf­schüt­zen­ge­wehre, Pan­zer­ab­wehr­waf­fen aller Art, Flie­ger­f­äußte (MANPADS), Klein­droh­nen mit Wär­me­bild­ge­rä­ten, Dro­nen­stö­rer, Pan­zer­mi­nen, Pionier- und Baugerät.

Einen nicht zu unter­schät­zen­den Wert haben die Wei­ter­gabe von Auf­klä­rungs­er­geb­nis­sen, ins­be­son­dere nach­rich­ten­dienst­li­che Erkennt­nisse, Lage­bild­in­for­ma­tio­nen aus Satel­li­ten­bil­dern, elek­tro­ni­scher Über­wa­chung der rus­si­schen Kom­mu­ni­ka­tion und Radar­si­gnale, der Luft­raum­da­ten ins­be­son­dere zu Früh­war­nung vor Luft­an­grif­fen. Eine dem­entspre­chende Ver­stär­kung der Auf­klä­rungs­tä­tig­kei­ten der NATO durch die Bun­des­wehr und den BND ist mit aller Kraft zu forcieren.

Die Lie­fe­rung bewaff­ne­ter Drohnen und Muni­tion für diese, sowie selbst­ziel­su­chende Muni­tion (loi­te­ring muni­tion) wäre ein wir­kungs­vol­les Mittel, die Reich­weite der ukrai­ni­schen Artil­le­rie zu stei­gern und der Ukraine zu ermög­li­chen, hoch­wer­tige Ziele im Rücken des Feindes (Reser­ven, Gefechts­stände, Nach­schub, Bela­ge­rungs- und Rake­ten­ar­til­le­rie) anzu­grei­fen. Aller­dings hat Deutsch­land die ver­gan­ge­nen 20 Jahre mit frucht­lo­sen Debat­ten um ein Verbot solcher Waffen ver­geu­det. Solch ein Verbot war von Anfang an unrea­lis­tisch und fußte einzig und allein auf Wunsch­den­ken, dass durch „Frie­dens­for­scher“, die Abrüs­tungs­lobby und Poli­ti­ker ohne mili­tä­ri­sche Kennt­nisse per­p­etu­iert wurde. Deutsch­land hat hier nichts Ver­wert­ba­res anzu­bie­ten. Man könnte allen­falls Finanz­mit­tel für ihre Beschaf­fung aus anderen Quellen bereitstellen.

Schwe­di­sche Strix Gra­nat­wer­fer­mu­ni­tion zur Pan­zer­ab­wehr wäre eine wir­kungs­volle Unter­stüt­zung für die ukrai­ni­sche Infan­te­rie im Orts­kampf. Aller­dings ver­fü­gen nur Schwe­den und die Schweiz über diese Munition.

Mit­tel­fris­tig ist es damit aber nicht getan. Der Krieg in der Ukraine wird deut­lich länger dauern als ursprüng­lich ange­nom­men, und eine mili­tä­ri­sche Beset­zung der west­lichs­ten Oblaste durch das rus­si­sche Militär scheint derzeit kaum möglich. Es bietet sich also sowohl die Zeit, als auch die Mög­lich­keit, die Ukraine in tech­nisch aus­ge­reif­tere Waf­fen­sys­teme ein­zu­schu­len und diese aus­zu­lie­fern. In der West­ukraine könnte man dafür auch die ent­spre­chende Infra­struk­tur zur Wartung auf­bauen. Würde man hierzu einmal die deut­sche Büro­kra­tie über Bord kippen und beden­ken, dass die Ukrai­ner hierfür mehr als 40 Stunden die Woche arbei­ten, ginge das je nach System auch schnel­ler als in Friedenszeiten.

Systeme mitt­le­rer Kom­ple­xi­tät, die es in euro­päi­schen Lagern gibt, würden etwa diverse Vari­an­ten des Kampf­pan­zers Leopard 1 und 2, der Pan­zer­hau­bitze M‑109, diverse Vari­an­ten des M‑113 und ähn­li­cher Fahr­zeuge und anderer Mann­schafts­trans­port­pan­zer umfas­sen. So in Deutsch­land noch vor­han­den wären LARS Rake­ten­ar­til­le­rie­sys­teme und Skor­pion Minen­wer­fer, beide zum Ver­schuss der der AT‑2 Pan­zer­mine geeig­net, in Erwä­gung zu ziehen. Der Bereich Flie­ger­ab­wehr ist hier der pro­ble­ma­tischste, da moderne west­li­che Systeme erheb­li­che Kom­ple­xi­tät auf­wei­sen, und sich zum großen Teil nur im Erpro­bung- und Vor­se­ri­en­sta­dium befin­den. In Washing­ton macht man sich aber schon Gedan­ken darüber, was man liefern könnte, dem­entspre­chend wären Abspra­chen mit anderen lie­fer­fä­hi­gen Ver­bün­de­ten zu treffen. Dem­entspre­chende Vor­be­rei­tun­gen sind aber jetzt in die Wege zu leiten, damit sie in einigen Monaten wirksam werden können.

Die in der Öffent­lich­keit oft dis­ku­tier­ten Systeme Patriot eignen sich für die Ukraine wenig. Nicht nur ist Patriot in diver­sen Vari­an­ten über­kom­plex, und nur mit erheb­li­chem logis­ti­schem Aufwand und lang­wie­ri­ger Aus­bil­dung (ins­be­son­dere bei älteren Geräten) zu betrei­ben, auch ist das System zu sta­tisch für die beweg­li­che Kampf­füh­rung der Ukrai­ner (die ja ständig rus­si­schen Rake­ten­an­grif­fen aus­wei­chen müssen). Das fran­zö­si­sche VL-MICA und SAMP/​T (Aster) System ist deut­lich ein­fa­cher zu bedie­nen und mobiler, bräuchte aber unmit­tel­bare logis­ti­sche Anschluss­un­ter­stüt­zung durch Frank­reich in Polen. Dies­be­züg­li­che Ent­schei­dun­gen wären aber jetzt tu treffen, da solche Lie­fe­run­gen in jedem Fall erheb­li­chen Vorlauf an Aus­bil­dung und logis­ti­scher Vor­be­rei­tung brauchen.

8. NATO Force Posture

Der Krieg in der Ukraine, der mili­tä­ri­sche Auf­marsch in Belarus und der Krim stellen auch eine direkte Bedro­hung für die Sicher­heit der öst­li­chen Nach­bar­staa­ten Deutsch­lands dar. Von Russ­land gibt es bereits Dro­hun­gen, auch Flüch­tende, Hilfs­lie­fe­run­gen oder Waf­fen­trans­porte anzu­grei­fen, und nicht nur im Grenz­ge­biet sondern auch auf NATO-Territorium.

Hätte die NATO bereits im Oktober ange­fan­gen, den rus­si­schen Trup­pen­auf­marsch durch ent­spre­chende eigene Ver­le­gun­gen zu spie­geln, hätte man die rus­si­sche Furcht vor einem Ein­grei­fen des Westens als Druck­mit­tel nutzen und so die rus­si­sche ope­ra­tive Planung ver­kom­pli­zie­ren, wenn nicht sogar vor einem Angriff abschre­cken können. Aber diese Chance wurde verpasst.

Nun gilt es der Situa­tion hin­ter­her­zu­lau­fen und einen glaub­wür­di­gen, abschre­ckungs­fä­hi­gen Aufbau eigener Kräfte an der Ost­flanke ein­zu­lei­ten. Es darf keine Grau­zone ent­ste­hen, in der Russ­land eine Pro­vo­ka­tion lan­cie­ren könnte, ohne dass die NATO reagie­ren könnte. Auch ist die Sicher­heit jener Staaten, die Waffen an die Ukraine liefern (siehe oben) und sich dadurch ent­blö­ßen, durch direkte Trup­pen­sta­tio­nie­run­gen aus­zu­glei­chen. Das muss über das gegen­wär­tige Maß sym­bo­li­scher Sta­tio­nie­run­gen hin­aus­ge­hen. Die gesamte NRF muss jetzt vor­wärts sta­tio­niert werden. Eine ein­heit­li­che Führung unter NATO-Kom­man­do­struk­tur für den Kriegs­schau­platz Nordost und Südost  muss die Führung der alli­ier­ten Kräfte im Raum über­neh­men. Vor allem im Bereich Flieger und Rake­ten­ab­wehr müssen zusätz­li­che Ver­stär­kun­gen ein­be­zo­gen werden. Das deut­sche Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rium hat lange ver­spro­chen, im Kri­sen­fall bis zu divi­si­ons­starke Kräfte bereit­stel­len zu können. Die Krise ist schon lange da.

Frank­reich hat gestern eine Staffel Kampf­flug­zeuge nach Polen verlegt. Die Luft­waffe der Bun­des­wehr kann das Gleiche tun, ein Geschwa­der wäre frei­lich besser.

Erst wenn die Grenze der NATO ein abso­lu­tes und glaub­wür­di­ges Tabu für rus­si­sche Angriffe ist (das kann man nicht mit Worten, sondern nur mit mili­tä­ri­schen Taten unter­strei­chen), kann man die Tabu­zone auf Grenz­über­gänge und Flücht­lings­ko­lon­nen jen­seits der Grenze aus­deh­nen. Von da an kann man situa­tiv, Schritt für Schritt, durch Aus­rüs­tung und nach­rich­ten­dienst­li­che Unter­stüt­zung der Ukrai­ner die Hand­lungs­frei­heit der rus­si­schen Luft­waffe einschränken.

Über eine Flug­ver­bots­zone zum gegen­wär­ti­gen Stand zu dis­ku­tie­ren ist sinnlos. Es fehlen die Kräfte, um diese über­haupt durch­zu­set­zen. Auch poli­tisch ist nicht zu erwar­ten, dass ein solcher Beschluss in der NATO einfach durch­geht. Selbst wenn, hätte Russ­land genü­gend Mög­lich­kei­ten, Flug­zeuge der NATO vom Boden oder aus der Luft anzu­grei­fen und somit die NATO wieder vor die Wahl zu stellen, ent­we­der mili­tä­risch zu eska­lie­ren oder klein bei­zu­ge­ben. Aus den oben genann­ten Gründen – man schlit­tert nicht so schnell in einen Atom­krieg – würde Russ­land eher kon­ven­tio­nell eska­lie­ren. Wenn man aber einmal ein mili­tä­risch ernst zu neh­men­des Streit­kräf­te­dis­po­sitv an der Ost­flanke auf­ge­stellt hätte, könnte man zumin­dest den öffent­li­chen Druck für eine Flug­ver­bots­zone bzw. ein Ein­grei­fen gegen Russ­land diplo­ma­tisch ins Felde führen, um die rus­si­sche Führung zu ver­un­si­chern und zu ernst­haf­ten Ver­hand­lun­gen zu bringen. Das Vor­han­den­sein starker Kräfte allein erwei­tert bereits den eigenen diplo­ma­ti­schen Handlungsspielraum.

9. Sank­tio­nen

Das rus­si­sche Kalkül folgt gegen­wär­tig einzig und allein der mili­tä­ri­schen Logik. Wirt­schaft­li­che Zwangs­maß­nah­men müssen daher zeit­lich und in der Inten­si­tät an die mili­tä­ri­sche Zeit­leiste ange­passt werden. Das Pos­tu­lat, Sank­tio­nen müssten lang­fris­tig ange­legt sein und nach­hal­tige Wirkung ent­fal­ten ist fehl am Platz.  Es ist Putin egal, was in fünf Jahren mit der rus­si­schen Wirt­schaft pas­siert, sein Ent­schei­dungs­ho­ri­zont geht kaum über den ersten April hinaus.

Der Haupt­zweck von Sank­tio­nen muss in dieser Situa­tion sein, die rus­si­sche Wirt­schaft so hart, so schnell und so breit wie möglich zum Erlie­gen zu bringen. Ein vor dem ersten April ein­set­zen­der Zusam­men­bruch der rus­si­schen Wirt­schaft und der Staats­fi­nan­zen würde die oben beschrie­bene Aus­wei­tung des Krieges durch Russ­land schwer bis unmög­lich machen. Die innen­po­li­ti­schen Folgen wären zu hoch. Diesem Ziel sind alle anderen Maß­nah­men unterzuordnen.

Dafür müssen Sank­tio­nen nicht lang­fris­tig durch­halt­bar sein. Ein kom­plet­tes Öl und Gas­em­bargo gegen Russ­land könnte „für die Dauer der Kampf­hand­lun­gen“ ver­hängt werden. Öl und Gas­ex­porte sind die wich­tigs­ten Ein­nah­men und Devi­sen­quel­len des rus­si­schen Staates. Russ­land kann seine Ener­gie­ex­porte nicht so schnell diver­si­fi­zie­ren. Gemein­same Gas- und Ölein­käufe durch die Kom­mis­sion (ähn­li­che Instru­mente gibt es bei Kern­brenn­stä­ben) würden die Gas­be­schaf­fung für kauf­kraft­schwä­chere Staaten erschwing­lich machen.

Ale bis­he­ri­gen Sank­tio­nen und Ein­schrän­kun­gen müssen auf den gesam­ten Uni­ons­staat aus­ge­dehnt werden (Russ­land und Belarus) um ein Umgehen der Sank­tio­nen über die bela­rus­si­sche Kolonie zu verhindern.

Eine Aus­wei­tung und Ver­tie­fung der Ban­kensank­tio­nen, etwa das Verbot in Euro zu handeln und wech­sel­sei­tig Depen­den­zen zu unter­hal­ten, muss rasch ergrif­fen werden. Ebenso sollten exter­ri­to­riale Sank­tio­nen, ins­be­son­dere Druck auf chi­ne­si­sche und indi­sche Banken, sich vom rus­si­schen Markt zurück­zu­zie­hen, aus­ge­wei­tet werden.

Wenn wir heute nicht alles tun, um den Abwehr­kampf der Ukraine zu unter­stüt­zen, werden wir morgen für uns kämpfen müssen.

 

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