Was die Krise am Per­si­schen Golf mit Israel zu tun hat

The White House from Washing­ton, DC [Public domain]

Der Kon­flikt zwi­schen den USA und Iran droht zu eska­lie­ren. Ein Waf­fen­gang zwi­schen Washing­ton und Teheran würde fast unwei­ger­lich Israel invol­vie­ren. Wie blicken die Israe­lis auf die Aus­ein­an­der­set­zung? 

Wenn es um den schwe­len­den Kon­flikt zwi­schen Iran und den USA geht, so herrscht in Israel darüber im Augen­blick Schwei­gen. Es ist auf­fäl­lig, dass Premier Ben­ja­min Netan­jahu sich so gut wie gar nicht äußert und oben­drein alle wich­ti­gen Poli­ti­ker anweist, zur Iran-Krise eben­falls zu schwei­gen. Aus­ge­rech­net er, der US-Prä­si­dent Trump dazu gedrängt hat, aus dem Iran-Abkom­men aus­zu­stei­gen, aus­ge­rech­net er, der die USA dazu gebracht hat, eine härtere Gangart gegen­über Teheran ein­zu­neh­men.

Portrait von Richard C. Schneider

Richard C. Schnei­der ist Editor-at-Large der ARD, Buch­au­tor und Doku­men­tar­fil­mer. Er war Leiter der ARD-Studios in Rom und in Tel Aviv.

Wieso jetzt dieser Sin­nes­wan­del? Netan­jahu will auf keinen Fall in den zwei­fel­haf­ten Ruf geraten, er stecke hinter der aktu­el­len Krise und manö­vriere die USA in einen Krieg. Das will er nicht nur aus diplo­ma­ti­schen und tak­ti­schen Gründen ver­mei­den, sondern schlicht auch deshalb, weil er weiß: Dieser Krieg könnte kata­stro­phale Folgen für Israel haben.

Im besten Fall würden Iran und die USA – sollte es zu einem Krieg kommen – diesen direkt aus­tra­gen und Israel wäre dabei außen vor. Doch so naiv ist „Bibi“, wie Netan­jahu in Israel genannt wird, natür­lich nicht. Ihm ist durch­aus bewußt, dass ein Waf­fen­gang zwi­schen Washing­ton und Teheran fast unwei­ger­lich Israel invol­vie­ren würde. Die Mullahs im Iran haben schon groß­mun­dig ver­kün­det, eine solche krie­ge­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zung wäre das Ende von „Tel Aviv und Haifa“. Selbst wenn dies ziem­lich unwahr­schein­lich wäre: Teheran könnte Israel mas­si­ven Schaden zufügen. Denn mit größter Wahr­schein­lich­keit würde von Teheran der Befehl an die Hiz­bol­lah im Libanon und an die isla­mis­ti­sche Hamas sowie den Isla­mi­schen Jihad in Gaza gehen, den jüdi­schen Staat mit Raketen anzu­grei­fen. Selbst wenn  die Raketen der Hamas und des Jihad Israels Exis­tenz nicht gefähr­den können: Bei den letzten, zwei­tä­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Israel und Gaza gelang es den beiden isla­mis­ti­schen Gruppen immer­hin, rund 700 Raketen auf den Süden Israels abzu­feu­ern und damit zumin­dest die All­tags­rou­tine dort zum Erlie­gen zu bringen.

Israels Nimbus der „Unbe­sieg­bar­keit“ wäre dahin

Ganz anders sähe die Bedro­hung aus dem Norden aus. Die schii­ti­sche Hiz­bol­lah hat im Libanon rund 120.000 Raketen sta­tio­niert, die alle auf Israel gerich­tet sind und jeden Ort im Land treffen können. Raketen mit völlig anderer Reich­weite und Wirkung als die aus Gaza. Tel Aviv und Haifa, ja, das ganze Land dürfte unter diesem Angriff leiden. Zwar verfügt Israel über ein aus­ge­zeich­ne­tes Rake­ten­ab­wehr­sys­tem. Aber die Masse an Raketen, die die Hiz­bol­lah pro Tag abfeu­ern würde, könnte es nicht zur Gänze abfan­gen. Israe­li­sche Mili­tärs fürch­ten, dass  400 bis 1000 Raketen pro Tag in Israel ein­schla­gen könnten.

Was das für die Moral und für die Wirt­schaft im Lande bedeu­ten würde, kann man sich vor­stel­len. Israels Nimbus der „Unbe­sieg­bar­keit“ wäre end­gül­tig dahin, selbst wenn die israe­li­sche Armee mit hef­tigs­ter Feu­er­kraft aus der Luft, vom Lande und zu Wasser den Libanon vie­ler­orts in die Stein­zeit zurück­bom­ben dürfte. Denn soviel ist klar: Um die Rake­ten­be­dro­hung der Hiz­bol­lah so schnell wie möglich zu beenden, müßte die israe­li­sche Armee mit äußers­ter Härte vor­ge­hen. Das aber heißt: viele, sehr viele zivile Tote im Libanon, denn die meisten Hiz­bol­lah-Raketen befin­den sich in Zivil­ge­bie­ten.

Israel müßte auch noch aus einem zweiten Grund hart und schnell vor­ge­hen: der Auf­schrei der Welt, ins­be­son­dere Europas, ange­sichts schreck­li­cher Bilder aus dem Libanon würde nicht lang auf sich warten lassen, ganz egal, was mög­li­cher­weise in Haifa und Tel Aviv geschähe, wie viele Tote es da geben, wieviel Schäden die schii­ti­schen Raketen im jüdi­schen Staat anrich­ten würden.

Aber wozu sich die gute Laune nach dem ESC ver­mie­sen lassen?

Natür­lich weiß Netan­jahu das alles. Und er ist, zumin­dest was Krieg angeht, immer schon ein Zau­de­rer gewesen. Was Netan­jahu nicht weiß: Was Donald Trump wirk­lich denkt und will. Denn selbst wenn „Bibi“ heute, im Gegen­satz zur Ära Obama, beste Bezie­hun­gen ins Weiße Haus hat,  so ist der sprung­hafte ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent in seinen Ent­schei­dun­gen nicht aus­zu­rech­nen.

Netan­jahu, der derzeit damit beschäf­tigt ist, seine neue Koali­tion zu formen, ist also auf der Hut. Im Land selbst ist von all dem nur wenig zu spüren. Der Sommer ist da, die Tem­pe­ra­tu­ren steigen all­mäh­lich auf über 30 Grad und die Men­schen sind nach einem über­lan­gen Winter froh, endlich das schöne Wetter in vollen Zügen zu genie­ßen. Was die Israe­lis poli­tisch mehr beschäf­tigt als die Krise am Golf sind innen­po­li­ti­sche Themen: Wird Netan­ja­hus neue Regie­rung das Prinzip der „checks and balan­ces“ des jüdi­schen Staates außer Kraft setzen? Wird dem Obers­ten Gericht die Macht genom­men, in Zukunft frag­wür­dige Gesetze, die die Knesset ver­ab­schie­det, abzu­leh­nen? Wird „Bibi“ mit einem neuen Gesetz einer Anklage wegen Kor­rup­tion in drei Fällen ent­ge­hen? Wird also, mit anderen Worten, in Kürze das Ende der Demo­kra­tie in Israel ein­ge­läu­tet? Die Kriegs­ge­fahr in der Golf­re­gion ist nichts Neues. Die Israe­lis leben schon lange unter dem Damo­kles­schwert eines dro­hen­den Krieges mit Iran und seinen Stell­ver­tre­tern. Wozu sich also die gute Laune nach dem ESC und das schöne Wetter am Strand ver­mie­sen lassen? Aber wohin steuert das Land innen­po­li­tisch? Das sind die im Augen­blick wich­ti­ge­ren Fragen.

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