Was fehlt in der Ausein­an­der­setzung mit der AfD?

Warum verfängt die Rhetorik der AfD, obwohl ihre politi­schen Versprechen so leicht zu durch­schauen sind? Nicht allein Sachar­gu­mente entscheiden, sondern auch Gefühle von Kränkung, Frustration und Ressen­timent, argumen­tiert Marie­luise Beck. Ein Plädoyer dafür, die emotionale Dynamik hinter dem Erfolg der Rechts­po­pu­listen endlich ernst zu nehmen.

Die Ausein­an­der­setzung mit der AfD in Parla­menten und Medien wirkt oft erstaunlich hilflos. Da kübelt die AfD mit Gemein­heiten und Lügen – und dennoch kriegt man sie nicht zu fassen.

Dabei ist ihr Strick­muster einfach. Es könnte alles und allen wieder gut gehen: Rückkehr zu billigem Gas aus Russland, Stopp der Unter­stützung der Ukraine, Ende der Klima­po­litik und Rauswurf der ungeliebten Einwan­derer. In den östlichen Bundes­ländern macht dieser Vierklang die AfD zur stärksten Partei. Erinne­rungen an Unfreiheit scheinen verflogen. Dass Trabi, Ost-Jeans und die Honecker-Combo wenig sexy waren – vergessen. Die Stasi sowieso. Dass Russlands Präsident erklärt, er wolle Europa wie einst in Jalta wieder teilen – es scheint nicht zu stören. Doch die AfD ist kein Ostproblem. Auch im Westen fallen ihre dumpfen Tiraden auf frucht­baren Boden. Bisher scheint gegen die Extre­misten kein Kraut gewachsen. Politische Argumente greifen nicht. Vielleicht setzen wir falsch an. Vielleicht geht es gar nicht primär um Politik, sondern um Gefühle.

Schlag­licht 1: Die AfD und Gysi

Der von vielen für seine Sprit­zigkeit so bewun­derte Gregor Gysi spielte im Deutschen Bundestag vom ersten Tag an auf der Klaviatur der Kränkung der DDR-Bürger. Die AfD sammelt den daraus entstan­denen Hass ein: „Ihr seid betrogen worden“. Ausge­nutzt, dominiert, von der Treuhand beschissen. Bei Gysi sind es der Westen und der Kapita­lismus. Alice Weidel hat dafür ein neues Ventil: Flücht­linge, Migranten. Alle, ohne Unter­schied. Irre, dass nun gerade im Osten der Aufstieg der AfD unauf­haltsam scheint. Nur, dass es dort kaum Ausländer gibt. Auch ein Grund für den Bevölkerungsschwund.

Schlag­licht 2: Eine nieder­säch­sische Kleinstadt

Eine Siedlung, die in den 50er Jahren gebaut wurde. Viele Flücht­linge und Vertriebene aus den ehema­ligen deutschen Ostge­bieten. Elf Millionen mussten als Folge des Krieges ihre Heimat verlassen. Es waren beengte Verhält­nisse, die Trauer um den Verlust der Heimat wurde verdrängt. Heute sind diese beschei­denen Siedlungs­häuser (Grundriss ursprünglich 45 qm – für je eine Familie) heftig aufge­motzt. Jedes Haus hat einen Carport, wenn nicht zwei. Ebenso teure wie scheuß­liche Haustüren ersetzen die alten. Ausgrei­fende Balkone schaffen Platz für die Holly­wood­schaukel, neue Plastik­fenster ohne Fenster­kreuz – damit man sie besser putzen kann – ersetzen die alten. Keine Rabatten in den Vorgärten mehr. Die sind nun gepflastert für die Vorfahrt. Da ist nicht einmal mehr Platz für einen Garten­zwerg. Statt­dessen Blumen­töpfe mit sinnigen Inschriften. Wenn alles bereinigt und gereinigt ist – was kommt dann? Wie der Lange­weile und der Leere begegnen? Hier ist viel Platz für Unzufrie­denheit und Missgunst. Und für verborgene Aggres­si­vität. Wie sang Lou Reed? „There is only one good thing about a small town. You know that you want to get out“. Viele der Jüngeren gehen. Das verstärkt die Verbit­terung der Zurückbleibenden.

Es geht um mehr als Migration

Kann es sein, dass die AfD eine Plattform für die Leere und den Hass bietet? Für Gehäs­sigkeit und Neid, weil das eigene kleine Leben leer ist. Vielleicht erreicht man die Menschen nicht, wenn die einen „Ratio“ sagen, die anderen aber an Gefühle appel­lieren. Vielleicht haben die bürger­lichen Kräfte keine Chance, wenn sie (nur) auf die Ebene des politi­schen Themas und seines sachlichen Gehalts gehen.

Vorder­gründig ist die Migra­ti­ons­frage immer noch der Zünder für die AfD. Ja – es gibt Proble­ma­ti­sches, Fehlent­wick­lungen, für die auch wir Grüne verant­wortlich sind. Viel entschie­dener hätten wir dem Islamismus und Antise­mi­tismus gegen­über­treten müssen. Und Standards einfordern, die bei uns in langen gesell­schaft­lichen Prozessen Konsens geworden sind. Keine Aufsicht der Jungs über die „Schick­lichkeit“ ihrer Schwestern. Eine Lehrerin hat den gleichen Respekt verdient wie ein Lehrer. Ja, junge Männer sollten auf dem Bürger­steig älteren Menschen Platz machen. Das gilt – by the way – für Einwan­derer wie Biodeutsche. Keine Toleranz gegenüber Gewalt und Kriminalität.

Doch jeder vernünftige Mensch sieht in seinem Umfeld, dass wir ohne Migration erledigt wären. Ich empfehle jedem „Remigrations“-Rufer einen Aufenthalt im Gesund­heits­wesen. Ohne Einwan­derer könnten unsere Kliniken schließen. Sicher müssen wir Grenzen setzen und verbind­liche Regeln einfordern, wofür ich (inzwi­schen) sehr bin. Aber Korrek­turen in der Migra­ti­ons­po­litik werden die AfD nicht stoppen, jeden­falls nicht allein. Die Anti-Ausländer-Parolen sind ein Angebot für allge­meine Unzufrie­denheit, für vermeint­liche Kränkung und Neid. Da bietet sich der Hass auf das Andere an. Und vor allem auf die Fremden.

Eine Sprache der Emotionen finden

Die AfD appel­liert an archaische Instinkte. Unsere DNA hat sich nicht so schnell geändert wie unser Leben. Zivili­sation bedeutet, diese DNA zu bändigen. Auch der ameri­ka­nische Präsident lebt von dem Hass auf andere und das Andere. Seine Auftritte haben atavis­tische Züge. Noch verteidigt er auf seinem Felsen seine Herrschaft. Seine Freund­schaft mit Epstein war kein Zufall. In dieser Welt gilt: Der Mann nimmt sich, was er will. „Grab her by the pussy“. Die AfD stellt eine Frau an die Spitze. Sie liefert die Bösar­tigkeit. Aber Höcke und Krah stehen nicht nur für das Völkische. Sie stehen für „reines Mannestum“, das die Moderne ihnen genommen hat. Alice Weidel wird liefern müssen, wenn sie sich halten will.

Wir werden verlieren, wenn wir die falsche Ebene wählen. Wenn wir nur in der Sache argumen­tieren und die Gefühle nicht treffen. Wenn es nicht die Einwan­derer sind, die für die Unzufrie­denheit herhalten müssen, wird es etwas anderes sein. Das Reservoir ist unerschöpflich. Da gibt es die Reichen. Die Kapita­listen. Die Versor­gungs­emp­fänger. Die Ameri­kaner. Die Ukrainer. Man wird immer welche finden. Zur Not müssen mal wieder die Juden herhalten. Es sind bei weitem nicht nur arabische und paläs­ti­nen­sische Einwan­derer, die Hass auf Juden verbreiten. Derzeit gibt sich die AfD als Freund der Juden – solange es der Kampagne gegen Muslime dient. Wie verlogen diese Fassade ist, zeigt sich z. B. in der gerade von der AfD postu­lierten Absage an die Prove­ni­enz­for­schung. Es handelt sich – wie schäbig kann man sein – um die Forschung nach von den Nazis geraubtem jüdischen Kunsteigentum.

Wir müssen die richtige Ebene finden. Wir müssen die Sprache für das finden, was hinter den Parolen steckt. Wir müssen rekla­mieren, was unsere Zivili­sation ausmacht: Anstand, Respekt, Aushandeln von Konflikten. Hat je ein AfD-Politiker Mitleid gezeigt oder gar Nächs­ten­liebe? Was für eine Kälte gegenüber den Opfern des russi­schen Vernich­tungs­kriegs gegen die Ukraine.

Wir müssen uns auf die Suche machen, wo diese latente Unzufrie­denheit und Leere herkommt in einer Welt, die scheinbar alles hat.

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