Konfe­renz­be­richt
Die Zukunft der EU-Erwei­terung: EU-Integration als geopo­li­tische Notwendigkeit

Wie kann die Europäische Union ihre Erwei­te­rungs­po­litik an die neuen geopo­li­ti­schen Reali­täten anpassen? Welche Chancen bieten Modelle einer schritt­weisen Integration? Und wie versucht Russland, die europäische Integration seiner Nachbar­länder zu unter­graben? Diese Fragen standen am 5. Oktober 2026 im Mittel­punkt der inter­na­tio­nalen Konferenz „Die Zukunft der EU-Erwei­terung: EU-Integration als geopo­li­tische Notwen­digkeit“. Das Zentrum Liberale Moderne hatte gemeinsam mit der Konrad-Adenauer-Stiftung zur öffent­lichen Veran­staltung nach Berlin eingeladen.

Mark Speich, General­se­kretär der Konrad-Adenauer-Stiftung und Marie­luise Beck, Senior Fellow für Osteuropa am Zentrum Liberale Moderne, sprachen die Eröff­nungs­reden. Im Anschluss gab es Keynotes von Maida Gorčević, Minis­terin für europäische Angele­gen­heiten von Monte­negro sowie von Botschafter Sebastian Fischer, stell­ver­tre­tender Abtei­lungs­leiter für EU-Grundsatz und Koordi­nierung im Auswär­tigen Amt.

Die EU-Erwei­terung sei eine Frage von strate­gi­scher Tragweite, betonte Mark Speich. Was lange als techni­scher Beitritts­prozess gegolten habe, sei heute eine geopo­li­tische Notwen­digkeit. Entscheidend sei nicht mehr, ob sich die EU erweitere, sondern wie sie das nach außen wirksam und nach innen insti­tu­tionell tragfähig tue. Zugleich verwies er auf die Gegen­seite: „Russland versucht seit Jahren, demokra­tische Insti­tu­tionen zu schwächen, gesell­schaft­liche Polari­sierung zu verstärken und Zweifel an einer EU-Integration zu säen.“

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Marie­luise Beck, erinnerte daran, dass Europa nicht mehr in einer Zeit lebe, in der man glaube, ausschließlich von Freunden umgeben zu sein. „Es geht bei der Europäi­schen Union nicht mehr nur um materi­ellen Wohlstand, sondern es geht um die militä­rische Absicherung einer Freiheitsidee, die die Europäische Union ist.“

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Auch Botschafter Sebastian Fischer betonte die Notwen­digkeit, Reform­fort­schritte der Kandi­da­ten­länder mit einer glaub­wür­digen Beitritts­per­spektive zu verbinden. Seine zentrale Botschaft lautete: „Erfolg­reiche Reformen, die das notwendige Vertrauen inein­ander schaffen, müssen mit einer Integration in die Europäische Union beant­wortet werden“. Andern­falls spiele man jenen in die Hände, die Beitritts­pro­zesse durch Desin­for­mation beschä­digen wollten.

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Die monte­ne­gri­nische Minis­terin für europäische Angele­gen­heiten, Maida Gorčević, unter­strich in ihrer Keynote die Erwar­tungen ihres Landes zum EU-Beitritt: „Wir arbeiten intensiv an den verblei­benden Kapiteln um die Beitritts­ver­hand­lungen abzuschließen mit der Ambition, 2028 der 28. Mitglieds­staat der Europäi­schen Union zu werden.“

Panel I: Schritt­weise Integration und assozi­ierte Mitglied­schaft – eine neue Dynamik in der EU-Erwei­te­rungs­po­litik 

Maida Gorčević, Minis­terin für europäische Angele­gen­heiten Monte­negros, Liubov Akulenko (UCEP), Anastasia Pociumban (DGAP) und der Bundes­tags­ab­ge­ordnete David Preisendanz (CDU) disku­tierten in Panel I über neue Modelle der europäi­schen Integration. Im Zentrum stand die Frage, ob eine schritt­weise Integration und eine assozi­ierte Mitglied­schaft den Beitritts­prozess beschleu­nigen können, ohne die Refor­m­an­for­de­rungen in den Kandi­da­ten­ländern aufzu­geben – oder ob dadurch neue Zwischen­stufen entstehen, die eine Vollmit­glied­schaft auf unbestimmte Zeit verschieben.

David Preisendanz argumen­tierte: Geopo­li­tisch müsse die Erwei­terung beschleunigt werden, zugleich blieben der leistungs­ba­sierte Ansatz und die Rechts­staat­lichkeit zentral. Die aktuellen Vorschläge zur gradu­ellen Integration seien ein guter Kompromiss, aber diese neuen Integra­ti­ons­mo­delle dürften keine weitere „Warte­halle“ schaffen. Die geopo­li­tische Dring­lichkeit einer Erwei­terung müsse mit dem leistungs­ba­sierten Beitritts­prozess verbunden werden. Angesichts des wachsenden Einflusses Russlands und Chinas liege die Erwei­terung im strate­gi­schen Eigen­in­teresse der Europäi­schen Union. Zugleich dürften insbe­sondere Rechts­staat­lichkeit und Korrup­ti­ons­be­kämpfung nicht vernach­lässigt werden.

Maida Gorčević verwies auf Monte­negro als möglichen Erfolgsfall der europäi­schen Erwei­te­rungs­po­litik. Das Land strebe an, die Beitritts­ver­hand­lungen bis Ende 2026 abzuschließen und 2028 als 28. Mitglied­staat der EU beizu­treten. Für Monte­negro sei entscheidend, dass die Erfüllung der Beitritts­kri­terien tatsächlich zu einer Mitglied­schaft führe. Eine schritt­weise Integration könne den Prozess unter­stützen, dürfe jedoch keine zusätz­liche Hürde für Länder schaffen, die bereits weit fortge­schritten seien. Ein erfolg­reicher Beitritt Monte­negros würde zugleich die Glaub­wür­digkeit der europäi­schen Erwei­te­rungs­po­litik gegenüber anderen Kandi­da­ten­ländern stärken.

Aus ukrai­ni­scher Perspektive äußerte Liubov Akulenko Zweifel daran, welchen zusätz­lichen Nutzen eine schritt­weise Integration noch bieten könne. Die Ukraine sei bereits in zahlreichen Bereichen eng mit dem europäi­schen Binnen­markt verbunden, etwa bei SEPA und Roaming sowie im Energie‑, Zoll- und Verkehrs­sektor. Weitere substan­zielle Integra­ti­ons­schritte seien ohne Vollmit­glied­schaft nur begrenzt möglich. Angesichts des russi­schen Angriffs­kriegs brauche die Ukraine deshalb nicht nur neue Integra­ti­ons­mo­delle, sondern konkrete Unter­stützung bei der Umsetzung insti­tu­tio­neller Reformen. Besonders wichtig sei eine leistungs­fähige öffent­liche Verwaltung, die auch unter Kriegs­be­din­gungen Reformen voran­treiben könne. Aller­dings bestehe ohne eine klare politische Perspektive die Gefahr, dass weitere Zwischen­mo­delle den eigent­lichen Beitritt verzögerten.

Anastasia Pociumban verwies darauf, dass Moldau die gegen­wärtige geopo­li­tische Dynamik als zeitlich begrenztes Gelegen­heits­fenster für seinen EU-Beitritt begreife. Zwar könnten neue Integra­ti­ons­mo­delle zusätz­liche Möglich­keiten eröffnen, doch bleibe unklar, wie sie sich in eine verbind­liche Beitritts­per­spektive übersetzen ließen. Technische Verein­ba­rungen und wirtschaft­liche Annäherung könnten den politi­schen Willen zur Erwei­terung nicht ersetzen. Besonders wichtig sei deshalb eine stärkere insti­tu­tio­nelle Einbindung der Kandi­da­ten­länder in europäische Entschei­dungs­pro­zesse. Gleich­zeitig erinnerte sie daran, dass die Mitglied­staaten jede Entscheidung mittragen müssten und die Unter­stützung für die Erwei­terung selbst in der deutschen Bevöl­kerung nicht besonders stark sei.

Die Diskussion verdeut­lichte zudem, dass nicht allein die Beitritts­kan­di­daten vor Reform­auf­gaben stehen. Auch die Europäische Union muss ihre eigene Handlungs­fä­higkeit stärken. Preisendanz plädierte für mehr Mehrheits­ent­schei­dungen und wirksamere Mecha­nismen zum Schutz der Rechts­staat­lichkeit. Maida Gorčević zeigte sich offen für strengere rechts­staat­liche Schutz­klauseln in künftigen Beitritts­ver­trägen, betonte jedoch zugleich die Gleich­be­rech­tigung kleiner und großer Mitgliedstaaten.

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Damit kristal­li­sierte sich der gemeinsame Nenner der Diskussion heraus: Die schritt­weise Integration kann neue Dynamik schaffen, aber dafür muss die EU geopo­li­tisch schneller handeln, ohne ihre eigenen demokra­ti­schen Grund­sätze aufzu­geben. Gleich­zeitig hängt die Glaub­wür­digkeit der Erwei­te­rungs­po­litik davon ab, ob erfolg­reiche Reformen auch tatsächlich mit politi­schen Fortschritten beant­wortet werden, die sie näher an die Vollmit­glied­schaft führen.

Panel II: Russlands Playbook gegen die EU-Erwei­terung 

Im zweiten Panel, „Russlands Playbook gegen die EU-Erwei­terung“, unter­suchten Vertre­te­rinnen und Vertreter aus Georgien, Armenien, Moldau, der Ukraine und Deutschland, mit welchen Narra­tiven und Instru­menten Russland versucht, die europäische Integration zu behindern.

Die Diskussion zeigte, dass der Kreml unter­schied­liche gesell­schaft­liche Verwund­bar­keiten nutzt, um ein ähnliches Ziel zu erreichen: Zweifel an der EU zu verstärken, Demokratie zu desta­bi­li­sieren und die Unter­stützung für eine europäische Zukunft zu schwächen.

Saba Brachveli von der georgi­schen Civil Society Foundation beschrieb drei zentrale Narrative russi­scher Einfluss­nahme: – Die europäische Integration führe zu einem Krieg mit Russland, – die EU sei zu schwach, um Georgien zu unter­stützen, und – europäische Werte bedrohten die nationale Identität.

Diese Botschaften wirkten, weil sie an reale Ängste anknüpften. Angesichts der russi­schen Besetzung georgi­scher Gebiete werde die Sorge vor einem weiteren Krieg gezielt gegen die europäische Orien­tierung instru­men­ta­li­siert. Besonders folgen­reich sei, dass die antieu­ro­päische Rhetorik inzwi­schen konkrete politische Einschrän­kungen begleite.

Seine Warnung reichte über Georgien hinaus: Wenn die Strategie erfolg­reich sei, könnten ähnliche Narrative und Mecha­nismen auch in anderen europäi­schen Ländern Fuß fassen. Die EU müsse deshalb ihre Partner sicht­barer unter­stützen und dem Bild eines schwachen, unzuver­läs­sigen Europas entgegentreten.

Areg Kochinyan, Präsident des Armenian Council, zeigte, wie Russland wirtschaft­liche und politische Abhän­gig­keiten nutzt, um Armeniens Annäherung an die EU zu erschweren. Nachdem Russland aus armeni­scher Sicht die zugesagte Sicher­heits­ga­rantie nicht eingelöst habe, sei das Vertrauen zu Moskau deutlich gesunken. Dennoch verfüge Russland weiterhin über erheb­liche Einfluss­mög­lich­keiten, durch Armeniens Abhän­gigkeit von russi­scher Energie und durch prorus­sische politische Netzwerke. Areg Kochinyan warnte vor der Gefahr, dass sich die demokra­tische Entwicklung Armeniens ähnlich wie in Georgien zurück­ent­wi­ckeln könnte.

Eine entschei­dende Antwort liege darin, reale Alter­na­tiven zu schaffen. Dazu zählten eine stärkere wirtschaft­liche Anbindung an Europa, die Diver­si­fi­zierung der Energie­ver­sorgung und die Öffnung der armenisch-türki­schen Grenze. Solange diese Möglich­keiten begrenzt blieben, könne Russland bestehende Abhän­gig­keiten gegen die europäische Orien­tierung Armeniens einsetzen.

Der moldauische Experte Denis Cenusa stellte fest, dass sein Land trotz massiver Desin­for­ma­ti­ons­kam­pagnen, mutmaß­licher Stimmen­käufe und wirtschaft­lichen Drucks seinen proeu­ro­päi­schen Kurs behauptet habe.

Als wichtige Faktoren nannte er die Zusam­men­arbeit zwischen Zivil­ge­sell­schaft, unabhän­gigen Medien und staat­lichen Insti­tu­tionen sowie konkrete Unter­stützung durch die EU. Besonders europäische Instru­mente gegen Desin­for­mation und Cyber­an­griffe hätten Moldaus Wider­stands­fä­higkeit gestärkt.

Dmytro Shulga von der Inter­na­tional Renais­sance Foundation beschrieb einen Wandel der russi­schen Einfluss­stra­tegie gegenüber der Ukraine. Während Moskau früher wirtschaft­liche Alter­na­tiven zur europäi­schen Integration angeboten habe, setze es inzwi­schen verstärkt auf Einschüch­terung und darauf, das Vertrauen der ukrai­ni­schen Bevöl­kerung in ihre Insti­tu­tionen und westlichen Partner zu untergraben.

Ein zentrales Narrativ laute, die EU wolle die Ukraine ohnehin nicht aufnehmen. Gerade deshalb seien Verzö­ge­rungen im Beitritts­prozess proble­ma­tisch: Sie könnten russi­schen Behaup­tungen zusätz­liche Glaub­wür­digkeit verleihen.

Dmytro Shulga betonte, dass die EU dieser Strategie nicht allein mit Kommu­ni­kation begegnen könne. Sie müsse durch politische Entschei­dungen und konkrete Verhand­lungs­fort­schritte zeigen, dass die Mitglied­schaft der Ukraine eine reale Perspektive sei. Andern­falls drohe sich die lange Wartezeit der Westbal­kan­staaten zu wiederholen.

Auch Deutschland sei Teil dieses russi­schen Playbooks, betonte Chantal Kopf, europa­po­li­tische Sprecherin der Grünen-Bundes­tags­fraktion. Ähnlich wie in den Kandi­da­ten­ländern würden Ängste vor Krieg und wirtschaft­lichen Belas­tungen genutzt, um die Unter­stützung für die Ukraine und ihre europäische Integration zu schwächen.

„Die Grundlage ist immer Angst“, erklärte Chantal Kopf mit Blick auf die wieder­keh­renden Muster russi­scher Einfluss­nahme. Die deutsche Politik müsse diese Sorgen ernster nehmen und überzeu­gender erklären, warum die EU-Erwei­terung im europäi­schen Interesse liege. Sie forderte eine engere Zusam­men­arbeit mit zivil­ge­sell­schaft­lichen Akteuren, ein wirksa­meres Vorgehen gegen Desin­for­mation in sozialen Medien und vor allem eine glaub­würdige Erwei­te­rungs­po­litik. Deutschland trage dabei besondere Verantwortung.

Bei allen Unter­schieden zeigte sich ein gemein­sames Muster: Russland setzt auf die Angst vor Krieg, auf wirtschaft­liche und energe­tische Abhän­gig­keiten und auf Zweifel daran, dass die EU ihre Versprechen einlöst. Eine wirksame Antwort verbindet deshalb sichtbare Unter­stützung für die Partner, reale Alter­na­tiven zu russi­schen Abhän­gig­keiten und eine glaub­würdige Erweiterungspolitik.

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In seinem Schlusswort führte Ralf Fücks, geschäfts­füh­render Gesell­schafter des Zentrums Liberale Moderne, beide Panels zusammen. Europa müsse die russische Einfluss­nahme ernst nehmen, dürfe Russland aber nicht mächtiger erscheinen lassen, als es sei. Entscheidend sei weniger ein Mangel an Ressourcen als vielmehr der politische Wille, Europas Möglich­keiten auszuschöpfen.

Er plädierte dafür, zwei vermeint­liche Gegen­sätze zu überwinden: den zwischen EU-Erwei­terung und innerer Reform sowie den zwischen schritt­weiser Integration und Vollmit­glied­schaft. Die EU brauche eine flexi­blere Archi­tektur mit unter­schied­lichen Integra­ti­ons­ge­schwin­dig­keiten. Gleich­zeitig dürfe sie die Erwei­terung nicht aufschieben, bis sämtliche insti­tu­tio­nellen Reformen abgeschlossen seien.

Vor allem aber müsse sich die öffent­liche Debatte verändern. Die Kandi­da­ten­länder sollten nicht länger vornehmlich als Belastung für die EU wahrge­nommen werden. Sie brächten vielmehr politische, wirtschaft­liche und techno­lo­gische Gewinne mit, die Europa stärken könnten.

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