His­to­ri­sches Geden­ken auf dem Weg der Ver­söh­nung

By Edward N. Jackson (US Army Signal Corps) (U.S. Signal Corps photo) [Public domain], via Wiki­me­dia Commons

100 Jahre Unab­hän­gig­keit Polens – eine gedenk­po­li­ti­sche Her­aus­for­de­rung.

Die Geschichte sollte ein Tor in die Zukunft sein. Was wollen wir als Symbole für die Zukunft wählen…?
Jan Józef Lipski
(Zwei Vater­län­der – zwei Patrio­tis­men) – 1981

Im Novem­ber 2018 wird Polen – wie manch anderer Staat in Europa – den 100. Jah­res­tag seiner Unab­hän­gig­keit begehen. Im Gefolge des Ersten Welt­krie­ges errang Polen erst­mals nach der 3. Teilung im Jahr 1795 wieder seine Staat­lich­keit zurück. Die kai­ser­li­chen Tei­lungs­mächte Russ­land, das Habs­bur­ger und das Deut­sche Reich zer­fie­len, hatten ver­lo­ren oder waren – wie das rus­si­sche Reich – mitten im Bür­ger­krieg. Während des Welt­krie­ges hatten Polen jeweils in den Armeen dieser Tei­lungs­mächte gekämpft – gegen­ein­an­der. Nun aber wurde Polen von den Sie­ger­mäch­ten in Paris als neuer Natio­nal­staat aner­kannt, wenn auch anfangs noch ohne Ver­fas­sung und klare Grenzen. Grund­le­gende Fragen waren zwi­schen den beiden füh­ren­den Per­sön­lich­kei­ten und den von ihnen geführ­ten poli­ti­schen Kräften lange umstrit­ten gewesen und blieben es lange. Roman Dmowski, Führer der natio­na­lis­ti­schen Rechten, der „Natio­nal­de­mo­kra­ten“ hatte sich gegen die Deut­schen gestellt und war eher dem zaris­ti­schen Russ­land zuge­neigt. Józef Pil­sud­ski dagegen war Führer der Sozia­lis­ti­schen Partei gewesen, hatte seit 1910 para­mi­li­tä­ri­sche Orga­ni­sa­tio­nen auf­ge­baut, die den bewaff­ne­ten Kampf gegen Russ­land vor­be­rei­te­ten und im Welt­krieg an der Seite der Habs­bur­ger kämpf­ten. Während Dmowski seit 1917 mit dem „Pol­ni­schen Natio­nal­ko­mi­tee“ in Paris gegen­über den Alli­ier­ten die pol­ni­sche Sache vertrat, kämpfte Pil­sud­ski nach der Staats­grün­dung gegen die Nach­barn in ver­schie­de­nen krie­ge­ri­schen Kon­flik­ten um die pol­ni­schen Grenzen – und schuf Tat­sa­chen. So kamen Lemberg und Ost­ga­li­zien unter pol­ni­sche Kon­trolle, ebenso das Wilnaer Gebiet und schließ­lich blieb auch nach dem Kon­flikt mit der Tsche­cho­slo­wa­kei ein Teil des Tesche­ner Gebiets bei Polen (der andere wurde dann 1938 besetzt, als die Tsche­cho­slo­wa­kei durch das Mün­che­ner Abkom­men unter Druck gekom­men war). Die wich­tigs­ten und schwie­rigs­ten Kämpfe aber wurden mit der Roten Armee aus­ge­tra­gen, die Polen in eine Sowjet­re­pu­blik ver­wan­deln wollte. In der Schlacht bei War­schau 1920 gelang es Pil­sud­ski in heikler mili­tä­ri­scher Lage über­ra­schend, im „Wunder an der Weich­sel“ die Rote Armee zu schla­gen und die Bol­sche­wiki damit weit nach Osten abzu­drän­gen.

Mit dem „Frieden von Riga“ 1921 waren die Grenzen Polens dann im Wesent­li­chen abge­steckt. Die sieg­rei­chen Alli­ier­ten hatten die Grenzen Polens zu Deutsch­land bestimmt und Polen im soge­nann­ten Kor­ri­dor einen Zugang zur Ostsee geschaf­fen. Zum Osten hin aber waren die Grenzen nicht wie im Westen in Paris von den Alli­ier­ten, sondern durch eigene mili­tä­ri­sche Kraft fest­ge­legt worden, was Józef Pil­sud­ski zum mäch­tigs­ten Führer werden ließ und seinen Ruf als Staats­grün­der bis heute aus­macht. Für den Westen aber hatte sich Polen als erfolg­rei­ches Boll­werk gegen die Bol­sche­wiki und den Kom­mu­nis­mus erwie­sen.

Polen war nun ein euro­päi­scher Natio­nal­staat und als par­la­men­ta­ri­sche Demo­kra­tie gegrün­det. Doch waren von den 27 Mill. Ein­woh­nern nur 19 Mill. Polen, die anderen waren Ukrai­ner, Bela­rus­sen, Deut­sche, Litauer und Tsche­chen – dazu kamen etwa 3 Mill. Juden. Während letz­tere dem pol­ni­schen Staat gegen­über in hohem Maße loyal waren, kann man dies von den anderen Min­der­hei­ten nicht behaup­ten, da sie sich den jewei­li­gen Nach­barn, ihren „Mut­ter­län­dern“ beson­ders ver­bun­den fühlten. Das erschwerte die innen­po­li­ti­sche und gesell­schaft­li­che Situa­tion des jungen Staates, zumal die poli­ti­sche Stim­mung in den benach­bar­ten Staaten wie Deutsch­land auch nicht gerade stabil war. Die Nach­kriegs­ord­nung war hier schwer umstrit­ten, der Ver­sail­ler Vertrag wurde weithin abge­lehnt und das „Heim­ho­len ver­lo­re­ner Volks­grup­pen und Gebiete“ gehörte zur poli­ti­schen Ziel­stel­lung wich­ti­ger gesell­schaft­li­cher Gruppen und Par­teien.

Das Ende des Ersten Welt­krie­ges führte nicht nur zum Wie­der­erste­hen Polens, sondern zur Grün­dung einer ganzen Reihe neuer Natio­nal­staa­ten. Die von den euro­päi­schen Fürs­ten­ge­schlech­tern geführ­ten Reiche brachen zusam­men, dazu das Osma­ni­sche Reich – und aus ihrer Ver­fü­gungs­masse ent­stan­den mehr als zehn neue Natio­nal­staa­ten, die meisten von ihnen als par­la­men­ta­ri­sche Demo­kra­tien. Europa erhielt ein neues Gesicht und musste sich neu (er)finden.

Im Jahr 1917 waren die USA in den Welt­krieg ein­ge­tre­ten und Prä­si­dent Wilson hatte Demo­kra­tie und Selbst­be­stim­mung für Europa als Kriegs­ziele benannt. Mit der soge­nann­ten Okto­ber­re­vo­lu­tion in Russ­land und der Macht­über­nahme der Bol­sche­wiki war die erste tota­li­täre Dik­ta­tur des Kom­mu­nis­mus errich­tet worden – mit dem Willen, sich auf ganz Europa aus­zu­brei­ten. Europa steht nunmehr seit ein­hun­dert Jahren vor diesen Alter­na­ti­ven: Demo­kra­tie oder tota­li­täre Dik­ta­tur. Letz­tere zeigte sich als Kom­mu­nis­mus, wenig später auf der anderen Seite des poli­ti­schen Spek­trums in Italien als Faschis­mus, dann in Deutsch­land als Natio­nal­so­zia­lis­mus. In den meisten euro­päi­schen Ländern gab es gesell­schaft­li­che Gruppen, die sich diesen ver­bun­den fühlten. Die kom­mu­nis­ti­schen Par­teien den Bol­sche­wiki, doch war ein radi­ka­ler und oft anti­se­mi­ti­scher Natio­na­lis­mus, der sich gegen Min­der­hei­ten und alles Fremde wandte, eben­falls weit ver­brei­tet.

In Paris waren die sieg­rei­chen West­mächte seit dem Kriegs­ende dabei, ihre Ord­nungs­vor­stel­lun­gen unter­ein­an­der aus­zu­han­deln und in den ver­schie­de­nen „Pariser Vor­ort­ver­trä­gen“ umzu­set­zen. Polen hatte unter ihnen einen guten Stand – es gab von­sei­ten der Alli­ier­ten schon länger die Zusage, Polen wie­der­erste­hen zu lassen und ihm Zugang zur Ostsee zu ver­schaf­fen. Die frü­he­ren Tei­lungs­mächte saßen nicht mit am Tisch, die Hohen­zol­lern und die Habs­bur­ger hatten den Krieg ver­lo­ren und abge­dankt, ebenso wie der Zar kurz zuvor. Russ­land hatte zwar zu den Alli­ier­ten gehört, wurde aber nun von den Bol­sche­wiki regiert und deshalb nicht nach Paris ein­ge­la­den. Polen wurde gewis­ser­ma­ßen zum Cordon Sani­taire gegen­über dem kom­mu­nis­ti­schen Russ­land, wofür es spä­tes­tens nach der sieg­rei­chen Schlacht vor War­schau geschätzt wurde. Selbst da, wo man die Bevöl­ke­rung abstim­men ließ wie im Falle Ober­schle­si­ens, folgte man ent­ge­gen der eigenen Erklä­rung nicht dem Ergeb­nis der Abstim­mung, sondern dem pol­ni­schen Inter­esse an dieser wich­ti­gen Indus­trie­re­gion. Solche Ent­schei­dun­gen wurden von vielen in ganz Europa nicht unbe­dingt als gerecht emp­fun­den, galten aber fak­tisch. Polen und Rumä­nien, aber auch die Tsche­cho­slo­wa­kei konnten sich als Gewin­ner ver­ste­hen. Deutsch­land verlor dagegen nicht nur Elsass-Loth­rin­gen und die Polen zuge­spro­che­nen Gebiete sowie die Kolo­nien, was wohl weit­ge­hende Akzep­tanz gefun­den hätte, ihm wurde auch die volle Kriegs­schuld ange­las­tet, was als unzu­tref­fend ange­se­hen wurde und zu viel Ver­bit­te­rung führte. Noch schwe­rer traf es den unga­ri­schen Staat. Er verlor etwa zwei Drittel seines Ter­ri­to­ri­ums und mehr als 70% seiner Bevöl­ke­rung, schrumpfte also auf ein Drittel des unga­ri­schen Teils der Dop­pel­mon­ar­chie. Die Nach­bar­län­der bekamen auch solche Ter­ri­to­rien zuge­spro­chen, in denen Ungarn die Mehr­heit bil­de­ten.

Ins­be­son­dere Prä­si­dent Wilson sah es als seine Beru­fung an, dass in den Nach­kriegs­staa­ten Europas und bei den neuen Staats­grün­dun­gen Demo­kra­tien ent­ste­hen. Er war eine wich­tige, ja, die trei­bende Kraft, die zu Kriegs­ende für das Abdan­ken der alten Mon­ar­chien eintrat. In den neu geschaf­fe­nen Natio­nal­staa­ten über­nah­men – meist nach hef­ti­gen inneren Kämpfen – neue demo­kra­ti­sche Kräfte die Regie­rungs­ge­walt, zumeist solche, die viel­fach schon gegen die mili­tan­ten mon­ar­chi­schen Mächte für den Frieden ein­ge­tre­ten waren, wie in Deutsch­land die Sozi­al­de­mo­kra­ten. Es wurde zu einer großen Belas­tung für die künf­tige Ent­wick­lung, dass auch diese, nach Wahlen von Demo­kra­ten geführ­ten Regie­run­gen von den sieg­rei­chen Alli­ier­ten nicht nach Paris zu den Frie­dens­ver­hand­lun­gen ein­ge­la­den wurden. Man legte auch ihnen alter­na­tiv­lose Frie­dens­ver­träge vor, als wären sie die Ver­ant­wort­li­chen für Krieg und Krieg­füh­rung gewesen.

Nicht nur von Deutsch­land muss wohl gesagt werden, dass dieses Ver­hal­ten der Sie­ger­mächte auch seinen Teil dazu bei­getra­gen hat, die junge Demo­kra­tie zu schwä­chen. Die Par­teien, welche in Deutsch­land die Wei­ma­rer Repu­blik trugen, standen in den Jahren nach dem Krieg von beiden Seiten stark unter Druck. Einer­seits wurden sie von natio­na­lis­ti­schen und reak­tio­nä­ren Kräften bekämpft, die nach der Nie­der­lage im Welt­krieg nach Revan­che riefen und die Ver­luste rück­gän­gig machen wollten. Die Feinde der Demo­kra­tie kamen ande­rer­seits von links, von der zu Kriegs­ende neu gegrün­de­ten Kom­mu­nis­ti­schen Partei, welche die par­la­men­ta­ri­sche Demo­kra­tie über­win­den wollte und eine Revo­lu­tion nach dem Muster der Bol­sche­wiki anstrebte – aus der Ferne auch von diesen unter­stützt. Doch nicht nur diese – im Laufe der Jahre erstar­ken­den – Extreme standen der Demo­kra­tie feind­lich gegen­über. Ein hoher Anteil der Bevöl­ke­rung machte nicht etwa die mili­ta­ris­ti­schen Kräfte um Hin­den­burg und Luden­dorff für die Misere der Nach­kriegs­zeit ver­ant­wort­lich, sondern die neuen demo­kra­ti­schen Kräfte, welche nun an der Spitze der Wei­ma­rer Repu­blik standen. Natür­lich waren es sehr ver­schie­dene Fak­to­ren, die den Auf­stieg Hitlers und seiner Partei begüns­tig­ten, nicht zuletzt die Welt­wirt­schafts­krise und ihre harten sozia­len Folgen. Aber: ob es Hitler im Laufe der Jahre auch ohne die demü­ti­gen­den Rege­lun­gen des Ver­sail­ler Ver­tra­ges gelun­gen wäre, solche Zustim­mung unter den Deut­schen aller gesell­schaft­li­chen Schich­ten zu finden, wie es ihm schließ­lich gelang, sei dahin­ge­stellt.

Es kann hier nicht die Aufgabe sein, die poli­ti­schen Ent­wick­lun­gen der Zeit nach dem Ersten Welt­krieg im Ein­zel­nen nach­zu­zeich­nen. Am Schluss dieses Arti­kels komme ich gleich­wohl noch einmal auf die Her­aus­for­de­rung zurück, welche mit dem Geden­ken an das Ende des Ersten Welt­krie­ges nicht nur für Polen, sondern für Europa (und darüber hinaus) ver­bun­den ist.

Auf zwei Dimen­sio­nen aber möchte ich hier doch auf­merk­sam machen:

  1. In West­eu­ropa, ins­be­son­dere in Frank­reich und Groß­bri­tan­nien, ist die Erin­ne­rung an den Ersten Welt­krieg sehr viel stärker in der Öffent­lich­keit ver­an­kert, als dies in Deutsch­land der Fall ist. Diese ist jedoch jeweils sehr natio­nal geprägt und hat diesen Krieg als Welt­krieg nicht wirk­lich im Blick. Der Krieg östlich Deutsch­lands, der eben kein Stel­lungs­krieg war, sondern sich im Hin und Her des Kriegs­glücks über einen weiten Raum erstreckte und nicht weniger Opfer for­derte als im Westen, ist nicht wirk­lich im öffent­li­chen Bewusst­sein ver­an­kert. Während im Westen (außer Irland) mit dem Waf­fen­still­stand am 11. Novem­ber 1918 der Krieg auch fak­tisch zu Ende war, war dies im Osten mit­nich­ten der Fall. Hier ging die Gewalt­or­gie in zwi­schen­staat­li­chen Kon­flik­ten, aber mehr noch in Bür­ger­krie­gen und Revo­lu­tio­nen weiter und kostete in den dar­auf­fol­gen­den fünf Jahren noch Mil­lio­nen Tote. Gleich­zei­tig ist die Erin­ne­rung an die Toten des Welt­kriegs ebenso wie viel­fach auch an die der Bür­ger­kriege im Osten Europas auch in diesen Ländern selbst weit­ge­hend ver­lo­ren­ge­gan­gen. In kom­mu­nis­ti­scher Geschichts­deu­tung galt der Erste Welt­krieg als impe­ria­lis­ti­scher Krieg, der den Boden berei­tet hat für die Okto­ber­re­vo­lu­tion. In Polen hat dieser Krieg gewis­ser­ma­ßen ein posi­ti­ves Image, er gilt als die Ermög­li­chung der Wie­der­ge­burt als Staat. Die in den drei feind­li­chen Armeen kämp­fen­den und gefal­le­nen Polen fanden keinen Eingang in ein öffent­li­ches Geden­ken. Einzig da, wo die Kämpfe als Abwehr gegen die Bol­sche­wiki und als Kampf für die eigene Unab­hän­gig­keit ange­se­hen werden konnten – wie bei der Schlacht an der Weich­sel oder für die Ukraine bei den Kämpfen um Kiew, wird heute, nach 1990, eine neues natio­na­les Geden­ken eta­bliert.
  2. Nicht nur Deutsch­land wurde 1918 mit der Wei­ma­rer Repu­blik zu einer par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie, auch Polen und die meisten anderen neu gegrün­de­ten Staaten began­nen ihre Unab­hän­gig­keit als Demo­kra­tien. Doch währten diese nicht lange. Die Tsche­cho­slo­wa­kei war schließ­lich (neben Finn­land im Norden) in den 30er Jahren im Zentrum Europas zu einer demo­kra­ti­schen Insel gewor­den. Wie andere wurde auch Polen zu einem semi-auto­ri­tär geführ­ten Staat. Diese Ent­wick­lung im euro­päi­schen Ver­gleich genauer zu betrach­ten und nach den Ursa­chen und tie­fe­ren Zusam­men­hän­gen zu fragen, erscheint mir wichtig und lehr­reich. Dies gilt in beson­de­rem Maße ange­sichts des Akzep­tanz­ver­lus­tes der Demo­kra­tie, wie wir es heute in Europa wieder erleben, sowohl in älteren wie auch jün­ge­ren Demo­kra­tien.

Beson­ders ver­hee­rende Folgen für ganz Europa hatte das Schei­tern der Demo­kra­tie in Deutsch­land und die Macht­über­nahme durch Adolf Hitler. Die Ideo­lo­gie des Natio­nal­so­zia­lis­mus war eben nicht nur ein über­stei­ger­ter Natio­na­lis­mus, sondern bestimmt durch einen aggres­si­ven Ras­sis­mus, Anti­se­mi­tis­mus und die grund­le­gende Bestrei­tung aller durch Chris­ten­tum, römi­sches Recht und Auf­klä­rung gepräg­ten euro­päi­schen Werte. Der vom natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­land ent­fes­selte Zweite Welt­krieg wurde als „bar­ba­ri­scher Zivi­li­sa­ti­ons­bruch“ (Ernst Nolte) zur euro­päi­schen Kata­stro­phe des 20. Jahr­hun­derts. Er begann nach dem Hitler-Stalin-Pakt mit dem deut­schen Über­fall auf Polen, getra­gen von dem Plan, im Osten Lebens­raum für Deut­sche zu schaf­fen, große Teile der dor­ti­gen Bevöl­ke­rung und ins­be­son­dere deren Eliten aus­zu­rot­ten und die Über­le­ben­den zu ver­skla­ven. Schon kurz nach seiner Macht­über­nahme 1933 hatte Hitler der Führung der Reichs­wehr, die ab 1935 in Wehr­macht umbe­nannt wurde, seine Zukunfts­pläne vor­ge­tra­gen: „Erobe­rung neuen Lebens­rau­mes im Osten und dessen rück­sichts­lose Ger­ma­ni­sie­rung“. Polen wurde das erste Opfer eines gna­den­lo­sen Ver­nich­tungs­krie­ges, durch Krieg und brutale Besat­zung verlor es 15 % seiner Bevöl­ke­rung und wurde zudem Schau­platz der indus­tri­el­len Ver­nich­tung der euro­päi­schen Juden in Ausch­witz, Treb­linka und Maj­da­nek.

Stalin und Hitler hatten sich 1939 durch ihren Pakt Zeit ver­schafft zur Ver­fol­gung ihrer jewei­li­gen Inter­es­sen. Die Rote Armee rückte am 17. Sep­tem­ber 1939 von Osten her in Polen ein. Polen ver­schwand damit wieder durch die Teilung seiner mäch­ti­gen Nach­barn im Westen und Osten von der Land­karte. Fast 40 000 pol­ni­sche Sol­da­ten wurden in sowje­ti­sche Lager depor­tiert, mehr als 22 000 Offi­ziere wurden dann umge­bracht, 4400 von ihnen in Katyn bei Smo­lensk, das zum Symbol für diesen zyni­schen Mas­sen­mord wurde.

Die pol­ni­sche Regie­rung ging zunächst nach Paris, dann nach London ins Exil, im Land selbst kämpf­ten Polen in der „Hei­mat­ar­mee“ (Armia Krajova) für die Befrei­ung ihres Landes. Dieser Kampf kul­mi­nierte im War­schauer Auf­stand im August 1944. Da Stalin nicht wollte, dass Polen sich selbst befreite, ließ er die Rote Armee, die schon am Ostufer der Weich­sel stand, aus­har­ren, bis die Deut­schen den Auf­stand nie­der­ge­wor­fen und War­schau dem Erd­bo­den gleich­ge­macht hatten.

Nach dem Bruch des Paktes durch Hitler und dem Über­fall auf die Sowjet­union hatte Stalin die pol­ni­schen Sol­da­ten und Offi­ziere aus den Lagern ent­las­sen. Die befrei­ten pol­ni­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen wurden in die nach General Anders benannte Armee rekru­tiert. Als man sich mit Stalin nicht einigen konnte, zog diese über Persien und Paläs­tina nach Westen und schloss sich der Bri­ti­schen Armee an. In der Schlacht von Monte Casino spiel­ten die pol­ni­schen Kämpfer dann eine wich­tige Rolle bei der Erobe­rung des Klos­ter­ber­ges, was für die pol­ni­sche Erin­ne­rungs­kul­tur bis heute eine zen­trale Bedeu­tung hat. Bei der Landung der west­li­chen Alli­ier­ten in der Nor­man­die im Juni 1944 waren Polen die viert­größ­ten Trup­pen­stel­ler. Polen kämpf­ten aber auch an der Seite der Roten Armee als pol­ni­sche Divi­sio­nen und im Unter­grund (Armia Ludowa). So waren pol­ni­sche Sol­da­ten auch an der Befrei­ung des KZ Sach­sen­hau­sen betei­ligt. Noch Anfang der 90er Jahre erzählte mir der Schrift­stel­ler Andrzej Szc­zy­pi­or­ski, dass er als junger Mann und Häft­ling dort von pol­ni­schen Sol­da­ten befreit wurde.

Deshalb muss fest­ge­hal­ten werden, was in Deutsch­land oft nicht bewusst ist: Polen gehörte als Teil der (ver­schie­de­nen!) alli­ier­ten Streit­kräfte fak­tisch mit zu den Natio­nen, die Deutsch­land vom Natio­nal­so­zia­lis­mus befrei­ten. Genau dies aber anzu­er­ken­nen wollte Stalin ver­hin­dern. Polen geriet nach dem Krieg und der deut­schen Teilung gemein­sam mit dem öst­li­chen Teil Deutsch­lands, der Sowje­ti­schen Besat­zungs­zone und spä­te­ren DDR, in den sowje­tisch domi­nier­ten Herr­schafts­be­reich Europas – und wurde zur Volks­re­pu­blik.

Das Ter­ri­to­rium Polens aber wurde nach Westen ver­scho­ben. Stalin wollte den im Hitler-Stalin-Pakt erwor­be­nen Gebiets­ge­winn nicht ver­lie­ren, Polen wurde dafür mit den deut­schen Gebie­ten östlich von Oder und Neiße ent­schä­digt. Die Folge waren viel­fäl­tige Ver­trei­bun­gen von Mil­lio­nen von Men­schen, zum einen die der großen Mehr­heit der Deut­schen aus den ver­lo­re­nen deut­schen Gebie­ten, aber auch der Polen aus den nun sowje­ti­schen in Belarus und der Ukraine.

Die gerade gegrün­dete DDR erkannte 1950 im Gör­lit­zer Vertrag die neue pol­ni­sche West­grenze an. Als Satel­li­ten­staa­ten der Sowjet­union waren die Volks­re­pu­blik Polen und die DDR plötz­lich for­melle Bru­der­staa­ten. In der DDR regier­ten deut­sche Kom­mu­nis­ten, die im Wider­stand gegen Hitler gewesen waren. So wei­gerte sich die DDR-Führung, irgend­eine Ver­ant­wor­tung für die Ver­bre­chen des Natio­nal­so­zia­lis­mus zu über­neh­men, man ver­stand sich ja als anti­fa­schis­ti­scher Staat. Das Ver­hält­nis zwi­schen beiden sozia­lis­ti­schen Staaten wurde schlicht auf Freund­schafts­sta­tus umge­schal­tet. Eine gesell­schaft­li­che Auf­ar­bei­tung des Natio­nal­so­zia­lis­mus gab es in der DDR nicht. Nur in den Kirchen fand eine solche kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit der eigenen Geschichte statt, viel später auch inner­halb der Oppo­si­tion in der DDR.

Im Westen Deutsch­lands brauchte es lange, bis die Öffent­lich­keit sich offen mit der eigenen Schuld und Ver­ant­wor­tung befasste. Als die Evan­ge­li­schen Kirchen sich im Oktober 1945 im soge­nann­ten „Stutt­gar­ter Schuld­be­kennt­nis“ zu Schuld und Ver­sa­gen bekann­ten, wurde ihnen von vielen Seiten Vater­lands­ver­rat vor­ge­wor­fen. Die Nürn­ber­ger Pro­zesse, in welchen die Alli­ier­ten wich­tige NS-Ver­bre­cher vor Gericht stell­ten und ver­ur­teil­ten, wurden von der Mehr­heit der Deut­schen als Sie­ger­jus­tiz ver­un­glimpft. Die Regie­rung Ade­nauer entließ viele der ver­ur­teil­ten Nazis aus den Gefäng­nis­sen und die meisten fanden sogar wieder zurück in deut­sche Ver­wal­tun­gen und Behör­den. Es war ein weiter Weg, von mutigen Ein­zel­nen und kleinen Min­der­hei­ten in der Gesell­schaft vor­an­ge­trie­ben, bis eine gesell­schaft­li­che Auf­ar­bei­tung der deut­schen Ver­bre­chen und der eigenen Schuld begann. Knapp zwei Jahr­zehnte brauchte es, bis gegen viel Wider­stand in der Bun­des­re­pu­blik der erste Auschwitz­pro­zess statt­fand.

Von großer Bedeu­tung war dann die soge­nannte Ost­denk­schrift der Evan­ge­li­schen Kirchen im Oktober 1965, welche für eine Aner­ken­nung der Oder-Neiße-Grenze warb. Ihr wurde von­sei­ten der Bun­des­re­gie­rung wie der Ver­trie­be­nen­ver­bände mit Stürmen der Ent­rüs­tung begeg­net. Auch durch diese Denk­schrift ermu­tigt, ver­öf­fent­lich­ten wenige Wochen später die pol­ni­schen Bischöfe einen Brief an ihre deut­schen Amts­kol­le­gen, mit dem sie diese zur 1000-Jahr­feier der Kirche nach Polen ein­lu­den. Dieser Brief gip­felte in dem Satz: „Wir ver­ge­ben und bitten um Ver­ge­bung!“ Auch diese Geste führte zu hef­ti­gen Anfein­dun­gen der pol­ni­schen Regie­rung und manchem Unver­ständ­nis in der Gesell­schaft. Beide Initia­ti­ven aber wurden zum Aus­gangs­punkt eines Ver­söh­nungs­pro­zes­ses zwi­schen Polen und Deutsch­land, der sei­nes­glei­chen sucht. Wichtig war an ihnen, dass sie öffent­li­che Pro­zesse in Gang setzen, aber nicht von den Regie­run­gen getra­gen waren. So gelang es, dass nicht zuerst die kom­mu­nis­ti­sche Regie­rung Polens im Focus stand, sondern die pol­ni­sche Gesell­schaft – die Men­schen, die unend­li­che, von Deut­schen began­gene Grauen zu ver­ar­bei­ten hatten.

Die 1969 gewählte sozi­al­li­be­rale Bun­des­re­gie­rung Willy Brandts wollte „mehr Demo­kra­tie wagen“ und die Bezie­hun­gen zu den öst­li­chen Nach­barn neu gestal­ten. „Wandel durch Annä­he­rung“ war die neue Formel der Ost­po­li­tik, zu der auch der Vertrag mit Polen vom Dezem­ber 1970 gehörte. Am Tag der Unter­zeich­nung dieses Ver­tra­ges kniete Willy Brandt vor dem Ghetto-Denkmal in War­schau. Mit diesem Knie­fall erreichte der vorher gesell­schaft­lich begon­nene Ver­söh­nungs­pro­zess auch das Regie­rungs­han­deln. Im Laufe der Jahre ver­bes­ser­ten sich die staat­li­chen Bezie­hun­gen, sie ver­lo­ren ihre trau­ma­ti­schen Span­nun­gen und began­nen sich – nicht zuletzt wirt­schaft­lich – zu nor­ma­li­sie­ren. Durch Fami­li­en­zu­sam­men­füh­rung konnten viele Deut­sche aus Polen in die Bun­des­re­pu­blik kommen.

Als 1980 die Gewerk­schaft „Soli­dar­nosc“ gegrün­det und aner­kannt wurde, war nicht nur die kleine Oppo­si­tion in der DDR begeis­tert. Eine Welle der Sym­pa­thie ging durch beide deut­schen Gesell­schaf­ten. Die SED reagierte dar­auf­hin mit dem Schlie­ßen der Grenzen für DDR-Bürger. Der Bazil­lus der Soli­dar­nosc sollte nicht in die DDR über­sprin­gen. In der Bun­des­re­pu­blik begann eine breite Soli­da­ri­sie­rung, die mit dem Kriegs­recht in Polen noch zunahm. Mil­lio­nen von Päck­chen und Paketen aus Deutsch­land erreich­ten die Men­schen in Polen – und ihre Herzen. So begann sich auch in der pol­ni­schen Gesell­schaft all­mäh­lich das Bild von Deutsch­land zu ändern. Die Bun­des­re­pu­blik wurde nach dem Kriegs­recht Zufluchts­land für viele, die der Ver­fol­gung ent­ge­hen – oder schlicht­weg im Exil in Frei­heit leben wollten.

Mit dem Runden Tisch in Polen, der ersten (halb-)freien Wahl im Juni 1989 und schließ­lich mit dem ersten nicht­kom­mu­nis­ti­schen Minis­ter­prä­si­den­ten Tadeusz Mazo­wiecki begann eine Revo­lu­tion in Mit­tel­eu­ropa, mit der inner­halb weniger Monate in Polen, Ungarn, der DDR und der Tsche­cho­slo­wa­kei Frei­heit und Demo­kra­tie den Sieg erran­gen und das kom­mu­nis­ti­sche Regime gestürzt wurde. Im Zuge der Fried­li­chen Revo­lu­tion in der DDR fiel am 9. Novem­ber 1989 die Mauer. Dieses Ereig­nis wurde zum welt­wei­ten Symbol für den gemein­sa­men Sieg und mit ihm schließ­lich das Ende des Kalten Krieges.

Für Deutsch­land endete dieser Sieg der Frei­heit in der deut­schen Einheit. Dass wir Deut­schen 45 Jahre nach dem Zweiten Welt­krieg, in welchem wir so viel Schre­cken über ganz Europa und eben ins­be­son­dere auch nach Polen gebracht haben, dass wir nach Jahr­zehn­ten der Teilung im Kalten Krieg nun wieder vereint und zugleich in Freund­schaft ver­bun­den mit allen Nach­barn sein konnten – das war die Glücks­stunde der Deut­schen im 20. Jahr­hun­dert. Die Aus­söh­nung mit den öst­li­chen Nach­barn voll­endete, was im Westen mit der deutsch-fran­zö­si­schen Annä­he­rung und der Grün­dung der Euro­päi­schen Gemein­schaft begon­nen wurde.

Wichtig war auf dem Weg zur Einheit die nun end­gül­tige völ­ker­recht­li­che Aner­ken­nung der pol­ni­schen West­grenze an Oder und Neiße. Diese eröff­nete dann gemein­sam mit dem Nach­bar­schafts­ver­trag eine bis heute wäh­rende Erfolgs­ge­schichte. Das geeinte Deutsch­land wurde für Polen und die anderen neuen Demo­kra­tien zum Anwalt ihrer Inte­gra­tion in die Nato und die Euro­päi­sche Union. Polen wurde nun zu einem aner­kann­ten Partner und aktiven Mit­ge­stal­ter euro­päi­scher Politik. Mit Donald Tusk ist ein Pole Prä­si­dent des Euro­päi­schen Rates und hat damit eines der wich­tigs­ten in Europa zu ver­ge­ben­den Ämter inne.

Auch die Fragen der Belas­tun­gen durch die Ver­gan­gen­heit des letzten, für das deutsch-pol­ni­sche Ver­hält­nis so schwie­ri­gen Jahr­hun­derts, schie­nen immer mehr in den Hin­ter­grund zu treten. Zwei beson­dere Muse­ums­pro­jekte sollten das doku­men­tie­ren: das pol­ni­sche Museum des Zweiten Welt­kriegs in Danzig und das Museum der Stif­tung „Flucht – Ver­trei­bung – Ver­söh­nung“ in Berlin.

Die Kon­zep­tion des Dan­zi­ger Museums hatte den Anspruch, den Zweiten Welt­krieg in seinen viel­fäl­ti­gen Facet­ten tat­säch­lich als Welt­krieg dar­zu­stel­len und ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven Raum zu geben. Deshalb wurden nicht nur pol­ni­sche, sondern His­to­ri­ker aus anderen Ländern an der Arbeit betei­ligt. Im Früh­jahr 2017 wurde es eröff­net – doch steht es nun seitens der PIS-Regie­rung in der Kritik, den pol­ni­schen Hero­is­mus nicht genü­gend zu betonen. Die Planung der Regie­rung sieht vor, es mit dem in Grün­dung befind­li­chen Museum der Wes­tern­platte zusam­men­zu­le­gen. Welches Nar­ra­tiv hier künftig erzählt werden soll, scheint offen.

Das Museum zur Stif­tung „Flucht-Ver­trei­bung-Ver­söh­nung“ war in Deutsch­land selbst lange umstrit­ten. Immer wieder hat es von sich reden gemacht, weil der Versuch gemacht wurde oder teil­weise gelang, dass die Per­spek­tive des Bundes der Ver­trie­be­nen (BdV) die prä­gende sein sollte. Dem stellte sich die wis­sen­schaft­li­che Bera­ter­gruppe ent­ge­gen. Ob diese Tur­bu­len­zen der Ver­gan­gen­heit ange­hö­ren, ist offen. Sollte es gelin­gen, die Ent­schei­dungs­pro­zesse trans­pa­rent zu gestal­ten, wei­ter­hin die inter­na­tio­nale His­to­ri­ker­zunft zu betei­li­gen und die poli­ti­schen Ein­flüsse des BdV zurück­zu­drän­gen, könnte es zu einem bei­spiel­haf­ten Ergeb­nis kommen.

So belegen die beiden Muse­ums­pro­jekte einer­seits die Bedeu­tung der Geschichte für das Selbst­ver­ständ­nis beider Natio­nen, das ins­be­son­dere in Polen noch viel gesell­schaft­li­chen Kon­flikt­stoff bietet, wie auch für das bila­te­rale Ver­hält­nis zwi­schen Deutsch­land und Polen. Hier ist Offen­heit und Sen­si­bi­li­tät not­wen­dig, um aus der immer noch vor­han­de­nen Fra­gi­li­tät nicht Kon­flikte werden zu lassen. Gerade deshalb aber ist es wichtig, Räume des Dialogs und der Dis­kus­sion zu schaf­fen, in denen die ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven und kon­flikt­rei­chen Fragen zur Sprache gebracht werden können.

Dies kann auch bila­te­ral gesche­hen, ist aber mög­lichst mul­ti­la­te­ral zu gestal­ten, denn die meisten his­to­ri­schen Fragen betref­fen nicht nur Deutsch­land und Polen. In Brüssel ist gerade im Früh­jahr 2017 das „Haus der Euro­päi­schen Geschichte“ eröff­net worden. Der wis­sen­schaft­li­che Beirat wurde von Włod­zi­mierz Borod­ziej gelei­tet, einem aner­kann­ten pol­ni­schen His­to­ri­ker. Es wird span­nend sein, welche Dis­kurse sich aus der dort vor­ge­leg­ten Kon­zep­tion ergeben.

Es ist gut, dass seit dem Bei­tritt der neuen Mit­glied­staa­ten in der Euro­päi­schen Union das Euro­päi­sche Par­la­ment ein offener Ort des Dis­kur­ses zu einer euro­päi­schen Erin­ne­rungs­kul­tur gewor­den ist. Es ist nicht zu erwar­ten, dass dem­nächst alle Euro­päer ein gemein­sa­mes Bild unserer Geschichte teilen, doch es ist wichtig, die ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven über­haupt erst einmal ken­nen­zu­ler­nen und mit­ein­an­der ins Gespräch zu bringen.

Dies ist nun auch eine Her­aus­for­de­rung an das Geden­ken der 100-Jah­res­tage in den Jahren 2018/​2019. Natür­lich werden Polen und die anderen am Ende des Ersten Welt­krie­ges ent­stan­de­nen Natio­nal­staa­ten ihre Unab­hän­gig­keit und Staats­grün­dung fei­er­lich begehen. Es wird jedoch darauf ankom­men, dass im Zuge dieser Fei­er­lich­kei­ten nicht eine neue Welle des Natio­na­lis­mus durch Europa geht. Deshalb ist es von zen­tra­ler Bedeu­tung, dass auch die mul­ti­la­te­ra­len Themen, die mit diesem Jah­res­tag ver­bun­den sind, nicht aus dem Blick geraten und durch die inter­na­tio­nale Staa­ten­ge­mein­schaft ange­mes­sene Auf­merk­sam­keit erfah­ren.

Hier seien einige Gesichts­punkte genannt, die mir in diesem Zusam­men­hang von Bedeu­tung zu sein schei­nen:

+ Mit dem Kriegs­ein­tritt der USA und ihrer Begrün­dung in den 14 Punkten von Prä­si­dent Wilson standen die Her­aus­for­de­run­gen von Demo­kra­tie und Selbst­be­stim­mung auf der euro­päi­schen Tages­ord­nung, mit der „Okto­ber­re­vo­lu­tion“ von 1917 die Alter­na­tive von Demo­kra­tie und tota­li­tä­rem Kom­mu­nis­mus. Sie bestimmte das ganze ver­gan­gene Jahr­hun­dert. Die blei­bende Aktua­li­tät dieser Fragen auch nach 1989 ist offen­sicht­lich.

+ Mit dem Ende des 1. Welt­krie­ges bilden sich durch den Zerfall der mon­ar­chi­schen Reiche (des Zaris­ti­schen Russ­land, des Osma­ni­schen, des Deut­schen Reiches der Hohen­zol­lern und des Habs­bur­gi­schen Reiches) eine ganze Reihe von euro­päi­schen Staaten (neu), die meisten von ihnen als Demo­kra­tien. In Deutsch­land ent­steht nicht zuletzt durch das ent­schlos­sene Handeln der Sozi­al­de­mo­kra­ten die erste deut­sche Demo­kra­tie – die Wei­ma­rer Repu­blik. 15 Jahre später ist von diesen Demo­kra­tien nicht mehr viel übrig, die meisten Staaten werden auto­ri­tär regiert. Gibt es Gründe für diese Ent­wick­lung, die auch heute noch eine Bedeu­tung haben?

+ Unmit­tel­bar nach dem Ende der Mon­ar­chie in Deutsch­land und dem Waf­fen­still­stand erklärt der Rat der Volks­be­auf­trag­ten in einem Aufruf an das deut­sche Volk am 12. Novem­ber 1918 das all­ge­meine und gleiche Frau­en­wahl­recht. Marie Juchacz erklärt als erste Frau in einem deut­schen Par­la­ment in der Wei­ma­rer Natio­nal­ver­samm­lung am 19. Februar 1919: “Ich möchte hier fest­stel­len.., dass wir deut­schen Frauen dieser Regie­rung nicht etwa in dem alt­her­ge­brach­ten Sinne Dank schul­dig sind. Was diese Regie­rung getan hat, das war eine Selbst­ver­ständ­lich­keit: sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vor­ent­hal­ten worden ist.“ Während dies Recht vorher nur sehr ver­ein­zelt galt (in Finn­land, Nor­we­gen und Däne­mark), tritt es nun seinen Sie­ges­zug in Europa an. Dass sich die Frage der Gleich­be­rech­ti­gung der Frauen nach 100 Jahren schon erle­digt hätte, kann gleich­wohl kaum behaup­tet werden.

+ Obwohl es völlig falsch wäre, die USA allein als Ursache für das Ent­ste­hen der euro­päi­schen Demo­kra­tien 1918 anzu­se­hen, wird ihr Ein­fluss nicht zu bestrei­ten sein. Dann jedoch setzt sich in den USA der Iso­la­tio­nis­mus durch und sie ziehen sich aus Europa wieder zurück. Nach dem Zweiten Welt­krieg haben sie gelernt, sie bleiben eine gestal­tende Macht in Europa. So werden die USA zum Garan­ten der Demo­kra­tie im Nach­kriegs­eu­ropa, sie unter­stüt­zen auch die Bildung der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten, die Inte­gra­tion der (zunächst west-) euro­päi­schen Staaten. Die trans­at­lan­ti­schen Bezie­hun­gen sind somit seit dem Ende des Ersten Welt­krie­ges ein Jahr­hun­dert­thema, dessen Aktua­li­tät mit der Wahl von Prä­si­dent Trump noch einmal vor aller Augen geführt wird.

+ Nach den – für alle teil­neh­men­den Natio­nen erschüt­tern­den – Erfah­run­gen des Ersten Welt­kriegs wird durch die Initia­tive der Ame­ri­ka­ner der Völ­ker­bund gegrün­det. Er soll als inter­na­tio­nale Orga­ni­sa­tion das Völ­ker­recht stärken und umset­zen helfen. Die Ame­ri­ka­ner werden schließ­lich nicht einmal Mit­glied und er schei­tert. Der Neu­an­fang mit den Ver­ein­ten Natio­nen 1945 bleibt bis heute eine inter­na­tio­nale Her­aus­for­de­rung für die Ver­recht­li­chung der inter­na­tio­na­len Bezie­hun­gen und die Frie­dens­si­che­rung.

+ Die Pariser Vor­ort­ver­träge am Ende des Ersten Welt­krie­ges haben Europa auf eine Weise neu geord­net, die bis heute schwer­wie­gende Folgen hat – auch wenn das vielen nicht bewusst ist. Ob es Hitler ohne die Art, wie der Ver­sail­ler Vertrag gestal­tet wurde, gelun­gen wäre, in Deutsch­land die Zustim­mung und die Mehr­hei­ten zu erlan­gen, wie es dann geschah, sei dahin­ge­stellt. Dabei hatte Deutsch­land selbst die Rich­tung vor­ge­ge­ben, als es im Vertrag von Brest-Litowsk dem nun bol­sche­wis­ti­schen Russ­land Frie­dens­be­din­gun­gen dik­tiert hatte, die keinen Bestand haben konnten. So stellt sich allein aus diesen Erfah­run­gen die Grund­frage „Wie schließt man Frieden – der wirk­lich trägt?“ Der Blick auf die wei­te­ren Ver­träge von Trianon (1920) und Lau­sanne (1923) ver­stärkt die Her­aus­for­de­rung. Im ersten wird das Ter­ri­to­rium Ungarns so redu­ziert, dass das daraus ent­ste­hende Trauma dort noch heute poli­ti­sche Wirkung ent­fal­tet. Im anderen Fall wird die Zwangs­de­por­ta­tion von Grie­chen und Türken poli­tisch legi­ti­miert – mit dem Ziel künf­ti­ger Sta­bi­li­tät. Gerade im deutsch-pol­ni­schen Ver­hält­nis ist die Frage der Ver­trei­bun­gen im 20. Jahr­hun­dert ein wich­ti­ges Thema. Bei allen Dif­fe­ren­zen im Rück­blick bleibt die Gemein­sam­keit, dass für die Zukunft Ver­trei­bun­gen und eth­ni­sche Säu­be­run­gen zu ver­hin­dern sind.

+ Im Ver­sail­ler Frie­dens­ver­trag wurde das „dau­er­hafte Ruhe­recht“ von Kriegs­grä­bern inter­na­tio­nal fest­ge­legt und der Praxis des Anle­gens von Kriegs­grä­ber­stät­ten ein völ­ker­recht­li­cher Rahmen gegeben. Über ein Jahr­hun­dert hin hat dies dazu geführt, dass in ganz Europa Kriegs­grä­ber­stät­ten aller krieg­füh­ren­den Natio­nen ange­legt wurden. Es stellt sich die Frage, wie dieses Geden­ken an die – sol­da­ti­schen wie zivilen – Kriegs­to­ten künftig in einem zusam­men­wach­sen­den Europa gestal­tet werden kann. Frank­reich hat hier mit dem „Ring der Erin­ne­rung“ in Notre-Dame-de Lorette, ein Bei­spiel gegeben. An diesem Mahnmal wird an 580 000 Tote aller Natio­nen erin­nert, die im Ersten Welt­krieg in dieser Region gefal­len sind, unter ihnen 174 000 Deut­sche. Ihre Namen werden nun aber nicht nach Natio­nen unter­teilt, sondern nach dem Alpha­bet. Dieses Bei­spiel macht Mut. Es braucht in der Zukunft ein Nach­den­ken und Gespräch darüber, wie ein solches gemein­sa­mes Geden­ken künftig auch über natio­nale Grenzen hinweg ent­wi­ckelt werden kann.

Ich hoffe sehr, dass es 2018 gelin­gen wird, ange­sichts des 100-Jahr-Geden­kens nicht nur auf die jeweils natio­nale Geschichte zu schauen, sondern den Blick auch gemein­sam auf das  20. Jahr­hun­dert zu richten und im Hori­zont gegen­wär­ti­ger Her­aus­for­de­run­gen Lehren daraus zu ziehen.

Zum Schluss möchte ich einen frü­he­ren Vor­schlag wie­der­ho­len:

Polen und Deutsch­land sind in einer langen Geschichte mit­ein­an­der ver­bun­den, die hier nur kurz beschrie­ben werden konnte. In Berlin gibt es nun seit den 70er Jahren ein pol­ni­sches Denkmal, das die beiden kom­mu­nis­ti­schen Länder, die Volks­re­pu­blik Polen und die DDR errich­tet haben. Es steht erstaun­li­cher­weise unter dem Motto: „Für eure und für unsere Frei­heit!“ Die Gestal­tung aber ent­spricht dem sozia­lis­ti­schen Zeit­geist – und der Inhalt ist ver­lo­gen. Sollten wir es nicht in einer gemein­sa­men, deutsch-pol­ni­schen Initia­tive umge­stal­ten und dort den Beitrag dar­stel­len, den Polen zur deut­schen Frei­heits­ge­schichte geleis­tet hat? Der Bogen könnte hier vom Ham­ba­cher Fest 1830 über die pol­ni­sche Betei­li­gung an der Befrei­ung vom Natio­nal­so­zia­lis­mus bis zu Soli­dar­nosc und dem gemein­sa­men Sieg von Frei­heit und Demo­kra­tie 1989 sowie der heu­ti­gen Part­ner­schaft in der EU gespannt werden.

Die Opfer Polens sind zumin­dest der Fach­welt bekannt und aner­kannt. Die in Deutsch­land wenig bekannte Rolle Polens als Akteur und Partner der Frei­heit zur Bot­schaft dieses Denk­mals zu machen, würde einer­seits die gemein­same Geschichte in den Blick nehmen – und gleich­zei­tig die gemein­sa­men Her­aus­for­de­run­gen der Zukunft beschrei­ben. Es wäre ein ver­söhn­ter Blick auf eine Frei­heits­ge­schichte, die wei­ter­geht.

Textende

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