Nach Trump 1: The Blame Game

Biden-Siegesfeier Foto: Shutterstock, Never Settle Media
Biden-Sie­ges­feier Foto: Shut­ter­stock, Never Settle Media

Die Prä­si­dent­schaft Donald Trumps war ein schwe­rer Test für die Insti­tu­tio­nen der USA. Er eta­blierte Denk- und Dis­kurs­mus­ter, die seine Amts­zeit auch im Freien Westen über­dau­ern werden. Der erste von zwei Teilen eines phi­lo­so­phi­schen Einordnungsversuchs.

Die klas­si­schen Pro­gramme von Ver­nunft und Auf­klä­rung sind in der Krise. Und zwar nicht nur dort, wo man sie als bloße Statt­hal­ter eines uni­ver­sa­lis­tisch ver­bräm­ten Willens zur Macht miss­ver­steht, sondern auch dort, wo nur die Erwei­te­rungs­lo­gik in Frage steht, durch die Auf­klä­rung sich in Fort­schritts­pro­gramme ein­schrieb. Denn auf Erwei­te­rung waren diese Pro­gramme ange­legt – darauf, dass mehr Selbst­be­stim­mung und freie Ent­fal­tung des Geistes möglich ist, dass wis­sen­schaft­li­cher Fort­schritt und Wirt­schafts­wachs­tum mehr Sicher­heit und Wohl­stand bringen und die Kinder es einmal besser haben können. Gemäß einer solchen Erwei­te­rungs­lo­gik erschei­nen Ver­nunft und Auf­klä­rung auch in der wohl berühm­tes­ten Auf­klä­rungs­schrift, in Kants Beant­wor­tung der Frage: Was ist Auf­klä­rung? – nämlich als Teil eines Pro­zes­ses. Sie zeigt sich nicht zuletzt daran, dass der Autor seinem Zeit­al­ter abspricht, bereits ein auf­ge­klär­tes zu sein – um es statt­des­sen als ein im Fort­schrei­ten begrif­fe­nes Zeit­al­ter der Auf­klä­rung zu charakterisieren.

Wie Kant sich diesen Prozess näher vor­stellt, ver­deut­licht sein Lob der Reli­gi­ons­po­li­tik Fried­richs des Zweiten, der seinen Unter­ta­nen in Glau­bens­din­gen die Frei­heit ließ. Kant sah darin einen Keim, der sich zum freien öffent­li­chen Gebrauch der eigenen Ver­nunft aus­wach­sen sollte – ange­fan­gen mit dem freien öffent­li­chen Räso­nie­ren des Gelehr­ten einem lesen­den Publi­kum gegen­über, und sich erwei­ternd über Reli­gi­ons­sa­chen, Wis­sen­schaf­ten, Künste  und Buch­me­dien hinaus, um sich schließ­lich im öffent­li­chen Räso­nie­ren der Unter­ta­nen in Sachen Gesetz­ge­bung und eines Tages viel­leicht sogar hin­sicht­lich der Regie­rungs­an­ge­le­gen­hei­ten Geltung zu ver­schaf­fen. Das Grund­stür­zende an diesem wenige Jahre vor der fran­zö­si­schen Revo­lu­tion for­mu­lier­ten und aus heu­ti­ger Sicht eher zahm anmu­ten­den Auf­klä­rungs­pro­gramm erhellt dann, wenn man es vor der Folie einer 1000-jäh­ri­gen Geschichte des euro­päi­schen Feu­da­lis­mus liest, die zu Kants Zeiten noch nicht zu Ende war.

Kants Auf­klä­rungs­pro­gramm lie­ferte den Grund­stock für vieles, was nach ihm kam. Auch für Hegels Idee eines Fort­schritts im Bewusst­sein der Frei­heit als einer sich in einer his­to­ri­schen Stu­fen­folge erwei­tern­den Frei­heit – ein Prozess, den Hegel auch in der nach­na­po­leo­ni­schen Restau­ra­ti­ons­zeit noch unter­grün­dig wirksam sah. Und – so ver­mit­telt (auch für Marx, der den Motor der Ent­wick­lung tie­fer­legte) von der Welt des Geistes in die der mate­ri­el­len Produktivkräfte.

Krise der Vernunft

Die heute ver­spürte Krise der Ver­nunft gründet nicht zuletzt darin, dass sich weder die bür­ger­li­chen noch die mar­xisch-pro­le­ta­ri­schen Auf­klä­rungs­pro­gramme unge­bro­chen wei­ter­füh­ren lassen. Wich­tige Pro­blem­dia­gno­sen lassen sich bereits Hork­hei­mer und Adornos Dia­lek­tik der Auf­klä­rung aus den 1940er Jahren ent­neh­men. Auch gegen­wär­tig scheint der öffent­li­che Gebrauch der Ver­nunft vie­ler­orts wieder in eine öffent­li­che Arti­ku­la­tion von Unver­nunft umzu­schla­gen. Popu­lis­mus und Auto­ri­ta­ris­mus bedro­hen die Errun­gen­schaf­ten des fried­li­chen, demo­kra­ti­schen Kon­flikt­aus­trags. Und eine um die öko­lo­gi­schen Folgen unbe­sorgte öko­no­mi­sche Erwei­te­rungs­lo­gik, die für mehr als 200 Jahre der Pro­duk­tiv­kraft­ent­wick­lung in der wis­sen­schaft­lich-tech­ni­schen Zivi­li­sa­tion zugrunde lag, hat mit Erd­er­hit­zung und Arten­ster­ben tiefe globale Krisen aus­ge­löst. Statt auf­klä­re­ri­sche Erwei­te­rung erleben wir eine Dop­pel­krise der Auf­klä­rung, eine veri­ta­ble Ver­wahr­lo­sung sowohl der instru­men­tel­len wie auch der kom­mu­ni­ka­ti­ven Vernunft.

Auch die Erwei­te­rungs­ge­schichte der Medien und der zumin­dest von ihren tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten her epochal erleich­ter­ten Mas­sen­kom­mu­ni­ka­tion im digi­ta­len Zeit­al­ter, kon­ter­ka­riert das Bild nicht, sondern festigt und ver­stärkt es auf ihre Weise. Dabei hatten sich nicht zuletzt mit den neuen sozia­len Medien viele Frei­heits- und Demo­kra­ti­sie­rungs­er­war­tun­gen ver­bun­den – bis hin zur Ara­bel­lion und der Hoff­nung auf eine Plu­ra­li­sie­rung und Libe­ra­li­sie­rung auto­ri­tä­rer Staats­we­sen durch neue Wege der Mas­sen­kom­mu­ni­ka­tion. Fak­tisch haben sich vie­ler­orts staat­li­che Prak­ti­ken der Bespit­ze­lung, Kon­trolle und Blo­ckade der neuen Kanäle bemäch­tigt. Andern­orts sehen wir eine Mono­po­li­sie­rung durch wenige private IT-Kon­zerne. Und als dritter und nicht weniger wich­ti­ger Trend kommt eine Selbst­ab­schlie­ßung von Social-Media-Nutzern in Kom­mu­ni­ka­ti­ons­bla­sen hinzu, die sich wech­sel­sei­tig oft nur noch feind­lich-abwei­send und nicht mehr argu­men­ta­tiv abwä­gend auf­ein­an­der bezie­hen. In der Summe läuft eine ungute Trias aus auto­ri­tä­rer Kon­trolle, öko­no­mi­scher Mono­po­li­sie­rung und sozia­ler Tri­ba­li­sie­rung dem erhoff­ten und erwünsch­ten Wirken einer auf­klä­re­ri­schen Erwei­te­rungs­lo­gik bei Social Media entgegen.

Wir gegen die Anderen

Tat­säch­lich scheint sich hier, aber auch in vielen anderen Berei­chen der Kom­mu­ni­ka­tion, nicht ein demo­kra­tisch-frei­heit­li­ches Prinzip des ver­nünf­ti­gen Dialogs und der geis­ti­gen Öffnung und Erwei­te­rung, sondern ein ganz anderes Ord­nungs­prin­zip durch­zu­set­zen – ein Prinzip der Reduk­tion von Kom­ple­xi­tät durch eine archa­isch anmu­tende Schlie­ßung, die die Welt mittels der Ent­ge­gen­set­zung eines Wir gegen die Anderen ver­ständ­lich machen will. Ein solches Prinzip ist hin­rei­chend einfach, um einen starken Ori­en­tie­rungs­punkt in einer als unüber­sicht­lich, ver­wir­rend oder bedroh­lich emp­fun­de­nen Welt abzu­ge­ben. Gleich­zei­tig ist es in sich hin­rei­chend span­nungs­voll, um daraus eine ganze Welt­nar­ra­tion zu ent­wi­ckeln – einen großen und epi­schen Kampf, in dem man auch als Social-Media-Nutzer an Smart­phone und hei­mi­schem Bild­schirm irgend­wie mitkli­cken kann.

Ein solches Ord­nungs­schema ent­fal­tet eine große struk­tu­rie­rende und mobi­li­sie­rende Kraft. Gleich­zei­tig wäre es falsch, seine archai­sche Anmu­tung als evo­lu­ti­ons­bio­lo­gi­sches Relikt zu deuten, mit dem sozio­bio­lo­gi­sche Ansätze Grup­pen­bil­dun­gen ja im Ausgang von einer ersten und ver­meint­lich unhin­ter­geh­ba­ren, pri­mor­dia­len Urhor­den­so­zia­li­tät eher ver­un­kla­ren als erklä­ren. Auch das kon­ser­va­tive Bild einer unauf­heb­bar schlech­ten und darum auto­ri­tär ein­zu­he­gen­den Men­schen­na­tur, das sich mit dem Sozio­bio­lo­gis­mus schnell ver­bin­det, führt in die Irre. Möglich – und für ein zurei­chen­des Ver­ständ­nis der gegen­wär­ti­gen media­len Tri­ba­li­sie­run­gen auch nötig – ist ein sozio-kul­tu­rel­les Ver­ständ­nis des sich spontan und ohne grö­ße­ren Aufwand ein­spie­len­den Ord­nungs­sche­mas – ein Ver­ständ­nis, das von der wert­haf­ten Ori­en­tie­rung und Selbst­ver­ge­gen­wär­ti­gung ausgeht, die zur all­täg­li­chen sozia­len Praxis gehört.

Die Matrix des Blame Game

Die Wir-gegen-Sie-Logik wirkt an vielen Orten – im nega­ti­ven All­tags­klatsch ebenso wie in der Kom­mu­ni­ka­tion von Social-Media-Gruppen. Sie kann auch vor­sätz­lich und stra­te­gisch zur Geltung gebracht werden, etwa in der Rhe­to­rik von popu­lis­ti­scher Politik oder von bou­le­var­di­sier­ten Medien, die mit der Hilfe dieses Wir-gegen-die Anderen-Prin­zips auf Reich­weite, poli­ti­sche Zustim­mung oder öko­no­mi­schen Erfolg zielen. Das Prinzip struk­tu­riert nicht zuletzt die Twitter-Akti­vi­tä­ten von Poli­ti­kern wie Trump oder Salvini. In der Mehr­zahl der Bot­schaf­ten, die diese Poli­ti­ker – oft mehr­mals täglich – einer mil­lio­nen­fa­chen Anhän­ger­schaft senden, bilden Blame Games die Auf­hän­ger und Refe­renz­punkte – nega­tive Wert­ur­teile über Dritte, über poli­ti­sche Gegner oder ehe­ma­lige Ver­bün­dete, über Migran­ten und Flücht­linge, die angeb­lich das Land über­schwem­men, über Gut­men­schen, die dem nicht genug Wider­stand ent­ge­gen­set­zen, oder über kor­rupte Eliten, zu denen die Tweeter selbst nicht gehören wollen. In fast jeder Äuße­rung finden sich ent­spre­chende Schmäh­bot­schaf­ten – direkt oder über Anspie­lun­gen ver­mit­telt.  Ihr Vor­han­den­sein ist ein starkes Kri­te­rium dafür, dass eine popu­lis­ti­sche Äuße­rung vor­liegt. Blame Games bilden den Kern der popu­lis­ti­schen Kommunikation.

Sie sind auch das wich­tigste sprach­prak­ti­sche Mittel, um ver­nunft­ge­lei­tete und auf­klä­re­ri­sche Rede zu des­avou­ie­ren. Ihre kom­mu­ni­ka­tive Matrix wird deut­lich, wenn man sie mit dem rhe­to­ri­schen Modell kon­fron­tiert, wie es seit Aris­to­te­les für die sach­an­ge­mes­sene argu­men­ta­tive Rede ent­wi­ckelt wurde. Der Unter­schied erhellt vor allem am Rede­ge­gen­stand, den Aris­to­te­les´ als einen der drei Eck­punkte in der Grund­be­stim­mung seines rhe­to­ri­schen Drei­ecks ein­führt: „Es basiert nämlich die Rede auf Drei­er­lei: dem Redner, dem Gegen­stand, über den er redet, sowie jeman­dem, zu dem er redet ...“ (Aris­to­te­les 1358a f.). Diese Grund­be­stim­mung gilt auch für die popu­lis­ti­sche Ver­laut­ba­rung. Aller­dings gibt es hier eine Auf­fäl­lig­keit. Pri­mä­rer Rede­ge­gen­stand dieser Rede ist eigent­lich nie eine Sache, sondern so gut wie immer eine Person oder Per­so­nen­gruppe. Tat­säch­lich ist die popu­lis­ti­sche Rede in dop­pel­ter Hin­sicht per­so­na­li­sie­rend. Ihr Gegen­stand ist ein per­so­na­ler. Und er wird stets per­sön­lich und gerade nicht sach­lich adres­siert. Er wird mit nega­ti­ven Wert­ur­tei­len überzogen.

Genauer lässt sich diese per­so­na­li­sie­rende Matrix an der beson­de­ren Ver­wen­dung des Systems der Per­so­nal­pro­no­men erschlie­ßen, in die sie sich ein­schreibt. Der popu­lis­ti­sche Redner und sein Hörer belegen dabei die Posi­tio­nen des Ich und Du. Sie bilden eine – oft nur ima­gi­nierte und meist sehr ein­sei­tig bestimmte – Zwei­er­be­zie­hung wech­sel­sei­ti­ger kom­mu­ni­ka­ti­ver Zuwen­dung. Diese aktua­li­siert sich, wenn das Smart­phone summt und der Prä­si­dent oder Innen­mi­nis­ter seinen Fol­lo­wern live und in Echt­zeit mit­teilt, welche neue unwerte Hand­lung von dritter Seite zu ver­mel­den ist. Ich und Du versus Er, Sie oder Es – die popu­lis­ti­sche Rede aktua­li­siert das rhe­to­ri­sche Dreieck als wert­haft auf­ge­la­de­nen tria­di­schen Personenbezug.

In dieser tria­di­schen Anordung amal­ga­miert der Redner Nar­ziss­mus und Res­sen­ti­ment, die zum psy­chi­schen Treib­stoff des ganzen Vor­gangs werden. In der zwei­samen Inner­lich­keit finden Redner und Hörer eine wech­sel­sei­tige, die jewei­lige Eigen­liebe tra­gende und ver­si­chernde Bestä­ti­gung.  Zur Außen­seite des abge­wer­te­ten Dritten hin lebt sich dagegen Res­sen­ti­ment aus, ein Ankla­ge­wil­len, der den eigenen Wert im ver­meint­li­chen Unwert dritter Per­so­nen spiegelt.

Biggest Show on Earth

Die so cha­rak­te­ri­sierte tria­di­sche Matrix ist es, die die popu­lis­ti­sche Kom­mu­ni­ka­tion immer wieder neu und buch­stäb­lich bis zum Erbre­chen durch­spielt. Es handelt sich um das offen­kun­dig wirk­mäch­tigste Sprach­spiel der Welt. Und es war auch ein Welt­pu­bli­kum, das in vier Jahren Trump reich­lich Zeit hatte, es ken­nen­zu­ler­nen. Mit großer Zuver­läs­sig­keit kata­pul­tierte das Spiel die täg­li­chen Ver­laut­ba­run­gen des Prä­si­den­ten auf Platz eins – und oft auch noch Platz zwei und drei – der täg­li­chen Welt­nach­rich­ten. Trumps Mit­tei­lun­gen fas­zi­nier­ten die Medien und beleg­ten ein Groß­teil des Zeit­bud­gets, das viele Bür­ge­rin­nen und Bürger für poli­ti­sche Infor­ma­tion auf­wen­den. Die Wahr­neh­mung der Welt­öf­fent­lich­keit folgte den Dar­bie­tun­gen des Prä­si­den­ten fast so, als wäre jeden zweiten Tag Mond­lan­dung, Mau­er­fall oder ein Kampf von Muham­med Ali.

Vier Jahre Trump – das war die größte Medi­en­show aller Zeiten, in Gang gesetzt vom kleinen und immer wieder glei­chen Trick der öffent­li­chen Abwer­tung und Demü­ti­gung eines Dritten. Es war letzt­lich das ins Poli­ti­sche gewen­dete Ver­fah­ren, das Trump bereits mit dem Kern­satz seiner Fern­seh­show „The Appren­tice“ vor großem Publi­kum ein­ge­übt hatte, nämlich den Ver­sto­ßungs­akt des „You are fired!“ Es ist die nar­ziss­tisch-res­sen­ti­men­tale Grund­ope­ra­tion eines sich als über­mäch­tig ima­gi­nie­ren­den Ich, das ein Du exklu­diert und eine nicht mehr dazu­ge­hö­rige Dritt­per­son aus ihm macht. Diesen Akt sollte Trump als Prä­si­dent auch im twit­ter­öf­fent­li­chen Feuern und Schlecht­re­den von Mit­ar­bei­tern dut­zend­fach wiederholen.

Mit seinen blame games fas­zi­nierte Trump zunächst einen wach­sen­den Fan­block, dem er die Nähe zu sich zuletzt in einer fast reli­giö­sen Über­hö­hung vor­gau­kelte – selbst viel­leicht kein Hei­li­ger, aber gerade deshalb ein robus­ter Kämpfer für eine heilige Sache. In dieser Ein­klei­dung gelang es ihm sogar, die kle­ri­kale Rechte für sich zu ver­ein­nah­men. Die Anhän­ger­schaft sollte die schein­bare Nähe zur täglich mehr­fach ein­get­wit­ter­ten prä­si­dia­len Macht und der epi­schen Größe des Gesche­hens als eigene Macht, Größe und Wich­tig­keit mitimaginieren.

Aber das Schau­spiel funk­tio­nierte auch bei denen, die sich nicht auf der Wir-Seite des Wir-gegen-die Anderen-Spiels ein­fan­den. Jen­seits des eigenen Fan­blocks fas­zi­nierte Trump mit dem Roi-Ubu-Spek­ta­kel eines Narren an der Macht, das nun vor allem von Boris Johnson gepflegt wird. Trump bot zuver­läs­sig ein zwi­schen erschröck­lich und ver­gnüg­lich chan­gie­ren­des Gothic-Erleb­nis mit einem – ein­ge­stan­den oder nicht – hohen Unter­hal­tungs­wert. Und selbst wer genervt weg­se­hen wollte, konnte sich nicht ganz ent­zie­hen. Denn immer­hin spielte das Stück im wich­tigs­ten Macht­zen­trum einer inter­de­pen­den­ten Welt. Nun ist die Macht des Haupt­ak­teurs ver­fal­len. Man wird sehen, was vom poli­ti­schen Clown, der sie mit seinem ein­fa­chen, aber wir­kungs­vol­len Trick eroberte und ausübte, übrigbleibt.

Der Ver­nunft­an­spruch der Rede

Das primäre Ord­nungs­schema der popu­lis­ti­schen Rede basiert auf einem per­so­na­li­sie­ren­den – und seinem dis­kri­mi­na­to­ri­schen Gehalt nach natür­lich auch ent­per­so­na­li­sie­ren­den – Blame Game, das sich die eigene Welt durch soziale Aus­gren­zung und Feind­bild­kon­struk­tio­nen kon­stru­iert. Auf­grund dieser Per­so­na­li­sie­rung fällt die popu­lis­ti­sche Ver­laut­ba­rung nicht in die aris­to­te­li­sche Gattung der bera­ten­den Rede, die als Teil eines lösungs­ori­en­tier­ten poli­ti­schen Vor­gangs zu ver­ste­hen ist.  Und trotz ihres ankla­gen­den und ver­ur­tei­len­den Gestus´ gehört sie auch nicht zur Gattung der Gerichts­rede, die ja wie die poli­tisch bera­tende unter dem Anspruch des sach­li­chen Benen­nens und Bele­gens sowie des argu­men­ta­ti­ven Begrün­dens steht. Am nächs­ten ver­wandt ist das blame game mit Aris­to­te­les dritter Rede­gat­tung, der Lobrede – und zwar als deren ins Nega­tive ver­kehr­tes Gegen­stück, der Schmährede.

Der Unter­schied zwi­schen blame game und ver­nünf­ti­ger Rede ist beson­ders erhel­lend mit Blick auf die gegen­wär­tige Krise von Ver­nunft und Auf­klä­rung. Denn der Diskurs der Auf­klä­rung findet eine ent­schei­dende Vor­prä­gung in der bera­ten­den und Gerichts­rede, so wie Aris­to­te­les sie kon­zi­piert, nämlich als eine auf der sach­an­ge­mes­se­nen Rekon­struk­tion von Fakten beru­hende, ratio­nal-argu­men­ta­tive Wertung und Hand­lungs­be­grün­dung. Dem, was in der Bera­tungs­si­tua­tion unab­ding­bar ist, dem ange­mes­se­nen Benen­nen, Belegen und Begrün­den, sind gerade die drei klas­si­schen Haupt­teile der Rede bei Aris­to­te­les gewid­met: Ein­ge­rahmt von einem in die Rede­si­tua­tion ein­lei­ten­den und einem zusam­men­fas­sen­den und moti­vie­ren­den Schluss­teil refe­rie­ren diese Rede­teile den Sach­stand, über den beraten wird – also die Fakten, zwei­tens eine These, wie sinn­vol­les und ange­mes­se­nes Urtei­len und Handeln auf dieser Grund­lage aus­se­hen sollte, und drit­tens eine kri­tisch-argu­men­ta­tive Aus­ein­an­der­set­zung mit und Zurück­wei­sung von sach­lich anderen Thesen und Positionen.

Der Drei­schritt der aris­to­te­li­schen Rhe­to­rik: Sach­stand – These – Wider­le­gung von Gegen­the­sen liefert ein Grund­mo­dell für ratio­na­les kom­mu­ni­ka­ti­ves Handeln schlecht­hin. Und im Kern steckt darin auch das Pro­gramm des moder­nen, auf den öffent­li­chen Gebrauch der Ver­nunft zie­len­den Auf­klä­rungs­den­kens. Und es liefert einen Aus­gangs­punkt, von dem her sich die gegen­wär­tige Krise der Ver­nunft ver­ste­hen und beschrei­ben lässt. In der Rolle respek­tive Nicht­rolle des Benen­nens, Bele­gens und Begrün­dens in der popu­lis­ti­schen Rede, liegt das große Erken­nungs­zei­chen, das den Irra­tio­na­lis­mus dieser Rede­form und des von ihr gepräg­ten Geistes anzeigt. Das hat vor allem mit dem ersten, für den Ver­nunft­ge­brauch grund­le­gen­den der drei Schritte zu tun, nämlich mit Pro­ble­men, die dem Trump­schen Popu­lis­mus zurecht den Namen des Post­fak­ti­zis­mus eintrugen.

Post­fak­ti­zis­mus

Wenn der Trump­sche Popu­lis­mus und auch rechts­ex­treme und ver­schwö­rungs­my­thi­sche Dis­kurse einem post­fak­ti­schen Denken zuge­ord­net werden, dann meint das zurück­über­setzt in die Sprache der klas­si­schen Rhe­to­rik, dass die ele­men­tare Sach­ba­sis der Argu­men­ta­tion miss­ach­tet und über­sprun­gen wird. Die post­fak­ti­sche Rede und alles, was sie an Belegen, Thesen und Wider­le­gun­gen vor­bringt, hängt sozu­sa­gen in der Luft – weil sie sich um das fun­da­men­tum in re, nämlich die Fakten nicht schert.

Eine solche Absti­nenz von den Fakten mag solange gut gehen, solange die Akteure die Auf­füh­rungs­be­din­gun­gen der Rede selbst bestim­men und kon­trol­lie­ren können und solange die über­gan­ge­nen Fakten selbst nicht zurück­schla­gen. Trump konnte in seiner Regie­rungs­zeit trotz einer fünftstel­li­gen Zahl von Lügen und Falsch­be­haup­tun­gen Dut­zende Mil­lio­nen von Men­schen in den Bann ziehen. Das hat dem öffent­li­chen Gebrauch der Ver­nunft womög­lich mehr gescha­det, als Jahr­zehnte kan­ti­scher Auf­klä­rung es auf­wie­gen können. Dem Bull­shit­ter selbst scha­dete dies wenig. Erst gegen das här­teste Faktum seiner Amts­zeit, das Coro­na­vi­rus, ver­mochte er nicht erfolg­reich anzu­lü­gen. Das Virus in seiner harten Rea­li­tät küm­merte sich schlicht nicht um seine Sprüche. Es gehört über­haupt nicht zur Welt der mensch­li­chen Sprache, Sprüche und Sinn­kon­strukte.  Es breitet sich viel­mehr seinem viralen Pro­gramm gemäß auf den Wegen aus, die Politik und Gesell­schaft ihm offen­las­sen. Dass erst ein Virus und in der Folge eines der größten Mas­sen­s­ter­be­er­eig­nisse in der Geschichte der USA einen auch poli­tisch fol­gen­rei­chen Beweis für Trumps Bull­shit erbrin­gen konnte – worum den sich gewis­sen­hafte Fak­ten­checks und begrün­dete Argu­mente zuvor weit­ge­hend fol­gen­los bemüht hatten – ist ein wei­te­res Indiz für das Ausmaß der Krise der Ver­nunft, die das Land und weite Teile der Welt gegen­wär­tig durchleben

Ein ähn­li­ches Zurück­schla­gen der Fakten lässt sich manch­mal aber auch in der weniger harten Welt der mensch­li­chen Sinn- und Hand­lungs­be­züge aus­ma­chen. Wer sich in einem zurei­chend funk­tio­nie­ren­den Recht­staat auf das Feld gericht­li­cher Aus­ein­an­der­set­zun­gen begibt, weil er etwa Wahl­fäl­schun­gen unter­stellt, der muss sei­ner­seits Fakten und Beweise liefern. Sie sind das Ein­tritts­ti­cket in das juris­ti­sche Ver­fah­ren. Anschul­di­gun­gen ohne Beweise sind juris­tisch gesehen heiße Luft oder werden selbst zum Faktum einer Falsch­be­haup­tung oder üblen Nach­rede. Anschul­di­gun­gen müssen durch Fakten hin­rei­chend plau­si­bi­liert sein, damit über­haupt ein Ver­fah­ren eröff­net wird, in dem dann in Rede und Gegen­rede über sie ver­han­delt wird. Es darf ange­nom­men werden, dass der juris­ti­sche Zirkus, den Trump nach der ver­lo­re­nen Wahl ver­an­stal­tete, nicht nur eine Dolch­stoß­le­gende um eine „gestoh­lene Wahl“ eines im Felde ver­meint­lich unbe­sieg­ten Prä­si­den­ten insze­nie­ren sollte, sondern viel mit Trumps Post­fak­ti­zis­mus zu tun hat. Das Ergeb­nis der Wahl muss danach ein Fake sein, ein Faktum, das es nicht gibt – oder nur als Schein gibt, der von außen kommt. So wie das „Chinese Virus“, das Trumps ersten, den mensch­li­chen Körper treffen wollte und dabei von seiner schie­ren Wil­lens­kraft nie­der­ge­run­gen und in seinem schein­haf­ten Wesen ent­larvt wurde. In ähn­li­cher Weise geht es nun um Fake-Stimmen, die von einem Außen im Innen her­rüh­ren, von den Demo­kra­ten und ihren welt­wei­ten Agen­tu­ren, die gefälschte Stimmen wie Viren in Umlauf brach­ten, um den zweiten, den prä­si­dia­len Körper und das höhere und ewige Sein zu treffen, das sich in ihm mani­fes­tiert. Die Unfä­hig­keit, eine Nie­der­lage in demo­kra­ti­schen Wahlen anders als aus der nar­ziss­tisch-res­sen­ti­men­ta­len Per­spek­tive einer tiefen Ver­sto­ßung betrach­ten zu können, macht es nötig, das Wahl­er­geb­nis zur teuf­li­schen Intrige umzu­in­ter­pre­tie­ren. Sie führt uns auch nahe an eine vor­de­mo­kra­ti­sche, feudale Denk­weise heran, aus der sich die kan­ti­sche Auf­klä­rung her­aus­ar­bei­ten wollte.

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