Vom Narrativ zur politischen Entscheidung

Georgien zeigt, wie hybride Einflussnahme über Diskurse wirken kann: Wiederholte Narrative verändern die Wahrnehmung von Bedrohung, Identität und nationalem Interesse, beeinflussen Wahlentscheidungen und können schließlich Politik verändern. Für Deutschland ist der georgische Fall deshalb weniger eine Analogie als ein Frühwarnsystem.
Warum wählen Menschen anders als früher?
Der Erfolg der AfD in Sachsen-Anhalt hat eine Debatte neu entfacht, die Deutschland seit Jahren begleitet: Warum wächst die Unterstützung für eine Partei, die zentrale Elemente des außen- und europapolitischen Konsenses der Bundesrepublik infrage stellt?
Die üblichen Antworten sind bekannt: Migration, wirtschaftliche Unsicherheit, ostdeutsche Transformationserfahrungen, Misstrauen gegenüber politischen Institutionen, Unzufriedenheit mit der Bundesregierung. All das spielt eine Rolle. Doch möglicherweise fehlt in dieser Debatte eine weitere Ebene.
Wir fragen häufig, warum Menschen eine bestimmte Partei wählen. Seltener fragen wir, wie sich zuvor die Kategorien verändert haben, mit denen sie überhaupt über Politik nachdenken.
Was gilt als Bedrohung? Wer gilt als Freund und wer als Gegner? Was bedeutet Frieden? Was bedeutet Souveränität? Ist internationale Kooperation Ausdruck nationaler Stärke oder Beweis dafür, dass das eigene Land fremdgesteuert wird? Ist die Unterstützung eines angegriffenen Staates Solidarität oder „Eskalation“? Und wann wird aus einer ehemals randständigen Interpretation der Welt eine gesellschaftlich akzeptierte politische Alternative?
Genau hier kann die Erfahrung Georgiens für Deutschland interessant werden. Nicht weil Deutschland Georgien ist. Und auch nicht, weil die AfD mit der georgischen Regierungspartei gleichgesetzt werden könnte. Sondern weil Georgien exemplarisch zeigt, wie anhaltende Narrative aus dem Informationsraum in gesellschaftliche Wahrnehmung, aus Wahrnehmung in politische Präferenzen und schließlich aus politischen Präferenzen in staatliche Politik übergehen können.
Hybride Einflussnahme beginnt nicht mit der Lüge
Bei „Desinformation“ denken wir häufig an überprüfbare Falschmeldungen: manipulierte Fotos, erfundene Aussagen, Bots oder gefälschte Webseiten. Das ist der sichtbarste Teil des Problems – aber nicht unbedingt der wichtigste.
Strategisch wirksame Einflussnahme funktioniert häufig subtiler. Sie muss Menschen nicht davon überzeugen, dass eine offensichtlich falsche Behauptung wahr ist. Es genügt, über lange Zeit bestimmte Interpretationsrahmen zu etablieren.
Eine erfolgreiche Einflussoperation muss eine gesellschaftliche Konfliktlinie nicht erfinden. Sie kann eine vorhandene nehmen: Migration, Inflation, Energiepreise, Ukraine, Misstrauen gegenüber Eliten, Angst vor Krieg. Dann verändert sie schrittweise den Deutungsrahmen.
Die analytische Kette lautet deshalb nicht einfach: Desinformation → falsche Information. Sie lautet eher: Narrativ → Emotion → Wahrnehmung → politische Präferenz → Wahlentscheidung → Politik.
Georgien bietet dafür mittlerweile ein bemerkenswertes Anschauungsbeispiel.
Georgien: Wie aus „Frieden“ eine politische Technologie wurde
Nach Russlands Angriff auf die Ukraine stand die georgische Gesellschaft vor einer eigentlich bekannten geopolitischen Realität. Russland hält weiterhin Teile Georgiens besetzt. Gleichzeitig strebte die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung in Richtung EU und NATO.
Doch in den folgenden Jahren veränderte sich die politische Sprache der Regierungspartei Georgian Dream zunehmend. Eine der wirkungsvollsten Botschaften lautete nicht: Russland ist gut. Das wäre in einer Gesellschaft mit Georgiens Erfahrung kaum glaubwürdig gewesen. Die Botschaft war wesentlich intelligenter: Widerstand gegen Russland ist gefährlich.
Unterstützung für die Ukraine wurde mit dem Risiko verbunden, Georgien in einen Krieg hineinzuziehen. Westlicher Druck wurde als Versuch interpretiert, eine „zweite Front“ gegen Russland zu eröffnen. Nichtregierungsorganisationen wurden zunehmend als Instrumente ausländischer Interessen dargestellt. Internationale Kritik wurde als Eingriff in die nationale Souveränität umgedeutet. Später kamen Begriffe wie „Global War Party“, „Deep State“ und zuletzt „Russophobie“ hinzu.
Das Entscheidende an diesem Narrativ ist nicht seine faktische Plausibilität. Entscheidend ist die politische Architektur, die es erzeugt. Kritik an Russland wird zu Russophobie. Russophobie wird zu wirtschaftlicher Gefährdung. Wirtschaftliche Gefährdung wird zu Sabotage. Kritik westlicher Partner wird zu ausländischer Einmischung. Und aus einer außenpolitischen Entscheidung zwischen unterschiedlichen Orientierungen wird schließlich eine existentielle Alternative: entweder unsere Politik – oder Krieg.
Das ist Narrativmacht.
Man muss Russland nicht mögen, um russische Politik zu akzeptieren
Gerade das georgische Beispiel korrigiert ein häufiges Missverständnis über hybride Einflussnahme. Der Erfolg russischer Einflussnahme lässt sich nicht daran messen, wie viele Menschen plötzlich Wladimir Putin sympathisch finden. Das ist oft gar nicht notwendig.
Sehr viel wichtiger ist, ob sich die Wahrnehmung politischer Kosten verändert. Eine Gesellschaft kann Russland weiterhin misstrauen und trotzdem zu dem Schluss kommen: Wir dürfen Moskau nicht provozieren. Sanktionen schaden uns mehr als Russland. Unterstützung für die Ukraine verlängert den Krieg. Der Westen verfolgt eigene Interessen. Neutralität ist sicherer. Nationale Souveränität verlangt Distanz zu supranationalen Institutionen.
An diesem Punkt hat sich bereits etwas Entscheidendes verändert: nicht die Sympathie für Russland, sondern die Definition des eigenen nationalen Interesses. Und genau deshalb lohnt sich der Blick von Tbilisi nach Berlin.
Die AfD und die Verschiebung des außenpolitischen Koordinatensystems
Die AfD vertritt in ihrer Außenpolitik Positionen, die deutlich vom bisherigen deutschen Konsens abweichen. Dazu gehören die Aufhebung der Russland-Sanktionen, eine grundsätzlich andere Bewertung des Verhältnisses zu Moskau und die Ablehnung einer weiteren Westintegration der Ukraine.
Diese Positionen sind demokratisch artikulierte politische Positionen. Ihre Wähler dürfen sie vertreten, und ihre Ursachen lassen sich nicht auf russische Einflussnahme reduzieren. Das muss ausdrücklich gesagt werden. Wer den Aufstieg der AfD hauptsächlich mit „russischer Propaganda“ erklärt, macht es sich zu einfach und übersieht reale gesellschaftliche Konflikte.
Aber ebenso falsch wäre die gegenteilige Annahme: dass geopolitische Narrative keinerlei Bedeutung für die Veränderung politischer Präferenzen hätten. Interessant ist vielmehr die Konvergenz bestimmter Deutungsmuster: „Frieden statt Eskalation“, „Souveränität statt Fremdbestimmung“, „nationale Interessen statt Ideologie“, „Dialog mit Russland statt Sanktionen“, „Eliten ignorieren den Willen der Bevölkerung“, „Brüssel schränkt nationale Entscheidungsfreiheit ein“.
Jede dieser Aussagen kann Teil legitimer demokratischer Debatte sein. Ihre strategische Bedeutung entsteht erst durch ihre Verbindung zu einem umfassenderen Weltbild.
Der entscheidende Moment: Wenn sich der Sinn eines Wortes verändert
Georgiens Erfahrung zeigt, dass politische Transformation häufig mit semantischer Transformation beginnt.
Nehmen wir den Begriff „Frieden“. Frieden kann bedeuten, Aggression abzuschrecken und einem angegriffenen Staat zu helfen, seine Souveränität zu verteidigen. Er kann aber auch bedeuten, jede Politik zu vermeiden, die den Aggressor verärgern könnte. Das gleiche Wort führt dann zu entgegengesetzten politischen Entscheidungen.
Oder „Souveränität“. Souveränität kann bedeuten, die Fähigkeit eines Staates zu stärken, frei zwischen Bündnissen und politischen Modellen zu wählen. Sie kann aber ebenso umgedeutet werden als Abwehr von EU-Institutionen, Nichtregierungsorganisationen, internationaler Kritik oder gemeinsamer europäischer Entscheidungsfindung.
Auch hier bleibt das Wort bestehen. Nur seine politische Funktion ändert sich. Genau diese Verschiebungen sind für Demokratien gefährlicher als die klassische Falschmeldung. Eine Falschmeldung lässt sich widerlegen. Ein Deutungsrahmen lässt sich nicht mit einem Faktencheck beseitigen.
Warum regionale Wahlergebnisse mehr als Regionalpolitik sein können
Man sollte aus einem Wahlergebnis keine falsche Monokausalität ableiten. Menschen wählen nicht „wegen Russland“. Doch gerade deshalb ist die Entwicklung analytisch interessant.
Wenn eine Partei mit Positionen, die vor einigen Jahren weit außerhalb des deutschen außenpolitischen Mainstreams lagen, einen sehr großen Teil der Stimmen gewinnt, muss die Analyse über die Frage hinausgehen, welche konkrete Sachfrage für den einzelnen Wähler ausschlaggebend war. Die wichtigere langfristige Frage lautet: Welche politischen Vorstellungen sind inzwischen normalisierbar geworden?
Denn Wahlergebnisse verändern nicht nur Mehrheiten. Sie verändern auch den politischen Markt. Andere Parteien reagieren. Themen verschieben sich. Begriffe werden übernommen. Positionen, die gestern tabuisiert oder marginal waren, werden heute diskutiert und morgen möglicherweise Teil praktischer Politik. Das ist der Punkt, an dem Diskurs politische Macht entwickelt.
Georgien zeigt die mögliche Endstufe
Gerade hier ist Georgien für Deutschland keine Analogie, sondern ein Frühwarnsystem. In Georgien lässt sich beobachten, wie Narrative, die zunächst als parteipolitische Kommunikation erscheinen, allmählich staatliche Politik strukturieren.
„Ausländischer Einfluss“ bleibt nicht nur eine rhetorische Kategorie, er wird Grundlage von Gesetzgebung. Der Vorwurf, westliche Akteure wollten Georgien in einen Krieg ziehen, bleibt nicht nur Wahlkampfrhetorik, er verändert die Beziehungen zu EU und USA. „Souveränität“ wird nicht nur zum Slogan – sie legitimiert Distanzierung von westlichen Institutionen. Und „Russophobie“ beginnt, Kritik an russischer Einflussnahme und Protest gegen die Besatzungsmacht in einen sicherheitspolitisch problematischen Kontext zu stellen.
Die Reihenfolge ist wichtig: Zuerst verändert sich die Sprache. Dann verändert sich die Vorstellung dessen, was legitim ist. Schließlich verändert sich die Politik. Das ist die eigentliche georgische Lektion.
Was Deutschland daraus lernen kann
Deutschland verfügt über erheblich robustere Institutionen als Georgien, eine föderale Ordnung, starke unabhängige Medien, eine gefestigte Zivilgesellschaft und deutlich größere politische und wirtschaftliche Ressourcen. Deshalb wäre es falsch, eine lineare Entwicklung von Sachsen-Anhalt nach Tbilisi zu konstruieren.
Aber Resilienz beginnt nicht erst dort, wo demokratische Institutionen angegriffen werden. Sie beginnt viel früher, bei der Fähigkeit einer Gesellschaft zu erkennen, wie sich ihr politisches Koordinatensystem verändert.
Deutschland braucht deshalb neben der klassischen Desinformationsabwehr eine Art Diskurs-Frühwarnsystem. Nicht zur Kontrolle legitimer Meinungen. Nicht um oppositionelle Positionen als Desinformation zu diskreditieren. Sondern um analytisch zu erkennen, wann unterschiedliche Narrative beginnen, sich zu einem konsistenten politischen Weltbild zu verbinden.
Die falsche Antwort wäre, die Wähler zu pathologisieren
Aus der georgischen Erfahrung ergibt sich noch eine zweite Lektion. Wer auf gesellschaftliche Verschiebungen lediglich mit moralischer Verurteilung reagiert, überlässt seinen Gegnern den wichtigsten politischen Rohstoff: reale Frustration.
Hybride Einflussnahme funktioniert besonders gut dort, wo sie an echte Probleme anschließen kann. Deshalb ist die Antwort auf manipulative Narrative nicht nur bessere Kommunikation.
Wenn Menschen Kontrollverlust empfinden, muss Politik Handlungsfähigkeit zeigen. Wenn sie wirtschaftliche Unsicherheit erleben, reicht es nicht zu erklären, dass ihre Wahrnehmung von Desinformation beeinflusst werde. Wenn Institutionen Vertrauen verlieren, muss Vertrauen politisch neu verdient werden. Und wenn Menschen Angst vor Krieg haben, muss demokratische Politik erklären können, weshalb Abschreckung, europäische Zusammenarbeit und Unterstützung für die Ukraine gerade der Verhinderung eines größeren Krieges dienen sollen.
Narrative lassen sich langfristig nur mit glaubwürdiger politischer Realität besiegen.
Die georgische Warnung
Georgien zeigt, dass hybride Einflussnahme ihre größte Wirkung nicht dann erzielt, wenn Bürger jede Lüge glauben. Sie gewinnt, wenn sie die Kategorien verändert, anhand derer Bürger politische Entscheidungen treffen.
Wenn Freiheit plötzlich als Instabilität erscheint. Wenn internationale Partnerschaft als Fremdbestimmung wahrgenommen wird. Wenn Widerstand gegen einen Aggressor als Kriegstreiberei gilt. Wenn Abhängigkeit als Pragmatismus verkauft wird. Und wenn die politische Entscheidung, die gestern noch undenkbar war, morgen als vernünftige Alternative erscheint.
Genau deshalb sollte Deutschland weniger fragen: Welche Desinformation wurde heute verbreitet? Und häufiger: Welche Vorstellung von Deutschland, Europa, Russland, Frieden und nationalem Interesse wird über Jahre hinweg aufgebaut – und welche politischen Entscheidungen werden dadurch morgen plausibel?
Der georgische Fall zeigt die mögliche Konsequenz. Zwischen einem Narrativ und einer politischen Entscheidung liegt manchmal keine große Verschwörung. Es liegen lediglich viele Wiederholungen. Und irgendwann eine Wahl.
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