Wie gefährlich ist die extreme Rechte?

Karolina Wigura spricht mit Ralf Fücks über Gründe und Ursachen für den Erfolg der AfD und die Frage, wie liberale Kräfte nun mit ihr umgehen müssen sowie über die Parallelen zum Rechtspopulismus in Polen.
Karolina Wigura: Haben wir es bei der AfD mit einer faschistischen Partei zu tun?
Ralf Fücks: Nicht alle Mitglieder und auch längst nicht alle Wähler. Aber es gibt einen faschistischen Flügel in der AfD: faschistisch im Sinne eines völkischen Nationalismus. Man kann nur spekulieren, wie viele Anhänger der AfD einen autoritären Führerstaat wollen, aber es gibt vor allem in Ostdeutschland viel Sympathie für ein Einparteiensystem.
Dennoch beruft sich die Partei auf die Demokratie, sogar darauf, dass sie die „wahren Demokraten“ sind, die einzigen, die den wahren Volkswillen verkörpern. Ein Phänomen, das wir auch von anderen populistischen Parteien kennen. Das Beunruhigende ist, dass die rechtsextremen Strömungen und Ideologien in der AfD über die Jahre stärker geworden sind.
KW: Warum?
RF: Im Unterschied zu anderen rechtspopulistischen Parteien, etwa in Frankreich oder Italien, hat die AfD als eine bürgerliche Oppositionspartei begonnen. Vor allem als Opposition gegen den Euro. Das war der Startpunkt.
Dann kam 2015 mit der Flüchtlingskrise. Das hat der AfD nochmal einen neuen Schub gegeben. Sie wirkte als Brandbeschleuniger. Das hat auch die fremdenfeindlichen Elemente in der AfD gestärkt und hat ihren neuen Zulauf aus diesem völkisch-nationalen Spektrum zugetragen. Seitdem ist die Agitation gegen „Überfremdung“ das übergreifende Thema, das die Partei und ihre Wählerschaft verbindet. Seit dieser Zeit haben die extremistischen, die systemoppositionellen Elemente in der AfD immer weiter am Boden gewonnen.
Die Partei hat sich dafür entschieden, als radikale Systemalternative zu operieren. Sie hat sich nicht moderiert, sondern radikalisiert über die Jahre.
KW: Wo lagen die Ursachen dieses Prozesses?
RF: Dabei mag eine Rolle gespielt haben, dass die Parteien der demokratischen Mitte von Anfang an jede Zusammenarbeit mit der AfD ausgeschlossen haben – zu einem Zeitpunkt, in dem es vielleicht noch möglich gewesen wäre, die AfD in das demokratische Spektrum zu integrieren. Aber inzwischen ist die Programmatik, die Ideologie und auch das Personal der AfD so, dass eine Koalition mit ihr für die Parteien der demokratischen Mitte ausgeschlossen ist.
Vor allem in Ostdeutschland gibt es viele Personen im Umfeld der AfD-Führung, die aus der Neonaziszene kommen, die also wirklich harte Rechtsradikale sind.
KW: Du sagst, die AfD hat sich radikalisiert. In welchem Maße kommt diese Radikalisierung aus der Partei selbst und in welchem Maße ist es eine Folge einer gesellschaftlichen Radikalisierung?
RF: Natürlich hat die AfD stark dazu beigetragen, das gesellschaftliche Klima nach rechts zu verschieben. Aber was hier Ursache und Wirkung ist, darüber kann man geteilter Auffassung sein. Wie weit ist die Partei Ausdruck einer veränderten politischen Stimmungslage, wie weit hat sie die Verschiebung nach rechts bewirkt?
Es gibt politikwissenschaftliche Analysen, dass die deutliche Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland, der Bürgerinnen und Bürger, nach wie vor liberalen Grundwerten folgt. Zum Beispiel in der Akzeptanz von Homosexualität oder der Gleichberechtigung der Frauen. Auch was die Akzeptanz von Einwanderung angeht, solange diese Einwanderer sich die politischen Werte unseres Landes zu eigen machen und einen produktiven Beitrag zum Wohlstand der Gesellschaft leisten. Aber die AfD hat den Sprachraum erweitert für eine offen fremdenfeindliche bis rassistische Sprache. Und ich würde sagen, insofern ist sie beides: Symptom und Agentur der Rechtsverschiebung.
KW: Also ist die AfD beides?
RF: Ja. die öffentliche Stimmung im Land ist krisenhafter. Die Kritik an den demokratischen Parteien und Institutionen, das Misstrauen in die Demokratie wachsen. Die Zweifel an der politischen Leistungsfähigkeit der demokratischen Parteien nehmen zu. Alles das hat die AfD nicht produziert, aber sie hat es verstärkt. In dieser Krisensituation haben wachsende Teile der Bevölkerung den Eindruck, es geht bergab. Die Furcht vor dem sozialen Abstieg nimmt zu. Das ist ein fruchtbarer Boden für diese Art von exklusiver, nationalistischer Rhetorik, für die scharfe Unterscheidung zwischen denen, die dazugehören – den „Unsrigen“ – und den „Anderen“. Und diese „Anderen“ werden als Bedrohung für den Wohlstand, für die Identität, für die Sicherheit dargestellt. Das ist der Mechanismus, den die AfD bedient und der sie groß macht.
KW: Du hast die Tatsache erwähnt, dass die AfD von Anfang an nicht integriert wurde. Das ist natürlich mit der sogenannten Brandmauer verbunden, was bedeutet, dass es in der deutschen Politik nach 1945 nicht erlaubt war, mit faschistischen Parteien Koalitionen einzugehen. Hilft die deutsche Geschichte in der heutigen Situation oder stört sie?
RF: Beides. Die deutsche Erfahrung mit dem Nationalsozialismus kann sensibilisieren gegenüber Bedrohungen der Demokratie. Aber sie kann auch zur Falle werden, wenn alle gegenwärtigen Phänomene durch die Brille der Vergangenheit gelesen werden. Ich bin sehr kritisch gegenüber all diesen vereinfachten Analogien. „Die AfD ist die neue NSDAP“ und „wir sind jetzt am Ende der Weimarer Republik“ und die „Machtergreifung eines neuen Faschismus droht um die Ecke“. Das sind meines Erachtens deformierte Wahrnehmungen der Realität, die uns hindern, mit ihr adäquat umzugehen.
KW: Macht also die Brandmauer noch heute Sinn?
RF: Ich halte es für richtig, dass demokratische Parteien keine Regierung mit der AfD bilden können und dürfen. Und zwar aufgrund des Programms und des Personals der AfD, die ja in entscheidenden Fragen den demokratischen Grundkonsens in Deutschland frontal angreift. Es greift unser demokratisches Selbstverständnis an, wenn die AfD unterscheidet zwischen Volksdeutschen und Passdeutschen. Das ist ein massiver Angriff, eine Veränderung des nationalen Selbstverständnisses, dass man Deutscher werden kann, auch wenn man nicht als Deutscher geboren ist. Hier fangen an die wütenden, verächtlichen und oft hasserfüllten Attacken auf Minderheiten, vor allem auf sexuelle Minderheiten und sogenannte kulturfremde Migranten.
KW: Ein polnischer Zahnarzt aus Berlin sagt mir immer wieder, dass er nach Polen zurückzieht, wenn die AfD die Wahl gewinnt.
RF: Der polnische Zahnarzt muss sich keine Sorgen machen, jedenfalls noch nicht. Er wird nicht als „kulturfremd“ betrachtet. Und das ist für die AfD die Scheidelinie. Die richtet sich vor allem gegen islamische Migranten und gegen Migranten dunkler Hautfarbe. Die AfD sagt, die seien weder willig noch fähig, sich in unsere Gesellschaft zu integrieren. Sie bleiben Fremde, und dieses Fremde muss ausgestoßen werden. Allerdings, wenn die AfD an die Regierung käme, würde ich mir an der Stelle Deines polnischen Zahnarztes auch überlegen, die Koffer zu packen. Wenn die Ausgrenzung erst einmal begonnen hat, weiß niemand, wo sie endet. Aber dass die AfD die Alleinregierung im Bund übernimmt, das ist sehr unwahrscheinlich. Man kann das für die Zukunft natürlich nicht ausschließen, vor allem wenn die CDU zerfällt. Aber auf absehbare Zeit wird sie im Bund kaum über 30 Prozent hinauskommen. Das ist immer noch zu viel, weil es die politische Atmosphäre verändert.
KW: Also ist die Migration, also die Innenpolitik, sehr wichtig. Und was ist mit der Außenpolitik?
RF: Auch da greift die AfD massiv den demokratischen Grundkonsens an. Die Westbindung Deutschlands, die europäische Integration, den Euro als Währung eines gemeinsamen Wirtschaftsraums. Sie ist zusammen mit der Querfront-Partei BSW – die Partei von Sahra Wagenknecht – vehement gegen die Unterstützung der Ukraine. Das gilt auch für weite Teile der „Linkspartei“. Sie agiert wie eine fünfte Kolonne des Kremls in Deutschland – eine Mischung aus Sympathie für das autoritäre Herrschaftsmodell in Russland und Furcht vor einem Krieg mit Russland. Diese Furcht vor einem Krieg verwandelt sich nicht in robuste Abschreckung, sondern in Appeasement.
Und letztlich gibt es hier die Idee eines gemeinsamen Eurasischen Bündnisses zwischen Russland und Deutschland, was ja eine sehr alte Tradition, eine sehr lange Geschichte in Deutschland hat. Die Idee einer deutsch-russischen Allianz, ökonomisch und politisch. Und das ist natürlich eine tiefst anti-westliche Idee.
KW: Warum wählen so viele Deutsche die AfD? Darüber gibt es sehr unterschiedliche Meinungen. Manche sagen, die AfD-Wähler haben keine richtige demokratische Ausbildung. Oder dass sie aus der ehemaligen DDR kommen, wo es keine demokratischen Traditionen gab.
RF: Es gibt sicherlich so ein Mix von Motiven. Ich teile nicht diese Art von panischer Dämonisierung, dass die AfD der neue Nazismus ist, der jetzt an die Tür klopft. Das ist ein sehr viel komplexeres Phänomen. Es gibt sicherlich den faschistischen Flügel in der AfD. Aber sowohl in der Partei und erst recht unter ihren Wählern sind die Motive sehr viel gemischter. Wir wissen aus sozialempirischen Langzeituntersuchungen, dass wir tatsächlich eine Größenordnung von etwa 15 bis 20% der Bevölkerung haben, die nationalistisch und fremdenfeindlich eingestellt sind.
KW: Aber dann gibt es auch die anderen, die vielleicht keine AfD-Wähler sind oder vielleicht nicht sagen, dass sie es sind. Und die antworten mir: „Ich habe einfach genug“, „ich habe es wirklich satt, dass mir jemand ständig sagt, was ich denken soll, was ich machen soll.“
RF: Ja, inzwischen hat die AfD es geschafft, zusätzliche Wählerschichten für sich zu mobilisieren. Und das sind genau die Leute, die du beschreibst, die massiv frustriert sind über die Performance der Parteien, die hier seit Jahrzehnten an der Macht sind, die sich aufregen über die Dysfunktionalität vieler staatlicher Dienstleistungen. Die Bahn zum Beispiel, das ist ein notorisches Thema in Deutschland, der Niedergang der deutschen Bahn, die chronisch unpünktlich ist, die teuer ist und schlechten Service dafür bietet. Und sie stöhnen über das Übermaß an Bürokratie, das Overkill an Regulierung. Wir bewegen uns in einem Dickicht von Vorschriften, egal ob es um das Bauen geht oder um die Gründung eines Unternehmens.
Es gibt auch eine wachsende Stimmung gegen die EU, die als undemokratisch empfunden wird. Dass zunehmend über die Europäische Union wichtige Entscheidungen fallen, die für viele Bürger intransparent sind, bei denen sie das Gefühl haben, sie können das gar nicht mehr beeinflussen. Es ist eine brisante Mixtur.
KW: Was ist also eine gute Antwort auf die AfD?
RF: Es gibt, glaube ich, mindestens zwei Antworten darauf. Das erste ist, dass ich zu diesen Leuten, die AfD wählen, immer sage. Okay, vieles an Deinem Frust ist berechtigt, aber noch lange kein Grund AfD zu wählen. Das ist unverantwortlich, dass jemand seine Unzufriedenheit mit der Demokratie auf eine Weise ausdrückt, eine Partei zu wählen, die eine Bedrohung für andere Menschen ist. Und die, wenn sie hier tatsächlich an die Macht käme, auch eine Bedrohung für die Demokratie wäre. Das ist ein Element auch an Verantwortung jedes einzelnen Bürgers.
KW: Das ist deine erste Antwort. Und die zweite?
RF: Die zweite Antwort ist, dass die demokratische Politik besser werden muss und den glaubwürdigen Eindruck erzeugen muss, dass sie ernsthaft etwas gegen ökonomischen, politischen und sozialen Probleme unternimmt. Natürlich muss man sich mit der AfD auch argumentativ auseinandersetzen. Man muss sie aus meiner Sicht viel offensiver attackieren, zum Beispiel für ihre Russland-Seligkeit und als Gefahr für die äußere Sicherheit der Bundesrepublik angreifen. Aber im Kern bin ich immer noch überzeugt, dass man AfD nur wieder über gute Politik schrumpfen kann. Das sehe ich fast überall in den westlichen Demokratien als ein Kernproblem. Dass viele Regierungen nicht auf der Höhe der Zeit sind, nicht auf der Höhe der Herausforderungen oder einen zu bequemen Ausweg gesucht haben – etwa über die wachsende Staatsverschuldung. Frankreich ist hier ein abschreckendes Beispiel.
Das ist auch eine Form des Politikversagens und eine Verlagerung von unbequemen Entscheidungen in die Zukunft, und zwar in eine Zukunft, die immer näher rückt. Ich glaube, das spüren die Leute, wenn Politik es sich zu bequem macht, wenn sie vor den notwendigen Entscheidungen zurückscheut, wenn sie Probleme auf die lange Bank schiebt. Das ist die vorherrschende Wahrnehmung und das empfinde ich als die größte Gefahr für die Demokratie.
KW: Du sagst, bessere Politik ist notwendig, und ich stimme zu. Aber dann kommen Politiker wie Friedrich Merz, die eine bessere Politik versprechen und nicht liefern. Und davon sind, glaube ich, viele Wähler müde.
RF: Das ist eben nicht nur das Problem von Merz. Das Problem liegt tiefer. Es ist auch nicht nur das Problem der heutigen Koalition, in der er sich befindet. Ich denke manchmal, ob in einer solchen Situation das Mehrheitswahlrecht vielleicht doch angemessener wäre, weil es zumindest klare Entscheidungsverantwortungen herbeiführt und klare Richtungsentscheidungen ermöglicht. Aber das ist eine andere Diskussion. Das repräsentative System mit dem eingebauten Zwang zur Koalition, das in Deutschland sehr ausgeprägt ist, hat lange gut funktioniert.
Aber das waren Zeiten, in denen es wirtschaftlich immer aufwärts ging, Schönwetterzeiten der Demokratie, es gab genug zu verteilen. Und man konnte sich über Verteilung, jeder bekommt ein Stück vom Kuchen, verständigen. Aber wenn das nicht mehr funktioniert, sondern stärker Entweder-Oder-Entscheidungen getroffen werden müssen, dann werden lagerübergreifende Koalitionen immer problematischer.
KW: Und dann kommt die AfD und greift den bisherigen Konsens an.
RF: Je stärker die AfD wird, desto mehr erzwingt sie Gegenregierungen von Parteien, die wenig miteinander gemeinsam haben, die politisch in verschiedene Richtungen gehen wollen. Und die jetzt eine gemeinsame Anti-AfD-Regierung bilden und damit das Problem der mangelnden Handlungsfähigkeit noch verschärfen.
Das ist ein richtiger Cirkulus Viciosus. Ich sehe die Gefahr weniger darin, dass die AfD in der Lage wäre, die absolute Mehrheit zu erobern und die Regierungsmacht in die Hand zu bekommen, sondern dass sie eine ständige Erosion des demokratischen Parteiensystems verstärkt. Wir kommen ans Ende des bisherigen bundesdeutschen Parteiensystems mit zwei tragenden Volksparteien, SPD und CDU. Also wir sind in einer Umbruch-Situation, bei der niemand genau weiß, was dabei herauskommen wird.
KW: Du kommst aus der 68er-Generation, die im weiteren Sinne die Bundesrepublik verkörpert. Wenn du mit deiner langen Erfahrung die heutige Lage in der deutschen Politik beobachtest, bist du hoffnungsvoll?
RF: Langfristig ja, kurzfristig eher nicht. Ich denke immer noch, dass die demokratische Resilienz groß genug ist, auch durch die Einbindung Deutschlands in Europa. Im Unterschied zur Weimarer Republik ist der größte Teil der Eliten demokratisch in ihrer Grundhaltung. Aber ich bin skeptisch, wie lange es dauern wird, bis sich wieder ein handlungsfähiges demokratisches Zentrum bildet, das wieder Vertrauen in die Handlungsfähigkeit der Demokratie stiftet und Zukunftszuversicht vermitteln kann. Das ist uns verloren gegangen. Es gibt auf der demokratischen Seite des politischen Spektrums eigentlich kaum eine Idee von der Zukunft.
KW: Nur die AfD. Ihr Slogan lautet heutzutage: „Alles ist möglich.“
RF: Ja. Und das finde ich gefährlich. Wir, die Demokraten, können die Dinge in die Hand nehmen. Wir können sie verändern. Wir können eine Zukunft nach unseren Vorstellungen schaffen. Aber wenn diese Botschaft auswandert aus dem demokratischen Spektrum und zu den Populisten und Extremisten übergeht, dann wird das gefährlich.
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Der Text erschien zunächst auf Polnisch bei Kultura Liberalna.
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