Wie Rechts­po­pu­lis­ten ver­su­chen, russ­land­deut­sche (Spät‑)Aussiedler/innen in sozia­len Medien für ihre Sache zu gewinnen

Foto: Unsplash.com, Christian Wiediger
Foto: Unsplash.com, Chris­tian Wiediger

Rechts­po­pu­lis­ti­sche bis ‑extreme Akteure spre­chen immer wieder Russ­land­deut­sche als Ziel­gruppe an und nutzen dafür zuneh­mend auch soziale Netz­werke. Dabei ver­su­chen sie, ihre poli­ti­schen Ziele mit den Erfah­rungs­wel­ten der Russ­land­deut­schen zu ver­knüp­fen. Eine Unter­su­chung von Social-Media- und Mes­sen­ger-Inhal­ten aus ent­spre­chen­den Quellen zeigt: Es werden zahl­rei­che Reprä­sen­ta­ti­ons- und Iden­ti­fi­ka­ti­ons­an­ge­bote gemacht, die an die kon­kre­ten Ängste, Brüche und Aus­gren­zungs­er­fah­run­gen der Com­mu­nity anknüp­fen. Außer­dem zeigt sich: Rechts­ex­treme und ‑popu­lis­ti­sche Parolen und Ver­ein­nah­mungs­ver­su­che blieben mangels demo­kra­ti­scher Gegen­stim­men häufig unwi­der­spro­chen. Eine Recher­che von Iliane Kiefer, Paula Mangold und Sergej Prokopkin.

 

 

Öffent­li­ches Zerr­bild über poli­ti­sche Ein­stel­lun­gen der Russlanddeutschen

2016 rückte der „Fall Lisa“¹ (Spät-)Aussiedler/innen in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung in ein Licht, das der Gruppe pau­schal poli­ti­sche Ein­stel­lun­gen zwi­schen natio­nal­kon­ser­va­tiv und rechts­ex­trem zuschrieb. Medi­en­bei­träge mit Titeln wie Rechts­ruck in „Klein-Moskau„² (Spiegel) för­der­ten ein ver­zerr­tes Bild, das Russ­land­deut­sche zum neuen Stamm­kli­en­tel rechter Par­teien erklärte. Erste Studien zum Wahl­ver­hal­ten von Einwander/​innen konnten jedoch zeigen, dass diese Dar­stel­lung nicht haltbar ist: Zwar sind vor allem ältere (Spät-)Aussiedler/innen ten­den­zi­ell eher kon­ser­va­tiv ein­ge­stellt, die Bericht­erstat­tung wird jedoch weniger durch tat­säch­li­ches Wahl­ver­hal­ten, sondern viel­mehr durch ste­reo­type Dis­kurse bestimmt.³

Ein kurzer Blick in die Geschichte

1941 begann mit dem Ost­feld­zug von Wehr­macht und SS der Ver­nich­tungs­krieg des Deut­schen Reichs gegen die Sowjet­union. Die dort ansäs­sige deut­sche Min­der­heit erlitt unter dem Vorwurf der Kol­la­bo­ra­tion Repres­sio­nen der sta­li­nis­ti­schen Behör­den. Sie wurden als Volks­gruppe nach Sibi­rien und Kasach­stan depor­tiert, unter Son­der­auf­sicht gestellt und mussten bis 1955 Zwangs­ar­beit ver­rich­ten. Auch danach konnten deut­sche Sprache und Kultur oft nur im Ver­bor­ge­nen gelebt werden. Die Bun­des­re­pu­blik sagte den Russ­land­deut­schen auf­grund des von Deutsch­land ver­ant­wor­te­ten Kriegs­fol­gen­schick­sals Auf­nahme und die deut­sche Staats­bür­ger­schaft zu. Recht­li­che Grund­la­gen hierfür wurden mit dem Bun­des­ver­trie­be­nen­ge­setz von 1953 und dem Kriegs­fol­gen­be­rei­ni­gungs­ge­setz von 1993 geschaffen.⁴ Auf dieser Grund­lage kamen allein nach 1990 mehr als 2 Mio. russ­land­deut­sche (Spät-)Aussiedler/innen⁵ in die Bundesrepublik.

Rechts­ex­treme auch unter Russlanddeutschen

Die Mehr­heit der Russ­land­deut­schen ist demo­kra­tisch ein­ge­stellt. Damit soll jedoch nicht bestrit­ten werden, dass – nicht anders als in der sons­ti­gen Bevöl­ke­rung – auch unter Russ­land­deut­schen durch­aus Per­so­nen mit aus­ge­prägt rechten Ein­stel­lun­gen und ent­spre­chen­dem Wahl­ver­hal­ten sowie rechts­ex­treme Grup­pie­run­gen exis­tie­ren. Diese Netz­werke pflegen Ver­bin­dun­gen nach Russ­land, zu rechts­ex­tre­men Par­teien wie der NPD, dem Armi­nius-Bund und der Partei DIE EINHEIT (zwei von Russ­land­deut­schen gegrün­dete rechts­ex­treme Kleinst­par­teien) sowie zu russ­land­deut­schen Biker- und Kampf­sport­grup­pen. Ins­ge­samt treten die Akteure dieser Netz­werke zwar in den Sozia­len Medien laut auf, waren jedoch bislang wenig einflussreich.
Ver­ein­nah­mung durch rechts­ex­treme und rechts­po­pu­lis­ti­sche Par­teien und Gruppen
Auf der anderen Seite ver­su­chen Kräfte aus dem rechten Spek­trum seit jeher, (Spät-)Aussiedler/innen für sich zu gewin­nen. Vor allem über soziale Medien spre­chen sie die russ­land­deut­sche Com­mu­nity gezielt an. Sie ver­su­chen, ihre Inhalte und poli­ti­schen Ziele mit den Erfah­run­gen und Lebens­wel­ten der Russ­land­deut­schen zu ver­knüp­fen. Mit wenigen Aus­nah­men sind rechts­ex­treme und ‑popu­lis­ti­sche Kräfte derzeit die ein­zi­gen poli­ti­schen Akteure, welche die russ­land­deut­sche Com­mu­nity mit einer ziel­ge­rich­te­ten Anspra­che zu errei­chen ver­su­chen. Die sys­te­ma­ti­sche Nutzung von Sozia­len Medien und Mes­sen­ger-Diens­ten ver­schärft dieses Problem. Weil demo­kra­ti­sche Akteure hier weniger präsent sind, gibt es in den geschlos­se­nen Dis­kursräu­men der sozia­len Medien kaum Wider­spruch. Die unter Russ­land­deut­schen durch­aus vor­han­de­nen Gegen­mei­nun­gen werden nicht abge­bil­det, popu­lis­ti­sche rechts­ex­treme Akteure erlan­gen deshalb oft die Diskurshoheit.

Reprä­sen­ta­ti­ons- und Iden­ti­fi­ka­ti­ons­an­ge­bote von rechts

Wie gelingt es rechts­po­pu­lis­ti­schen bis ‑extre­men Akteu­ren, ihre poli­ti­schen Ziele mit den Erfah­rungs­wel­ten der Russ­land­deut­schen zu ver­knüp­fen? Eine Unter­su­chung von Social-Media- und Mes­sen­ger-Inhal­ten aus rechten Quellen zeigt: Die Akteure machen zahl­rei­che Reprä­sen­ta­ti­ons- und Iden­ti­fi­ka­ti­ons­an­ge­bote an die Gruppe der (Spät-)Aussiedler/innen. Sie können dabei mangels Gegen­stim­men in diesen Räumen unan­ge­foch­ten agieren und spielen gezielt mit Ver­un­si­che­run­gen im Selbst­ver­ständ­nis von Russ­land­deut­schen, die mit den Brüchen in ihrer Migra­ti­ons­bio­gra­phie und erleb­ter Aus­gren­zung zusammenhängen.
Zum einen wird die rus­si­sche Sprache stra­te­gisch genutzt, etwa durch Präsenz in rus­si­schen Social-Media-Kanälen oder durch Über­set­zun­gen von Mel­dun­gen aus deut­schen Medien ins Rus­si­sche. Durch eine ten­den­ziöse, nicht wort­ge­treue Über­set­zung trägt diese ver­meint­li­che Ser­vice­leis­tung zu einer ver­zerr­ten Wahr­neh­mung der tat­säch­li­chen Bericht­erstat­tung bei. Neben der rus­sisch­spra­chi­gen Adres­sie­rung wird der Com­mu­nity auch das Angebot einer poli­ti­schen Inter­es­sens­ver­tre­tung, etwa hin­sicht­lich einer Ver­bes­se­rung der Ren­ten­si­tua­tion und der Ver­tre­tung von Russ­land­deut­schen in Par­la­men­ten gemacht, sowie Ange­bote einer sym­bo­li­schen Reprä­sen­ta­tion wie z.B. durch Gedenk-Postings zum „Tag der Russlanddeutschen“.
Darüber hinaus wird ver­sucht, an den Lebens­wirk­lich­kei­ten der Russ­land­deut­schen anzu­knüp­fen, um popu­lis­ti­sche und z.T. men­schen- und ver­fas­sungs­feind­li­che Inhalte zu ver­brei­ten. Kon­flikte und Bedürf­nisse von (Spät-)Aussiedler/innen werden nur schein­bar auf­ge­grif­fen und ver­ein­fachte Ant­wor­ten gelie­fert. Gleich­zei­tig werden Ängste befeu­ert und so der Boden für Res­sen­ti­ments berei­tet. Es ent­steht ein sich selbst ver­stär­ken­der Kreis­lauf. Die Anknüp­fungs­punkte sind viel­fäl­tig und zum Teil auch wider­sprüch­lich, wie im Fol­gen­den gezeigt wird.

Sechs rechts­po­pu­lis­ti­sche Ver­knüp­fungs­stra­te­gien und Argumentationsfiguren

Ver­mitt­lung eines völ­kisch-iden­ti­tä­ren Ver­ständ­nis­ses von Gesellschaft

 

Die rechts­ex­treme Partei NPD nimmt das Fest­hal­ten der Russ­land­deut­schen an Sprache und Kultur für ihr völ­kisch-natio­na­lis­ti­sches Welt­bild in Anspruch.

Rechts­po­pu­lis­ten setzten beim trau­ma­ti­schen Ver­fol­gungs­schick­sal der Russ­land­deut­schen in der Sowjet­union an. Die Bewah­rung der eigenen Kultur in der Dia­spora hatte für Russ­land­deut­schen viele nach­tei­lige Kon­se­quen­zen. Dieses Fest­hal­ten an deut­scher Sprache und Kultur unter wid­ri­gen Umstän­den wird jedoch von Rechts­po­pu­lis­ten für ihre ras­sis­ti­sche Politik nutzbar gemacht, die darauf abstellt, ein völ­kisch ver­stan­de­nes Deutsch­tum gegen Ein­wan­de­rung und Viel­falt abzu­schot­ten. Sie legen den (Spät-)Aussiedler/innen nahe, sich auf­grund ihrer Abstam­mung als „Volks­deut­sche“ zu ver­ste­hen. Die bluts­mä­ßige Abstam­mung wird so gegen­über dem Bekennt­nis als Kri­te­rium der natio­na­len Zuge­hö­rig­keit in den Vor­der­grund gerückt. Damit wird ein pro­ble­ma­ti­sches Ver­ständ­nis der deut­schen Nation als eth­nisch und kul­tu­rell homo­gene „Volks­ge­mein­schaft“ ver­mit­telt, das mit der realen eth­nisch-kul­tu­rel­len Viel­falt nicht ver­ein­bar ist. Die Rele­vanz eines völ­ki­schen „Patrio­tis­mus“ wird betont und behaup­tet, der Stolz auf das eigene Deutsch­sein würde in Deutsch­land unter­bun­den. Mit dieser Argu­men­ta­tion wird (Spät-)Aussiedler/innen ein Iden­ti­fi­ka­ti­ons­an­ge­bot gemacht, das auf die wider­sprüch­li­che Erfah­rung der Dis­kri­mi­nie­rung als Deut­sche in der Sowjet­union und als „Russen“ in Deutsch­land reagiert.

Behaup­tung eines „Bevöl­ke­rungs­aus­tauschs“: Ras­sis­mus und Islamfeindlichkeit

Viele (Spät-)Aussiedler:innen haben auf­grund ihrer deut­schen Abstam­mung, aber auch wegen ihres christ­li­chen Glau­bens in der athe­is­ti­schen Sowjet­union Dis­kri­mi­nie­rungs­er­fah­run­gen gemacht. Von rechten Kräften wird daran ange­knüpft mit dem Ziel, unter (Spät-)Aussiedler/innen Ängste vor einer Wie­der­ho­lung dieser Dis­kri­mi­nie­rung in Deutsch­land zu ent­fa­chen. Unter­füt­tert wird diese Argu­men­ta­tion mit der angeb­li­chen Bedro­hung durch einen ins­ge­heim geplan­ten „Bevöl­ke­rungs­aus­tausch“ bzw. durch die ver­meint­lich unge­steu­erte Zuwan­de­rung spe­zi­ell von als mus­li­misch mar­kier­ten Personen.
Mit der ver­meint­li­chen „Bedro­hung durch Muslime“ geht die Vor­stel­lung einer „abend­län­di­schen“ kul­tu­rel­len Homo­ge­ni­tät einher.

In den unter­such­ten Netz­wer­ken werden auch ver­schwö­rungs­ideo­lo­gi­sche Inhalte wie der eines angeb­lich vor­sätz­li­chen „Völ­ker­mords“ an den Deut­schen verbreitet.

In einer Whats­App-Gruppe geteil­tes Share­Pic der rechten Medi­en­platt­form clashdaily.com.

 

Wahl­weise „echte Deut­sche“ oder „bessere“ Migrant/​innen

(Spät-)Aussiedler/innen werden in Deutsch­land häufig wider­sprüch­lich wahr­ge­nom­men bzw. erfah­ren wider­sprüch­li­che Zuschrei­bun­gen. Zum einen erhal­ten sie direkt bei der Ankunft in Deutsch­land die deut­sche Staats­bür­ger­schaft und sind damit recht­lich klar als Deut­sche aner­kannt. In der Sowjet­union war das „Deutsch­sein“ über „ein gemein­sa­mes Schick­sal als Opfer­kol­lek­tiv“ und „über die ‚insti­tu­tio­na­li­sierte Eth­ni­zi­tät‘ im sowje­ti­schen System definiert.“⁶ In Deutsch­land erfah­ren sie wie­derum häufig eine Stig­ma­ti­sie­rung als „Russen“ bzw. „Aus­län­der“. Tat­säch­lich war für viele der Umzug nach Deutsch­land nicht nur ein „Heim­keh­ren“, sondern auch ein Kul­tur­schock, ver­bun­den mit Ent­täu­schun­gen und einem Ein­le­ben in unbe­kannte Struk­tu­ren und eine neue Sprache – kurz gesagt: eine typi­sche Migrationserfahrung.

Diese ambi­va­lente Posi­tion zwi­schen „Deutsch­sein“ und „Migra­ti­ons­er­fah­rung“ wird von rechts­po­pu­lis­ti­schen und rechts­ex­tre­men Akteur/​innen genutzt, um ihre völ­ki­schen und ras­sis­ti­schen Hal­tun­gen im Bereich Migra­ti­ons­po­li­tik zu ver­brei­ten. Zum einen werden Russ­land­deut­sche hier als „die bes­se­ren Migran­ten“ und somit als Kon­trast­fo­lie für „schlechte Migran­ten“ benutzt, von denen ste­reo­type Bilder gezeich­net werden. Den Regie­ren­den wird vor­ge­wor­fen, andere Ein­wan­de­rer­grup­pen gegen­über den Russ­land­deut­schen zu bevor­zu­gen und im Gegen­zug von „den Anderen“ keine Inte­gra­ti­ons­be­mü­hun­gen zu fordern. Zugleich wird aber auch das Argu­ment bedient, die (Spät-)Aussiedler/innen seien gar keine Migrant/​innen, da sie ja Deut­sche sind. Bei (Spät-)Aussiedler/innen wird damit das Bedürf­nis nach Selbst­ver­ge­wis­se­rung als Deut­sche bedient. Gleich­zei­tig kann das Befeu­ern ras­sis­ti­scher Motive im Zusam­men­hang mit der Debatte um das „Deutsch­sein“ und Zuge­hö­rig­keit zur deut­schen Gesell­schaft dazu bei­tra­gen, dass in der Gruppe der (Spät-)Aussiedler/innen die Angst vor (erneu­ter) Aus­gren­zung geschürt wird. Russ­land­deut­sche haben schließ­lich in Deutsch­land auch die Erfah­rung der Dis­kri­mi­nie­rung als „Russen“ und der Stig­ma­ti­sie­rung als „kri­mi­nell“ machen müssen. So ver­stär­ken rechts­al­ter­na­tive Akteure den Bedarf an Selbst­ver­ge­wis­se­rung als Deut­sche bei (Spät-)Aussiedler/innen, der mit der Bestä­ti­gung der Zuge­hö­rig­keit bedient werden kann. Auf­fäl­lig ist dabei, dass Russ­land­deut­sche durch ihre Iden­ti­tät, die das Deutsch­sein, aber auch ihre Ver­gan­gen­heit in der Sowjet­union ein­schließt, ent­we­der als „Vor­zei­gemi­gran­ten“ oder als „echte Deut­sche“ dar­ge­stellt werden können.

Das Video „9 Gründe für Russ­land­deut­sche die AfD zu wählen“ zeigt die Russ­land­deut­schen als „bessere Migrant:innen“ in Abgren­zung zu „Flücht­lin­gen“.

Anti­li­be­ra­lis­mus und Eliten-Bashing: „Merkel muss weg!“

Aus­ge­hend von der his­to­risch gewach­se­nen Bindung an die CDU/​CSU kon­stru­ie­ren Akteure im rechten Spek­trum ein homo­ge­nes Bild der (Spät-)Aussiedler/innen als poli­tisch beson­ders kon­ser­va­tiv und unter­schla­gen dabei, wie hete­ro­gen die Gruppe inzwi­schen in ihrer Par­tei­en­prä­fe­renz ist. Im glei­chen Zug werden die Uni­ons­par­teien zuneh­mend als „zu liberal“ und „zu wenig natio­nal“ dar­ge­stellt, sodass sie nicht mehr als kon­ser­va­tive Inter­es­sen­ver­tre­tung taug­lich erschei­nen. Zudem werden eta­blierte Par­teien als „Alt­par­teien“ bzw. „Par­teien-Kartell“ ver­un­glimpft. Poli­ti­sche Eliten werden als schwach, unfähig oder korrupt dif­fa­miert und damit die Ent­frem­dung von den demo­kra­ti­schen Insti­tu­tio­nen vor­an­ge­trie­ben. Das Gene­ral­miss­trauen gegen die Demo­kra­tie wird auch mit der Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gie gefüt­tert, die Regie­ren­den bzw. „der Staat“ arbei­te­ten gegen die eigene Bevöl­ke­rung. Rechts­ex­treme und rechts­po­pu­lis­ti­sche Par­teien und Grup­pie­run­gen bieten sich dem­ge­gen­über als „wahre“ Ver­tre­ter kon­ser­va­ti­ver und christ­li­cher Werte an, mischen diesem Pro­gramm jedoch gleich­zei­tig ihre rechts­ex­tre­men und anti­li­be­ra­len Posi­tio­nen unter.

Als „mus­li­misch“, „links­ex­trem“ und „queer“ sti­li­sierte Figuren werden hier als Bedro­hung für das Chris­ten­tum auf­ge­zeigt, die unter den Augen des Staats agieren.

Damit wird ver­sucht, (Spät-)Aussiedler/innen, die kon­ser­va­tive Werte ver­tre­ten, in ihrer Par­tei­prä­fe­renz zu ver­un­si­chern und sie als Unter­stüt­zer der eigenen Par­teien und Gruppen zu gewin­nen. Die gezielte Ver­mi­schung kon­ser­va­ti­ver und christ­li­cher Bot­schaf­ten mit rechts­ex­tre­men, anti­li­be­ra­len und anti­se­mi­ti­schen Posi­tio­nen soll dazu führen, dass extre­mis­ti­sche Posi­tio­nen als ver­meint­lich kon­ser­va­tive über­nom­men werden.

In einem Share­Pic aus einer rechts­ge­rich­te­ten Whats­App-Gruppe mit vielen russ­land­deut­schen Mit­glie­dern wird George Soros, der mit den Open Society Foun­da­ti­ons Bür­ger­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen und Demo­kra­tie fördert, als Teufel dar­ge­stellt. Viele rechte Akteure unter­stüt­zen anti­se­mi­ti­sche Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gien, die Soros für die Flucht­be­we­gun­gen 2015 ver­ant­wort­lich machen und Ste­reo­type einer angeb­li­chen jüdi­schen Welt­ver­schwö­rung bedienen.„Lügenpresse“ – von der angeb­lich ein­ge­schränk­ten Meinungsfreiheit

Für viele (Spät-)Aussiedler/innen bedeu­tete das Leben im poli­ti­schen System der Sowjet­union, dass sie Zensur und feh­lende Mei­nungs- und Pres­se­frei­heit erleben mussten. Diese Erfah­rung wird von rechts­ex­tre­men und ‑popu­lis­ti­schen Akteu­ren mit dem Slogan „Lügen­presse“ und einer angeb­lich ein­ge­schränk­ten Mei­nungs­frei­heit auf­ge­grif­fen. Es wird ver­sucht, bei (Spät-)Aussiedler/innen die Sorge vor einer erneu­ten Ein­schrän­kung ihrer Frei­heits­rechte zu schüren, damit sich anti­li­be­rale und rechts­ex­treme Kräfte als Ver­tei­di­ger der Frei­heit anbie­ten können.

Ein Share­Pic der Iden­ti­tä­ren Bewe­gung, das in russ­land­deut­schen Whats­App-Gruppen geteilt wurde.

 

In der Face­book-Gruppe „Russ­land­deut­sche für Deutsch­land“ wird Putin als Ver­tei­di­ger von Angrif­fen aus „dem Westen“ stilisiert.“

 

Russ­land-Ver­bin­dun­gen: Anti­ame­ri­ka­nis­mus und auto­kra­ti­sche Systeme als Vorbild

Trotz viel­fa­cher nega­ti­ver Erfah­run­gen in der Sowjet­union, etwa der struk­tu­rel­len Benach­tei­li­gung als Deut­sche, ver­bin­den ein Groß­teil der (Spät-)Aussiedler/innen ihre per­sön­li­chen Kon­takte, Sprach­kennt­nisse oder kul­tu­relle Sozia­li­sa­tion mit Russ­land bzw. ihrem (post-)sowjetischen Her­kunfts­land. Poli­ti­sche Kon­flikte zwi­schen Deutsch­land und Russ­land können daher zu Iden­ti­täts­kon­flik­ten führen. Sie werden von rechts­na­tio­na­len Akteu­ren genutzt, um Rück­halt für ihre For­de­rung nach einer kreml­freund­li­chen Außen­po­li­tik zu gewin­nen. Die posi­tive Bewer­tung von Putins auto­ri­tä­rer Regie­rung ist teil­weise mit Anti­ame­ri­ka­nis­mus ver­quickt, in anderen Fällen werden illi­be­rale Poli­ti­ker wie Trump, Putin und Xi Jinping als posi­tive Vor­bil­der dargestellt.

In der Face­book-Gruppe „Russ­land­deut­sche für Deutsch­land“ wird Putin als Ver­tei­di­ger von Angrif­fen aus „dem Westen“ stilisiert.

In einem ver­schwö­rungs­ideo­lo­gi­schen Post aus einer Face­book-Gruppe mit vielen russ­land­deut­schen und rus­sisch­spra­chi­gen Mit­glie­dern werden die illi­be­ra­len Füh­rungs­per­so­nen Trump, Putin und Xi als Wahrer des „Welt­frie­dens“ bezeichnet.

In der­sel­ben Face­book­gruppe wird Angela Merkel als ‚Krank­heit‘ für Deutsch­land dar­ge­stellt. Mit einem ‚Schluck Putin‘ erscheint Deutsch­land in den Farben der Reichs­kriegs­flagge, die eine hohe Sym­bol­kraft in rechts­ex­tre­men Kreisen hat.

Fazit

Auch wenn Social-Media- und Mes­sen­ger-Inhalte in ihrer Masse und ste­ti­gem Wandel nie in Gänze erfasst werden können, zeigen die Beob­ach­tun­gen sehr ein­deu­tig: Natio­na­lis­ti­sche, ras­sis­ti­sche und anti­li­be­rale Akteure nutzen diese Kanäle gezielt, um russ­land­deut­sche (Spät-)Aussiedler/innen als Unter­stüt­zer zu gewin­nen. Auch wenn die Fol­lower- und Kom­men­tar-Zahlen in den ein­schlä­gi­gen Kanälen relativ gering erschei­nen, beein­flus­sen sie doch massiv die öffent­li­che Wahr­neh­mung der Spätaussieder/​innen als ver­meint­lich rechts­las­ti­ger Gruppe. Die Ver­knüp­fung russ­land­deut­scher Erfah­run­gen und Lebens­wel­ten mit rechts­ex­tre­men und ‑popu­lis­ti­schen, anti­de­mo­kra­ti­schen Posi­tio­nen ist kei­nes­wegs zwangs­läu­fig. Jedoch sind vor allem in den Mes­sen­ger-Diens­ten kaum Akteure mit pro-demo­kra­ti­schen, plu­ra­lis­ti­schen Posi­tio­nen aktiv, die andere Sicht­wei­sen öffent­lich wirksam arti­ku­lie­ren. Hier bedarf es eines grö­ße­ren Gegen­an­ge­bots, das in ziel­grup­pen­ge­rech­ter Anspra­che in den ent­spre­chen­den Kanälen für eine demo­kra­ti­sche Haltung wirbt und die plu­ra­lis­ti­sche Gesell­schaft stärkt. Dafür ist es hilf­reich, Pro­bleme und Wider­sprüch­lich­kei­ten nicht aus­zu­klam­mern, sondern öffent­lich wie inner­halb der Com­mu­nity fort­lau­fend zu dis­ku­tie­ren. Russ­land­deut­sche, die sich gegen popu­lis­ti­sche Posi­tio­nen enga­gie­ren und eine kri­ti­sche Haltung gegen­über Hass, Res­sen­ti­ments und Ver­ein­fa­chun­gen ein­neh­men, brau­chen akti­vere Unter­stüt­zung und mehr poli­ti­sche Reprä­sen­ta­tion. So kann eine kon­tro­verse und plu­ra­lis­ti­sche Debatte im Rahmen der frei­heit­lich-demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung gesi­chert und gleich­zei­tig extre­mis­ti­schen Inhal­ten mit Kritik begeg­net werden.

Fuß­no­ten:
¹ Der „Fall Lisa“ beschreibt die Ereig­nisse rund um eine angeb­li­che Ver­ge­wal­ti­gung des min­der­jäh­ri­gen russ­land­deut­schen Mäd­chens Lisa aus Marzahn-Hel­lers­dorf durch Geflüch­tete, die im Januar 2016 statt­ge­fun­den haben sollte. Die von dem Mädchen erfun­dene Geschichte wurde in rus­si­schen Medien ver­brei­tet und mündete in Demons­tra­tio­nen von Russ­land­deut­schen. Medina Schau­bert: „Der Fall Lisa“ – Ent­wick­lun­gen in Berlin Hel­lers­dorf-Marzahn. In: https://www.bpb.de/gesellschaft/migration/russlanddeutsche/271945/der-fall-lisa-entwicklungen-in-berlin-hellersdorf-marzahn [Zugriff: 06.08.2020]

² https://www.spiegel.de/politik/deutschland/afd-warum-die-partei-bei-russlanddeutschen-so-beliebt-ist-a-1166915.html [Zugriff: 06.08.2020]

³ Pro­ble­ma­tisch ist viel­mehr die ver­gleichs­weise geringe Wahl­be­tei­li­gung der (Spät-)Aussiedler:innen. Vgl. Erste deut­sche Migran­ten­wahl­stu­die: Wie Ein­wan­de­rer und ihre Kinder wählen. In: https://www.uni-due.de/2018–03-05-migrantenwahlstudie [Zugriff: 06.08.2020]. Der kürz­lich erschie­nene Sam­mel­band ‚Post­so­wje­ti­sche Migra­tion in Deutsch­land‘ von Jannis Panagio­ti­dis (Weinheim/​Basel 2021) gibt einen dif­fe­ren­zier­ten Ein­blick in das Wahl­ver­hal­ten russ­land­deut­scher (Spät-)Aussiedler:innen.

⁴ https://www.bpb.de/gesellschaft/migration/russlanddeutsche/274597/spaetaussiedler-heimkehrer-vertriebene-russlanddeutsche-im-spiegel-bundesdeutscher-gesetze

⁵ Als (Spät-)Aussiedler/innen werden Per­so­nen bezeich­net, die auf Grund­lage des Bun­des­ver­trie­be­nen­ge­set­zes als „deut­sche Volks­zu­ge­hö­rige“, d.h. Nach­fah­ren deut­scher Aus­wan­de­rer, aus den Gebie­ten der Sowjet­union bzw. ihren Nach­fol­ge­staa­ten nach Deutsch­land immi­griert sind.

⁶ Jannis Panagio­ti­dis: Iden­ti­tät und Eth­ni­zi­tät bei Bun­des­bür­gern mit russ­land­deut­schem Migra­ti­ons­hin­ter­grund. In: https://www.bpb.de/gesellschaft/migration/russlanddeutsche/283533/identitaet-und-ethnizitaet-bei-bundesbuergern-mit-russlanddeutschem-migrationshintergrund [Zugriff: 31.7.2020]

 

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