Nach Trump 2: Medien, Politik und Wissenschaft

Foto: Shutterstock Ilyas Tayfun Salci
Foto: Shut­ter­stock Ilyas Tayfun Salci

In der Epoche der Selbst­re­dak­teure breitet post­fak­ti­sches Denken sich viral aus. Das berührt auch das Feld der Wis­sen­schaft, deren Bedeu­tung der Welt 2020 bewuss­ter denn je wurde. Der zweite von zwei Teilen eines phi­lo­so­phi­schen Einordnungsversuchs.

Der Post­fak­ti­zis­mus als Teil eines Angriffs auf die Ver­nunft hat das Poten­zial, die libe­rale Demo­kra­tie und das Pro­gramm der moder­nen Auf­klä­rung an der Wurzel zu treffen. Das ist die bittere Erfah­rung aus vier Jahren Trump – auch wenn die Dämme, das heißt in diesem Fall die demo­kra­ti­schen Insti­tu­tio­nen der USA, einem solchen Angriff noch einmal stand­ge­hal­ten haben. Aber was lässt sich aus dieser Erfah­rung lernen? Welche Dämme müssen gegen den Post­fak­ti­zis­mus ver­stärkt oder auch neu auf­ge­schüt­tet werden? Hier sind nicht zuletzt Medien, Politik und Wis­sen­schaft gefor­dert. Denn sie sind ja nicht bloß Spiel­fel­der der Aus­ein­an­der­set­zung, sondern haben zugleich einen Akteurs­sta­tus. Vieles hängt davon ab, dass sie sich der Ver­ant­wor­tung stellen und aus den durch­aus pre­kä­ren Zeit­geist­läuf­ten die rich­ti­gen Schluss­fol­ge­run­gen ziehen.

Dazu gilt es, beide Erwei­te­rungs­lo­gi­ken im Blick zu haben, die gegen­wär­tig mit­ein­an­der ringen, nämlich die der popu­lis­ti­schen Rede, der eine eska­la­to­ri­sche Logik der Erwei­te­rung und Ver­tie­fung des Wir-gegen-Sie-Gegen­sat­zes inne­wohnt, und die Erwei­te­rungs­lo­gik des auf­klä­re­ri­schen Geistes, die sich gegen­wär­tig in einem etwas zer­zaus­ten Zustand befin­det. Wir sahen, wie letz­te­rer bei Kant ange­legt war. Der öffent­li­che Gebrauch der Ver­nunft sollte zunächst für die Welt der Gelehr­ten erkämpft werden. Sie sollten – selbst an die strenge Logik der wis­sen­schaft­li­chen Argu­men­ta­tion gebun­den – gegen­über dem sich bil­den­den Publi­kum die Gate­kee­per der Auf­klä­rung sein. Mit der Rede- und Pres­se­frei­heit rückten die Redak­teure einer auf­klä­re­ri­schen Presse in diese Gate­kee­per-Funk­tion ein – und behiel­ten sie bis vor wenigen Jahren in einer sich his­to­risch um Funk und Fern­se­hen erwei­tern­den Medi­en­land­schaft. Doch eine popu­läre und sich im Inter­esse von Gewinn­ma­xi­mie­rung oder poli­ti­scher Ein­fluss­nahme häufig ins Popu­lis­ti­sche keh­rende Welt der Klatsch­presse und des Bou­le­vards beglei­tete die Ent­wick­lung von Anfang an. Die Blame Games und Spek­ta­kel des heu­ti­gen Popu­lis­mus haben eine lange Geschichte.

Es sollte nicht ver­wun­dern, dass die gegen­sätz­li­che Ent­wick­lung sich nun weiter fortschreibt.
Die durch Digi­ta­li­sie­rung tech­nisch erwei­terte Kom­mu­ni­ka­tion hat viele neue Akteure auf dem Spiel­feld. Mit Social Media sind alle Nutzer poten­zi­ell zu ihren eigenen Chef­re­dak­teu­ren gewor­den. Jeder und jede kann nun selbst berich­ten und kom­men­tie­ren, Bei­träge anderer liken oder dis­li­ken, teilen und wei­ter­lei­ten. Gleich­zei­tig haben die klas­si­schen Qua­li­täts­me­dien ihre Gate­kee­per-Funk­tion teil­weise ein­ge­büßt. Damit werden auch Stan­dards, die für sach­li­che Wahr­heit und Rele­vanz der Bericht­erstat­tung, für ethisch-kom­mu­ni­ka­tive Rich­tig­keit oder logisch-argu­men­ta­tive Fol­ge­rich­tig­keit in der Kom­men­tie­rung ein­ste­hen zuneh­mend in Frage gestellt.

Die Selbst­re­dak­teure in Social Media wissen zumeist wenig über die Qua­li­täts­kri­te­rien und das Berufs­ethos des Jour­na­lis­mus. Und mit Bou­le­vard­me­dien und popu­lis­ti­scher Politik sind ja auch laut­starke Player auf dem Feld, die nicht gerade die besten Vor­bil­der abgeben. Zudem wird die Emo­tio­na­li­sie­rung der Posts durch die Algo­rith­men der Platt­for­men weiter ange­heizt. Die Nutzer erhal­ten durch eine emo­tio­na­li­sierte Kom­mu­ni­ka­tion größere Reich­wei­ten – und pushen gleich­zei­tig die Reich­wei­ten für kom­mer­zi­elle Werbung, die die Platt­for­men damit ver­brei­ten. Die Erwei­te­rungs­lo­gik des Spek­ta­kels, der starken Emo­tio­nen, der Beschä­mung, Anfein­dung und Tri­ba­li­sie­rung schafft sich seine selbst ver­stär­ken­den Kreis­läufe und mündet nur zu leicht in einer Logik der Eska­la­tion und Radi­ka­li­sie­rung, in der Hass immer mehr Hass erzeugt.

Wenn einer solche Logik gegen­über die Logik von ver­nünf­ti­ger Rede und Auf­klä­rung eine Chance haben soll, dann muss sie sich selbst mit einigem Nach­druck auf den Feldern der neuen sozia­len Medien geltend machen. Das geht nur sehr begrenzt durch Verbote. Natür­lich ist Hass­rede im Inter­net zu bekämp­fen. Und Regu­la­tio­nen der Platt­for­men sind wichtig. Doch der Gesetz­ge­ber und der Staats­an­walt können nicht die ein­zi­gen oder gar wich­tigs­ten Instan­zen sein. Nötig ist vor allem eine nach­hal­tige Erwei­te­rung der Medi­en­kom­pe­ten­zen, die den Nutzern Per­spek­ti­ven eröff­nen, wie sie für den qua­li­täts­vol­len Jour­na­lis­mus leitend sind.

Auch bei dieser Aufgabe kann das Modell der ratio­na­len und sach­an­ge­mes­se­nen Rede Ori­en­tie­rung geben. Denn es liefert ja auch das Grund­mo­dell der Ratio­na­li­tät, die sich in Qua­li­täts­me­dien ver­kör­pert – und übri­gens auch in demo­kra­ti­scher Politik und ver­ant­wort­li­cher Wis­sen­schaft. Die fun­da­men­tal wich­tige Unter­schei­dung zwi­schen Sach­stand und These in der bera­ten­den und der Gerichts­rede kehrt im Medi­en­be­trieb in der Grund­un­ter­schei­dung zwi­schen Bericht und Kom­men­tar wieder. Medien berich­ten darüber, was gesche­hen ist. Die berühm­ten sieben W‑Fragen: Wer, Was, Wo, Wann, Wie, Warum, Woher stecken die Grund­züge eines fak­ti­schen Gesche­hens ab, über das zu berich­ten ihr Infor­ma­ti­ons­auf­trag ist. Die darüber hinaus gehen­den Ein­schät­zun­gen und Wer­tun­gen, die in der klas­si­schen Rede der These vor­be­hal­ten sind, erfüllt der Pres­se­kom­men­tar. Er nimmt Stel­lung zum Gesche­hen, ordnet ein, wertet und ist mutig auch im Vor­tra­gen sach­an­ge­mes­se­ner Kritik. Und er eruiert prak­ti­sche Hand­lungs­mög­lich­kei­ten und Folgen. Damit treibt er die öffent­li­che Debatte voran.

Der Medi­en­wis­sen­schaft­ler Bern­hard Pörksen hat die Ansprü­che, mit denen auch die Selbst­re­dak­teure in den sozia­len Medien zu kon­fron­tie­ren sind, im Leit­bild einer „redak­tio­nel­len Gesell­schaft“ zusam­men­ge­fasst. Die Stan­dards und Kom­pe­ten­zen der alten Gate­kee­per im pro­fes­sio­nel­len Medi­en­be­trieb müssen – zumin­dest ihren Grund­zü­gen nach – zu All­ge­mein­kom­pe­ten­zen der Social-Media-Nutzer werden. Das ist heute eine Grund­auf­gabe für eine nicht nur tech­ni­sche, sondern auch auf­klä­re­ri­sche Erwei­te­rung der sozia­len und poli­ti­schen Kom­mu­ni­ka­tion, und ohne Zweifel auch eine große und dring­li­che Aufgabe für Medi­en­bil­dung an Schulen und sons­ti­gen Bil­dungs­ein­rich­tun­gen. Sie müssen unbe­dingt ein Grund­wis­sen um Medi­en­ge­schichte und media­len Macht­ver­hält­nisse und die Fall­stri­cke von Irrtum, Fake und Falsch­be­haup­tung sowie eine Ethik des Spre­chens in der Medi­en­welt vermitteln.

Aber es ist auch eine kon­krete Aufgabe für das Lear­ning by Doing in einer prak­ti­schen Medi­en­nut­zung, in der sich die Zivil­ge­sell­schaft heute über viele Mil­li­ar­den Accounts ein­zel­ner Nut­ze­rin­nen und Nutzern hinweg mit sich selbst ins Beneh­men setzt. Und es ist auch eine Aufgabe von Blog­gern und Usern mit grö­ße­rer Reich­weite. Die Bei­träge des Video­blog­gers Rezo sind hier in mancher Hin­sicht vor­bild­lich. Denn sie führen den Betrach­tern vor Augen, welche Qua­li­täts­stan­dards für eigene Bei­träge zu poli­ti­schen und sozia­len Themen eigent­lich rele­vant sind – vom Fak­ten­check über Quel­len­an­ga­ben bis hin zu Trans­pa­renz und auch Selbst­kri­tik am eigenen Tun.

Ent­spre­chende Auf­ga­ben haben auch die Macher der klas­si­schen Qua­li­täts­me­dien. Sie sollten ihre Stan­dards und ihr Berufs­ethos gegen Bou­le­var­di­sie­rung und eine Spek­ta­kel­me­di­a­li­tät ver­tei­di­gen, die sich als Antwort auf den öko­no­mi­schen Druck durch den Rück­gang von Auf­la­gen und Wer­be­ein­nah­men nur zu leicht auf­drängt. Und sie sollten über das Ethos und die Stan­dards auch reden und immer wieder her­aus­stel­len, dass es sie über­haupt gibt. Und in der Medi­en­epo­che der Selbst­re­dak­teure auf Social Media sind solche Winke und Hin­weise aus dem pro­fes­sio­nel­len Bereich nicht nur im zivilen Auf­klä­rungs­sinne wichtig. Sie sind wichtig auch als Hin­weise darauf, dass die Her­stel­lung jour­na­lis­ti­scher Qua­li­täts­pro­dukte viel Aufwand und Sorg­falt erfor­dert und nicht umsonst zu haben ist.

Poli­ti­sche Debatte: Gegner oder Feind?

Auch die Politik ist im Kampf der beiden Dis­kurs­lo­gi­ken, die sich heute gegen­über­ste­hen, Spiel­feld und Akteur zugleich. Des­we­gen kommt der Art und Weise, wie sie Debat­ten führt, beson­dere Bedeu­tung zu. Die Eska­la­ti­ons­lo­gik der popu­lis­ti­schen Rede ist ver­füh­re­risch, nicht nur in Wahl­kämp­fen, sondern auch als Schall­ver­stär­ker der Tages­mo­bi­li­sie­rung. Zahl­rei­che popu­lis­ti­sche Par­teien finden in einer Mobi­li­sie­rung an sich bereits ihren Daseins­zweck. Sie betrei­ben eine von Sach­in­hal­ten befreite, über weite Stre­cken voll­kom­men belie­bige Politik. So hat auch die Corona-Politik der AfD ein 180-Grad-Ziel in Sachen inhalt­li­cher Fle­xi­bi­li­tät  erreicht, als sie ihre For­de­run­gen aus dem März nach einem strik­tem Lock­down und Aus­gangs­sper­ren bald schon in einen ver­wahr­los­ten Ego-Libe­ra­lis­mus Trump­scher Pro­ve­ni­enz ver­kehrte. Aus der For­de­rung nach einem „Corona-Kabi­nett“ wurde schnell die Denun­zia­tion einer ver­meint­li­chen „Corona-Dik­ta­tur“. Ebenso glaubt die AfD, dass der laut­starke Protest gegen die ver­meint­lich frei­heits­ein­schrän­ken­den Aus­wir­kun­gen eines Mas­ken­ge­bots die rich­tige Antwort auf das Sterben in den Inten­siv­sta­tio­nen sei. Doch in dieser Wen­dig­keit bleibt eine Kon­stante. Die wech­seln­den Sach­in­halte von Politik sind gleich­blei­bend ein Vehikel der per­so­na­li­sie­ren­den Blame-game-Politik. Ob die Regie­ren­den das Volk nun nicht genug oder zu sehr vor Corona schüt­zen – sie tun stets das Falsche und sind auf jeden Fall der ver­werf­li­che Andere im Wir-gegen-die Anderen-Spiel.

Es ist hoch­ge­fähr­lich für die Demo­kra­tie, wenn demo­kra­ti­sche Par­teien auf ein solches Spiel ein­stei­gen – so wie kon­ser­va­tive Par­teien es in einigen Ländern bereits getan haben. Statt­des­sen gilt es, mit demo­kra­ti­schen Debat­ten im empha­ti­schen Sinn des Wortes für das Modell der libe­ra­len Demo­kra­tie ein­zu­ste­hen, um damit auch ein Vorbild zu sein für Debat­ten in der breiten Öffent­lich­keit und den Sozia­len Netz­wer­ken. Demo­kra­ti­sche Debat­ten sind enga­giert und bis­wei­len hart, drehen sich aber stets auf einer gesi­cher­ten und gemein­sam respek­tier­ten Fak­ten­grund­lage um die Sache. Das, worum gekämpft und gestrit­ten wird, sind die Thesen und prak­ti­schen Vor­schläge zu einer Fak­ten­lage. Es geht darum, ob Vor­schläge sach­lich ange­mes­sen und ziel­füh­rend sind. Die mit­ein­an­der rin­gen­den Per­so­nen sind ent­spre­chend Gegner in der Sache und kei­nes­wegs per­sön­li­che Feinde, zwi­schen denen jedes mora­li­sche Band zer­schnit­ten ist. Die Ein­sicht in den Unter­schied zwi­schen Feind und Gegner bildet das nor­ma­tive Fun­da­ment der demo­kra­ti­schen Debatte.

Der post­fak­ti­sche Popu­lis­mus ist aber auch deshalb so gefähr­lich, weil er die Sach­aus­ein­an­der­set­zung aus dem Spiel bringt oder nur schein­haft hoch­hält. In seinem Sprach­sys­tem stehen Per­so­nal­pro­no­men dann nur für Per­so­nen. Ein sach­li­ches Es ist nicht vor­ge­se­hen. Das hat weit­rei­chende Folgen. Mit vom Tisch ist damit die ganze sys­te­mi­sche Auf­klä­rung von Marx bis Luhmann, aner­kennt, dass Men­schen in der funk­tio­nal aus­dif­fe­ren­zier­ten und hoch arbeits­tei­li­gen Gesell­schaft der Moderne sich nicht wie Ritter in der Rit­ter­rüs­tung gegen­über­ste­hen. Sie bezie­hen sich ver­mit­telt über kom­plexe Hand­lungs­sys­teme auf­ein­an­der. Ihre Hand­lun­gen werden nach den Codes etwa des Finanz‑, Rechts‑, Handels‑, Medien‑, Bil­dungs- oder Gesund­heits­sys­tems koor­di­niert. Und zur moder­nen Erfah­rung gehört auch, dass das nicht zwin­gend eine exis­ten­ti­elle Ver­ding­li­chung der Akteure dar­stel­len muss, sondern – wenn die Systeme denn klug und gerecht regu­liert sind – auch eine wohl­tu­ende und sehr effek­tive Ver­sach­li­chung ihrer Bezie­hun­gen sein kann. Die Aus­ein­an­der­set­zun­gen in der Politik sind heute ganz wesent­lich Ver­hand­lun­gen über die Regu­la­rien solcher Hand­lungs­sys­teme. Diese Systeme sind hier das sach­li­che Es, das Dritte als das gemein­sam aner­kannte Faktum, das die Basis der poli­ti­schen Debatte abgibt und bei aller Geg­ner­schaft auch einen sach­li­chen Kom­pro­miss zulässt und zumeist auch erfor­der­lich macht. Der Post­fak­ti­zis­mus kennt dagegen nur Freunde und Feinde. Es ori­en­tiert sich letzt­lich an einem vor­mo­der­nen, von der bunt­sche­cki­gen per­sön­li­chen Feu­dal­bande bestimm­tem Prinzip der Ver­ge­sell­schaf­tung. Trumps Umgang mit dem Welt­han­dels­sys­tem war ein Bei­spiel dafür. Er trak­tierte fein aus­ta­rierte Regel­werke nach den Tages­lau­nen eines ver­rück­ten Königs. So zerriss er den fertig aus­ge­han­del­ten TTP-Han­dels­ver­trag der USA mit ihren asia­ti­schen Ver­bün­de­ten. Doch auch hier schlug die Sache zurück und ver­schaffte dem Rea­li­täts­prin­zip Geltung. Mit seinem Tun trieb Trump die Ver­bün­de­ten der USA in einen von China domi­nier­ten RCEP-Vertrag – mit noch nicht über­schau­ba­ren Konsequenzen.

Wis­sen­schaft und die Dia­lek­tik von Zweifel und Sicherheit

Auch Wis­sen­schaft ist mit der post­fak­ti­schen Logik kon­fron­tiert. Dabei gilt sie gerade als Instanz der Sach­er­kennt­nis, die in einer unsi­che­ren und nur teil­weise über­schau­ba­ren Welt mehr Sicher­heit und Rea­li­täts­kon­trolle ver­spricht – und so häufig auch erbringt, dass sie in unserer Moderne die Reli­gion als wich­tigste gesell­schaft­li­che Ver­ge­wis­se­rungs­in­stanz abge­löst hat. Und damit liefert sie auch die wich­tigste Grund­lage für das Fort­schritts­ver­spre­chen der Auf­klä­rung. Der Fort­schritt von Frei­heit und Gerech­tig­keit, von Sicher­heit und Wohl­stands findet seine Basis in einem von der Wis­sen­schaft ange­lei­te­ten Fort­schritt des Wissens und Könnens.

Tat­säch­lich ist Wis­sen­schaft jedoch eine Unter­neh­mung zwi­schen Zweifel und rela­ti­ver Sicher­heit. Und im Wis­sen­schafts­be­trieb ist nicht jeden Tag Nobel­preis. Weit häu­fi­ger sind Irrtum und Ver­geb­lich­keit an der Tages­ord­nung. Die rela­tive Sicher­heit, die im Ergeb­nis möglich wird, gründet auf ziem­lich radi­ka­lem Zweifel – eine Situa­tion, die auch in Des­car­tes „cogito, ergo sum“ fest­ge­hal­ten wird – einem zwei­feln­den Denken, das vor lauter Zweifel diesem Denkens zumin­dest einen Beweis für die eigene Exis­tenz abrin­gen will.

Zweifel und Unge­wiss­heit sind das Ferment der for­schen­den Wis­sen­schaft. Und damit sind sie noch tiefer in das ein­ge­spannt, was die ratio­nale Rede mit ihren drei Haupt­tei­len her­aus­stel­len will. Wis­sen­schaft kommt an ihre Fakten nicht so einfach heran, wie das in der Politik zumeist der Fall ist. Sie hat als Faktum keine Rechts­lage, die erst einmal sprach­lich fixiert ist und über deren Aus­le­gung man dann strei­ten kann. Sie muss sich ihre Fakten selbst suchen. Stets ist sie dabei von Fake-Fakten bedroht, etwa von Mess­feh­lern, die eine Fak­ten­lage nur vor­gau­keln. Oder von den eigenen theo­re­ti­schen Vor­aus­set­zun­gen, die nicht nur einen Inter­pre­ta­ti­ons­rah­men für Fakten abgeben, sondern auch eine Maschine zur Pro­duk­tion von „Fakten“ sein können, die sich ihre eigene Fak­ten­welt über­haupt erst kon­stru­iert. Das Fak­ten­fun­da­ment, das die poli­ti­sche Rede und die Medi­en­be­richt­erstat­tung tragen soll – und es zumeist auch recht zuver­läs­sig tut -, erscheint in der Wis­sen­schaft oft als brüchig und wenig ein­deu­tig. Glei­ches gilt für Thesen und Anti­the­sen, die auf dieser Grund­lage ent­wi­ckelt werden. Es ist die wis­sen­schaft­li­che Arbeit selbst, in der sie immer wieder inein­an­der über­ge­hen oder auch gegen­ein­an­der mobi­li­siert werden – in der kri­ti­schen Selbst­be­fra­gung des Wis­sen­schaft­lers und in der Fach­de­batte. Der Zweifel und das Bewusst­sein um eine ganz und gar nicht ein­deu­tige For­schungs­lage zeugt so gerade nicht von Inkom­pe­tenz, sondern von Serio­si­tät der Arbeit.

Ein bes­se­res und brei­te­res Wissen um diese Dia­lek­tik von rela­ti­ver Sicher­heit und Zweifel in der Wis­sen­schaft scheint drin­gend benö­tigt in der Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Post­fak­ti­zis­mus. Denn der sucht ja trotz oder gerade wegen seines Nicht-Ver­hält­nis­ses zur Welt der Fakten nach „wis­sen­schaft­li­chen“ Belegen seiner Ver­laut­ba­run­gen. Das Post­fak­ti­sche ist dabei dabei nicht immer so leicht aus­ma­chen wie bei jenem pen­sio­nier­ten Lun­gen­arzt, der es zum Höhe­punkt der Debatte um die Schäd­lich­keit von Die­sel­ab­ga­sen in den Innen­städ­ten mit einer krassen fach­wis­sen­schaft­li­chen Außen­sei­ter­mei­nung breit in Talk­shows, Bou­le­vard­presse und Social Media schaffte. Auch vom fach­lich zustän­di­gen Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter erhielt er Zuspruch für seine These, dass alles halb so schlimm sei. Tat­säch­lich stand es um die Dinge hundert Mal schlim­mer als von ihm begut­ach­tet. Denn das war der Faktor, um den er sich ver­rech­net hatte.

Der Zweifel und das bestän­dige Hin­ter­fra­gen, die seriöse Wis­sen­schaft aus­zeich­nen, werden in der Außen­wahr­neh­mung des Post­fak­ti­zis­mus zum Stein­bruch, in dem sich Belege auch für die abstru­ses­ten Thesen auf­fin­den lassen. Dabei geht es nicht nur um Auf­trags­for­schun­gen in der Nach­folge von Dr. Marl­boro, sondern um den ganz nor­ma­len Wis­sen­schafts­pro­zess. Tat­säch­lich ist bei kaum einem Thema nur eine ein­zelne Studie rele­vant und sticht dann alle anderen aus. Nötig sind in aller Regel eine Viel­zahl von Studien, Ver­gleichs­stu­dien und Meta­stu­dien. Sie zusam­men ergeben erst eine Grund­lage, auf der sich seriös Ent­schei­den und Handeln lässt. Die Auf­klä­rung und soziale Erwei­te­rung des Wissens um die manch­mal flir­ren­den Ambi­va­len­zen der Wis­sens­pro­duk­tion wird im Zeit­al­ter der media­len Selbst­re­dak­tion und der post­fak­ti­schen Kon­struk­tion von Ein­deu­tig­keit immer wichtiger.

Im Innern des Wis­sen­schafts­pro­zes­ses ist sie zu ergän­zen und fort­zu­füh­ren mit dem erkennt­nis­kri­ti­schen Teil des kan­ti­schen Auf­klä­rungs­pro­gramms. Auch hier steht ja die beson­dere Ambi­va­lenz zwi­schen Faktum und Inter­pre­ta­tion im Mit­tel­punkt. Das, was gemein­hin als Welt der Fakten ange­spro­chen wird, hat bei Kant einen Halt in der Welt der Dinge an sich. Das ist die For­mu­lie­rung für den kan­ti­schen Rest­ma­te­ria­lis­mus, der an einer unab­hän­gi­gen Außen­welt fest­hält, sie jedoch stets auf die Leis­tun­gen einer mit ihren Anschau­ungs­for­men und Ver­stan­des­be­grif­fen auf sie gerich­te­ten Sub­jek­ti­vi­tät bezieht. Kants Dinge an sich sind nicht nichts. Kant ist kein Idea­list, bei dem die Welt der Fak­ti­zi­tät in einem kon­struk­ti­vis­ti­schen Spiel aufgeht oder sich in Dekon­struk­tion ver­flüch­tigt. Daran ist heute wieder anzu­knüp­fen. Die Mas­si­vi­tät, mit der eine fak­ti­sche und nur zu lange über­gan­gene Außen­welt heute zurück­schlägt – als Corona-Virus, im Arten­ster­ben, im neuen Wald­ster­ben, als Kli­ma­er­hit­zung – macht es nötig, sie auch phi­lo­so­phisch und theo­rie­sprach­lich wieder ange­mes­sen anzu­er­ken­nen. Ein kruder Mate­ria­lis­mus ist aber nicht der rich­tige Weg. Er unter­schätzt die Rolle mensch­li­cher Kon­struk­tion und Inter­pre­ta­tion am Zugang zu dieser Welt. Die Ori­en­tie­rung am kan­ti­schen Rest­ma­te­ria­lis­mus ist ange­mes­se­ner. Hier liegt dann auch eine grund­sätz­li­che phi­lo­so­phi­sche Aufgabe in der Kritik am Postfaktizismus.

Der Kampf der Dis­kurs­lo­gi­ken von Post­fak­ti­zis­mus und Auf­klä­rung ist nach Trump nicht zu Ende. Zwar hat die Erwei­te­rungs­lo­gik der Ver­nunft nun bessere Chancen, wieder durch­zu­drin­gen, doch damit ist das geis­tige Trüm­mer­feld, das diese Prä­si­dent­schaft hin­ter­lässt, nicht auch schon besei­tigt. Die popu­lis­ti­sche Ver­su­chung ist nicht nur in den USA, sondern welt­weit noch stark. Politik, Medien und Wis­sen­schaft sollten deshalb darüber nach­den­ken, was aus diesen vier tur­bu­len­ten und auch ener­vie­ren­den Jahren zu lernen ist und wie sie auf ihren je beson­de­ren Feldern dem Post­fak­ti­zis­mus und den wei­ter­hin starken anti­li­be­ra­len und anti­ra­tio­na­len Ten­den­zen ent­ge­gen­wir­ken können. Gute Anre­gun­gen dazu lassen sich aus einer um Fakten und ver­nunft­ge­lei­te­tes Argu­men­tie­ren bemüh­ten rhe­to­ri­schen Tra­di­tion ent­neh­men. Doch ein solches Anlie­gen darf nicht nur die anti­auf­lä­re­ri­schen Ten­den­zen, die sozu­sa­gen von außen auf sie ein­wir­ken, zurück­wei­sen. Sie muss sich auch der Dia­lek­tik der Auf­klä­rung stellen und blinde Flecken auf­klä­ren, an denen das Auf­klä­rungs­pro­jekt selbst auf Abwege geraten ist – nicht zuletzt in einer Ver­wahr­lo­sung der instru­men­tel­len Ver­nunft, die den glo­ba­len öko­lo­gi­schen Krisen Vor­schub geleis­tet hat.

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