Wirt­schaft­liche Grund­lagen popu­lis­ti­scher Bewe­gungen in west­li­chen Industrieländern

Foto: shutterstock.com

Die Debatte um das Erstarken natio­na­lis­ti­scher und frem­den­feind­li­cher Parteien wird immer stärker zu einer gesin­nungs­ethi­schen Ausein­an­der­set­zung. Dagegen zeigt der Ökonom Thieß Petersen, dass die Tendenz zur Abschot­tung in den wirt­schaft­li­chen Auswir­kungen begründet liegt, die ein unge­bremster globaler Wett­be­werb vor allem für gering quali­fi­zierte Lohn­ab­hän­gige hat. Popu­lis­ti­sche Parteien haben vor allem dort großen Zulauf, wo die Import­kon­kur­renz mit Nied­rig­lohn­län­dern direkt auf Löhne und Beschäf­ti­gung durch­schlägt. Die Antwort darauf kann nicht der Rückzug in die nationale Wagenburg sein. Vielmehr braucht es poli­ti­sche Stra­te­gien, um die poten­ti­ellen Verlierer der Globa­li­sie­rung sozial abzu­si­chern und Zukunfts­bran­chen zu fördern.

Das Erstarken popu­lis­ti­scher Parteien und Politiker in vielen west­li­chen Indus­trie­län­dern hat viele Ursachen, zu denen auch ökono­mi­sche Gründe zählen. Selbst­ver­ständ­lich lassen sich popu­lis­ti­sche Bewe­gungen keines­falls mono­kausal erklären. Mögli­cher­weise sind ökono­mi­sche Aspekte noch nicht einmal die wich­tigsten Treiber popu­lis­ti­scher Tendenzen. Dennoch ist unbe­stritten, dass wirt­schaft­liche Entwick­lungen eine Bedeutung für das Erstarken des Popu­lismus haben. Die ökono­mi­sche Globa­li­sie­rung spielt in diesem Kontext eine besonders wichtige Rolle.

Ökono­mi­sche Globa­li­sie­rung fördert Wirtschaftswachstum

Die ökono­mi­sche Globa­li­sie­rung kann als die wirt­schaft­liche Verflech­tung aller Länder mitein­ander verstanden werden. Diese Verflech­tung bezieht sich sowohl auf den Austausch von Produk­ti­ons­fak­toren (Arbeit, Kapital, Tech­no­lo­gien, Wissen) als auch auf den Austausch von Produkten (Sachgüter und Dienst­leis­tungen, Vor- und Endpro­dukte, Konsum- und Produktionsgüter).

Die so verstan­dene Globa­li­sie­rung steigert das wirt­schaft­liche Wachstum in allen betei­ligten Ländern, wenn auch in unter­schied­li­chem Ausmaß. Dafür sorgen viel­fäl­tige Mecha­nismen: Der Abbau von Handels­hemm­nissen erlaubt eine stärkere inter­na­tio­nale Arbeits­tei­lung und ermög­licht damit verbun­dene Spezia­li­sie­rungs­ge­winne. Produk­ti­ons­fak­toren können weltweit dort einge­setzt werden, wo sie den größten Beitrag zur Wert­schöp­fung leisten. Der zuneh­mende inter­na­tio­nale Wett­be­werbs­druck erzwingt tech­no­lo­gi­sche Fort­schritte, die die Produk­ti­vität steigern. Und die Produk­tion für den Weltmarkt erlaubt die Ausnut­zung von Vorteilen der Massenproduktion.

Der Umstand, dass die ökono­mi­sche Globa­li­sie­rung das Wirt­schafts­wachstum aller betei­ligten Volks­wirt­schaften steigert, bedeutet jedoch keines­falls, dass auch alle Menschen in den betei­ligten Ländern Einkom­mens­zu­wächse erzielen können.

Ökono­mi­sche Globa­li­sie­rung verändert Knapp­heiten und Preise

Die stärkere wirt­schaft­liche Verflech­tung von einzelnen Ländern durch einen zuneh­menden grenz­über­schrei­tenden Austausch von Gütern, Dienst­leis­tungen, Kapital, Arbeits­kräften und Tech­no­lo­gien hat zur Folge, dass sich der Grad der Knappheit aller dieser Tausch­ob­jekte in den invol­vierten Volks­wirt­schaften verändert. Daraus ergeben sich in markt­wirt­schaft­lich orga­ni­sierten Gesell­schaften Preis­än­de­rungen, die dann auch zu Einkom­mens­än­de­rungen führen.

Dies lässt sich exem­pla­risch am Beispiel des globalen Arbeits­marktes verdeut­li­chen. Ausgangs­punkt ist dabei die Fest­stel­lung, dass hoch entwi­ckelte Indus­trie­na­tionen wie Deutsch­land im Vergleich zu wirt­schaft­lich weniger entwi­ckelten Ländern wie China und Indien über relativ viel Kapital verfügen, aber nur über ein begrenztes Angebot an Arbeits­kräften. In Kombi­na­tion mit den unter­schied­li­chen Niveaus des wirt­schaft­li­chen Wohl­stands führt dies zu relativ hohen Löhnen in den Indus­trie­na­tionen und relativ geringen Löhnen in den Schwellen- und Entwicklungsländern.

Wäre nun eine unbe­schränkte grenz­über­schrei­tende Arbeits­kräf­te­mo­bi­lität möglich, käme es zu einer Migration chine­si­scher Arbeits­kräfte nach Deutsch­land. Das zusätz­liche Arbeits­an­gebot würde einen tenden­zi­ellen Rückgang der Löhne bewirken. In China hingegen führt ein Rückgang des Angebots an Arbeits­kräften zu einem Anstieg der Löhne. Die deutschen und chine­si­schen Löhne bewegten sich also auf einander zu.

Die Befürch­tung sinkender Löhne dürfte in den entwi­ckelten Indus­trie­na­tionen ein zentraler Grund für strikte Regeln zur Begren­zung der Einwan­de­rung sein. Aller­dings, und das wird in der Diskus­sion über Arbeits­mi­gra­tion leicht übersehen, ergeben sich selbst bei einer voll­kom­menen Abschot­tung der Arbeits­märkte gegenüber dem Ausland die gleichen Arbeits­markt­ef­fekte, wenn es statt­dessen zum inter­na­tio­nalen Handel mit Gütern und Dienst­leis­tungen kommt.

Lohn­an­glei­chung durch inter­na­tio­nalen Handel

Wegen des – im inter­na­tio­nalen Vergleich – hohen Angebots an Arbeits­kräften hat China einen inter­na­tio­nalen Wett­be­werbs­vor­teil bei arbeits­in­tensiv herge­stellten Produkten. Die Spezia­li­sie­rung auf die Herstel­lung und den anschlie­ßenden Export dieser Güter erhöht in China die Beschäf­ti­gung und über eine höhere Nachfrage nach Arbeits­kräften auch die Löhne.

Deutsch­land spezia­li­siert sich hingegen auf die Produk­tion von Gütern, für deren Herstel­lung viel Kapital und Tech­no­logie, aber wenig Arbeit benötigt wird. Die Produk­tion arbeits­in­tensiv herge­stellter Güter wird hingegen reduziert. Das Ergebnis ist ein Rückgang der Nachfrage nach Arbeits­kräften – vor allem nach gering quali­fi­zierten Arbeits­kräften – mit einem entspre­chenden Lohndruck.

Dass diese skiz­zierten Wirkungs­me­cha­nismen nicht nur graue Theorie sind, zeigen unter anderem die Unter­su­chungen von Autor, Dorn und Hanson für die lokalen Arbeits­märkte in den USA und Ronge für Deutsch­land.

Wirt­schaft­liche Entwick­lungen und popu­lis­ti­sche Tendenzen

Die skiz­zierten wirt­schaft­li­chen Entwick­lungen dürften auch Einfluss auf das Wahl­ver­halten der Bürger haben. In hoch entwi­ckelten Volks­wirt­schaften wie Deutsch­land, Frank­reich, den USA und dem Verei­nigten König­reich, die in Konkur­renz zu Nied­rig­lohn­län­dern stehen, lassen sich die grund­le­genden Wirkungs­zu­sam­men­hänge zwischen ökono­mi­scher Globa­li­sie­rung und einer wach­senden Zustim­mung zu popu­lis­ti­schen Strö­mungen wie folgt beschreiben:

  • Die skiz­zierten negativen Einkom­mens- und Beschäf­ti­gungs­ef­fekte führen bei den betrof­fenen Personen zu wach­sender Unzufriedenheit.
  • Bei denje­nigen, die befürchten, in der Zukunft Einkom­mens­ein­bußen oder sogar einen Arbeits­platz­ver­lust hinnehmen zu müssen, kommt es zu Verun­si­che­rung und Abstiegsangst.
  • Die reale oder gefühlte oder Bedrohung durch die Globa­li­sie­rung führt dazu, dass sich unzu­frie­dene und verun­si­cherte Wähler globa­li­sie­rungs- und moder­ni­sie­rungs­kri­ti­schen Parteien zuwenden. So gesehen sind ökono­misch verur­sachte Unzu­frie­den­heit und Ängste der „Nährboden für popu­lis­ti­sche Politiker“.

Dieser Zusam­men­hang ist in den vergan­genen Jahren intensiv unter­sucht worden. Es gibt eine umfang­reiche empi­ri­sche Evidenz, die zeigt, dass es in entwi­ckelten Volks­wirt­schaften einen Zusam­men­hang zwischen dem Handel mit Nied­rig­lohn­län­dern und der Zustim­mung für rechts­po­pu­lis­ti­sche oder sogar rechts­ra­di­kale Parteien und Personen gibt. Dies lässt sich u. a. für die USA, für Deutsch­land, Frank­reich und für 15 west­eu­ro­päi­sche Staaten nach­weisen. Beim Brexit-Refe­rendum hatten Regionen mit besonders hohen Importen aus China syste­ma­tisch einen höheren Anteil an Brexit-Befürwortern.

Gesell­schafts­po­li­ti­sche Implikationen

Ob in entwi­ckelten Volks­wirt­schaften dieje­nigen, die wegen der voran­schrei­tenden Globa­li­sie­rung Einkom­mens- und Beschäf­ti­gungs­nach­teile erleiden, aus Gründen der Gerech­tig­keit kompen­siert werden sollten, ist letzt­end­lich eine Frage von Wert­ur­teilen und poli­ti­schen Präferenzen.

Anders sieht es jedoch aus, wenn eine nach­las­sende gesell­schaft­liche Akzeptanz für Markt­wirt­schaft und liberale Demo­kratie eine Gefähr­dung der lang­fris­tigen Funk­ti­ons­fä­hig­keit dieses Systems darstellt. Zur Vermei­dung sozialer Span­nungen und poli­ti­scher Pola­ri­sie­rung ist es meiner Ansicht nach zwingend erfor­der­lich, gesell­schafts­po­li­ti­sche Maßnahmen zu ergreifen, um die skiz­zierten Ängste abzubauen und somit den popu­lis­ti­schen Bewe­gungen ihren Nährboden zumindest teilweise zu entziehen. Hierfür gibt es in entwi­ckelten Volks­wirt­schaften zwei grund­sätz­liche Ansätze:

  • Kompen­sa­to­ri­sche Maßnahmen für dieje­nigen, deren Beschäf­ti­gungs- und Einkom­mens­chancen sich verschlech­tern. Dies stellt eine inklusive Lösung dar, die alle Gesell­schafts­mit­glieder an den Vorteilen der inter­na­tio­nalen Arbeits­tei­lung beteiligt.
  • Die Verhin­de­rung der globa­li­sie­rungs­be­dingten Einkom­mens­ver­än­de­rungen durch eine wirt­schaft­liche Abschot­tung, also die Verhin­de­rung oder zumindest Behin­de­rung eines inter­na­tio­nalen Wett­be­werbs und des damit verbun­denen Strukturwandels.

Bei einer gesamt­wirt­schaft­li­chen Betrach­tungs­weise erweist sich der erste Ansatz als das über­le­gene Konzept. Er ermög­licht einen größeren mate­ri­ellen Wohlstand durch die Ausnut­zung der eingangs skiz­zierten Spezia­li­sie­rungs­vor­teile und Produk­ti­vi­täts­zu­wächse. Damit die gesell­schaft­liche Akzeptanz nicht verloren geht, müssen die Zugewinne aus Globa­li­sie­rung und tech­no­lo­gi­schem Fort­schritt breit gestreut werden. Gefordert sind dadurch viele Poli­tik­be­reiche: die Steuer- und die Sozi­al­po­litik, die Bildungs- und Arbeits­markt­po­litik sowie die Struktur- und Regio­nal­po­litik. Denkbare Maßnahmen sind z. B. nied­ri­gere Steuern und Sozi­al­ab­gaben für untere Einkom­mens­gruppen, gezielte Quali­fi­zie­rungs­maß­nahmen, damit Erwerbs­tä­tige in die Sektoren wechseln können, die von der Globa­li­sie­rung profi­tieren, und ein verbes­serter öffent­li­cher Perso­nen­ver­kehr, der die Mobilität erhöht und Menschen dorthin bringt, wo die Arbeits­plätze sind.

Textende

Verwandte Themen

News­letter bestellen

Mit dem LibMod-News­letter erhalten Sie regel­mäßig Neuig­keiten zu unseren Themen in Ihr Postfach.

Mit unseren Daten­schutz­be­stim­mungen
erklären Sie sich einverstanden.