Post aus Tel Aviv: Warum Frank­reichs Juden nach Israel aus­wan­dern

© Shut­ter­stock

Nach den Aus­fäl­len gegen den Phi­lo­so­phen Alain Fin­kiel­kraut bei einer Demons­tra­tion der Gelb­wes­ten ist die Empö­rung über Anti­se­mi­tis­mus in Frank­reich groß. Doch dass Juden das Land ver­las­sen, ist seit Jahren eine Rea­li­tät. Unser Autor hat sich unter fran­zö­si­schen Juden in Israel umge­hört.

So ver­stö­rend die Bilder von den anti­se­mi­ti­schen Atta­cken gegen den fran­zö­sisch-jüdi­schen Phi­lo­so­phen Alain Fin­kiel­kraut während einer Demons­tra­tion der Gelb­wes­ten auch sein mögen, für Juden in Frank­reich ist das nichts Neues mehr. Schon vor Wochen spann­ten Demons­tran­ten der Gilets jaunes Poster über eine fran­zö­si­sche Auto­bahn, auf denen Prä­si­dent Emma­nuel Macron als Mario­nette „des jüdi­schen Kapi­tals“ und „der Roth­schilds“ denun­ziert wurde.

Portrait von Richard C. Schneider

Richard C. Schnei­der ist Editor-at-Large der ARD, Buch­au­tor und Doku­men­tar­fil­mer. Er war Leiter der ARD-Studios in Rom und in Tel Aviv.

Doch es geht nicht nur um den Anti­se­mi­tis­mus unter den Demons­tran­ten. Auch in mus­li­mi­schen Kreisen in Frank­reich ist der Juden­hass präsent und gerade aus isla­mi­schen Kreisen hat es zahl­rei­che Angriffe und auch Morde auf und an Juden gegeben. Die Ermor­dung jüdi­scher Schüler in Tou­louse 2012, die Ermor­dung von Sarah Halimi 2017 und zuletzt von Mireille Knoll, einer Holo­caust-Über­le­ben­den, im März 2018 sind nur die extrems­ten Bei­spiele anti­jü­di­scher Angriffe von mus­li­mi­schen Tätern.

Bereits 2014 machte das US-Magazin „News­week“ mit seiner Titel­ge­schichte „Exodus – Why Europe’s Jews are fleeing once again“ auf das Problem auf­merk­sam, das bis heute von vielen Euro­pä­ern nicht ernst genom­men wird und längst nicht nur fran­zö­si­sche Juden betrifft.

Frank­reich hat die größte jüdi­sche Gemein­schaft inner­halb der Euro­päi­schen Union, rund 450.000 Juden leben dort. In Deutsch­land sind es – zum Ver­gleich – etwa 150.000 Men­schen, die als Mit­glie­der in jüdi­schen Gemein­den gemel­det sind. Findet nun tat­säch­lich ein Exodus statt?

„Bou­lan­ge­ries“ und „Patis­se­ries“ an jeder Ecke

In Israel rech­nete man vor allem nach dem Ter­ror­an­schlag auf das Sati­re­ma­ga­zin „Charlie Hebdo“ 2015 und auf den kosche­ren Super­markt „Hyper Cacher“ zwei Tage später damit, daß fran­zö­si­sche Juden in großen Zahlen nach Israel aus­wan­dern würden. Tat­säch­lich sind seit 2014 aber nur etwa 20.000 fran­zö­si­sche Juden nach Israel emi­griert. Schon viel früher aber began­nen jüdi­sche Fran­zo­sen, die es sich leisten konnten, Woh­nun­gen in Israel zu kaufen, um „für alle Fälle“ eine Zuflucht zu haben. Diese Woh­nun­gen befin­den sich meist in neu­ge­bau­ten Hoch­häu­sern, die das ganze Jahr, bis auf die jüdi­schen Fei­er­tage, wenn die Woh­nungs­be­sit­zer hier Urlaub machen, leer stehen. Doch längst hört man das ganze Jahr über Fran­zö­sisch auf den Straßen von Jeru­sa­lem, Tel Aviv und vor allem Netanya. Waren die Ange­bote israe­li­scher Immo­bi­li­en­mak­ler noch bis vor Kurzem über­wie­gend auf Rus­sisch aus­ge­schrie­ben, so werden die „Immeu­bles“ neu­er­dings auf Fran­zö­sisch ange­prie­sen.

In Frank­reich macht sich, ganz beson­ders in Paris, das Gefühl breit, daß man als Jude im Land von „Liberté, Égalité, Fra­ter­nité“ nicht mehr sicher ist. Nach Angaben des Sozio­lo­gen und Autors Danny Trom („La France sans Juifs“) ver­las­sen jedes Jahr ein paar Tausend Juden ihre Heimat und gehen, neben Israel, vor allem in die USA oder noch lieber – der Sprache wegen – nach Kanada.

Tel Aviv pro­fi­tiert inzwi­schen von den ein­ge­wan­der­ten Fran­zo­sen. Die ener­ge­ti­sche Stadt am Mit­tel­meer, längst ein Mekka für kuli­na­risch inter­es­sierte Tou­ris­ten, erlebt zum Bei­spiel einen Boom an „Bou­lan­ge­ries“ und „Patis­se­ries“, die an jeder Ecke auf­ma­chen. Die Kinos zeigen zuneh­mend fran­zö­si­sche Filme und selbst das typi­sche Tel Aviver Kaf­fee­haus, in dem dieser Artikel ent­steht, spielt Musik der fran­zö­si­schen Sän­ge­rin Pauline Croze. Zahl­rei­che Bou­ti­quen mit fran­zö­si­scher Mode eröff­nen, fran­zö­sisch-israe­li­sche Unter­neh­mens-Koope­ra­tio­nen ent­ste­hen, ein pri­va­ter Fern­seh­ka­nal sendet aus Tel Aviv sein Pro­gramm auf Fran­zö­sisch.

„Frank­reich ist am Arsch“

Spricht man hier mit Ein­wan­de­rern, so sind sich alle, wirk­lich alle, einig: Es ist vorbei in Frank­reich, es gibt keine Zukunft, nicht dort, nicht in Europa. Die Gale­ris­tin Valerie, die neben ihrer Galerie in Paris nun auch eine kleine Depen­dance in Tel Aviv eröff­net hat, ist froh, daß sie und ihr Mann Israel zum Zentrum ihres Lebens gemacht haben: „Hier fühle ich mich wieder frei, auch wenn ich nach wie vor in Frank­reich tätig bin. Zu wissen, daß der Staat mich hier beschützt, ist einfach ein gutes Gefühl.“ Valerie spricht etwas an, das viele Immi­gran­ten auch so emp­fun­den haben: daß der fran­zö­si­sche Staat nicht mehr hinter ihnen steht, daß sie nicht mehr Bürger der „Répu­bli­que“ sind, sondern einfach nur „Juden“. Bereits in den Neun­zi­ger­jah­ren zeigte sich der jüdi­sche Sozio­loge und Phi­lo­soph Shmuel Trigano im Rahmen einer Dis­kus­sion mit dem Ame­ri­can Jewish Com­mit­tee ent­setzt darüber, plötz­lich nicht mehr „Fran­zose“, sonder nur noch „Jude“ zu sein. Inzwi­schen ist auch Trigano nach Israel aus­ge­wan­dert, ebenso wie der berühmte Film­re­gis­seur Elie Chour­aqui.

Ein Pro­fes­sor für Stadt­pla­nung an einer renom­mier­ten Uni­ver­si­tät in Paris ist zusam­men mit seiner Frau vor fünf Jahren nach Israel gekom­men. Er möchte anonym bleiben, darum nennen wir ihn hier einfach „Marcel“. Er möchte sein Juden­tum nicht an die große Glocke hängen, hat Befürch­tun­gen wegen mög­li­cher Reak­tio­nen seiner Stu­den­ten, falls diese erfah­ren sollten, daß er im zio­nis­ti­schen Staat lebt. Denn er pendelt zwi­schen Frank­reich und Israel, wie das viele tun. Man kann seine wirt­schaft­li­che Exis­tenz nicht so ohne Wei­te­res auf­ge­ben, also muß man sich auf ein Leben im Flug­zeug ein­rich­ten. Jüngere Paare lösen das häufig so, daß Frauen und Kinder durch­ge­hend in Israel leben, während die Ehe­män­ner hin- und her­jet­ten, um mit ihren Firmen und Unter­neh­men in Frank­reich wei­ter­hin den Lebens­un­ter­halt abzu­si­chern.

Für Marcel war der Moment des Aus­wan­derns gekom­men, als er von jüdi­schen Freun­den erfuhr, daß sie von einem Quar­tier in Paris ins nächste gezogen waren, wo es „für Juden siche­rer“ sei. Er nennt das eine „Emi­gra­tion inner­halb von Paris“. Da war der Weg nach Israel viel­leicht beschwer­li­cher, aber nicht so „absurd“, wie er sagt.

Für den aus Mar­seille stam­men­den Friseur Phil­ippe, der seinen Salon in Tel Avivs Zentrum betreibt, war schon vor sieben Jahren klar, daß es keine Zukunft in seinem Hei­mat­land für ihn gibt. „Frank­reich ist am Arsch“, sagt er lako­nisch, ohne jeg­li­che Sen­ti­men­ta­li­tät. Ob er die Szene mit Fin­kiel­kraut im Netz gesehen habe? „Ja sicher“, ant­wor­tet er ach­sel­zu­ckend, „so geht’s doch seit Jahren. Und es wird nur schlim­mer.“

Sie alle, ob Valerie, Marcel oder Phil­ippe, sind sich sicher, daß in den nächs­ten Jahren noch mehr fran­zö­si­sche Juden nach Israel kommen werden, ins­be­son­dere jene, die als Juden auf der Straße erkennt­lich sind, die also reli­giöse Insi­gnien wie Kippa oder Schau­fä­den tragen. Für sie sei der normale Spa­zier­gang auf den Straßen von Paris und anderswo inzwi­schen lebens­ge­fähr­lich gewor­den.

Nach den letzten Ereig­nis­sen in Paris rief Israels Immi­gra­ti­ons­mi­nis­ter Yoav Gallant die Juden in Frank­reich auf, „nach Hause“ zu kommen. Nein, der Mas­sen­exo­dus aus Frank­reich hat noch nicht ein­ge­setzt, doch wenn die Dinge in Frank­reich und Europa so wei­ter­ge­hen wie bisher, dann könnte sich das in Zukunft ändern. Und daß Juden Frank­reich ver­las­sen, ist inzwi­schen eine Rea­li­tät.

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