Timothy Snyder: „Deutsch­lands his­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung“

© Bun­des­tags­frak­tion Bündnis 90/​Die Grünen, CC BY 2.0. Quelle: Flickr.

Im Mit­tel­punkt der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Erobe­rungs- und Ver­nich­tungs­po­li­tik stand auch die Ukraine. Die „Shoa durch Kugeln“ wäre ohne den Ost­feld­zug von Wehr­macht und SS nicht möglich gewesen. Der His­to­ri­ker Snyder fasst die poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung, die aus dem Holo­caust der Ukraine gegen­über erwächst, zusam­men.

Warum sollten wir heute, wo in ganz Europa der Popu­lis­mus blüht, wo die Demo­kra­tie der Ver­ei­nig­ten Staaten von Amerika von innen unter Druck steht und wo Russ­land mili­tä­risch in die Ukraine ein­ge­drun­gen ist – warum sollten wir gerade in dieser tur­bu­len­ten Zeit über his­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung spre­chen?

Die Antwort ist: Es sind eben diese Pro­bleme, weshalb wir über his­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung spre­chen müssen. Es gibt viele Ursa­chen für die Kon­flikte inner­halb der Euro­päi­schen Union, es gibt viele Gründe für die Krise der Demo­kra­tie in den Ver­ei­nig­ten Staaten. Einer davon ist das Unver­mö­gen, mit bestimm­ten Aspek­ten der Geschichte umzu­ge­hen.

Lassen Sie mich über Deutsch­land spre­chen, indem ich mit den Ver­ei­nig­ten Staaten beginne. Warum haben wir die Regie­rung, die wir jetzt haben? Wie können wir 2017 einen ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten haben, der sich unver­ant­wort­lich in ras­sis­ti­scher Weise äußert? Die Antwort lautet: Weil wir uns mit wich­ti­gen Fragen unserer Ver­gan­gen­heit nicht aus­ein­an­der­ge­setzt, keine his­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung über­nom­men haben.

Hitlers Fas­zi­na­tion für Skla­ve­rei  

Amerika wurde zu einem großen Teil durch Skla­ven­ar­beit errich­tet. Es ist gerade dieses Modell der Grenz­ko­lo­ni­sa­tion, des von Sklaven errich­te­ten Impe­ri­ums, das Hitler bewun­derte. Für Hitler stand fest, wer im deut­schen Ost­im­pe­rium die ras­sisch Nie­der­ge­stell­ten, die Sklaven, sein sollten. Die theo­re­ti­sche Antwort gab er in „Mein Kampf“, die prak­ti­sche ab 1941 im Ost­feld­zug: Die Ukrai­ner.

Portrait von Timothy Snyder

Timothy Snyder ist His­to­ri­ker und lehrt an der Uni­ver­si­tät Yale

Hitlers Idee war eine auf Skla­ve­rei beru­hende Kolo­ni­al­herr­schaft in Ost­eu­ropa, in dessen Zentrum die Ukraine stehen sollte. Sie stand im Zentrum seiner Kolo­­ni­­sa­­ti­ons- und Ver­skla­vungs­po­li­tik. Die Ukrai­ner sollten behan­delt werden wie „Afri­ka­ner“, wie deut­sche Doku­mente aus dem Krieg zeigen. Weil die Erobe­rung der Ukraine ein zen­tra­les Ziel für Hitler war, ist es sinnlos, an den Zweiten Welt­krieg zu erin­nern, ohne die Ukraine zu berück­sich­ti­gen. Jedes Geden­ken, das an die ideo­lo­gi­schen, wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Absich­ten des Nazi-Regimes erin­nert, muss daher mit der Ukraine begin­nen.

Hitlers Politik kon­zen­trierte sich auf die Ukraine: Der Hun­ger­plan mit der Vor­stel­lung, zig Mil­lio­nen Men­schen im Winter von 1941 ver­hun­gern zu lassen; der Gene­ral­plan Ost mit der Idee, in den fol­gen­den Jahren weitere Mil­lio­nen Men­schen gewalt­sam umzu­sie­deln oder zu töten und schließ­lich die End­lö­sung, Hitlers Plan von der Ver­nich­tung der Juden. All diese Pläne erfor­der­ten die Erobe­rung der Ukraine.

Folgen der deut­schen Besat­zung für die Ukraine

Die Folgen für die Ukraine waren kata­stro­phal: Drei­ein­halb Mil­lio­nen Zivi­lis­ten der Sowjet-Ukraine wurden Opfer deut­scher Tötungs­po­li­tik zwi­schen 1941–1945. Hinzu kommen weitere drei­ein­halb Mil­lio­nen Ukrai­ner, die als Sol­da­ten der Roten Armee oder indi­rekt an den Folgen des Krieges starben.

Es ist wichtig, an den deut­schen Ver­nich­tungs­krieg gegen die Sowjet­union zu erin­nern. Aber im Zentrum dieses Ver­nich­tungs­kriegs stand nicht nur Russ­land – sondern die Ukraine. Wenn wir über deut­sche his­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung für Russ­land spre­chen wollen, müssen wir mit der Ukraine begin­nen. Die größte zer­stö­re­ri­sche Praxis des deut­schen Kriegs traf die Ukraine. Wenn es ernst­haft um die deut­sche Ver­ant­wor­tung für den Osten gehen soll, muss deshalb die Ukraine an erster Stelle genannt werden.

Shoa: His­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung bedeu­tet Ver­ant­wor­tung für die Ukraine

Der Holo­caust ist inte­gral ver­bun­den mit dem Ver­nich­tungs­krieg und dem Bestre­ben, die Ukraine zu erobern. Hätte Hitler nicht die kolo­niale Vor­stel­lung gehabt, einen Krieg in Ost­eu­ropa zu führen, um die Ukraine zu kon­trol­lie­ren, hätte es den Holo­caust nicht gegeben. Es war dieser Plan, der die deut­sche Staats­macht nach Ost­eu­ropa brachte, wo die euro­päi­schen Juden mehr­heit­lich lebten. Erst der Krieg in der Ukraine brachte Wehr­macht, SS und die deut­sche Polizei an Orte, wo Juden mas­sen­haft umge­bracht werden konnten. Es waren Orte wie Babyn Jar oder Kam­­ja­­nez-Podils­­­kyj, wo 1941 erst­mals in der Geschichte der Mensch­heit zehn­tau­sende Men­schen durch Mas­sen­er­schie­ßun­gen ermor­det wurden. Hier wurde den Natio­nal­so­zia­lis­ten klar, dass etwas wie der Holo­caust möglich war.

Was bedeu­tet das? Es bedeu­tet, dass jeder Deut­sche, der den Gedan­ken der Ver­ant­wor­tung für den Holo­caust ernst nimmt, auch die Geschichte der deut­schen Okku­pa­tion der Ukraine ernst nehmen muss.

Ver­ant­wor­tung über­neh­men, um Deutsch­land zu helfen

Als ich im Sep­tem­ber 2016 in der Ukraine war, um über Babyn Jar zu spre­chen, als ich vor Mil­lio­nen ukrai­ni­schen Fern­seh­zu­schau­ern stand und ver­suchte, über diese Dinge zu spre­chen, war mein wesent­li­cher Punkt: gedenkt Babyn Jar nicht allein wegen der Juden, gedenkt Babyn Jar auch um Eurer selbst willen. Ihr gedenkt des Holo­causts‘, weil es Teil des Aufbaus einer ver­ant­wort­li­chen Gesell­schaft und hof­fent­lich in Zukunft funk­tio­nie­ren­den Demo­kra­tie in der Ukraine ist. Das gilt für die Ukraine. Aber das gilt auch für mich. Und das gilt für uns alle.

Der Zweck des Geden­kens der deut­schen Ver­ant­wor­tung für sechs­ein­halb Mil­lio­nen Tote, her­vor­ge­ru­fen durch den deut­schen Krieg gegen die Sowjet­union, ist nicht zuerst, der Ukraine zu helfen. Die Ukrai­ner sind sich dieser Ver­bre­chen bewusst. Die Ukrai­ner leben damit, die Kinder, Enkel, Urenkel der Genera­tion leben mit dem Erbe dieser Ver­bre­chen.

Es ist Deutsch­land, das sich nicht leisten kann, wich­tige Teile seiner Geschichte falsch zu ver­ste­hen, denn es ist die ver­blie­bene füh­rende Demo­kra­tie des Westens. Deutsch­land muss gehol­fen werden in diesem his­to­ri­schen Moment, in dem wir mit dem Brexit zu tun haben, mit erstar­ken­den Popu­lis­ten, mit den nie­der­ge­hen­den und immer weniger demo­kra­ti­schen Ver­ei­nig­ten Staaten von Amerika. Genau in diesem Moment kann Deutsch­land es sich nicht leisten, wich­tige Teile seiner Geschichte falsch zu ver­ste­hen.


Dieser Text basiert auf einem Vortrag, den der Autor im Juni 2017 zum Thema „Deutsch­lands his­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung für die Ukraine“ im Deut­schen Bun­des­tag gehal­ten hat. 

Textende

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