Interview mit Andreas Umland: „Mit jedem weiteren Kriegstag wird ein Kollaps Russlands wahrscheinlicher“

Der Osteuropa-Experte Andreas Umland sieht Russland durch den Krieg in zunehmender Bedrängnis. Sollten die wachsenden wirtschaftlichen Probleme mit Niederlagen in der Ukraine zusammenfallen, könnte das Regime kollabieren, sagte der deutsche Historiker und Politologe vom Stockholmer Zentrum für Osteuropastudien (SCEEUS) im Interview mit dem polnischen Journalisten Marek Pedziwol.
Herr Umland, ich habe Ihnen ein Zitat vom polnischen Ministerpräsident Tusk mitgebracht: “Das Problem Europas, der Ukraine, Litauens und Polens ist nicht, dass man Nord Stream 2 in Luft gesprengt hat, sondern dass es gebaut wurde.“ Was sagen Sie dazu?
Tatsächlich hat Deutschland mit diesem Projekt gesamteuropäische Interessen und sogar seine eigenen außenpolitischen und außenwirtschaftlichen Grundsätze verletzt, die von dem Motto „Annäherung durch Verflechtung“ geleitet waren.
Dieses Projekt war ökonomisch sinnlos, weil es genug Transportkapazitäten über Land gegeben hat, vor allem durch die Ukraine. Das ukrainische Gasleitungssystem ist niemals vollständig genutzt worden.
Deutschland hat zwar mit Nord Stream eine eigene Annäherung an Russland erreicht, damit aber auch eine Entfremdung zwischen der Ukraine und Russland befördert, da es die ukrainische und russische Wirtschaft, die zuvor eng miteinander verflochten waren, voneinander gelöst hat. Insofern hat Deutschland geholfen, diesen Krieg durch eine Politik einer russisch-ukrainischen „Entfremdung durch Entflechtung“ vorzubereiten und somit auch dazu beigetragen, dass Putin 2014 den Krieg gegen die Ukraine mit der Okkupation der Krim zu begann und ihn 2022 dann zu einer Vollinvasion eskalierte.
Vor kurzem hat Deutschland gefordert, den Ukrainer Wolodymyr Schurawlew auszuliefern. Er wird der Sprengung von Nord Stream verdächtigt und ist in Polen festgenommen worden. Polen hat abgelehnt, ihn auszuliefern. Wie schätzen Sie diese Entscheidung ein?
Ich halte sie für richtig. Aus deutscher nationaler Sicht ist es nicht ganz klar, warum der deutsche Generalbundesanwalt dieses Verfahren weiterverfolgt. Das Paradoxe an diesem Prozess ist, dass wir nicht über ein funktionierendes Gasleitungssystem, sondern über eine seinerzeit bereits ungenutzte Investitionsruine diskutieren. Zum Zeitpunkt, als diese Explosionen stattfanden, war diese Pipeline bereits von Gazprom stillgelegt worden. Auch der eine Nord Stream 2‑Strang, der nach den Explosionen im September 2022 intakt geblieben ist, wurde seitdem nicht genutzt.
Das heißt, dass das Projekt zum Zeitpunkt, als es zunichte gemacht und die Pipeline zerstört wurde, bereits tot war. Zudem fanden diese Explosionen weder auf deutschem Staatsgebiet noch in deutschen Hoheitsgewässern statt. Der Eigentümer beider Gaspipelines ist entweder mehrheitlich oder vollständig Gazprom – eine russische Staatsfirma. Aus diesen Gründen ist unklar, warum Deutschland ein so hohes Interesse an der Aufklärung dieses Falls hat. Es ist vielleicht im Interesse Schwedens oder Dänemarks, in deren Wirtschaftszonen diese Explosionen schließlich stattgefunden haben. Beide Länder aber haben ihre Untersuchungen bereits vor längerer Zeit eingestellt.
Die deutschen Untersuchungen stehen im Interesse Russlands. Warum Deutschland das jetzt zu einem politischen Problem nicht nur der deutsch-ukrainischen, sondern auch der deutsch-polnischen Beziehungen macht, ist unverständlich. Man bedenke, dass wir es bereits zum damaligen Zeitpunkt mit einem vollumfänglichen Krieg zu tun hatten. Wenn tatsächlich Ukrainer einen Anschlag verübt haben, dann war er ein Teil des russisch-ukrainischen Krieges und sollte als solcher auch behandelt werden.
Das hat der polnische Richter in seiner Begründungsrede auch gesagt. Glauben Sie, dass dieses Projekt wirklich für immer tot ist?
Ja, das glaube ich. Das Projekt ist von Gazprom selbst im August 2022 beendet worden, vor der Sprengung durch die ukrainischen Aktivisten, wenn sie es denn tatsächlich waren. Das Projekt ist moralisch so stark diskreditiert, dass es, glaube ich, nicht wieder belebt wird. Zumal es, wie gesagt, ja eben genug andere Gastransportkapazitäten gibt.
Auch nachdem der Krieg zu Ende ist?
Ja. Es gibt immer noch das ukrainische Gasleitungssystem. Es gibt die Gasleitungen durch Belarus und die Türkei. Wir brauchen Nord Stream einfach nicht. Wir haben es nie gebraucht. Russland brauchte Nord Stream, weil es die Ukraine aus dem europäisch-russischen Gashandel ausschließen wollte. Es war von Anfang an ein geopolitisches und kein ökonomisches Projekt.
Aber zumindest für Deutschland war das russische Gas billig. Für Polen nicht unbedingt.
Das Gas hätte man auch durch die Ukraine leiten können. Selbst nach Beginn des Krieges ist das ukrainische Gasleitungssystem kurioserweise von Russland für Gastransporte in die Europäische Union weiterhin genutzt worden. Man hätte all das machen können und man kann es auch in Zukunft ohne Nord Stream wieder machen – und zwar mit den existierenden Gasleitungen.
Hat Sie das nicht gewundert, dass während der Krieg zwischen Russland und der Ukraine läuft, parallel die Pipelines in der Ukraine weiterhin benutzt werden?
Ja, das war ein Widerspruch. Aber die Ukraine brauchte die Einnahmen aus dem Gastransport, um sich verteidigen zu können. Deshalb hat sie, auch im Interesse der Europäischen Union, die Fortsetzung der Gaslieferungen zugelassen.
Die deutsche Unterstützung der Ukraine war zunächst sehr spärlich und lief sehr schleppend an. Erst später hat sich Deutschland zum Helfer Nummer 1 entwickelt. Wir erinnern uns an das Schlagwort von der Zeitenwende. Doch wurde sie auch tatsächlich eingelöst?
Die Zeitenwende findet weiterhin statt. In gewisser Hinsicht ist die neue Politik unter Friedrich Merz genauso wichtig, wie die Zeitenwende, die von Kanzler Scholz in seiner Rede Ende Februar 2022 angekündigt worden ist. Merz hat eine neue Qualität in die deutsch-ukrainischen Beziehungen gebracht, sowohl rhetorisch als auch finanziell und materiell.
Diese radikale Umkehr Deutschlands von einem pro-russischem zu einem pro-ukrainischem Land hat mit der Realität dieses Krieges zu tun. Wir kennen alle die Phrase von der „normativen Kraft des Faktischen“. Hier ist es so: Das Faktische hat letztlich die Diskurse entkräftet, die früher die pro-russische Politik Deutschlands gerechtfertigt haben. Die Ankunft der ukrainischen Flüchtlinge in Deutschland und die Bilder vom Krieg haben die früheren Narrative über die Nützlichkeit der Handelsbeziehungen, das Verständnis für Russland und ähnliche Erzählungen entkräftet. Jetzt werden diese Positionen nur noch von den radikalen Rechten und radikalen Linken vertreten.
Richtig. Aber diese Zeitenwende, von der wir hier sprechen, fand die auch innerhalb der Bevölkerung statt? Man könnte doch meinen, dass die wachsende Popularität der ukrainefeindlichen, pro-russischen AfD, nicht gerade darauf hinweist.
Tatsächlich ist es so, dass etwa ein Viertel bis ein Drittel der Bevölkerung dagegen oder nicht ganz dahinter steht. Oft deckt sich diese Position mit der Wahlentscheidung für die Alternative für Deutschland, für das Bündnis Sara Wagenknecht oder für Die Linke. Und dennoch wissen wir aus den Umfragen, dass die Mehrheit der deutschen Bevölkerung heute für eine militärische Unterstützung der Ukraine ist.
Was gilt für Deutschland heute? Dass die Ukraine den Krieg nicht verlieren darf, oder aber, dass sie gewinnen muss?
Wenn Sie zehn führende deutsche Politiker fragen würden, dann kann es gut sein, dass sie zehn verschiedene Antworten auf diese Frage bekommen. Wie genau das Ende des Krieges auszusehen hat, darüber herrscht sowohl in der deutschen Politik als auch in der deutschen Bevölkerung immer noch große Uneinigkeit. Aber man ist sich zumindest darin einig, dass die Ukraine den Krieg nicht verlieren darf.
Sind die Deutschen dafür, dass die Ukraine Mitglied der Europäischen Union und der NATO werden wird? Oder gibt es auch hierzu wieder zehn verschiedene Positionen?
Ich habe die letzten Umfragen dazu nicht verfolgt, aber wenn ich mich recht erinnere, ist zumindest die Hälfte der Deutschen für einen Beitritt der Ukraine sowohl in die Europäische Union wie auch in die NATO-Allianz.
Wie sehr wird sich Deutschland beim Wiederaufbau der Ukraine engagieren?
Sobald es tatsächlich einen stabilen Waffenstillstand gibt, wird Deutschland wahrscheinlich die führende Rolle spielen. Auf ein solches Engagement, auf den Aufbau von Energieinfrastruktur, Verwaltungssystemen, Fabriken und ähnliche Aufgaben ist Deutschland tatsächlich viel besser vorbereitet als auf die jetzt notwendige militärische Hilfe, die etwas Ungewöhnliches für Deutschland ist.
Wird das auch im Interesse Deutschlands sein?
Das wird natürlich teilweise auch im Interesse deutscher Firmen stattfinden, die sich engagieren werden. Die Ukrainer haben aber gar nichts dagegen, glaube ich.
Zwischen Deutschland und der Ukraine liegt noch Polen, das eine sehr wichtige Rolle am Anfang des Krieges gespielt hat. Jetzt sieht es ein wenig anders aus. Wie wird sich Polen Ihrer Meinung nach in der nächsten Zeit positionieren?
Mich wundert, dass die polnische Bevölkerung jetzt verstärkt eine andere Einstellung gegenüber den ukrainischen Flüchtlingen einnimmt und dass die polnische Politik in gewisser Hinsicht ambivalent geworden ist. Wie das in der Zukunft wird, weiß ich nicht. Dafür kenne ich Polen nicht gut genug.
Und in Deutschland? Gibt es dort keine Ermüdungserscheinungen bezüglich der ukrainischen Flüchtlinge?
In der deutschen Gesellschaft gibt es ein Gefühl, dass die ukrainischen Flüchtlinge unter all den Flüchtlingen, die wir in Deutschland haben, am wenigsten problematisch sind. Sie integrieren sich gut, immer mehr von ihnen finden Arbeit. Gegenüber den Flüchtlingen aus arabischen Ländern ist der Kontrast zum Vorteil der Ukrainer.
Doch gibt es jetzt eine Entscheidung, dass die Sonderbehandlung der ukrainischen Flüchtlinge beendet wird. Bei der sozialen Unterstützung wurden 2025 Änderungen gemacht. Nunmehr werden ukrainische Flüchtlinge so wie alle Flüchtlinge behandelt und nicht mehr mit besonderer Unterstützung bedacht.
Insgesamt ist meiner Beobachtung nach die Einstellung gegenüber den Ukrainern weitgehend positiv. Zumal gibt es da auch das klare Bild, dass die Menschen nicht fliehen, weil ein Bürgerkrieg stattfindet, sondern weil die Ukraine ein Land ist, das überfallen wurde, und dem man helfen muss.
Wie sieht die Bilanz der Kosten der Beihilfe für die Flüchtlinge aus der Ukraine und ihres Beitrags zum Wohlstand Deutschlands aus?
Soweit ich weiß, ist der Beitrag der ukrainischen Flüchtlinge in Deutschland geringer als in Polen. Ich denke, dass die polnische Wirtschaft von der Anwesenheit ukrainischer Flüchtlinge profitiert.
Man kann sogar sagen, dass sie deutlich profitiert.
So weit sind wir in Deutschland noch nicht, weil viele Ukrainer noch nicht arbeiten und von sozialer Unterstützung leben. Das hat auch damit zu tun, dass es den Ukrainern schwerer ist, die deutsche Sprache zu erlernen als die polnische Sprache. Aber die Ukrainer lernen relativ schnell.
Auch sind die deutschen Regeln, was Bildungsabschlüsse betrifft, restriktiver als in Polen. Deswegen ist die Integration der Ukrainer in den deutschen Arbeitsmarkt schwieriger als in Polen. Trotzdem ist die Stimmung gegenüber ukrainischen Flüchtlingen, meiner Beobachtung nach, besser in Deutschland als in Polen, obwohl sie in Polen einen Beitrag für die polnische Wirtschaft leisten.
Liegt es auch daran, dass diese Bilanz in Deutschland nicht so gut ausfällt, weil die deutsche Sozialunterstützung höher ist?
Ja, das ist ein allgemeines Charakteristikum des deutschen Sozialversicherungssystems, wenn insbesondere kinderreiche Familien das gesamte Spektrum der Sozialleistungen nutzen. Dann ist es manchmal so, dass es lukrativer ist, wenn die Eltern nicht arbeiten gehen und nicht im Niedriglohnbereich arbeiten, weil sie dann am Ende des Monats womöglich weniger Geld haben, als wenn sie nur von sozialer Unterstützung leben würden. Aber das ist ein Problem nicht nur bei Ukrainern, sondern auch mit deutschen Familien, wenn zwei oder mehr Kinder da sind, dass es keinen Sinn mehr macht, arbeiten zu gehen, weil man dann Unterstützung vom Staat erhält.
Der letzte Protagonist in unserem Gespräch ist Russland. Was für Zukunft sehen Sie für Russland nach Beendigung seines Kriegs gegen die Ukraine?
Das ist schwer zu sagen, aber was ich dennoch sagen würde, ist schwerwiegend: Ich glaube, dass ein Kollaps des jetzigen Regimes und sogar des jetzigen russischen Staates mit jedem weiteren Kriegstag wahrscheinlicher wird.
In den letzten Monaten sieht man, dass die russische Wirtschaft immer mehr in Mitleidenschaft gezogen wird und dass wachsende ökonomische Schwierigkeiten für Russland auf der Tagesordnung stehen. Wenn diese Probleme mit militärischen Niederlagen in der Ukraine zusammenfallen, wird das Regime kollabieren. Dann könnte gar der russische Staat kollabieren, so wie der zaristische Staat 1917 oder der sowjetische Staat 1991 kollabiert sind. Das wäre meine Prognose, wenn auch kein sicheres Szenario. Aber mit jedem weiteren Kriegstag wird dieses Szenario wahrscheinlicher.
Ist der Zerfall Russlands auch eine mögliche Perspektive?
Das meine ich mit dem Kollaps des Staates. Das müssen nicht unbedingt die ethnischen Republiken sein, aber wenn Russland in eine Rezession kommt und Probleme etwa mit der Energieinfrastruktur hat, könnte es Unruhen und auch politische Folgen dieser Entwicklung geben. Insbesondere, wenn es neue Niederlagen Russlands in der Ukraine gibt.
Würde China nicht versuchen, Russland zu retten?
Das ist natürlich schwer einzuschätzen. Ich kann nicht beurteilen, inwieweit China die Möglichkeit hat und auch den Willen hat, Russland vor so einem Szenario zu bewahren.
Es heißt oft, die Vereinigten Staaten werden sich auf den Pazifik konzentrieren, sollte das Problem mit dem Krieg gegen die Ukraine zu Ende gehen. Das wäre ein Problem für China.
Ja. Insofern wird China wahrscheinlich Russland weiter unterstützen. Aber trotzdem ist zurzeit die Dynamik des Krieges so, dass Russland immer mehr ökonomische und soziale Probleme bekommt. Für mich ist die Frage offen, ob China eine daraus erwachsende Krisensituation tatsächlich verhindern kann.
Das Interview fand am Rande der 20. Konferenz „Polnische Ostpolitik“ des Kollegs für Osteuropa in Breslau statt und erschien zuerst auf Polnisch bei kulturaenter.
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