Warum CO₂-Entnahme noch kein Massenmarkt ist: Ein Selbstversuch mit überraschendem Ergebnis

Wir vom Team Ökologische Moderne arbeiten seit Jahren zum Thema CO₂-Entnahme. Nun machen wir den Praxistest und prüfen: Wie läuft der Einkauf von CO₂-Entnahmezertifikaten? Bruno Naredo kommt zu überraschenden Erkenntnissen.
Im Programm Ökologische Moderne beschäftigen wir uns unter anderem mit Negativemissionen und Carbon Management und mit der Frage, welche Voraussetzungen für den Hochlauf eines Marktes für CO₂-Entnahme notwendig sind. Statt den Markt nur von außen zu betrachten, wollten wir selbst die Perspektive eines Käufers einnehmen und herausfinden: Wie aufwendig ist es für eine Organisation, einige Tonnen CO₂ dauerhaft aus der Atmosphäre entfernen zu lassen? Wo entstehen Schwierigkeiten? Wochenlang haben wir recherchiert, Angebote verglichen und Emissionen berechnet. Der Kauf selbst war noch der einfachste Teil. Die eigentlichen Hürden lagen vor dem Kaufklick. Wir stellten fest, dass selbst engagierte Organisationen in einem jungen Markt an Grenzen stoßen. Unsere Erfahrung aus dem Praxistest zeigt, was passieren muss, damit CO₂-Entnahme endlich aus der Nische herauskommt.
Spoiler: Es lief anders als geplant
Natürlich wollten wir mit dem Kauf zugleich zumindest einen Teil unserer eigenen Emissionen kompensieren. Unser Plan war daher naheliegend: Zuerst berechnen wir unseren CO₂-Fußabdruck, anschließend kaufen wir eine entsprechende Menge permanenter CO₂-Entnahme. Klingt einfach. Aber…
Dieser Plan ist nicht aufgegangen.
Und gerade das erwies sich als aufschlussreich. Denn das eigentliche Problem besteht für einen kleinen Käufer nicht unbedingt darin, ein CO₂-Entnahmezertifikat zu erwerben. Die schwierigeren Fragen kommen vorher: Wie viele Tonnen benötigen wir? Welche Entnahmemethode ist geeignet? Welche Qualitätskriterien setzen wir voraus? Und wie vergleichen wir Angebote?
Wo kauft man eigentlich CO₂-Entnahme?
Grundsätzlich fanden wir zwei Wege: Käufer können direkt mit Projektentwicklern Verträge schließen oder auf Vermittler, Plattformen und Marktplätze zurückgreifen. Dabei half, dass wir durch unsere Arbeit bereits einige Akteure des Marktes kannten. Bevor es zu einem Angebot kommen konnte, mussten wir spezifizieren, was wir eigentlich kaufen wollten: Budget, Menge, Entnahmemethode, Standort, Zertifizierungsstandard und Lieferzeitpunkt.
Unsere Präferenzen waren relativ klar: Die Entnahme sollte dauerhaft sein und möglichst bis Ende unseres laufenden Projekts zu Negativemissionen, also bis März 2027, erfolgen. Projekte in Europa, idealerweise in Deutschland, wollten wir bevorzugen. Unser Budget lag bei ungefähr 4.000 Euro. Internationale Angebote wollten wir jedoch nicht grundsätzlich ausschließen, wenn sich damit für dasselbe Budget deutlich mehr CO₂ entfernen ließe.
Nur bei der wichtigsten Größe fehlte uns eine Antwort: Wie viele Tonnen sollten wir kaufen?
Unser erster Plan: erst bilanzieren, dann kaufen
Zunächst wollten wir die Kaufmenge an unseren eigenen Emissionen ausrichten. Die Idee war, den CO₂-Fußabdruck unserer Organisation oder zumindest unseres Programms zu berechnen und anschließend eine entsprechende Menge CO₂-Entnahme zu erwerben. In der Theorie erschien uns das als sauberster Ansatz. In der Praxis wurde die Emissionsbilanzierung zur größten Hürde. Einen externen Dienstleister zu beauftragen, hätte einen erheblichen Teil des Geldes beansprucht, das wir eigentlich für CO₂-Entnahme vorgesehen hatten.
Also versuchten wir es selbst. Mithilfe einer KI-gestützten Recherche verschafften wir uns einen Überblick darüber, welche Informationen für eine Treibhausgasbilanz erforderlich wären. Die Systematik mit Scope 1, 2 und 3 ist verständlich. Die dafür notwendigen Daten zu beschaffen, ist es häufig nicht.
Schon die Frage, welche Einheit wir bilanzieren wollten, war nicht trivial: die gesamte Organisation, nur unser Programm oder eine einzelne Veranstaltung? Während etwa der Energieverbrauch eines Büros vergleichsweise einfach zu beschaffen ist, erfordern Dienstreisen Informationen über Reisewege und Verkehrsmittel vieler einzelner Mitarbeitender. Zudem lag ein Teil der notwendigen Daten nicht direkt bei uns im Team.
Kurswechsel: Wir kaufen, was unser Budget erlaubt
Als sich herausstellte, dass auch die Bilanzierung einer größeren Veranstaltung nicht ohne Weiteres zu bewerkstelligen war – auch hier fehlten wichtige Informationen über Reisewege und Angaben etwa des Caterers – beschlossen wir, eine andere Strategie zu verfolgen: Statt eine vollständige Emissionsbilanz abzuwarten, beschlossen wir, die Kaufmenge zunächst vom verfügbaren Budget abhängig zu machen. Wir wollten die praktische Erfahrung mit dem Markt nicht daran scheitern lassen, dass wir unseren eigenen Fußabdruck noch nicht präzise beziffern konnten.
Mit dieser Entscheidung wurde der weitere Prozess erheblich einfacher. Wir fragten bei mehreren Anbietern Angebote an. Die Reaktionen waren professionell und vergleichsweise schnell. Teilweise erhielten wir schriftliche Vorschläge, teilweise folgten Videogespräche, in denen Projekte und Konditionen erläutert wurden.
Eine Tonne CO₂ ist nicht gleich eine Tonne CO₂
Die vorgeschlagenen Projekte unterschieden sich deutlich. Angeboten wurden uns unter anderem Mineralisierungs‑, BECCS‑, beschleunigte Verwitterungs- und Pflanzenkohleprojekte. Die Preise lagen zwischen etwa 145 und 330 Euro pro Tonne CO₂.
Auch die Liefermodelle unterschieden sich. Bei manchen Zertifikaten war die CO₂-Entnahme bereits erfolgt – sogenannte Spot Credits. Bei anderen handelte es sich um Offtake-Vereinbarungen: Wir würden heute bezahlen beziehungsweise einen Vertrag schließen, die eigentliche Entnahme sollte aber erst künftig erfolgen. Hinzu kamen unterschiedliche Standorte, Zertifizierungsstandards, Gebühren und Mindestmengen. Bei einem Vermittler wäre eine Transaktionsgebühr von 500 Euro angefallen. Ein Angebot aus Deutschland lag bei 330 Euro pro Tonne und setzte mindestens zehn Zertifikate voraus.
Besonders häufig und vergleichsweise günstig waren Projekte auf Basis von Pflanzenkohle. Ein deutsches Angebot kostete 180 Euro pro Tonne und war bereits verfügbar. Ein anderes Pflanzenkohleprojekt zum gleichen Preis passte noch besser zu unseren Präferenzen, da sowohl die Rohstoffförderung als auch die langfristige Speicherung in Deutschland stattfanden. Andere Methoden waren teurer oder noch nicht unmittelbar verfügbar. Alles in allem hätten wir mit unserem Budget je nach Methode ungefähr 11 bis 24 Tonnen permanenter CO₂-Entnahme erwerben können.
Damit standen wir vor einer Entscheidung, die vermutlich viele Käufer kennen: Investieren wir unser begrenztes Budget in eine größere Menge einer heute verfügbaren und günstigeren Methode? Oder kaufen wir weniger Tonnen einer teureren Technologie beziehungsweise finanzieren über ein Offtake deren zukünftige Entwicklung mit? Eine objektiv richtige Antwort konnten wir aus den Angeboten nicht ableiten. Entscheidend waren letztlich unsere eigenen Kriterien.
| Projekt/Methode | Standort | Zertifizierung | Liefermodell | Preis €/t CO₂ |
| Mineralisierung | Großbritannien | Puro.earth | Mix aus Spot & Offtake | 220 € |
| BECCS | Dänemark | Puro.earth | Offtake | 330 € |
| Enhanced Rock Weathering (ERW) | Deutschland & Brasilien | Isometric | Offtake | 300 € |
| Biochar | Niederlande & Indien | Isometric | Mix aus Spot & Offtake | 145 € |
| Klasmann-Deilmann Biochar | Deutschland (Anwendung), Biomasse aus Finnland | Global C‑Sink | Spot Credits | 180 € |
| CarStorCon Biochar in Baumaterialien | Deutschland | Global C‑Sink | Spot Credits | 180 € |
| ZK-24 Vulkaneifel | Deutschland | Isometric | Lieferung bis spätestens März des Folgejahres | 330 € |
Und dann: ein erstaunlich unspektakulärer Kauf
Am Ende entschieden wir uns für ein Projekt in Deutschland, bei dem Pflanzenkohle langfristig in Baumaterialien gebunden wird. Der eigentliche Kauf verlief anschließend fast irritierend unkompliziert. Der Anbieter stellte das ausgewählte Projekt in seinem Webshop für uns bereit und hinterlegte ein offizielles Angebot in unserem Kundenkonto. Wir konnten es dort annehmen und die Bestellung abschließen – ähnlich wie bei einem gewöhnlichen Onlinekauf.
Wir erwarben 19 Tonnen CO₂-Entnahme. Der Rechnungsbetrag lag einschließlich Mehrwertsteuer bei 4.069,80 Euro und damit leicht über unserem ursprünglich gesetzten Budget. Anschließend erhielten wir die Bestätigung über die gelieferten Credits und das zugehörige Zertifikat. Nach Wochen Recherche, Berechnungsversuchen, Datensuche, E‑Mails, Gesprächen und Angebotsvergleichen war der letzte Schritt in kurzer Zeit erledigt.
Das war die überraschendste Erkenntnis unseres Tests: CO₂-Entnahme zu kaufen war nicht besonders schwierig. Herauszufinden, was wir sinnvollerweise kaufen sollten, schon.
Die Hürde liegt vor dem Marktplatz
Diese Unterscheidung ist relevant für die Frage, wie aus dem heutigen Markt für CO₂-Entnahme ein breiterer Markt werden kann. Aus Käufersicht funktioniert bereits einiges gut. Es gibt Ansprechpartner, unterschiedliche Projekte, Zertifizierungsstandards, professionelle Angebote und digitale Kaufmöglichkeiten. Wer weiß, was er will, kann einen Kauf vergleichsweise unkompliziert abschließen.
Das Problem ist die Voraussetzung in diesem Satz: Man muss wissen, was man will. Vor dem Kauf muss ein Käufer zumindest grob festlegen, welches Ziel er verfolgt, wie hoch sein Budget ist, wann die Entnahme erfolgen soll und welche Kriterien ihm wichtig sind. Geht es darum, einen bestimmten Emissionswert auszugleichen? Eine neue Technologie zu unterstützen? Oder zunächst Erfahrung mit CO₂-Entnahme zu sammeln?
Für kleinere Budgets kommt eine weitere Abwägung hinzu. Diversifikation klingt attraktiv, doch jeder zusätzliche Anbieter und jedes weitere Projekt erhöht die Komplexität und mögliche Transaktionskosten. Für Beträge unter 10.000 Euro erschien es uns deshalb sinnvoller, sich zunächst auf einen Vermittler und ein Projekt zu konzentrieren. Vor allem aber hat unser Versuch gezeigt, welche Schlüsselrolle die Emissionsbilanzierung spielt.
Ohne CO₂-Bilanz fehlt dem Kauf die Bezugsgröße
Wer CO₂-Entnahme gezielt als Ergänzung zur Emissionsminderung einsetzen will, benötigt eine Vorstellung von den eigenen Emissionen. Genau diese Information ist in vielen Organisationen jedoch nicht einfach verfügbar. Eine CO₂-Bilanz erfordert Daten, Zuständigkeiten, Zeit und Fachwissen.
Die Erfahrung aus unserem Praxistest zeigt, dass sich der Kauf von CO₂-Entnahmezertifikaten vergleichsweise einfach umsetzen lässt. Deutlich anspruchsvoller sind hingegen die Ermittlung der eigenen Emissionen sowie die Bestimmung einer angemessenen Kaufmenge: Schon alltägliche klimarelevante Entscheidungen setzen häufig Wissen voraus, das nicht ohne Weiteres verfügbar ist. Bei der Buchung eines Veranstaltungsortes etwa: Wie wird das Gebäude beheizt? Welcher Strom wird bezogen? Auch der Vergleich zweier auf den ersten Blick ähnlicher Cateringangebote kann schnell komplex werden.
Preise allein geben diese Klimawirkung nicht wieder.
Für Organisationen entsteht dadurch ein grundsätzliches Informationsproblem. Wer keine Klimaziele erfüllen muss und seinen eigenen CO₂-Fußabdruck nicht kennt, hat nur begrenzte Anreize, solche Informationen systematisch zu erheben und bei Beschaffungsentscheidungen zu berücksichtigen.
Unsere Erfahrung legt deshalb nahe, CO₂-Bilanzierung stärker als normale Managementaufgabe zu verstehen: Daten über Treibhausgasemissionen müssten für Organisationen perspektivisch ähnlich selbstverständlich verfügbar sein wie finanzielle Daten aus der Buchhaltung. Erst dann können Emissionswerte zuverlässig in Entscheidungen einfließen.
Was ein Massenmarkt anders machen müsste
Für den Markthochlauf von CO₂-Entnahme ergibt sich aus unserem Praxistest vor allem eine Konsequenz: Die Einstiegshürde für Käufer muss sinken. Heute können sich Organisationen durch den Markt arbeiten. Aber sie benötigen dafür Zeit, Vorwissen und die Bereitschaft, sich mit Methoden, Zertifizierungsstandards, Lieferzeitpunkten, Preisen und Qualitätskriterien auseinanderzusetzen. Einzelne Anbieter persönlich anzuschreiben, führt zwar zu passgenauen Angeboten, ist für einen breiten Markt aber ineffizient.
Ein transparenterer Vergleich könnte helfen. Käufer müssten schneller erkennen können, welche Entnahmen verfügbar sind, was sie kosten, wann sie geliefert werden, und welche Standards gelten. Auch kleinere Kaufmengen könnten den Einstieg erleichtern. Wenn Interessenten beispielsweise Bruchteile einer Tonne kaufen könnten, würde CO₂-Entnahme für kleinere Organisationen und erste Testkäufe zugänglicher.
Im Idealfall müsste ein Käufer nicht zunächst zum Experten für den freiwilligen Kohlenstoffmarkt werden. Permanente CO₂-Entnahme könnte perspektivisch so selbstverständlich werden wie andere Zusatzoptionen bei einer noch aktuell alternativlosen Transaktion – vorausgesetzt, hinter diesem einfachen Zugang stehen belastbare Standards und nachvollziehbare Informationen über die tatsächliche Entnahme.
Ein einfacher Kaufen-Button allein genügt jedoch nicht. Denn die schwierigste Frage bleibt: Wie viel sollten wir überhaupt kaufen?
Solange Organisationen ihre eigenen Emissionen nur mit erheblichem Aufwand bestimmen können, fehlt ihnen eine zentrale Bezugsgröße. Der Hochlauf von CO₂-Entnahme hängt deshalb nicht allein von zusätzlicher Entnahmekapazität ab. Ebenso wichtig ist eine Infrastruktur auf der Nachfrageseite: zugängliche Emissionsdaten, verständliche Qualitätsindikatoren, vergleichbare Angebote und niedrigere Transaktionskosten.
Unser Fazit: Kaufen können ist nicht dasselbe wie Marktzugang
Wir sind mit der Frage gestartet, wie schwierig es ist, CO₂-Entnahmezertifikate zu kaufen. Unsere Antwort fällt zweigeteilt aus: Wer ein Budget hat, einige Kriterien definieren kann und weiß, an wen er sich wenden muss, kann permanente CO₂-Entnahme schon heute relativ unkompliziert erwerben. In unserem Fall war der eigentliche Bestellprozess der einfachste Teil.
Schwieriger war alles, was davor kam: Anbieter zu finden, Technologien, Preise, Standorte, Zertifizierungen und Liefermodelle gegeneinander abzuwägen und vor allem die eigenen Emissionen zu bestimmen, um eine sinnvolle Kaufmenge festzulegen.
Inzwischen haben wir die Daten zu unserem Energie- und Papierverbrauch erhoben und mithilfe eines kostenlosen Online-Tools der Effizienz-Agentur NRW ausgewertet, das speziell für die einfache Treibhausgasbilanzierung von Unternehmen und Organisationen entwickelt wurde. Auf dieser Grundlage konnten wir unsere Scope-2-Emissionen für das Jahr 2024 für beide Büros einschließlich des Papierverbrauchs berechnen. Die Berechnung ergab energiebezogene Emissionen von 6.866,349 kg CO₂e. Mit dem Erwerb von 19 Tonnen CO₂-Entnahme haben wir rund das 2,7‑Fache dieser Emissionen abgedeckt.
Nichtsdestotrotz zeigt unser Praxisbeispiel, dass viele der Schritte vor dem Kauf übersichtlicher werden müssen, damit die CO₂-Entnahme aus der Nische herauskommt. Ein funktionierender Massenmarkt hängt schließlich nicht nur vom Angebot zusätzlicher Tonnen ab. Entscheidend ist auch, ob potenzielle Käufer überhaupt in der Lage sind, eine informierte Entscheidung zu treffen.
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