Kommt die neue Chi­ne­si­sche Weltordnung?

Foto: Shutterstock, Hung Chung Chih
Foto: Shut­ter­stock, Hung Chung Chih

China erholt sich wirt­schaft­lich besser von Corona als der Rest der Welt. Das befeu­ert eine der großen Debat­ten des 21. Jahr­hun­derts: Ist die Pan­de­mie das Ende der Pax Ame­ri­cana – und der Beginn des „chi­ne­si­schen Jahrhunderts“?

Es war ein Pau­ken­schlag. Als China und 14 asia­ti­sche Staaten im Novem­ber erklär­ten, die größte Frei­han­dels­zone der Welt zu schaf­fen, kam das für viele Beob­ach­ter nicht nur über­ra­schend. Es passte auch so gar nicht in ihr von der Corona-Pan­de­mie geplag­tes Weltbild.

In Europa tobt seit dem Herbst die zweite Welle, die Infek­ti­ons- und Todes­zah­len sind höher als im Früh­jahr. Zum Jah­res­ende gingen mehrere Länder erneut in einen harten Lock­down – obwohl man das um jeden Preis ver­mei­den wollte. Aber in vielen Ländern Asiens ist Corona Ver­gan­gen­heit. Zwar trafen sich die Unter­zeich­ner des Abkom­mens nur online. Aber mitten in die größte Krise des 21. Jahr­hun­derts sen­de­ten sie die gut gelaunte Bot­schaft: Wir treiben Handel – und zwar mehr als je zuvor!
Die Unter­zeich­nung des Abkom­mens, das den Namen RCEP (Regio­nal Com­pre­hen­sive Eco­no­mic Part­ners­hip) trägt, war beson­ders für China ein geo­po­li­ti­scher Sieg. Die USA hatten unter Barack Obama ver­sucht, das asia­ti­sche Land mit dem Han­dels­ver­trag TPP (Trans-Pacific Part­ners­hip) zu iso­lie­ren. Doch Donald Trump stieg aus dem Abkom­men aus – nur drei Tage nach seinem Amts­an­tritt. RCEP war für die Volks­re­pu­blik also ein später Triumph über Amerika, ihren größten geo­po­li­ti­schen Rivalen.
Doch RCEP ist nicht Pekings ein­zi­ger Sieg. Chinas Wirt­schaft hat sich auf erstaun­li­che Weise von der Pan­de­mie erholt. Bereits im zweiten Quartal wuchs sie um 3,2 Prozent im Ver­gleich zum Vor­jah­res­quar­tal. Im ersten Quartal war sie – gegen­über dem Ver­gleichs­zeit­raum – noch um 6,8 Prozent ein­ge­bro­chen. Der Posi­tiv­trend setzte sich im dritten Quartal fort: Die chi­ne­si­sche Wirt­schaft wuchs um 4,9 Prozent im Ver­gleich zum Vor­jah­res­quar­tal. Nach einer Pro­gnose des Inter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds ist China damit dieses Jahr die einzige füh­rende Volks­wirt­schaft, deren Brut­to­in­lands­pro­dukt wächst. Die Son­der­or­ga­ni­sa­tion der Ver­ein­ten Natio­nen schätzt das chi­ne­si­sche Wirt­schafts­wachs­tum bis Jah­res­ende auf 1,9 Prozent.

Ein wei­te­res Freihandelsabkommen

Zum Jah­res­ende unter­zeich­ne­ten China und die EU zudem ein Inves­ti­ti­ons­ab­kom­men. Nur wenige Wochen vor dem Amts­an­tritt des neuen US-Prä­si­den­ten Joe Biden ist auch das ein geo­po­li­ti­scher Sieg für Peking.
Die Ironie: China, das Land, in dem die Pan­de­mie aus­ge­bro­chen ist, kommt so erfolg­reich aus der Krise wie kaum ein anderes Land.
Chinas v‑förmige wirt­schaft­li­che Erho­lung befeu­ert eine der großen Debat­ten des 21. Jahr­hun­derts: die Frage, wie sich die Pan­de­mie auf das Ver­hält­nis zwi­schen den USA, der nach dem Fall des Eiser­nen Vor­hangs einzig ver­blie­be­nen Super­macht, und China, der auf­stre­ben­den Super­macht, aus­wirkt. Die Pan­de­mie sei der Beginn einer neuen Welt­ord­nung mit China als Mit­tel­punkt, behaup­ten die einen. Die USA seien zwar nicht mehr die unan­ge­foch­tene Super­macht, würden aber, ins­be­son­dere nach der Wahl von Joe Biden, wieder zu alter Füh­rungs­stärke zurück­fin­den, argu­men­tie­ren die anderen. Zwei Exper­ten, die für diese Sicht­wei­sen stehen äußern sich:
Kishore Mah­bu­bani gilt als einer der bekann­tes­ten Ver­fech­ter der Idee des „chi­ne­si­schen Jahr­hun­derts“. Der 72-Jährige stand mehr als 30 Jahre lang im diplo­ma­ti­schen Dienst Sin­ga­purs. Unter anderem war er der stän­dige Ver­tre­ter des Stadt­staa­tes bei den Ver­ein­ten Natio­nen. Seit seinem Aus­schei­den aus dem diplo­ma­ti­schen Dienst lehrt Mah­bu­bani an Uni­ver­si­tä­ten und schreibt Bücher. Zuletzt hat er das Buch „Has China won?“ ver­öf­fent­licht. Der Titel for­mu­liert Mah­bu­ba­nis Meinung als Frage. Doch eigent­lich ist für ihn völlig klar, dass China gegen den Westen gewon­nen hat.
Die Pan­de­mie habe den Anse­hens­ver­lust der USA dra­ma­tisch beschleu­nigt, findet der Sin­ga­pu­rer. „Das Land, das einen Mann auf den Mond geschos­sen hat, kriegt die Pan­de­mie nicht in den Griff“, sagt er am Telefon. Amerika, dessen Wis­sen­schaft­ler und Insti­tu­tio­nen lange als die besten der Welt galten, mache im Ver­gleich zu China eine schlechte Figur. Corona werde die Rollen zwar nicht schlag­ar­tig neu ver­tei­len. Aber die Pan­de­mie führe dazu, dass Chinas schritt­wei­ser Auf­stieg wei­ter­gehe. „Das rela­tive Gewicht hat sich bereits deut­lich ver­scho­ben – und das wird so wei­ter­ge­hen“, so Mah­bu­bani. Den USA wirft der Ex-Diplo­mat vor, keine Vision für eine mul­ti­po­lare Welt zu haben. Er ist der Über­zeu­gung, Washing­ton sei ent­täuscht, dass sich China trotz seines wirt­schaft­li­chen Auf­stiegs nicht zu einer Demo­kra­tie ent­wi­ckelt habe. Und er glaubt, dass es in den USA eine ras­sis­tisch grun­dierte Abnei­gung gegen eine asia­ti­sche Super­macht gebe.

Meri­to­kra­tie vs. Plutokratie

Den ent­schei­den­den Grund für Chinas lang­fris­ti­gen Erfolg sieht Mah­bu­bani aber in einem anderen Punkt: Das Land sei eine Meri­to­kra­tie. Wer etwas leiste, habe Auf­stiegs­mög­lich­kei­ten. Die USA hin­ge­gen sieht er als Plu­to­kra­tie, also als eine Gesell­schaft, in der Ver­mö­gen die Vor­aus­set­zung für Teil­habe darstellt.

Mah­bu­ba­nis Ansich­ten sind umstrit­ten. Oft wird ihm vor­ge­wor­fen, dass er keine Moral kenne. Als ihn der „Spiegel“ im Früh­jahr fragte, ob er Pekings Unter­drü­ckung der Muslime in Xin­jiang für eine Politik halte, die einer Kul­tur­na­tion würdig sei, ant­wor­tete er aus­wei­chend: „Das weiß ich nicht.“ Wer ihm eine Weile zuhört, bekommt den Ein­druck, dass er von Chinas Stärke gar nicht so sehr über­zeugt ist, sondern viel­mehr von Ame­ri­kas Schwäche.

Chinas demo­gra­phi­sches Problem

Auch Gabriel Fel­ber­mayr beob­ach­tet, dass China – relativ betrach­tet – immer mäch­ti­ger wird. Der Öster­rei­cher ist seit 2019 Prä­si­dent des Kieler Insti­tuts für Welt­wirt­schaft (IfW). Seine Schluss­fol­ge­rung aber ist eine andere. Dass das Land des­we­gen zur neuen Hege­mo­ni­al­macht auf­steigt, glaubt er nicht. Fel­ber­mayr weist auf die Einheit des Brut­to­in­lands­pro­dukts in US-Dollar hin. Vor der Pan­de­mie habe der chi­ne­si­sche Wert bei rund 63 Prozent des US-Niveaus gelegen. Nach der Pan­de­mie werde er wohl bei mehr als 70 Prozent liegen. Corona sei des­we­gen keine Weg­scheide, sondern ein Kata­ly­sa­tor. „Die geo­po­li­ti­schen Gewichte haben sich schon vor der Pan­de­mie ver­scho­ben“, sagt er am Telefon. „Aber Corona hat diese Ver­schie­bung beschleunigt.“

China werde, so Fel­ber­mayr, immer schnel­ler der wich­tigste Han­dels­part­ner von einer wach­sen­den Anzahl von Ländern. Damit böten sich der Volks­re­pu­blik mehr Mög­lich­kei­ten, ihre Inter­es­sen durch­zu­set­zen. Das Abkom­men RCEP sieht er als Aus­druck dieses Bedeu­tungs­ge­winns. Aber dem Auf­stieg Chinas seien Grenzen gesetzt. „Relativ gewinnt China schon seit Jahr­zehn­ten an wirt­schaft­li­cher Bedeu­tung. Das wird wahr­schein­lich bis etwa 2040 so weitergehen.“

Den Fla­schen­hals für Pekings Auf­stieg sieht Fel­ber­mayr in Chinas Demo­gra­fie: Das Land werde ver­mut­lich alt, bevor es reich werde. „Und selbst auf dem Höhe­punkt der Macht wird Chinas wirt­schaft­li­che Bedeu­tung nicht die des Westens über­schrei­ten.“ All jenen, die eine chi­ne­si­sche Welt­ord­nung aus­ru­fen, erteilt er damit eine Abfuhr. Fel­ber­mayr weist auch noch auf einen wei­te­ren Punkt hin: China verfüge zwar über eine flo­rie­rende Wirt­schaft, aber über wenig poli­ti­sche und kul­tu­relle Strahl­kraft. Und auch das sei ein limi­tie­ren­der Faktor. „China ist als wirt­schaft­li­ches Modell attrak­tiv“, sagt er. „Aber nicht als gesell­schafts­po­li­ti­scher Entwurf.“

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