Francis Fukuyama: „Der letzte Mensch“ – Die blinden Flecke im eigenen Auge

Francis Fukuyamas aktuelles Buch „Der letzte Mensch“ ist eine kluge Reflexion über die immanenten Gefährdungen der liberalen Demokratie und zugleich eine denkbar uneitle intellektuelle Autobiographie, die so manchen Erkenntnisgewinn schenkt. Nicht zuletzt die Einsicht, dass ihr Autor alles andere ist als ein naiver „Fortschrittsdenker“, schreibt Marko Martin.
Seit nunmehr Jahrzehnten ist es Brauch in nahezu jeder politisierenden Rede, zuerst einmal ein wenig Spott über jene Naivität auszuschütten, die nach 1989 im Westen um sich gegriffen hatte. Nicht fehlen darf dabei die abgrenzende Erwähnung eines ganz bestimmten Essays (der 1992 dann zu einem eigenen Buch wurde), verfasst vom amerikanischen Politikwissenschaftler Francis Fukuyama. So voreilig – und letztlich auch töricht – dessen Annahme von der ab nun kaum noch zu brechenden Dominanz der liberalen Demokratie auch war, seine Überlegungen über „Das Ende der Geschichte“ klangen keineswegs so ungebrochen optimistisch wie es die kursorische Nacherzählung seit Jahrzehnten behauptet. „Das Ende der Geschichte wird eine sehr traurige Zeit sein“, schrieb Fukuyama damals, da voraussichtlich mehr auf „Instandhaltung“ des Erreichten bedacht als auf Innovation und vorantreibenden Idealismus. Langeweile aber führe zu Gereiztheit, so dass es am Ende durchaus vorstellbar sei, „dass die Geschichte wieder von vorn beginnt“.
Allerdings könnten sich Verächter Fukuyamas selbst von solchen Überlegungen bestätigt fühlen: Schrieb hier nicht ein unverbesserlicher „Welterklärer“, mechanisch und deterministisch, eine Art liberaler Westentaschen-Hegel? Der 1952 in Chicago geborene Harvard-Absolvent scheint indessen mit solchen Anwürfen nicht sonderlich zu hadern; da er sich in ihnen nicht wiedererkennt, möchte er sie jedoch zumindest richtigstellen. Auch deshalb ist sein aktuelles Buch (bereits jetzt in deutscher Übersetzung erschienen, die amerikanische Originalausgabe folgt im September) keine bemühte Rechtfertigungsschrift, sondern eine intellektuelle Autobiographie, deren Lektüre Erkenntnisgewinn verspricht. „Der letzte Mensch“ konfrontiert uns nämlich mit der immens wichtigen Frage, ob die liberale Demokratie tatsächlich noch als Projekt, als Identität und Elan stiftendes Work-in-progress, zu begreifen ist, oder ob das menschheitsgeschichtlich Einmalige des bereits Errungenen nicht im Gegenteil tatsächlich zu jenem toxischen Mix aus Ennui und Gereiztheit, ja zu nihilistischer Zerstörungslust führen muss.
Gefährdungen aus dem Inneren des Liberalismus
Anstatt die offensichtliche Krise schön zu reden oder die Gefährdung liberaler Demokratien allein durch das Vorrücken des Autoritären in Gestalt auswärtiger Mächte und inländischer Extremisten zu definieren, arbeitet Francis Fukuyama diverse Binnen-Dilemmata heraus – ruhig im Ton, ohne jegliches Tremolo und gerade deshalb zutiefst beunruhigend. Zum einen etwa habe die bewundernswerte Anstrengung, Ungerechtigkeit und Willkür gesetzlich einzuhegen, längst zu einer Bürokratisierung und Verrechtlichung nahezu aller Belange geführt, die sich dabei trotz bester Absichten immer mehr als kontraproduktiv erweist. „´Verfahrensfetischismus´ tritt dann auf, wenn politische Akteure Verfahren und Regeln nicht mehr als Mittel zum Erreichen der kollektiven Ziele des Staatswesens, sondern als Selbstzweck betrachten. Offenbar ist es sehr schwierig, einen Mittelweg zwischen paralysierender Verfahrenstreue und offen autoritärer Herrschaft zu finden.“ Was dann von inländischen Autoritären auch weidlich ausgenutzt werden kann: Bürokratieabbau als Vorwand, den Rechtsstaat zu schleifen – und noch dazu, wie im Fall der Trump-Administration, um mafiös-familiäre Geschäftsdeals jenseits von Kartellrecht und Paragraphen durchzupeitschen.
Fukuyamas Warnung, dass ein sich selbst immer stärker aufblähender juristischer Apparat in Gefahr gerät, seine eigentliche Aufgabe zu vernachlässigen, ist auch deshalb relevant, weil sie einhergeht mit der Beschreibung eines daraus folgenden Dilemmas: Wie den Bürgerinnen und Bürgern vermitteln, dass sich nicht alles Gesellschaftliche/Politische/Ökonomische/Soziale/Private/Geschlechtsspezifische allein durch die Judikative regeln lässt? Anders gefragt: Wie den Sinn für das Verbindende – nicht zuletzt innerhalb eines nationalen Rahmens – stärken, ohne dass dies in hohle Rhetorik abgeleitet oder – schlimmer noch – missbraucht wird zum Kaschieren besonders einflussreicher Partikularinteressen?
Fehl ginge, wer diese Fragen für technizistisches Klein-Klein hält. Da das grassierende Unbehagen bei vielen inzwischen doch geradezu existentiell geworden zu sein scheint: „Der Liberalismus bringt allein durch seinen Erfolg friedliche und florierende Gesellschaften hervor, die den menschlichen Horizont zu verflachen scheinen. Diese Gesellschaften mögen besser sein als die Diktaturen, die Theokratien oder die aggressiv nationalistischen Gesellschaften, aus denen sie entstanden sind, doch das Gedächtnis der Menschen ist von Generationszyklen geprägt. (...) Gerade weil wir in den vergangenen Jahrzehnten so große Fortschritte gemacht haben, sind unsere Erwartungen viel schneller gewachsen als unsere Fähigkeit, die verbleibenden Probleme zu lösen, was zur Radikalisierung sowohl bei der extremen Rechten als auch bei der extremen Linken geführt hat, die behaupten, dass die Lage noch nie so schlecht gewesen sei wie heute.“
Dennoch: Fortschritt existiert
Und der Hegelianismus, der Francis Fukuyama so oft unterstellt wurde, sein Denken in Epochen und Etappen? Die Antwort, die er darauf gibt, ist durchaus gewitzt: Können wir uns nicht zumindest darauf einigen, dass in der Geschichte als der Konkretisierung menschlichen Denkens und Tuns durchaus Entwicklungen stattgefunden haben, die positiv sind – seit der griechischen Philosophie und der Aufklärung, seit der Französischen Revolution, seit dem Kampf gegen die Sklaverei, seit dem ungebrochenen Siegeszug der Medizin, seit der erzwungenen Niederlage des Nationalsozialismus und dem Ende des Kommunismus in Mittelosteuropa 1989?
Überdies weist Fukuyama darauf hin, dass weniger Hegel als dessen für den Westen im 20. Jahrhundert wohl wirkungsmächtigster Interpret Alexandre Kojève sein intellektueller Gewährsmann ist. Hatte Kojève nicht das quasi ewig menschliche Streben nach Anerkennung als wichtigen Movens der Geschichte beschrieben – und zwar keineswegs nur in dessen humaner Ausformung, sondern ebenso im destruktiven Ego-Drang des Dominierens und Krieg Führens aus vermeintlich völlig irrationaler Motivation? Wenn gemeinhin zur Erklärung der Krise der liberalen Demokratie das Argument fehlenden Respekts und der noch immer unvollkommenen Inklusion von Minderheiten und sozial Benachteiligten ins Feld geführt wird, widerspricht Fukuyama keineswegs. (Schon gar nicht als jemand, der, wie er uneitel und präzise beschreibt, im Laufe der Jahrzehnte lernen musste, dass die libertäre Ideologie eines „Der Markt regelt alles“ letztlich genauso feindlich gegenüber dem Individuum ist wie die Vergottung eines für alles zuständigen Staates.) Aber auch hier bohrt er tiefer, befragt ohne Scheu vor ungemütlichen Antworten das hoch Ambivalente unserer condition humaine: „Vielen Menschen reicht es nicht, jemand mit gleichen Rechten zu sein; sie wollen als überlegen anerkannt werden. Dieses Streben nach größerer Achtung habe ich als Megalothymie bezeichnet, und dieses Anliegen ist natürlich ein Merkmal von Narzissten und Tyrannen.“ Von Hitler bis zu Putin und den trumpistischen „white supremacists“ ließe sich hier eine Traditionslinie des Schreckens ziehen.
Die beiden Gesichter der „Megalothymie“
Doch selbst dabei belässt es Fukuyama nicht, der bereits in seinen zahlreichen weiteren nach 1992 erschienenen Büchern gezeigt hatte, dass er keineswegs jener thesenreitende Politikaster ist, als den ihn seine Gegner in polemischer Verkürzung zeichnen. Zu seiner eigenen Freude – und zur Freude der Lesenden – schreibt hier nämlich einer, der mit soziologischer Beschlagenheit und seinem Interesse für Psychologie nicht etwa prunkt, sondern dies nutzt, um nicht bei allzu gängigen Betrachtungen über die streitbare Willenskraft (Thymos) zu verharren, sondern stattdessen Zusatz-Aspekte und Ergänzungen zu skizzieren. „Aber Megalothymie ist auch eine notwendige Triebfeder für jede menschliche Spitzenleistung, vom erfolgreichen Footballer über den Rockstar bis hin zum inspirierenden politischen Leader. Es ist auch die Voraussetzung für die Verwirklichung jeder Form von sozialer Gerechtigkeit, da soziale Bewegungen Führungspersönlichkeiten benötigen und von der Empörung über die schlechte Behandlung marginalisierter Menschen leben. Mit anderen Worten: Bestimmte Personen geben sich nicht damit zufrieden, letzte Menschen zu sein; sie wollen dafür kämpfen, dass ihre Würde anerkannt wird oder dass die Würde anderer geringgeschätzter Menschen anerkannt wird.“
Was nicht zuletzt bedeutet: An uns liegt es, Destruktives in Humanes zu transformieren – und zwar in Anerkenntnis aller Ambivalenzen, Widersprüchlichkeiten und Unzulänglichkeiten. Eine Einsicht, in der sich sowohl universalistische Linke wie auch reflektierte Konservative wiederfinden könnten, die jedoch alles andere als eine wohlfeile Allerwelts-Weisheit ist. Da sie aus einem Mindset heraus geschrieben ist, das es für absolut notwendig erachtet, immer wieder auch gegen die eigenen Gewissheiten zu denken, das eigene Referenzsystem permanent auf blinde Flecken zu prüfen und bei aller Freude am Gelingen-Können das Unwägbare und Gegenläufige nie zu unterschätzen.
Der Geschichtsdenker als Vater, Sohn und Neffe
Wie in keinem seiner Bücher zuvor geht Fukuyama deshalb auch in die eigene Biographie und Familiengeschichte zurück. Schade, dass dies in der hiesigen Rezeption seines neuen Buchs bislang kaum entsprechende Erwähnung gefunden hat. Dabei ist besonders hier ein wenn nicht gänzlich neuer, so doch ein inspirierend „zusätzlicher“ Intellektueller zu entdecken. Einer, der etwa voller Liebe über seine beiden Söhne schreibt, die statt Politologie Ingenieurswissenschaften studiert haben – „Ingenieure sind Problemlöser. Problemlösung hat nicht den Status oder das Ansehen abstrakter Gedanken, aber ohne sie wären wir in großen Schwierigkeiten, denn es gibt viele Probleme.“ Einer, der auch aus diesem Respekt heraus die Hybris selbsternannter Problemlöser à la Elon Musk demaskiert und vor dem sozialdarwinistisch verschmierten „Übermenschen“-Bild der Silicon-Valley-Oligarchen warnt. Der mit großer Skrupel die verhängnisvollen Eindeutigkeiten bei so manchen Adepten des Philosophen Leo Strauss seziert, den Kulturalismus seines einstigen Mentors Samuel Huntington einer Prüfung unterzieht und auch die eigenen euphorischen Fehleinschätzungen im Zuge von Bush Juniors Irak-Krieg nicht verschweigt. (Neokonservative Zeitgenossen und ehemalige Freunde wie Richard Perle, Paul Wolfowitz oder Norman Podhoretz werden hier dennoch nicht wohlfeil abgewatscht, obwohl deren machiavellistische Eitelkeiten und politische Inkompetenz klar zur Sprache kommen.)
Und dazu die gutgelaunte Beschreibung eines Hobbys, das mehr ist als lediglich eine Marotte. Der Universitäts-Intellektuelle Francis Fukuyama hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nämlich immer wieder auch Zeit genommen für ganz Anderes: „Obwohl ich über Ideen schreibe und meinen Lebensunterhalt mit Unterrichten verdiene, baue ich gern Dinge.“ Unter anderem ist so aus einem Walnussbaum ein edler Pembroke-Tisch mit Intarsien entstanden, wobei ihm die Freude am Tischlern kein Geringerer als Konrad Kellen, der einstige Privatsekretär von Thomas Mann in Santa Monica, beigebracht hatte. Passagenweise ist dieses Buch deshalb auch eine kleine Kulturgeschichte Kaliforniens, wo er studiert und gelehrt hatte (und dort ungleich stärkere intellektuelle Impulse erhielt als in Paris bei kryptischen Vorlesungen der Postmoderne-Gurus Roland Barthes und Jacques Derrida).
Jenseits von Schönreden und Niedergangs-Rhetorik
Nicht zu vergessen die Lebensläufe in seiner japanischen Einwandererfamilie: Auch aufgrund früher Marginalisierungserfahrungen wurde Francis Fukuyamas Vater in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung aktiv – und seine Tante Fumiko war unter jenen Abertausenden unbescholtener US-Japaner, die nach dem Überfall auf Pearl Harbour in kalifornische Internierungslager gepfercht wurden. Ihr verfassungspatriotischer Neffe erinnert daran, dass diese damals formal legalen Willkürakte späterhin vom Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten als rechtswidrig eingestuft wurden. Doch belässt er es nicht bei solch Erbaulichem, sondern zieht – ein anständiger Mensch und luzider Denker – die Linie bis zur Gegenwart, als Mahnung und Aufforderung zu widerstehen. „Leider wurde die Erkenntnis des Unrechts nicht wirklich verinnerlicht, und im Jahr 2025 kehrte die US-Regierung dazu zurück, Menschen zu misshandeln, deren Rechte eigentlich gesetzlich geschützt werden sollten. Diesmal sind es Personen, die verdächtigt werden, Einwanderer ohne gültige Ausweispapiere zu sein.“
Francis Fukuyama zu lesen hat – entgegen so manchem Vorurteil – nichts Einlullendes, sondern ermutigt zu einer illusionslosen Wahrnehmung, die münden kann in emanzipatorisches Handeln.
Francis Fukuyama: Der letzte Mensch. Wohin steuert die Welt? Aus dem amerikanischen Englisch von Helmut Dierlamm und Thomas Stauder. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2026. 269 S., geb., Euro 26,-
Von Marko Martin erschien zuletzt „Und es geschieht jetzt. Jüdisches Leben nach dem 7. Oktober“ (2024) sowie „Freiheitsaufgaben“ (2025) bei Klett-Cotta/Tropen.
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