Der CSU-Amok­lauf gegen den Islam

Quelle: BMVI/​Flickr

Die Christ­lich Soziale Union – kurz CSU – degra­diert den christ­li­chen Glauben zum folk­lo­ris­ti­schen Deko­ma­te­rial. Sie will mit der Aus­gren­zung von Mus­li­men ihre Macht­stel­lung fes­ti­gen. Damit düngt sie den Boden für die AfD. LibMod-Autor Markus Schu­bert findet: Niemand ver­an­schau­licht Glau­bens­mü­dig­keit und Wer­te­zer­fall anschau­li­cher als diese CSU.

Wer hätte gedacht, dass man sich im Jahre 2018 (wäre man pole­misch, müsste man schrei­ben: wieder) mit einer deut­schen Regie­rungs­par­tei aus­ein­an­der­set­zen muss, die mit der Aus­gren­zung einer reli­giö­sen Min­der­heit im Land ihre Macht­stel­lung fes­ti­gen will. Wenn es die NPD oder die sich bür­ger­lich eti­ket­tie­rende AfD wäre, man würde es für dumm, anma­ßend oder beschä­mend halten, aber da es die CSU ist, eine Partei mit Geschichte und Herr­schafts­er­fah­rung, ist es ein anderer Fall: Brun­nen­ver­gif­tung. Pech, wenn man als C-Partei aus der­sel­ben Quelle trinkt.

An der Ent­christ­li­chung Bayerns, Sach­sens oder Berlins hat der Islam mit all seinen mehr oder weniger radi­ka­len Aus­läu­fern weniger Anteil als die Glau­bens­mü­dig­keit und der Wer­te­zer­fall, den niemand so anschau­lich macht wie die CSU in ihrer durch­aus gott­ver­ges­se­nen Grim­mig­keit.

Erst zögert man, auf solche schlicht kon­stru­ier­ten Pro­vo­ka­tio­nen ein­zu­ge­hen, um sie nicht auf­zu­wer­ten oder weiter zu ver­brei­ten, aber alleine die viel­stim­mige und nicht abrei­ßende Orches­trie­rung dieser Parole seit dem Auftakt der Debatte lässt ahnen, dass die CSU dieses Thema zum Leit­mo­tiv einer ganzen Wahl­kam­pa­gne machen will. Schließ­lich hat Horst See­ho­fers Lieb­lings­klau­sur­gast Viktor Orbán gerade vor­ge­macht, wie das funk­tio­niert – sogar fast ohne Muslime im Land.

Der Satz „Der Islam gehört nicht zu Deutsch­land“ ist ebenso dumm wie perfide. Er ist geris­sen kon­stru­iert, seman­tisch schil­lernd, und als legi­time Negie­rung einer Aus­gangs­these („Der Islam gehört auch zu Deutsch­land“ Bun­des­prä­si­dent Wulff 2010) solide getarnt. Wann und wo immer man die Akteure zu stellen ver­sucht, durch gezielte Nach­fra­gen, ballt sich der Satz rasch zusam­men, weicht aus, taucht weg und steht doch kurz darauf wieder grell und ver­let­zend da wie zuvor.

Alle drei Ele­mente dieser Tat­sa­chen­be­haup­tung bleiben bewusst vage: Was ist „der Islam“? Was bedeu­tet „nicht dazu gehören“? Was meint „Deutsch­land“?

Aus­gren­zung von Mus­li­men und Anbie­de­rung an die AfD

Bedeu­tete „der Islam“ die Gemein­schaft der gläu­bi­gen Muslime in Deutsch­land, hieße „nicht dazu gehören“ gerade des­we­gen ver­bo­ten sein, meinte „Deutsch­land“ die Bun­des­re­pu­blik, deren Grund­werte und deren poli­ti­sches System im Grund­ge­setz gere­gelt sind, dann wäre der Satz zutiefst  inhuman und durch und durch unrecht­mä­ßig. Men­schen müssten dann auf­grund nicht objek­tiv mess­ba­rer Ein­stel­lun­gen und Über­zeu­gun­gen aus­ge­bür­gert, die Reli­gi­ons­frei­heit in Art. 4 GG aus­ra­diert, Got­tes­häu­ser geschleift und Men­schen schließ­lich depor­tiert werden. Alles nicht ohne Bei­spiel, und gerade deshalb ist es so unge­heu­er­lich, dass die CSU-Vor­tur­ner diese Wirkung nicht nur nicht ver­mei­den, sondern ver­mut­lich kal­ku­liert haben.

Kaum hatte der CSU-Chef von den Redak­teu­ren der BILD-Zeitung sein inver­ses Glau­bens­be­kennt­nis anläss­lich des Amts­an­tritts aus sich her­aus­pres­sen lassen, wurde die These in eine Umfrage gespeist – „Stimmen Sie der Aussage zu, dass der Islam nicht zu Deutsch­land gehört?“ – Erstaun­lich, zu welchen Schlicht­hei­ten Sozi­al­wis­sen­schaft­ler bereit sind…! – deren Ergeb­nis dann stolz als Bestä­ti­gung der Rich­tig­keit und Gül­tig­keit des See­ho­fer­schen Impe­ra­tivs in die sozia­len Medien gefeu­ert wurde.

In den 75 % Zustim­mung kommt dank TV und Social Media nun vieles zusam­men und geht wild durch­ein­an­der: Stei­ni­gun­gen und Ent­haup­tun­gen von „Ungläu­bi­gen“ und das Hängen von Straf­tä­tern durch den IS oder im Iran, Angst vor dem Aus­ster­ben der Deut­schen oder jeden­falls der Chris­ten in Deutsch­land, das Ver­hül­len und Zwangs­be­schnei­den von Mädchen, das Begrap­schen von Frauen, Was­ser­pfei­fen rau­chende Män­ner­run­den, Erdo­gans ein­peit­schende Stadion-Reden, Mes­ser­ste­che­reien und Spreng­stoff­gür­tel, lange Bärte, Viel­wei­be­rei, Zwangs­ver­hei­ra­tun­gen und Ehren­morde, Al Kaida-Atten­tate und Maschi­nen­pis­to­len­sal­ven beim Jubel darüber auf den Straßen – und über alles hinweg heult der Ruf des Muezzin über deut­schen Dächern.

Unser Land Deutsch­land“ bedeu­tet mes­ser­scharf codiert: Es ist nicht ihr Deutsch­land!

Die CSU ver­edelt dieses Amalgam aus Ängsten, Schre­cken und Sorgen mit einem Sym­bol­bild: Eine Frau in einer blauen afgha­ni­schen Burka, die Inkar­na­tion der Über­frem­dungs­angst. In Deutsch­land und selbst im häufig von per Direkt­flug ein­rei­sen­den ver­schlei­er­ten Shop­ping-Kun­din­nen aus der Golf-Region besuch­ten München müsste man sich schon sehr anstren­gen, um das Klei­dungs­stück zu ent­de­cken, aber das ist ein anderes Thema.

Die CSU kal­ku­liert anders: Das kleb­rige Abzieh­bild­chen reicht, um es bei jedem machis­ti­schen Mes­ser­an­griff in einer deut­schen Groß­stadt, bei jedem nihi­lis­ti­schen Ter­ror­an­schlag oder bei einer Ein- oder Aus­reise eines gefähr­li­chen Dschi­ha­dis­ten nach oder aus dem IS-Gebiet allen CSU-Kri­ti­kern ans Revers zu heften: „Wir wollten die Deut­schen ja schüt­zen, aber euch war es wich­ti­ger, den Mus­li­men bei­zu­sprin­gen!“

Unter­des­sen ver­sucht die CSU-Spitze, ihren ebenso fins­te­ren wie fol­gen­lo­sen Kern­satz in immer neue, frei­lich nicht weniger unver­bind­li­che Wort­gir­lan­den zu wickeln, um sich die Schmauch­spu­ren abzu­wa­schen: „Der Islam ist nicht iden­ti­täts­stif­tend und kul­tur­prä­gend für unser Land, selbst wenn er Rea­li­tät in vielen deut­schen Städten ist“ (Markus Söder) – „Das Wer­te­fun­da­ment in Deutsch­land beruht auf der christ­lich-abend­län­di­schen Kultur. Daran halten wir fest.“ (Andreas Scheuer) – „Die CSU ist nicht bereit, die kul­tu­relle Iden­ti­tät Deutsch­lands auf­zu­ge­ben. Poli­ti­sche Kor­rekt­heit ist keine Heimat.“ (Alex­an­der Dob­rindt) – Schein­bar erbau­li­che Sprüche für den Hei­mat­ka­len­der, auch von Bun­des­hei­mat­mi­nis­ter Horst See­ho­fer selbst unauf­hör­lich vari­iert: „Unser Land Deutsch­land ist über Jahr­hun­derte geprägt worden vom Chris­ten­tum kul­tu­rell.“

Portrait von Markus Schubert

Markus Schu­bert ist Mode­ra­tor beim Hör­funk­sen­der NDR Info.

Unser Land Deutsch­land“ bedeu­tet hier aller­dings mes­ser­scharf codiert: Es ist nicht ihr Deutsch­land! (vgl. Alex­an­der Gau­lands Kampf­an­sage vom Bun­des­tags­wahl­abend: „Wir holen uns unser Land zurück.“) Einmal gip­fel­ten See­ho­fers Erläu­te­run­gen darin, von den Mus­li­men in Deutsch­land eine „klare Distan­zie­rung von Gewalt“ zu ver­lan­gen, eine weitere rechts­staat­li­che Unge­heu­er­lich­keit. Nicht nur, dass unter­stellt wird, dass Muslime Gewalt unter­stüt­zen, solange sie nicht expli­zit das Gegen­teil aus­sa­gen. Es ver­leiht zugleich den Ter­ro­ris­ten, auf deren Taten sich See­ho­fer offen­sicht­lich als Anlass für eine Distan­zie­rung bezieht, eine quasi-theo­lo­gi­sche Deu­tungs­ho­heit über ihre eigenen, zum reli­giö­sen Akt über­höh­ten Mord­ta­ten, so wie es auch der IS im geistig frag­men­tier­ten Welt­is­lam für sich rekla­miert.

Nicht 5 Mil­lio­nen gläu­bi­ger Muslime leben in Deutsch­land, sondern wohl eher 1 Million. Wie das?

Dass Muslime in Deutsch­land anderes im Sinne haben, als ihr Land zu isla­mi­sie­ren, zeigt derweil ein­drucks­voll der Reli­gi­ons­wis­sen­schaft­ler Michael Blume, der in seinem Buch „Islam in der Krise“ und vielen Blog­bei­trä­gen das Bild von zwei­feln­den Men­schen zeich­net, die sich mangels Aus­tritts­op­tion inner­lich vom Glauben zurück­zie­hen. Auch der Islam ist in der plu­ra­lis­ti­schen deut­schen Gesell­schaft einem Säku­la­ri­sie­rungs­pro­zess unter­wor­fen, und auch die Gebur­ten­ra­ten mus­li­mi­scher Ein­wan­de­rer sinken auf­grund sozia­ler Gege­ben­hei­ten. Muslime welt­weit sind geschockt von Ter­ror­ta­ten im Namen ihres Glau­bens (der übri­gens vor allem Muslime als Opfer hat), sie blicken ent­setzt auf inne­r­is­la­mi­sche Reli­gi­ons­kriege und kor­rupte Regime und erstaunt auf die Auf­nahme von mus­li­mi­schen Kriegs­flücht­lin­gen in Deutsch­land, Italien und Skan­di­na­vien.

Vor allem ent­zau­bert Blume, der in Win­fried Kret­sch­manns Staats­mi­nis­te­rium lange für den Kontakt zu nicht-christ­li­chen Reli­gio­nen zustän­dig war, die Sta­tis­tik: Nicht 5 Mil­lio­nen gläu­bi­ger Muslime leben in Deutsch­land, sondern wohl eher 1 Million. Wie das? Nun, während bei Chris­ten die Tauf­re­gis­ter als Basis dienen können und die Kir­chen­mit­glied­schaft bzw. die Aus­tritte präzise erfasst sind, nehmen die Sta­tis­ti­ker in Deutsch­land für die Kate­go­rie ‚Muslime‘ schlicht­weg die Natio­na­li­tät, also die Her­kunft (hilfs­weise der Eltern) aus mus­li­misch gepräg­ten Staaten als Grund­lage. Die Zahl der ver­meint­li­chen Muslime ist also in Wahr­heit die der Men­schen mit tür­ki­scher, syri­scher, afgha­ni­scher, alba­ni­scher, bos­ni­scher etc. etc. Staats­bür­ger­schaft. Blume ver­weist auf anonyme Umfra­gen, in denen sich eine wach­sende Zahl von offi­zi­ell als Mus­li­men gezähl­ten Men­schen als kon­fes­si­ons­los bezeich­nen oder eben ihre Distanz zu Gemein­den, Gebeten und Riten ihrer Reli­gion bekun­den. Er erläu­tert in einem Blog­bei­trag weiter: „Die Säku­la­ri­sie­rung unter Chris­ten und Juden wird durch jeden (auch bei­trags­spa­ren­den) Aus­tritt und jede nicht erfolgte Taufe sta­tis­tisch sicht­bar, wohin­ge­gen selbst Muslime, die in ihrem ganzen Leben nie eine Moschee von innen gesehen und nie einen Beitrag ent­rich­tet haben, wei­ter­hin als ‚Muslime‘ gezählt werden. Unsere bis­he­ri­gen, ver­zerr­ten Sta­tis­ti­ken täu­schen eine ‚Isla­mi­sie­rung‘ vor, die sich bei der eigent­lich gebo­te­nen Beschrän­kung auf die realen Mit­glied­schaf­ten im Ver­gleich schnell als Chimäre ent­pup­pen würde.“ Die Isla­mi­sie­rung ent­puppt sich hier als Luft­num­mer, bei der Deut­sche unter­stel­len, anders als im Chris­ten­tum gebe es im Islam (in Deutsch­land!) keinen Weg zu Athe­is­mus oder jeden­falls Glau­bens­ferne. Ein for­mel­ler „Aus­tritt“ kann bei Mus­li­men natür­lich nir­gendwo erfol­gen, der Staat hat weder die Aufgabe noch die Hand­habe, Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­kei­ten durch eigene Matri­kel o.ä. zu erfas­sen. Mus­lim­ver­bände und Islam­geg­ner ope­rie­ren so in still­schwei­gen­der Über­ein­kunft mit den Geis­ter­zah­len deut­scher Sta­tis­tik. Und auf dieser fußen wie­derum Über­frem­dungs­fan­ta­sien, wie sie die CSU einer­seits auf­greift, ande­rer­seits selbst anfacht.

Der Bun­des­in­nen­mi­nis­ter macht sich zum Kron­zeu­gen des IS

Ehe wir uns wieder den poli­ti­schen Absich­ten der CSU zuwen­den: Wie bedeut­sam und berech­tigt können sie sein, um die ver­hee­ren­den indi­rek­ten Wir­kun­gen ihres Han­delns auf­zu­wie­gen? Das unsin­nige Claim führt die Inte­gra­ti­ons­be­mü­hun­gen zehn­tau­sen­der Men­schen ad absur­dum. Die Bot­schaft vor allem an junge Muslime der zweiten oder dritten Ein­wan­de­rer­ge­nera­tion ist: ‚Du kannst tun und lassen was du willst. Du kannst Deutsch lernen, du kannst stu­die­ren, zur Bun­des­wehr gehen, Thea­ter­re­gis­seur oder Par­tei­po­li­ti­ker oder Phy­sio­the­ra­peut werden, Kinder in die Welt setzen oder ein Startup gründen – am Ende gehörst Du doch nicht hierher. Es sei denn, du schwörst Deinem Glauben ab (Und das würden wir dir auch nicht glauben.)‘

Oder wie es der Inte­gra­ti­ons­for­scher Prof. Haci Uslucan von der Uni­ver­si­tät Duis­burg im Gespräch mit dem Evan­ge­li­schen Pres­se­dienst mit Blick auf hier gebo­rene Migran­ten aus mus­li­mi­schen Fami­lien for­mu­lierte: Man erwarte von ihnen, sich zu inte­grie­ren. Gleich­zei­tig grenze man sie mit Sätzen wie „Der Islam gehört nicht Deutsch­land“ aus. „Das ist psy­cho­lo­gisch voll­kom­men wider­sin­nig.“

Fataler dabei ist, dass die CSU diese These nicht exklu­siv vor­bringt: Mit anderer Stoß­rich­tung, zyni­scher und grob­schläch­ti­ger, aber im Grunde mit der­sel­ben Erzäh­lung dringt so der Sala­fis­mus und Dschi­ha­dis­mus des IS in seiner vul­gä­ren Mis­sio­nie­rung unter unge­fes­tig­ten jungen Mus­li­men vor: ‚Du gehörst nicht hierher und nicht dazu. Selbst wenn du alles tust, um dich zu inte­grie­ren. Der Islam, und nur der Islam, ist deine Iden­ti­tät.‘ Der Bun­des­in­nen­mi­nis­ter (!) macht sich hier zum Kron­zeu­gen.

Nichts aus dem Kul­tur­kampf gelernt

Die CSU müsste immun gegen aus­gren­zen­den Natio­na­lis­mus sein. Stets und zurecht legte sie Wert darauf, das Lebens­ge­fühl eines Frei­staa­tes und seiner Men­schen zu ver­kör­pern, die eben nicht „nur“ Deut­sche wie der Durch­schnitt sind, sondern deren Iden­ti­tät unver­zicht­bare regio­nale Kom­po­nen­ten hat. Das hat also mit Heimat, aber natür­lich auch eminent mit römisch-katho­li­schen Prägung zu tun. Ebenso wenig wie man sich als Bayer in erster Linie oder gar aus­schließ­lich als Deut­scher fühlt, tut man dies als Katho­lik. Alan Posener fragte daher schon 2015 in der „Welt“ ebenso pole­misch wie tref­fend “Gehört der Katho­li­zis­mus zu Deutsch­land?“ und illus­trierte noch einmal den damals von Bis­marck vom Zaun gebro­che­nen Kul­tur­kampf gegen die Katho­li­ken im jungen Deut­schen Reich der 1870er Jahre. Der Staat bestritt nicht nur reli­giö­sen Auto­ri­tä­ten in Rom und den deut­schen Bis­tü­mern das Recht, in poli­ti­schen oder gesell­schaft­li­chen Fragen ent­schei­dend Ein­fluss zu nehmen. Er stellte auch in Frage, ob Katho­li­ken in ihren Par­al­lel­wel­ten voll­wer­tige Patrio­ten und mithin loyale Bürger sein könnten. Es dauerte lange, bis sich Staat und Kirche darüber ver­stän­dig­ten und die Katho­li­ken mit der Zen­trums­par­tei, aus der nach dem Ungeist des NS-Regimes auch CDU und CSU her­vor­gin­gen, eine poli­ti­sche Platt­form fanden und wählten, die ihnen eine Par­ti­zi­pa­tion im Staat bei fort­ge­setz­ter Rom­treue sicherte. Dass die CSU heute mit ihrer Her­kunft und Prägung bricht, um im Kampf gegen den Islam und sein (angeb­lich unter deut­schen Mus­li­men geteil­tes) Staats­ver­ständ­nis in die Rolle ihrer dama­li­gen natio­nal­li­be­ra­len und -kon­ser­va­ti­ven Gegner zu schlüp­fen, ist eini­ger­ma­ßen bizarr.

Die Antwort auf das Schei­tern: Radi­ka­li­sie­rung

Was aber bezweckt die CSU? Welche Stra­te­gie steckt dahin­ter? – Klar, zur Land­tags­wahl sollen die Wähler, die sich aus Über­frem­dungs- und Isla­mi­sie­rungs­ängs­ten zur AfD ver­lie­fen, „zurück“ in den Mut­ter­schoß der CSU finden. Sie und ihre Spit­zen­män­ner sind es, die sich in Bayern und Berlin darum kümmern, dass Ängste ernst genom­men werden. Selbst im SPIEGEL-Leit­ar­ti­kel wurde applau­diert: Besser die CSU macht es als niemand oder die AfD. Man könnte anneh­men, dass das alles funk­tio­nie­ren kann, wüsste man es nicht besser: Erstens haben CDU und auch CSU bei der Bun­des­tags­wahl unge­fähr glei­cher­ma­ßen an AfD und FDP ver­lo­ren. Zwei Jahre Dau­er­feuer aus München mit der Bot­schaft: ‚Angela Merkel und die CDU ver­sa­gen im Umgang der Her­aus­for­de­rung Flücht­linge & Migra­tion‘ haben min­des­tens außer­halb Bayerns, wo man ja die CSU als hei­mat­treue Alter­na­tive im natio­na­len öffent­li­chen Diskurs gleich­wohl nicht wählen kann, für eine Abwan­de­rung von CDU-Wählern gesorgt. Dar­un­ter waren aber natür­lich auch Wähler, die sich wegen der CSU als „buck­lige Ver­wandt­schaft“ (Cem Özdemir) nicht für die CDU ent­schei­den wollten. Das könnte der CSU mit Blick auf den anste­hen­den Wahl­kampf in Bayern egal sein (auch wenn ihre Kam­pa­gne die Stim­mung in ganz Deutsch­land ver­gif­tet). Aber auch hier lehrt die Erfah­rung anderes: Die AfD ist dort und dann erfolg­reich, wo und wenn ihr Kern­thema die Wahl­arena domi­niert. Also die Angst vor Zuwan­de­rung, Islam und Europa als Bedro­hun­gen einer natio­na­len Iden­ti­tät. Die CSU degra­diert sich nun zum Stich­wort­ge­ber und The­men­er­hit­zer auf dem ein­zi­gen Feld, das die AfD im Wahl­kampf zuver­läs­sig beackert und abern­tet. Was immer die CSU dabei an sym­bo­li­schen For­de­run­gen erhebt, und wie auch immer sie rhe­to­risch auf­rüs­tet, die AfD wird klarer, ent­schlos­se­ner, rück­sichts­lo­ser auf­tre­ten. Die Legi­ti­mi­tät ihrer „Sorgen“ wird der AfD dabei täglich aufs Neue von der CSU und vom Frei­staat Bayern quasi amtlich beschei­nigt. Dass CSU-Poli­ti­ker ein „bür­ger­li­ches Lager“ von Wählern beschwö­ren, um die CSU und AfD kon­kur­rie­ren, ver­stärkt diesen Effekt nur noch. Die AfD musste im baye­ri­schen Bun­des­tags­wahl­kampf im Grunde nur einen ein­zi­gen Slogan pla­ka­tie­ren (und hat das fleißig gemacht, ohne zu merken, dass er im übrigen Bun­des­ge­biet min­des­tens ebenso wirksam gewesen wäre): „Die AfD hält, was die CSU ver­spricht.“ Er ent­larvt nicht nur das Maul­hel­den­tum der Christ­so­zia­len. Er behaup­tet auch die Deckungs­gleich­heit der For­de­run­gen zwi­schen der rechts­ex­tre­men Pro­test­par­tei und der eigent­lich breit auf­ge­stell­ten Volks- und Staats­par­tei in Bayern und leiht sich somit deren Serio­si­tät. Schließ­lich gibt er dem zwei­feln­den Wähler ein Funk­ti­ons­ar­gu­ment an die Hand: Damit die CSU endlich tun darf, was sie sagt, muss ich den Druck von Rechts­au­ßen auf die Partei ver­stär­ken. Auf diese Weise hat sich schon die Linke über viele Jahre an der Seite der SPD mit Pro­test­stim­men voll­ge­saugt.

Dass der Satz der AfD eine bloße Lüge ist, tut der Sache keinen Abbruch. Natür­lich hält sie nicht, was die CSU ver­spricht. Auch sie ver­spricht nur, was nicht zu halten ist. Aber niemand wählt die AfD, damit sie etwas hält oder umsetzt. Ihre Wähler wissen, dass das NOCH nicht geht (weil die sozi­al­de­mo­kra­ti­sierte CDU, die noch nicht ent­fes­selte CSU, die links­grü­nen Medien etc. im Wege stehen).

Aber auch auf dieses Niveau lässt sich die CSU hinab. Den Nimbus der Staats­par­tei, deren poli­ti­scher Wille unmit­tel­bar Gesetz wird, gibt sie auf und geriert sich statt­des­sen als 50+x%-Protestpartei, die man nur ein wei­te­res Mal bei einer Land­tags­wahl wählen muss, damit das Wün­schen wieder hilft oder, um erneut einen CSU-Granden zu zitie­ren, die „kon­ser­va­tive Revo­lu­tion der Bürger“ gegen „linke Main­strea­me­li­ten“ los­bricht, wie Alex­an­der Dob­rindt mit den Reiz­wor­ten der Rechten sinnarm jon­gliert.

Wie gesagt: Bei den Bun­des­tags­wahl 2017 ging die Rech­nung der CSU nicht auf: Sie verlor mehr als 10 Prozent der Zweit­stim­men, die AfD gewann rund 8, weitere rund 5 die FDP. Die Antwort auf das Schei­tern einer Stra­te­gie besteht nun in ihrer Radi­ka­li­sie­rung.

CSU ver­liert Chris­ten

Bei all dem ris­kiert die CSU (und tut das natür­lich auch stets im Namen der gesam­ten Union) den Verlust dezi­diert christ­li­cher Wähler. Ent­schlos­sene Wider­worte für die Islam-Parole des CSU-Chefs kamen ja nicht nur wie zu erwar­ten war, von Grünen, Sozi­al­de­mo­kra­ten und Linken, sondern außer von CDU-Poli­ti­kern vehe­ment vom Münch­ner Erz­bi­schof Kar­di­nal Marx, der im FOCUS klagte: „Diese Debatte führt zu nichts. […] Ein Blick ins Grund­ge­setz reicht doch zur Klärung. Artikel 4 garan­tiert Reli­gi­ons­frei­heit; die unge­störte Aus­übung der Reli­gion ist aus­drück­lich gewähr­leis­tet. Das Recht auf Reli­gi­ons­frei­heit, das ist wirk­lich Teil unserer Staats­rä­son.“

Der Prä­si­dent des Zen­tral­ko­mi­tees der deut­schen Katho­li­ken Thomas Stern­berg kri­ti­sierte in meh­re­ren Inter­views einen „starken Anti­is­la­mis­mus in unserem Land.“ Es beun­ru­hige ihn sehr stark, so Stern­berg in der Pas­sauer Neuen Presse, „dass ver­sucht wird, Pro­blem­la­gen auf eine Reli­gion zu über­tra­gen. Das hat es in der ersten Hälfte des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts schon einmal gegeben: Damals wurden Pau­schal­ur­teile über Juden in die Welt gesetzt. Das hat es den Nazis ermög­licht, den Anti­se­mi­tis­mus bis zum größten Ver­bre­chen der Mensch­heit wei­ter­zu­trei­ben.“ – Wenn in der Par­tei­zen­trale einer C-Partei nicht spä­tes­tens hier die Alarm­glo­cken läuten, die einen schwe­ren Aus­nah­me­feh­ler anzei­gen, wann dann?

Christ­li­cher Glaube wird zum staats­um­rah­men­den Deko­ma­te­rial

Wer sich oder anderen die simple Frage stellt, worin die noto­risch beschwo­rene „christ­lich-jüdi­sche Iden­ti­tät“ Deutsch­land in den ver­gan­ge­nen Jahren am augen­fäl­ligs­ten zum Aus­druck kam, wird sagen müssen: In der an vielen Stellen wie selbst­ver­ständ­lich auf­blü­hen­den Will­kom­mens­kul­tur beim Zustrom der Flücht­linge, die wie­derum etwa mit minu­ten­lan­gem Applaus für die Bun­des­kanz­le­rin und CDU-Chefin beim Caritas-Jah­res­emp­fang in Köln im April 2016 einen Nach­hall fand.

In seiner Video­bot­schaft zu Ostern hat Bayerns neuer Minis­ter­prä­si­dent Söder zwar Oster­hase und Eier­su­che beschwo­ren und hin­zu­ge­fügt: „Es ist aber auch (sic!) ein christ­li­ches Fest.“ Um dann aber nur, ohne Gott, Jesus und die Auf­er­ste­hung auch nur erwäh­nend zu strei­fen, das Chris­ten­tum gegen den Islam aus­zu­spie­len, wobei letz­te­rer „kul­tur­ge­schicht­lich eben nicht eine Wurzel der baye­ri­schen oder deut­schen Prägung“ sei – eine seman­tisch voll­ends pul­ve­ri­sierte Vari­ante frü­he­rer Stanzen dieser Art. „Wir in Bayern jeden­falls feiern Ostern gern. Nicht jeder muss zehnmal in die Kirche gehen, aber die Lebens­form, die Lebens­weise ist so.“ Hier wird, vor­ge­tra­gen in hei­li­gem Ernst, der christ­li­che Glaube zum bloßen staats­um­rah­men­den Deko­ma­te­rial degra­diert. Was ihn iro­ni­scher­weise wieder dem Islam in vielen auto­ri­tä­ren Staaten recht ähnlich macht.

Als Angela Merkel im Sep­tem­ber 2015 die Ehren­dok­tor­würde der Uni­ver­si­tät Bern ent­ge­gen­nahm, fragte eine osten­ta­tiv besorgte Schwei­ze­rin in der dem Festakt fol­gen­den Podi­ums­dis­kus­sion, wie die Kanz­le­rin „Europa und unsere Kultur“ vor der Isla­mi­sie­rung schüt­zen wolle. Die CDU-Chefin ent­geg­nete mit dem Hinweis, dass knapp 50 Mil­lio­nen Chris­ten in Deutsch­land „mal wieder in einen Got­tes­dienst gehen“ und „ein biss­chen bibel­fest sein“ könnten. Das ist intel­lek­tu­ell zwar auf den ersten Blick ähnlich schlank geraten wie Söders Ver­klä­rung der fami­liä­ren Eier­su­che. Dennoch ist darin der Schlüs­sel zur Über­win­dung der ‚Grande Peur‘ vor dem Islam ver­steckt: Dieser ist dank seiner vie­ler­orts auto­ri­tä­ren staat­li­chen Fes­se­lung einfach etliche Jahr­zehnte später dran bei der Säku­la­ri­sie­rung als Chris­ten und Juden in den offenen Gesell­schaf­ten, in denen sie leben. An der Ent­christ­li­chung Bayerns, Sach­sens oder Berlins hat der Islam mit all seinen mehr oder weniger radi­ka­len Aus­läu­fern weniger Anteil als die Glau­bens­mü­dig­keit und der Wer­te­zer­fall, den niemand so anschau­lich macht wie die CSU in ihrer durch­aus gott­ver­ges­se­nen Grim­mig­keit.

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