Welt­ge­schichte live: Der geschei­terte Janu­ar­putsch 2021

Screenshot: CNN 06.01.2021
Screen­shot: CNN 06.01.2021

Spä­tes­tens seit FOX News bei der Prä­si­dent­schafts­wahl am 4. Novem­ber 2020 die Stimmen des Bun­des­staats Arizona kor­rek­ter­weise Joe Biden zuge­rech­net hat, begann Trumps Putsch­ver­such. Am 6. Januar 2021 sollte der Kon­gress die Wahl­män­ner­stim­men aus­zäh­len – eine For­ma­lie. Statt­des­sen erlebte die Welt den ersten erfolg­rei­chen Sturm auf das Capitol seit 1814. Diesmal nicht durch bri­ti­sche Sol­da­ten, sondern durch von ihrem Anfüh­rer noch am Vor­mit­tag per­sön­lich fana­ti­sierte Trump-Anhänger.

Von Kon­fi­zius stammt die Ein­sicht, dass alles Unglück in der Politik auf eine Ursache zurück­zu­füh­ren sei — die Ver­wir­rung der Begriffe. Es ist also wichtig, ein­deu­tige Worte zu finden: Bei dem, was Donald John Trump ver­an­stal­tet hat (vom Augen­blick an, in dem klar wurde, dass er die Wahl ver­lo­ren hatte), handelt es sich um einen Putsch­ver­such. Dieser ver­suchte Putsch war von Anfang an lächer­lich und wahn­sin­nig. Trumps Anwälte, die ver­zwei­felt ver­such­ten, Wahl­fäl­schun­gen nach­zu­wei­sen, die es nicht gab, erin­ner­ten an die Poli­zis­ten in den frühen Schwarz­weiß­fil­men von Charlie Chaplin, die über ihre eigenen Füße fallen, sich aus Ver­se­hen gegen­sei­tig K.O. schla­gen und zum krö­nen­den Abschluss mit zap­peln­den Beinen in ein Fass voller weißer Farbe fallen.

The God­f­a­ther IV

Das ame­ri­ka­ni­sche Militär ließ früh wissen, dass es für einen Staats­streich nicht zur Ver­fü­gung stehe. Die ame­ri­ka­ni­sche Öffent­lich­keit blieb wachsam. Aber auch ein lächer­li­cher Putsch­ver­such ist ein Putsch­ver­such. Trump rief den Staats­se­kre­tär des Bun­des­staa­tes Georgia an und ließ ihn im Ton eines Mafia­bos­ses wissen, er erwarte von ihm, dass er irgendwo die Stimmen finden werde, die ihm, Trump, doch noch den Wahl­sieg besche­ren würden.

Drin­king the Kool Aid

Und weite Teile der Repu­bli­ka­ni­schen Partei folgten ihrem Führer in den Irrwitz nach. Sie brachen dabei mit ihren eigenen Prin­zi­pien — schließ­lich waren die Repu­bli­ka­ner seit unge­fähr fünfzig Jahren die Leute, die dafür ein­stan­den, dass die Rechte der ame­ri­ka­ni­schen Ein­zel­staa­ten gestärkt wurden: Also ent­schei­den über den Wahl­aus­gang auch die Ent­schei­dun­gen in den Ein­zel­staa­ten, nicht irgend­ein Beschluss, der selbst­herr­lich in Washing­ton gefasst wird. Der „Ras­mus­sen Report“, ein Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tut, das Donald Trump nahe­steht, berief sich auf Twitter zustim­mend auf ein angeb­li­ches Zitat von Josef Stalin: Es komme gar nicht darauf an, welche Stimmen abge­ge­ben, sondern allein darauf, welche Stimmen gezählt würden. Offen­bar gehört Stalin damit von nun an zu jenen Geis­tes­grö­ßen, auf die ein ame­ri­ka­ni­scher Kon­ser­va­ti­ver sich guten Gewis­sens berufen kann. Die trumpis­ti­schen Repu­bli­ka­ner geben sich damit als auto­ri­täre Partei im Sinne der unga­ri­schen „Fidesz“- oder der deut­schen AfD zu erken­nen, die auf Demo­kra­tie pfeift. Und sie sind von nun an unver­stellt ras­sis­tisch. Denn die Stimmen, die da unaus­ge­zählt bleiben sollten, waren vor allem die Stimmen von dun­kel­häu­ti­gen Leuten in Ame­ri­kas Städten und Vorstädten.

Very special people

Dass Trumps Putsch­ver­such irgend­wann zu Gewalt führen wurde, war von Anfang an vor­her­zu­se­hen — am 6. Januar 2021 war es dann so weit. An diesem Mitt­woch sollten im Senat und im Reprä­sen­tan­ten­haus die Stimmen des Wahl­leu­te­kol­le­gi­ums aus­ge­zählt werden: ein zere­mo­ni­el­ler Akt, denn die Wahl hatte ja längst statt­ge­fun­den. Aber es kam nicht dazu. Ein faschis­ti­scher Mob stürmte das Kapitol in Washing­ton, die Polizei stand hilflos daneben. Bald fielen Schüsse im Inneren des Gebäu­des. Auf­stän­di­sche besetz­ten den Senat und das Reprä­sen­tan­ten­haus, während die gewähl­ten Ver­tre­te­rin­nen und Ver­tre­ter des ame­ri­ka­ni­schen Volkes sich vor dem gewalt­be­rei­ten Trump-Pöbel ver­ste­cken mussten. Die Gewalt­tä­tig­kei­ten dauern noch an, während dieser Text geschrie­ben wird.

So help me God

Wie geht es weiter? Zwei­fel­los wird die Natio­nal­garde irgend­wann der Lage Herr werden. Zwei­fel­los wird die zere­mo­ni­elle Aus­zäh­lung der Stimmen wei­ter­ge­hen. Zwei­fel­los wird Joe Biden am 20. Januar seine Hand auf eine katho­li­sche Bibel legen und als 46. Prä­si­dent der Ver­ei­nig­ten Staaten ver­ei­digt werden, und zwei­fel­los wird Kamala Harris den ihr gebüh­ren­den Platz als Vize­prä­si­den­tin an seiner Seite ein­neh­men. Eine weitere gute Nach­richt lautet, dass zwei Demo­kra­ten die Nach­wah­len in Georgia gewon­nen haben — damit stellen die Demo­kra­ten die Hälfte der Sena­to­rin­nen und Sena­to­ren, und da die Stimme von Kamala Harris die Wippe stets nach der linken Seite aus­schla­gen lässt, wird Prä­si­dent Biden mit einer knappen Mehr­heit im Reprä­sen­tan­ten­haus und im Senat ein ehr­gei­zi­ges Reform­pro­gramm durch­set­zen können.

#DC51

Zu seinen Pro­jek­ten wird wahr­schein­lich gehören, den District of Colum­bia — in dem die ame­ri­ka­ni­sche Bun­des­haupt­stadt liegt — zum 51. Bun­des­staat zu erklä­ren. Im District of Colum­bia wohnen mehr Men­schen als in Wyoming oder in Vermont, trotz­dem gibt es keine Sena­to­ren aus Washing­ton. (Deshalb steht auf Num­mern­schil­dern aus DC: „Taxa­tion without repre­sen­ta­tion“ — wir werden besteu­ert, ohne dass wir im Kon­gress mit­re­den dürften.) Da es sich beim District of Colum­bia um ein urbanes Bal­lungs­ge­biet mit schwar­zer Bevöl­ke­rungs­mehr­heit handelt, werden die zwei zusätz­li­chen Sena­to­ren von dort Demo­kra­ten sein. Damit wird das Ungleich­ge­wicht des Senats — in dem bevöl­ke­rungs­arme Bun­des­staa­ten, die vor­wie­gend von Weißen bewohnt werden, alles blo­ckie­ren können, was von der Mehr­heit gewünscht wird — wenigs­tens im Ansatz korrigiert.

Adre­no­chrome

Das ist die gute Nach­richt. Hier die schlechte: Der faschis­ti­sche Mob, der beim Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 seine bizarre Fratze gezeigt hat, wird nicht ver­schwin­den. Er geht nir­gend­wo­hin. 75 Mil­lio­nen Ame­ri­ka­ner haben für Trumps Wie­der­wahl gestimmt — obwohl längst deut­lich war, dass es sich bei ihm um einen Möch­te­gern­au­to­kra­ten handelt, obwohl er sich kaum Mühe gab, seine Ver­ach­tung für Frauen und seinen Ras­sis­mus zu ver­ber­gen, obwohl seine sinis­tren Kon­takte zu Putins Russ­land nur jene über­se­hen konnten, die ihr Gesicht von den Tat­sa­chen abwand­ten, und obwohl er durch seine Lügen und seine Ver­ant­wor­tungs­flucht direkte Mit­schuld am Tod von Hun­dert­tau­sen­den von Ame­ri­ka­nern trägt, die der Covid-19-Seuche erlegen sind. Etwa ein Drittel der Ein­woh­ner der Ver­ei­nig­ten Staaten lebt in einem Par­al­lel­uni­ver­sum, in dem Tat­sa­chen nichts gelten. In diesem Par­al­lel­uni­ver­sum sind Ame­ri­kas mul­ti­kul­tu­relle Städte die Hölle, während es sich bei Donald Trump um einen Messias handelt, der gegen jüdi­sche, Demo­kra­ti­sche Eliten kämpft, die Kin­der­blut trinken; Joe Biden hat die Wahl gestoh­len, und Anhän­ger der Demo­kra­ti­schen Partei gehören ein­ge­sperrt. Zu reden ist mit jenem Drittel der Bevöl­ke­rung nicht. Und darum muss man befürch­ten, dass der lächer­li­che Putsch­ver­such vom 6. Januar 2021 nur der Anfang war.


Lesen Sie auch unseren phi­lo­so­phi­schen Zwei­tei­ler zur Ära Trump von Rein­hard Olschanski:
Nach Trump 1: The Blame Game
Nach Trump 2: Medien, Politik und Wissenschaft

Textende

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