Popu­lis­mus: ein Zwei-Kom­po­nen­ten-Spreng­stoff

Anschlag von Hanau / Thüringen / AfD: Reinhard Olschanski entwirft eine Theorie des Populismus, die aktuelle Ereignisse plausibel deutet
Guido van Nispen [CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)] via Flickr

Der Popu­lis­mus gibt Rästel auf: Unter den Unter­stüt­zern von AfD, FPÖ oder Ras­sem­ble­ment Natio­nal sind auch Wohl­ha­bende, Erfolg­rei­che und Zuver­sicht­li­che. Ver­lust­ängste allein taugen als Erklä­rung nicht. In seiner Skizze einer Popu­lis­mus­theo­rie rückt der Phi­lo­soph Rein­hard Olschan­ski ein wei­te­res Element in den Fokus: die Lust am popu­lis­ti­schen Spek­ta­kel.

Das Erstar­ken des Popu­lis­mus wird häufig durch Ver­lus­ter­fah­run­gen und soziale Depri­va­tio­nen erklärt. Etwas laufe schief in der Gesell­schaft.

Unter den Ansät­zen, die so argu­men­tie­ren, lassen sich zwei Gruppen unter­schei­den. Die eine sieht in mate­ri­el­lem Mangel, Pre­ka­ri­sie­rung oder sozia­ler Per­spek­tiv­lo­sig­keit die Ursache für die Erup­tio­nen des Popu­lis­mus. Aus den ent­spre­chen­den Erfah­run­gen ent­stehe Groll und Zorn – die Nach­fra­ge­ba­sis popu­lis­ti­scher Anspra­che. Die andere Gruppe von Erklä­rungs­an­sät­zen stellt kul­tu­relle und wert­hafte Fak­to­ren in den Mit­tel­punkt. Die Depri­va­ti­ons­er­fah­run­gen, die Popu­lis­mus her­vor­brin­gen, resul­tier­ten aus iden­ti­täts­ver­un­si­chern­den Umbrü­chen, aus par­ti­zi­pa­to­ri­schen Defi­zi­ten oder der Plu­ra­li­sie­rung und Libe­ra­li­sie­rung tra­di­tio­nel­ler Lebens­wel­ten und ihrer Wert­ho­ri­zonte. Der Popu­lis­mus erscheint dann als „back­lash“, iden­ti­tä­rer Protest oder kul­tu­relle „Gegen­re­vo­lu­tion“.

Portrait von Reinhard Olschanski

Rein­hard Olschan­ski ist Phi­lo­soph. Er arbei­tet im Staats­mi­nis­te­rium Stutt­gart.

Beide Erklä­rungs­an­sätze haben Argu­mente für sich, aber reichen für sich genom­men nicht aus. Zunächst wären weitere, meist über­se­hene Erfah­run­gen anzu­füh­ren, die dis­pa­ra­ter und weniger leicht ver­all­ge­mei­ner­bar sind: diffuse Frus­tra­tio­nen und All­tags­ent­täu­schun­gen, die ihre Ursa­chen in Zufäl­len, in Pro­ble­men mit Freun­des­kreis, Nach­barn oder Arbeits­kol­le­gen, in Ehe­strei­tig­kei­ten, in schlech­ten Schul­leis­tun­gen der Kinder haben, oder auch im Groll darüber, dass in der eigenen Lebens­pla­nung etwas nicht auf­ge­gan­gen ist.

Ein kom­bi­nier­ter Erklä­rungs­an­satz

Aus solchen Erfah­run­gen resul­tiert das res­sen­ti­men­tale Grund­rau­schen einer Gesell­schaft, das irgend­wie immer vor­han­den ist und in Gefahr steht, von popu­lis­ti­scher Anspra­che kana­li­siert zu werden. Neben den zeit­ty­pi­schen Pro­ble­men sollte auch diese dritte, in den mehr oder weniger „nor­ma­len“ Frik­tio­nen und Depri­va­tio­nen des Alltags grün­dende „Nach­fra­ge­ba­sis“ des Popu­lis­mus berück­sich­tigt werden.

Eine weitere Rela­ti­vie­rung der Depri­va­ti­ons­an­sätze ergibt sich, wenn man sie nicht alter­na­tiv gegen­ein­an­der­stellt, sondern im Wort­sinne „rela­ti­viert“ und mit­ein­an­der ver­bin­det. Genau das dürfte den kon­kre­ten All­tags­er­fah­run­gen ent­spre­chen, in denen eines zum anderen kommt und ein Gebräu von Unmut, Groll und Res­sen­ti­ment her­vor­bringt. Eine kom­bi­nierte Deutung besitzt mehr Erklä­rungs­po­ten­zial als Ver­su­che, depri­va­tive Ein­zel­ur­sa­chen her­aus­zu­he­ben. Aller­dings muss man dann auf die prä­gnan­tere, medi­en­wirk­sa­mere These von der einen, klar iden­ti­fi­zier­ba­ren Ursache des Popu­lis­mus ver­zich­ten.

Popu­lis­mus ohne Depri­va­tion

Wenn man zudem noch popu­lis­ti­sche Ein­stel­lun­gen berück­sich­tigt, die sich dort aus­bil­den, wo Ver­lus­ter­fah­run­gen gar nicht vor­lie­gen, rela­ti­viert sich der Depri­va­ti­ons­an­satz noch weiter. Ent­spre­chende Hal­tun­gen finden sich nämlich auch bei Men­schen, die weder mate­ri­ell noch kul­tu­rell abge­hängt sind noch mit beson­de­ren per­sön­li­chen Sorgen und Belas­tun­gen zu kämpfen haben. Es gibt sie auch nicht nur in Kri­sen­re­gio­nen, sondern auch in Regio­nen, in denen die Wirt­schaft boomt und annä­hernd Voll­be­schäf­ti­gung herrscht. Genauso wie in Regio­nen, in denen Men­schen aus fremden Kul­tu­ren kaum anzu­tref­fen sind. Mit anderen Worten: Deu­tun­gen des Popu­lis­mus, die ihn bloß aus Depri­va­tio­nen heraus erklä­ren, können auch zusam­men­ge­nom­men das Phä­no­men nur unzu­rei­chend erfas­sen.

Wohl­stand­schau­vi­nis­mus

Diese These wird durch Unter­su­chun­gen zu men­schen­feind­li­chen und popu­lis­ti­schen Ein­stel­lun­gen gestützt. Denn diese finden sich auch bei Befrag­ten, die angeben, zuver­sicht­lich und hoff­nungs­froh in die Zukunft zu blicken. Und eine neue Studie der Konrad-Ade­nauer-Stif­tung zeigt, dass auch AfD-Wähler mehr­heit­lich mit dem eigenen Leben zufrie­den sind. Popu­lis­mus findet also auch unter Zufrie­de­nen und „Gewin­nern“ eine Anhän­ger­schaft.

Ein wie­der­keh­ren­des Element popu­lis­ti­scher Gewin­nererzäh­lun­gen ist das Fes­se­lungs­mo­tiv. Die Erfolg­rei­chen und Leis­tungs­fä­hi­gen würden durch Regu­lie­run­gen und Sozi­al­ab­ga­ben in ihrem Fort­kom­men aus­ge­bremst. Der klas­si­sche Sozi­al­staat und inzwi­schen auch öko­lo­gi­sche Regu­lie­run­gen seien Leis­tungs- und Wohl­stands­brem­sen, ein Dieb­stahl am Wohl­stand der Erfolg­rei­chen.

Grund­lage solcher Erzäh­lun­gen ist oft ein Markt­ra­di­ka­lis­mus, der zu einem Popu­lis­mus „von oben“, einem „Wohl­stand­schau­vi­nis­mus“ gestei­gert wird. Ayn Rand, die Kult­au­torin der US-ame­ri­ka­ni­schen Rechten, hat ihn in der Rede des „John Galt“ im The­sen­ro­man „Atlas Shrug­ged“ durch­buch­sta­biert. Vor allem in den USA führt ein solcher Popu­lis­mus zu einer schar­fen Ent­ge­gen­set­zung zwi­schen Teilen der Bevöl­ke­rung, die als  pro­duk­tiv respek­tive unpro­duk­tiv gela­belt werden.

Der Wohl­stand­schau­vi­nis­mus kann kaum als Auf­be­geh­ren gegen Depri­va­tion oder kul­tu­relle Mar­gi­na­li­sie­rung ver­stan­den werden. Die ent­spre­chen­den Erzäh­lun­gen zielen auf die Gewin­ner im sozia­len Koor­di­na­ten­sys­tem. Aber wenn Depri­va­ti­ons­an­sätze alleine nicht tragen, wo liegen dann die zusätz­li­chen Ursa­chen?

Das „thy­mo­ti­sche“ Spek­ta­kel

Dem Popu­lis­mus geht es nicht bloß um vor­be­stehende Nöte und Depri­va­tio­nen. Er ver­spricht nicht bloß „Brot“, sondern immer auch „Spiele“ – spek­ta­kel­haf­ten Genuss und exis­ten­ti­elle Inten­si­vie­rung. Und er tut dies auch dort, wo danach anfäng­lich gar keine Nach­frage bestand.

Ein Donald Trump befrie­digt mit jeder Schimpf­ti­rade die Schau­lust einer breiten Öffent­lich­keit. Sein Spek­ta­kel bedient die Mecha­nis­men der Auf­merk­sam­keits­öko­no­mie. Täglich neu und ziel­ge­nau erreicht er die Welt­me­dien und stei­gert neben­bei auch die Auf­la­gen und Reich­wei­ten von Medien, die ihn kri­ti­sie­ren. Der Popu­lis­mus ist wesent­lich eine Praxis des Spek­ta­kels, der Unziem­lich­kei­ten, Tabu­brü­che und Grenz­über­schrei­tun­gen.

Das Auf­kit­zeln von Schau­lust muss für sich nicht pro­ble­ma­tisch sein. Theater und Satire wären ohne ent­spre­chende Tech­ni­ken kaum denkbar. Auch der Kar­ne­val zieht mit seinen Dar­bie­tun­gen Auf­merk­sam­keit auf sich. Der Popu­list nimmt hier kräf­tige Anlei­hen. Wie der Kar­ne­va­list lässt er es „richtig krachen“.  Aller­dings geht es ihm nicht um spie­le­ri­sche Über­win­dung sozia­ler Ent­ge­gen­set­zun­gen und Dis­tink­tio­nen qua Nar­re­tei, sondern – im Gegen­teil – um deren Kon­struk­tion und Befes­ti­gung. Das popu­lis­ti­sche Spek­ta­kel ist der dunkle Ver­wandte des Kar­ne­vals. Er ver­söhnt nicht, sondern schließt aus.

Der Popu­lis­mus stei­gert Schau­lust zu Wutlust. Vornehm aus­ge­drückt: Popu­lis­ti­sche Kom­mu­ni­ka­tion erhöht die „thy­mo­ti­sche Span­nung“, wie der AfD-Phi­lo­soph Marc Jongen es im Anschluss an Peter Slo­ter­dijk for­mu­liert. Weniger vornehm gespro­chen: Der Popu­list sta­chelt Wut und Hass auf und schafft einen kom­mu­ni­ka­ti­ven Rahmen, in dem das Publi­kum seine Emo­tio­nen zunächst ima­gi­na­tiv auslebt. Diese Lus­terfah­rung des thy­mo­thi­schen Spek­ta­kels wird durch die Depri­va­ti­ons­an­sätze bislang zu wenig berück­sich­tigt.

Die Defi­ni­tion des öffent­li­chen Feinds

Für die Insze­nie­rung des thy­mo­ti­schen Spek­ta­kels hat das Eng­li­sche einen Aus­druck parat: „enmi­fi­ca­tion“  – die ziel­ge­rich­tete Praxis der Anfein­dung.  Fast jede popu­lis­ti­sche Aussage enthält die Aus­deu­tung eines Feindes, der – zunächst einmal rhe­to­risch – bekämpft werden müsse. Die Wort­füh­rer des Popu­lis­mus befrie­di­gen eine viel­fäl­tige Nach­frage nach Aus­deu­tung per­so­na­ler Schuld und Ver­ant­wor­tung.

Ein bekann­tes Bei­spiel ist das deut­sche „August­er­leb­nis“ 1914, der Hurra­pa­trio­tis­mus am Vor­abend des Ersten Welt­kriegs. Ange­sichts eines äußeren Feindes schie­nen alle Gegen­sätze inner­halb der Reichs­na­tion hin­fäl­lig zu werden. In seinem 1926 publi­zier­ten Roman „Genera­tion 1902“ gibt Ernst Glaeser dem August­er­leb­nis eine sar­kas­ti­sche Beschrei­bung: Die sich mit Streit und Gehäs­sig­kei­ten über­zie­hen­den Bewoh­ner eines Pro­vinz­städt­chens erfah­ren während eines Schüt­zen­fests vom Beginn des Kriegs. Mit einem Schlag weichen die Dis­tink­tio­nen und poli­ti­schen Ani­mo­si­tä­ten hur­ra­t­run­ke­ner Ver­brü­de­rung.

Aber das August­er­leb­nis wurde auch poli­tik­theo­re­tisch aus­ge­deu­tet. Dem Staats­recht­ler Carl Schmitt dient es als Bei­spiel für das, was er als das Wesen der Poli­ti­schen fasst: die Aus­deu­tung des öffent­li­chen Feinds. Im Popu­lis­mus wird die Feind­be­stim­mung zur Funk­tion einer eska­la­to­ri­schen Praxis, die Feinde schafft, um das gesell­schaft­li­che Klima bis an die Grenze von Bürger- oder zwi­schen­staat­li­chen Kriegen anzu­hei­zen.

Epi­pha­nie der Gewalt

Auf die Eigen­lo­gik der Enmi­fi­ka­tion deutet der Begriff der „Auf­het­zung“ hin. Hetze ist die Praxis rhe­to­ri­scher Feind­bild­auf­la­dung. Sie avi­siert den Sie­de­punkt des bloß Rhe­to­ri­schen, an dem hass­erfüllte Rede auch phy­si­sche Gewalt pro­vo­ziert. Das thy­mo­ti­sche Spek­ta­kel ver­lei­tet Men­schen zu Hand­lun­gen, zu denen sie unter nor­ma­len Umstän­den kaum fähig wären. Die rasende Aus­brei­tung der Gewalt in den Jugo­sla­wi­en­krie­gen der 1990er Jahre ist dafür ein neueres Bei­spiel.

Dem Täter ermög­licht der Gewalt­akt eine epi­pha­ni­sche Erfah­rung im Sinne eines Macht- und Über­le­gen­heits­ge­fühls. Ent­spre­chen­des dürfte für Hoo­li­gans gelten, die in Krawall und Schlä­ge­reien eine „dritte Halb­zeit“ ver­an­stal­ten. Oder für poli­ti­sche Schlä­ger- und Ter­ror­trup­pen, inter­na­tio­na­les Söld­ner­tum und die Frem­den­le­gi­ons- und Spe­zi­al­kom­mando-Roman­ti­ker. Auf­fal­lend ist dabei immer wieder die Zufäl­lig­keit der Feind­bild­kon­struk­tion. Der Nach­fra­ge­seite ist es gleich, welcher Feind aus­ge­deu­tet wird. Die Geschichte hat gezeigt, dass wenige Aben­teu­rer dieses Schlags genügen, um Dik­ta­tu­ren mit dem Per­so­nal für ihre Schmutz­ar­bei­ten aus­zu­stat­ten.

Das faschis­ti­sche Erleb­nis

Eine frag­wür­dige Krone und auch Selbst­über­bie­tung findet die epi­pha­ni­sche Erfah­rung im „faschis­ti­schen Erleb­nis“. Hier stei­gert und trans­for­miert sie sich zur Lust am Todes­kit­zel. Die prä­gnan­teste Beschrei­bung findet sich bekannt­lich in Ernst Jüngers lite­ra­ri­scher Ver­ar­bei­tung des Ersten Welt­kriegs. Die Eupho­rie des „August­er­leb­nis­ses“ war beim Groß­teil der kämp­fen­den Truppe schnell ver­flo­gen, Jünger aber stei­gerte sie zu einer ästhe­ti­schen Lebens­phi­lo­so­phie. Der äußere Zweck des Kampfes wird darin gleich­gül­tig, ent­schei­dend ist das „innere Erleb­nis“, die rausch­haft emp­fun­dene Grenz­über­schrei­tung der toll­kühn in den Kugel­ha­gel stür­men­den Sol­da­ten. So in Jüngers „Der Kampf als inneres Erleb­nis“: „Vor einem Angriff sind ihre Gräben von begeis­ter­ter Mann­schaft durch­flu­tet, und wenn unsere Sturm­si­gnale hin­über­blin­ken, machen sie sich zum Ring­kampf […] bereit“. Armin Mohler – zeit­wei­lig Pri­vat­se­kre­tär Ernst Jüngers und in den späten 1940er Jahren Erfin­der des Sam­mel­be­griffs „Kon­ser­va­tive Revo­lu­tion“ – , leuch­tete die Erfah­rung der Todes­nähe tiefer aus: „Prüft man heute unbe­fan­gen jene Zeug­nisse des ´Auf­bruchs‚ [in den Ersten Welt­krieg, d.V.], so stößt man kaum auf Hass auf den Feind, (das war im wesent­li­chen die Ange­le­gen­heit des Hin­ter­lan­des). Hinter der in den Vor­der­grund gescho­be­nen Ver­tei­di­gung der Heimat wird etwas Drin­gen­de­res spürbar: die Sehn­sucht nach einer anderen, unbe­ding­ten Lebens­art.“ Auch bei Jünger hatte sich die Ent­ge­gen­set­zung zum Feind in dunklen Dio­ny­sien exis­ten­ti­ell über­bo­ten: „Doch wenn wir Auf­ein­an­der­pral­len im Gewölk von Feuer und Qualm, dann werden wir eins, dann sind wir zwei Teile von einer Kraft, zu einem Körper ver­schmol­zen“. Die „zu einem Körper“ Ver­schmol­ze­nen sind keine Feinde mehr, sondern not­wen­dige Partner –   wech­sel­sei­tige Bedin­gun­gen der Mög­lich­keit eines rausch­haf­ten Erle­bens.

Die sub­li­mierte Front­kämp­fer­er­fah­rung über­bie­tet die spie­ßi­gen Wir-gegen-Sie-Ant­ago­nis­men des „Hin­ter­lan­des“ exis­ten­ti­ell. Vor allem aber – und darauf kommt es an! – inspi­riert sie den Kampf gegen einen nicht mehr bloß funk­tio­nal aus­ge­deu­te­ten Feind im Hin­ter­land: nämlich den Libe­ra­lis­mus. Für die „kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­tio­näre“ ist nicht etwa die poli­ti­sche Linke, sondern der frei­heit­li­che, indi­vi­dua­lis­ti­sche und weithin unhe­roi­sche Libe­ra­lis­mus der wirk­li­che Feind. Mohler deutet an, dass von der ins Faschis­ti­sche gewen­de­ten Front­kämp­fer­er­fah­rung einige Bei­träge zur Über­win­dung der libe­ra­len Demo­kra­tie zu erwar­ten sind: „die­je­ni­gen die über­le­ben, bringen gerade diese Span­nung von Jugend und Tod in die liberal geblie­bene Umwelt zurück …“.

Popu­lis­mus: ein Zwei-Kom­po­nen­ten-Spreng­stoff

Die Suche nach Ursa­chen für den Popu­lis­mus erbringt ein kom­ple­xes Bild. Ja, Depri­va­tio­nen können macht­voll wirken. Aber popu­lis­ti­sche Ange­bote finden auch bei Men­schen ohne mate­ri­el­len oder ideel­len Man­gel­druck Anklang. Neben den Frust- müssen auch Lust­mo­ti­va­tio­nen zum Ver­ständ­nis des Phä­no­mens her­an­ge­zo­gen werden.

Ein Bild zur Ver­deut­li­chung: der Popu­lis­mus wirkt wie ein Staub­sauger auf seine Anhän­ger­schaft. Er zieht sowohl von Lust wie von Frust getrie­bene Men­schen an. Aber er ist mehr als das. Denn er facht auch wie ein  Bla­se­balg die Flammen von Hass, Wut und Streit über­haupt erst an. Durch ein solches gleich­zei­ti­ges Anzie­hen und Anfa­chen wird er zum Bezugs­punkt für per­sön­li­ches und sozia­les Unwohl­sein und für Bedürf­nisse nach Selbst­stei­ge­rung.  Er prä­sen­tiert dem Groll und der Wutlust  einen gemein­sa­men  Feind. Und in der spür­ba­ren Anhe­bung der thy­mo­ti­schen Span­nung schafft er Gemein­schafts­ge­fühle.

Mit der Beob­ach­tung, dass der Popu­lis­mus kol­lek­tive Hass- und Res­sen­ti­ment­ge­fühle her­vor­bringt, erhält auch die ein­gangs auf­ge­stellte Kom­bi­na­ti­ons­these ein Fun­da­ment in der Sache. Die vor­ge­schla­gene Addi­tion von Ursa­chen und Moti­va­tio­nen spie­gelt den tat­säch­li­chen Syn­kre­tis­mus der popu­lis­ti­schen Praxis wider. Der Popu­lis­mus erreicht eine dis­pa­rate Anhän­ger­schaft, indem er unter­schied­li­che Bedürf­nisse auf­greift, einen Feind aus­deu­tet und gegen ihn einen öffent­li­chen Schau­kampf insze­niert.

Der Ein­heits­punkt des Popu­lis­mus liegt deshalb nicht in spe­zi­fi­schen Formen von Hass, Wut und Res­sen­ti­ment, die sich an alles und jedes heften können. Auch liegt er nicht in den popu­lis­ti­schen Dar­stel­lern. Sie stehen jeder Zeit bereit, aber finden oft kein Gehör. Der Ein­heits­punkt liegt in der Ver­bin­dung von Auf­peit­schern und Publi­kum. Popu­lis­mus ist ein Zwei-Kom­po­nen­ten-Spreng­stoff. Alles hängt davon ab, ob und wie die res­sen­ti­ment­haf­ten Moti­va­tio­nen und Bedürf­nisse und die popu­lis­ti­schen Aus­deu­ter zusam­men­fin­den.

Zeit­dia­gnose: Die Erup­tion des Popu­lis­mus

Aber wenn Auf­peit­scher immer schon bereit stehen und res­sen­ti­men­ta­les Grund­rau­schen, Depri­va­tio­nen und auch Gewalt­lust nie ganz ver­schwin­den dürften, warum bringt der Popu­lis­mus dann zu bestimm­ten Zeiten beson­dere Erup­tio­nen hervor? Anders gefragt: Unter welchen Bedin­gun­gen ver­bin­den sich die Kom­po­nen­ten des popu­lis­ti­schen Spreng­stoffs und werden explo­siv?

Eine Antwort liefert die These von den popu­lis­ti­schen Momen­ten.  Beson­dere Ereig­nisse können eine Kata­ly­sa­tor­funk­tion haben und Themen „vor­wär­men“, um die herum dann der popu­lis­ti­sche Aus­bruch erfol­gen kann. In Deutsch­land gab es zuletzt in kurzer Abfolge gleich zwei solcher Momente.  Einmal als die US-Immo­bi­li­en­krise auf die Finanz­welt über­schwappte und sich in Europa in einer Euro- und Staats­fi­nanz­krise entlud. Die AfD fand hier ein Umfeld, in dem sie mit ihrer popu­lis­ti­schen Adres­sie­rung der Pro­bleme ent­wi­ckeln konnte. Dem folgte 2015 bekannt­lich die soge­nannte „Flücht­lings­krise“.

Aber es geht auch um die Frage, wie eine Gesell­schaft kom­mu­ni­ziert und Ereig­nisse ver­ar­bei­tet. Tat­säch­lich haben sich die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­hält­nisse stark ver­än­dert. Mit dem Inter­net und den sozia­len Netz­wer­ken ist heute fast jeder sein eigener Chef­re­dak­teur und ver­laut­bart seine Ansich­ten nicht etwa nur in engeren Zirkeln, sondern auf der brei­te­ren Bühne des Inter­nets. Kom­mu­ni­ka­tive Blasen immu­ni­sie­ren gegen Fak­ten­prü­fung und abwei­chende Mei­nun­gen. Auch die Aus­wahl­al­go­rith­men der Netz­werk­be­trei­ber per­so­na­li­sie­ren und emo­tio­na­li­sie­ren die Art der Kom­mu­ni­ka­tion.

Auch klas­si­sche Medien, die zuneh­mend in Kon­kur­renz zur Inter­net­kom­mu­ni­ka­tion geraten, bauen qua­si­po­pu­lis­ti­sche Ele­mente ein. Sie setzen ihrer­seits auf Emo­tio­nen und bedie­nen Themen und Agenden des Popu­lis­mus, um Quote und Reich­weite zu ver­tei­di­gen.

Den Spreng­stoff des Popu­lis­mus  ent­schär­fen

Wer den Spreng­stoff des Popu­lis­mus ent­schär­fen will, muss die beiden Kom­po­nen­ten, aus denen er sich zusam­men­setzt, im Auge haben. Man muss Ursa­chen für soziale Res­sen­ti­ments angehen, wo es reale Ursa­chen für Unmut, Wut und Empö­rung gibt. Mit Blick auf die Ein­peit­scher bedeu­tet es, so zu kom­mu­ni­zie­ren, dass nicht ihre Spek­ta­kel­the­men und die popu­lis­ti­sche Art ihrer Adres­sie­rung die Agenda bestim­men. Wo demo­kra­ti­sche Debat­ten in Spek­ta­kel­kon­fron­ta­tio­nen abglei­ten, hat der Popu­lis­mus leich­tes Spiel.

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