China und die Energie­wende: Die übersehene Dimension Schiffstransport

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Solar­zellen, Batterien, Windtur­binen: Über die europäische Klima­trans­for­mation entscheidet auch, auf welchen Schiffen sie reisen. Und diese Schiffe baut fast nur noch China. Warum das mehr ist als ein Handels­problem, warum China trotzdem viel falsch macht, und warum die Antwort nicht Subven­ti­ons­wettlauf heißt, weiß Hendrik Mahlkow vom Kiel Institut für Weltwirt­schaft (IfW) sowie dem Öster­rei­chi­schen Institut für Wirtschafts­for­schung (WIFO).

Der größte Autotrans­porter der Welt gehört keiner Reederei, sondern einem Autoher­steller. Die BYD Shenzhen, Stell­plätze für 9.200 Fahrzeuge, wurde in China gebaut und fährt für BYD selbst – es ist eines von inzwi­schen acht konzern­ei­genen Schiffen, mit denen der Konzern 2025 rund eine Million Autos expor­tierte. Ein chine­si­sches Elektroauto, verladen auf ein chine­sisch gebautes Schiff in chine­si­scher Hand: Das ist vertikale Integration von der Gigafactory bis zur Reling.

Dabei ist das Schiff mehr als eine Randnotiz der Branchen­presse. Über das Gelingen der europäi­schen Klima­trans­for­mation entscheidet nicht nur, wer Solar­zellen, Batterien und Turbinen fertigt, sondern auch, wer die Infra­struktur kontrol­liert. Kaum eine Branche verknüpft Klima­schutz, wirtschaft­liche Stärke und Sicherheit so unmit­telbar wie der Schiffbau. Und kaum eine wird in der deutschen Debatte so gründlich übersehen.

Längst baut China die Welthandelsflotte

Mitte der 1990er Jahre noch stammte weniger als jedes zehnte neue Handels­schiff aus China. 2025 hingegen liefen dort 62 Prozent der neuen Massen­gut­frachter vom Stapel und 58 Prozent der Contai­ner­schiffe; 69 Prozent aller Neube­stel­lungen weltweit gingen an chine­sische Werften, im sechzehnten Jahr in Folge mehr als an jedes andere Land. Welche Bedeutung diese Schiffe inzwi­schen für den Welthandel haben, zeigt unser aktuelles Forschungs­papier. Darin wird deutlich: 28 Prozent aller Anläufe in US-Häfen entfielen 2024 auf in China gebaute Schiffe; bei der franzö­si­schen CMA CGM macht sie 43 Prozent der Flotte aus, bei Hapag-Lloyd, Deutsch­lands größter Linien­ree­derei, immerhin 20 Prozent. Und weil zwei Drittel des globalen Order­buchs in China liegen, wächst dieser Anteil mit jeder Ersatz­be­stellung. Die Präsenz reicht bis an die Kaikante: Das chine­sische COSCO ist am Hamburger Contai­ner­ter­minal Tollerort beteiligt, und die Kräne, die dort und in fast jedem großen Hafen der Welt Container heben, kommen überwiegend vom chine­si­schen Staats­konzern ZPMC. Das ist kein Zukunfts­risiko, das sich noch abwenden ließe, sondern ein bereits vollzo­gener Strukturwandel.

Dabei hat Europa den Schiffbau nicht allein an China verloren. Den Volumen­markt gab es schon in der Werften­krise der 1970er und 80er Jahre an Japan und Korea ab; die teuren Segmente hielt es deutlich länger: Die größten Contai­ner­schiffe der Welt liefen bis 2006 bei Odense Lindø in Dänemark vom Stapel. Erst nach 2008 fiel auch dieses Segment: Lindø schloss 2012. Geblieben sind Kreuz­fahrt, Marine und Spezi­al­schiffbau. Das verändert die politische Heraus­for­derung: Europa verteidigt keine Industrie, sondern entscheidet über einen Wieder­ein­tritt. Als breit aufge­stellter Wettbe­werber bleibt im wesent­lichen Südkorea, das China nicht verdrängt, sondern in die Hochwert­seg­mente gedrängt hat.

Der Mecha­nismus hinter dem chine­si­schen Aufstieg ist aus Photo­voltaik und Elektro­mo­bi­lität vertraut: Säulen­in­dustrie-Status in den Fünfjah­res­plänen, subven­tio­nierter Markt­ein­tritt, billiges Bauland, billige Staats­fi­nan­zierung, billiger Stahl. Neu ist nur die Chrono­logie: Im Schiffbau lief dieses Playbook anderthalb Jahrzehnte früher an als in der Green-Tech-Welle. Genau das macht ihn zum Lehrstück: Man kann betrachten, wie die Geschichte ausgeht.

Grüne Güter, grüne Energie: alles Schiffsladung

Solar­module kommen im Container nach Europa, Rotor­blätter und Turmseg­mente als Schwer­gut­ladung, Elektro­autos und Batterien auf Autotrans­portern, also ausge­rechnet auf den Schiffs­klassen mit der höchsten chine­si­schen Baudo­minanz. Und bei den Autotrans­portern bleibt es nicht beim Bauen: Chine­sische Akteure treten selbst als Betreiber auf: BYD mit eigener Flotte, ein COSCO-Joint-Venture hat 24 weitere Autofrachter im Orderbuch.

Noch eindrück­licher ist die Entwicklung bei den Spezi­al­schiffen der Offshore-Windkraft. Über 90 Prozent der derzeit im Bau befind­lichen Errich­ter­schiffe, auch Instal­la­ti­ons­schiffe genannt, entstehen in China; WindEurope warnt, dass Europas Ausbau­ziele an der Verfüg­barkeit genau dieser Schiffe hängen, und bei Kabel­legern klafft eine akute Lücke. Die Abhän­gigkeit verdoppelt sich: chine­sische Turbinen, errichtet von chine­sisch gebauten Schiffen, vor europäi­schen Küsten, für europäische Klimaziele.

Dasselbe gilt für die Energie selbst. Europas fossiles Energie­system hing an Pipelines; was das im Konfliktfall bedeutet, weiß man seit 2022. Das post-fossile System hängt an Schiffen: Flüssiggas heute, grünes Ammoniak, Methanol und Wasser­stoff­de­rivate morgen: alles Tanker­ladung. Der erste metha­nol­fähige Rohöl-Super­tanker der Welt, die Kai Tuo, wurde im Dezember 2025 im chine­si­schen Dalian abgeliefert. Und die Schiffe, die grüne Kraft­stoffe verbrennen können, werden bereits gebaut, und zwar in China: 80 Prozent der dortigen inter­na­tio­nalen Neube­stel­lungen im ersten Quartal 2026 hatten alter­native Antriebe. Europas verbliebene Stärke ist das Motoren­design, etwa bei MAN Energy Solutions in Augsburg. Doch selbst hier bröckelt die Basis: WinGD aus der Schweiz, neben MAN der zweite dominante Entwickler von Zweitakt-Großmo­toren, gehört seit 2016 vollständig dem chine­si­schen Staats­konzern CSSC. Europa droht weniger, das techno­lo­gische Know-How zu verlieren, als deren Indus­tria­li­sierung. Es ist das Solar­muster: erfunden hier, skaliert dort.

Alles nur Alarmismus?

Der stärkste Einwand gegen jede Beunru­higung lautet: Subven­tionen seien ein Geschenk des chine­si­schen Steuer­zahlers an den Rest der Welt. Bei Solar­mo­dulen hat Europa dieses Argument weitgehend akzep­tiert: billige Panels, billigere Energie­wende, und einmal instal­lierte Module kann Peking nicht zurück­holen. Schiffe, die Europäern gehören oder von ihnen betrieben werden, blieben im Konfliktfall doch ebenso hier. Wo also ist die Abhängigkeit?

Der Unter­schied liegt nicht im Gutstyp (auch ein Panel ist ein Kapitalgut), sondern in der laufenden Beziehung. Drei Gründe sind zentral, warum man die Abhän­gigkeit nicht mit einem Achsel­zucken quittieren sollte:

Erstens: der Lebens­zyklus. Russlands Airbus-Flotte flog nach 2022 weiter, altert aber seither im Zeitraffer, weil Teile und Wartung fehlen. Schiffe sind robuster als Jets, Reparatur ist kein Zerti­fi­zie­rungs­mo­nopol, Routi­ne­docks gibt es auch in Singapur, Dubai oder der Türkei. Der Engpass befindet sich nicht bei alltäg­lichen Repara­turen, sondern bei allem, was darüber hinaus geht: bei den Großdocks für die größten Schiffs­klassen (die vier größten Trocken­docks der Welt stehen in China, allein der Repara­tur­cluster Zhoushan bedient über 20 Prozent des Weltmarkts), beim Origi­nal­service für chine­sisch gebaute Motoren und Systeme, und vor allem beim Ersatz: Wer seine Flotte erneuern will, findet 65 Prozent des globalen Order­buchs in chine­si­schen Werften. Eine Flotte, die man nicht warten, nicht überholen und nicht ersetzen kann, ist keine gekaufte Sache, sondern eine auslau­fende Lizenz.

Zweitens: Europäisch betrieben heißt nicht in europäi­scher Hand. Seit dem Rückzug der europäi­schen Schiffs­banken sind chine­sische Staatsbank-Leasing­ge­sell­schaften zu dominanten Schiffs­ei­gen­tümern aufge­stiegen; ICBC Leasing allein hält maritime Vermö­gens­werte von über 80 Milli­arden Dollar, CMA CGM hat Neubauten für 1,2 Milli­arden Dollar an ICBC verkauft und zurück­ge­least. Der Leasing­geber ist recht­licher Eigen­tümer. Gerät der europäische Betreiber in Verzug, etwa weil Sanktionen Zahlungswege blockieren, kann er das Schiff in praktisch jedem Hafen der Welt per Schiffs­arrest sichern lassen; Schiffe müssen, anders als Russlands festge­setzte Jets, laufend fremde Juris­dik­tionen anlaufen. Wie groß der chine­sisch finan­zierte Anteil der europäisch betrie­benen Flotte ist, weiß öffentlich niemand genau. Schon das ist ein Befund.

Drittens: der Optionswert von Wettbewerb. Das Geschenk-Argument trägt nur, solange Alter­na­tiven existieren. Werften sind keine Modul­fa­briken: Ein Wieder­ein­tritt dauert mindestens ein Jahrzehnt, Wissen und Zulie­fer­netze müssen etabliert werden. Die USA führen aktuell vor, wie teuer das ist. Japan, vor zwanzig Jahren noch Weltmarkt­führer und heute weitgehend auf Standard­tonnage für den Heimat­markt zurück­ge­zogen, zeigt, wie schnell ein Vollsor­ti­menter verschwindet. Noch steht Korea als breiter Anbieter bereit, doch den Optionswert eines zweiten Anbieters preist kein Reeder in seine Bestellung ein und der Markt unter­ver­si­chert syste­ma­tisch. Bei der Aufrecht­erhaltung von Wettbewerb handelt es sich also um ein öffent­liches Gut und ist aus diesem Grund Aufgabe der Politik – nicht, weil billige Schiffe schlecht wären.

Die globale Ersparnis durch den chine­si­schen Schiffbau ist real. Sie kommt bei Reedern und über die Fracht­raten auch bei Firmen und Konsu­menten an. Ob Peking die Preise anzieht, sobald die korea­nische Konkurrenz verschwunden ist, lässt sich vermuten, aber nicht zeigen; die Überka­pa­zi­täten in den eigenen Werften sprechen eher dagegen. Das chine­sische “Geschenk” ist echt. Was es kostet, steht nur auf keiner Rechnung: Die Markt­struktur, die es hinterlässt.

China macht nicht alles richtig

Zur Ehrlichkeit gehört auch die Gegen­rechnung. Die beste ökono­mische Unter­su­chung der chine­si­schen Schiffbau-Subven­tionen zeigt, dass die chine­sische Staats­führung massenhaft unpro­duktive Werften in den Markt lockte, Fragmen­tierung und Leerka­pa­zi­täten schuf und netto Wert vernichtete: Pro Subven­tions-Dollar kamen nur rund 20 Cent zurück. Es folgten Pleite­wellen und eine staatlich erzwungene Konso­li­dierung. Chinas aktuelle Debatte über “Involution”, den ruinösen Subven­ti­ons­wett­bewerb bei E‑Autos und Solar, wiederholt dieselbe Erfahrung.

Daraus folgt zweierlei. Erstens bricht es das lähmende Narrativ, China mache alles richtig und Europa bekomme nichts hin: Dominanz durch brachiale Zahlungs­be­reit­schaft ist kein Beleg überle­gener Planung. Zweitens verbietet es die reflex­hafte Antwort, das Modell zu kopieren. Wer mit den chine­si­schen Preisen mithalten will, wird ähnliche Erfah­rungen machen wie China: ein Verlust von 80 Prozent – nur nicht in Yuan, sondern in Euro.

Versi­cherung statt Subventionswettlauf

Das europäische Ziel sollte heißen: Nicht Weltmarkt­an­teile zurück­er­obern, sondern zwei, drei alter­native Anbieter oberhalb kriti­scher Auslastung halten und die Kosten des Ernst­falls senken. Unter­grenzen statt Markt­an­teils­ziele. Die Energie­wende erzeugt neue Schiffs­nach­frage; sie ist der Hebel, den Europa selbst in der Hand hält. Drei Instru­mente tragen dabei am weitesten.

Erstens: staatlich geformte Nachfrage mit Bauort-Klauseln. Wo der Staat Käufer oder Garan­tie­geber ist, kann er den Bauort mitbe­stimmen, ohne einen Euro an Reeder zu überweisen: Bei Marine- und Behör­den­schiffen, bei Errich­ter­schiffen und Kabel­legern hinter staatlich abgesi­cherten Offshore-Projekten, bei CO2- und Ammoniak-Tankern hinter H2Global-Verträgen und CCS-Ketten. Wo die Sicher­heits­aus­nahme des Verga­be­rechts nicht greift, geht dasselbe über Resilienz- und Zuschlags­kri­terien statt harter Bauort­pflicht: Handels­rechtlich sauber, im Ergebnis ähnlich.

Zweitens Korea: Verträge statt Subven­tionen. Europa sagt korea­ni­schen Werften über mehrere Jahre ein garan­tiertes Mindest­vo­lumen an Bestel­lungen zu und sichert ihnen so die Grund­aus­lastung, die sie durch den nächsten Abschwung trägt. Im Gegenzug verpflichten sie sich, Reparatur- und Ausrüs­tungs­ka­pa­zität in Europa aufzu­bauen und europäische Bestel­lungen im Krisenfall vorrangig zu bedienen. Das Modell der Impfstoff-Abnah­me­ver­träge, übertragen auf Werft­ka­pa­zität. Japan käme als dritter Partner hinzu.

Drittens: Kartierung first. Wir wissen erstaunlich wenig darüber, wer Europas Flotte gebaut hat, wem sie gehört, wer sie finan­ziert, welche Motoren sie fährt. Ein maritimes Abhän­gig­keits­mo­ni­toring nach dem Vorbild des EU-Rohstoff­mo­ni­to­rings (Bauland, Eigen­tümer, Leasing­geber, Motor, Route) diszi­pli­niert jede Inter­vention: Einge­griffen wird nur, wo Substi­tu­ier­barkeit nachweislich fehlt.

Offene Fragen bleiben jedoch: Wie organi­siert man einen Käuferclub aus EU, Korea und Japan? Ökono­misch wäre er die beste Lösung, praktisch aber lädt er jeden Teilnehmer dazu ein, die Bestel­lungen den anderen zu überlassen – es entsteht also ein klassi­sches Tritt­brett­fah­rer­problem. Welche Segmente sollen zuerst bedient werden: Errich­ter­schiffe, Kabel­leger, grüne Tanker? Wer baut das Monitoring auf, und wie schnell? Dahinter rangieren die kleineren Hebel: Resili­en­z­kri­terien als Bedingung bestehender Privi­legien wie Tonna­ge­steuer und Export­kre­dit­ga­rantien – fiska­lisch zum Nulltarif, weil das Geld ohnehin fließt –, Repara­tur­docks in Europa, ein europäi­sches Schiffs­fi­nan­zie­rungs­ve­hikel für die Lücke, die der Rückzug der Banken gerissen hat.

Eines aber sollte Europa lassen: Hafen­ge­bühren nach US-Vorbild auf chine­sisch gebaute Schiffe errichten. Unsere Simulation der ameri­ka­ni­schen Gebühren zeigt, dass die Kosten vor allem bei demje­nigen landen, der die Gebühren verhängt sowie bei Dritt­ländern, deren Handel an chine­si­scher Tonnage hängt.

Die BYD Shenzhen jeden­falls wird noch Jahrzehnte fahren, und ihre Schwes­ter­schiffe sind bereits bestellt. Ob Europas Energie­wende auf chine­si­schen Schiffen reist, ist keine offene Frage mehr: Sie tut es längst. Offen ist nur, ob Europa auch in Zukunft noch die Wahl haben wird, selbst zu entscheiden, wo es seine Schiffe kauft. Oder ob dann keine Wahlmög­lichkeit mehr besteht, weil es nur noch einen Anbieter gibt. Und der heißt: China.

Der Autor kann unter folgender E‑Mail kontak­tiert werden: mail@hendrikmahlkow.com

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