Ungleiche Freunde: Über Risiken und Grenzen der russisch-chinesischen Partnerschaft

China und Russland stellen sich gerne als Partner einer antiwestlichen Allianz dar: In Wirklichkeit ist Moskau aber nur ein Junior-Partner, der aber Pekings Unterstützung im Angriffskrieg gegen die Ukraine braucht. Über die Risiken und Grenzen der russisch-chinesischen Partnerschaft und über die Folgen für Europa haben wir bei einer Expertenrunde in Berlin zusammen mit dem Londoner Thinktank NEST Centre gesprochen.
Im ersten Teil der Diskussion ging es um den Charakter der chinesisch-russischen Beziehungen sowie um ihre Grenzen.
Die Experten waren sich einig, dass die Partnerschaft zwischen Moskau und Peking robust ist und sich derzeit in vielen Bereichen vertieft. Beide Länder verfolgen das gemeinsame Ziel, die vom Westen dominierte liberale Weltordnung in Frage zu stellen. Gleichzeitig sind die russisch-chinesischen Beziehungen zutiefst asymmetrisch, wobei Moskau sich zunehmend in einer untergeordneten Position befindet Und: trotz ihrer antiwestlichen Haltung haben beide Länder weder eine gemeinsame Ideologie noch eine gemeinsame Vision für eine Weltordnung im 21. Jahrhundert.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenDarüber hinaus ist das bilaterale Verhältnis von gegenseitigem Misstrauen geprägt, das sich aus historischen Traumata und kultureller Distanz speist. Dieser Faktor bleibt mindestens mittelfristig relevant, auch wenn beide Länder derzeit zunehmend eng zusammenarbeiten.
Die Beziehungen sind eine von Eigeninteressen und Realpolitik getriebene flexible strategische Partnerschaft. Beide Seiten sind sich der Vorteile daraus bewusst, doch die Partnerschaft hat auch ihre Grenzen und potenzielle Spannungsfelder.
Peking als Wohlfühl-Partner, der Putins Schwäche nutzt
Für Moskau ist die Beziehung zu Peking eine Quelle geopolitischen Wohlbefindens und ein Kraftmultiplikator für den russischen Einfluss weltweit. Ohne China wäre Russland und das Regime Putin erheblich geschwächt. Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 und der darauffolgenden Verhängung von Wirtschaftssanktionen ist China für die russische Wirtschaft unverzichtbar geworden, da es Märkte, Technologie, Finanzkanäle und Dual-Use-Güter bereitstellt, die die aktuelle russische Kriegsführung ermöglichen.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenGleichzeitig gibt es viele Anzeichen dafür, dass Chinas Unterstützung für den russischen Krieg Grenzen hat. Peking will gewiss nicht, dass Russland verliert. Die Frage ist, wie sehr die Chinesen wollen, dass Russland gewinnt.
Für China sorgt ein freundliches Russland für relative Ruhe entlang der 4.200 Kilometer langen gemeinsamen Grenze sorgt. Dies ermöglicht Peking, sich auf wichtigere Dinge wie den Beziehungen zu den USA zu konzentrieren. In der ausgeprägten strategischen Rivalität mit Washington dient Russland generell so als nützlicher geopolitischer Partner. Die russische Duldung der Ambitionen Pekings (wie etwa in Nordost- und Zentralasien, in der Arktis oder in der globalen Gouvernante) ist dabei nicht weniger wichtig als eine aktive Zusammenarbeit
Der wachsende Abstand zwischen zwei ungleichen Partner wirft für den Kreml potenziell aber die Frage auf, wo die geopolitischen und geoökonomischen Grenzen gezogen werden sollen.
Die Experten hoben hervor, dass obwohl sich die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen China und Russland intensiviert haben, sind sie für Russland einseitig und wenig vorteilhaft geworden: Während China Industriegüter liefert, kommen aus Russland fast nur Rohstoffe.
Peking nutzte den zunehmend asymmetrischen Charakter der Beziehungen und die Schwäche Russlands in den letzten Jahren intensiv aus, indem es Öl und Gas zu reduzierten Preisen kaufte, die chinesischen Industrieexporte ausweitete und seine Position in Schlüsselsektoren der russischen Wirtschaft stärkte. Gleichzeitig seien viele zuvor vielversprechende und zukunftsorientierte Formen der technologischen und industriellen Zusammenarbeit seit dem Einmarsch in die Ukraine auf Eis gelegt worden oder ganz verschwunden. Bei der wirtschaftlichen Zusammenarbeit hält China eine gewisse Distanz ein, da die russische Wirtschaft wegen der Sanktionen toxisch ist und Peking keine Konkurrenz aus Russland möchte.
Gleichzeitig argumentierten die Experten, dass China die Abhängigkeit Russlands nur bis zu einem gewissen Grad ausnutzen kann. Peking kann Putin nicht zu sehr in die Enge treiben, da übermäßiger Druck zu Instabilität innerhalb Russlands führen und möglicherweise das Überleben des Kreml-Regimes gefährden könnte – ein Szenario, das China vermeiden möchte.
China setzt auf erneuerbare, Russland bleibt von fossilen Brennstoffen abhängig
Obwohl die Energiepartnerschaft nach wie vor eine entscheidende Säule der bilateralen Beziehungen ist und sich kurzfristig weiter vertiefen könnte – nicht zuletzt aufgrund der Instabilität im Nahen Osten –, argumentierten die Experten, dass ihre langfristige Bedeutung wahrscheinlich abnehmen werde. China sieht seine geoökonomische Zukunft in erneuerbaren Energien und technologischer Dominanz. Sein Übergang zu einer technologiegetriebenen, postfossilen Wirtschaft steht in scharfem Kontrast zu Russlands wachsender Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen, Rüstungsproduktion und Rohstoffexporten. Langfristig könnte Chinas wirtschaftlicher Wandel daher eine existenzielle Herausforderung für Russlands Position und Einfluss im internationalen System darstellen.
Ein weiterer wichtiger Faktor in den chinesisch-russischen Beziehungen sind ihre unterschiedlichen Vorstellungen über eine Weltordnung. Obwohl beide Länder die Vorherrschaft der USA in Frage stellen und sich für eine „multipolare Weltordnung“ einsetzen, bedeutet das Konzept der Multipolarität in Moskau und Peking sehr unterschiedliche Dinge. Im russischen Verständnis geht es um eine Art „Jalta 2.0“, wo die Großmächte USA, China und Russland Macht und Einflusssphären unter sich ausmachen. Xi Jinping scheint seinerseits aufgeschlossener als seine Vorgänger gegenüber der Idee einer „G2“ aus China und den USA zu sein, weil dies den beiden Ländern auf eine Ebene stellt.
Im Bezug auf sein Auftreten auf der internationalen Arena wurde Peking als eine „revisionistische, aber nicht revolutionäre Macht“ beschrieben: China präsentiere sich als Verteidiger der Globalisierung und des Multilateralismus, nutze dabei seine Wirtschaftskraft und seinen globalen Einfluss, um liberale Werte konsequent zu untergraben und das weltpolitische Vakuum zu füllen.
Peking strebe danach, das internationale System auf Kosten der USA und Europas umzugestalten, dabei aber weiter innerhalb des Systems zu agieren. Peking befürworte eine regalierte internationale Ordnung, die es als Voraussetzung für die Verwirklichung des „chinesischen Traums“ nationaler Erneuerung ansieht.
Russland dagegen wurde als Macht dargestellt, die darauf abzielt, das System zu zerstören, da es von geopolitischer Instabilität profitiert und in Krisen- und Umbruchsituationen gedeiht.
Obwohl diese Unterschiede langfristig eine Herausforderung für die Partnerschaft darstellen könnten, argumentierten die Teilnehmer, dass die chinesisch-russischen Beziehungen mittelfristig stabil bleiben werden. Die Idee eines „umgekehrten Kissinger“ oder „umgekehrten Nixon“ – worin Washington versuchen soll, die Beziehungen zu Russland zu verbessern, um einen Keil zwischen Moskau und Peking zu treiben – wurde als illusorisch abgetan. Weder Russland noch China könnten es sich derzeit leisten, ihre Partnerschaft aufs Spiel zu setzen.
China untergräbt Europa als Wirtschaftsmacht
Im zweiten Teil der Diskussion ging es um die Herausforderungen, die China für Europa und vor allem für Deutschland darstellt.
Pekings Wirtschaftspolitik ist längst keine Herausforderung, sondern eine akute Bedrohung: China untergräbt die Macht Europas an zentraler Stelle, nämlich beim wirtschaftlichen Potenzial. Zwar ist die Wirtschaftsleistung der EU nominal immer noch größer als die Chinas (der IWF erwartet für 2026 23 Billionen Dollar für Europa, 20,8 für China). Doch Peking verfügt über mehr Selbstvertrauen, Ehrgeiz und Risikobereitschaft. Ein eklatantes Beispiel hierfür sind die 2025 von Peking verhängten Exportbeschränkungen für seltene Erden, die die EU hart trafen. Europa leidet bereits jetzt unter Deindustrialisierung, allein in Deutschland gehen geschätzt 10.000 Industrie-Arbeitsplätze monatlich verloren.
Dazu kommt Chinas Rolle als wichtigster Unterstützer Russlands im Angriffskrieg gegen die Ukraine. Der brutale Krieg sei „unglaublich günstig“ für Peking, da China „nichts ausgibt, viel gewinnt und froh ist, dass seine größten Gegner für die militärische Unterstützung der Ukraine jeden Tag Geld verbrennen“ – Geld, das weder Einnahmen noch Wohlstand generiert.
Europas Reaktion beschränkte sich lange auf Worte: Mit offener Kritik hofften Diplomaten, chinesische Beamte zum Umdenken zu bewegen, weil sie um den Ruf Pekings als neutrale Macht fürchteten. Mit dem 20. Sanktionspaket gegen Russland hat die EU im April 2026 erstmals Maßnahmen gegen Drittstaaten für die Lieferung von Waffensystemen und Dual-Use-Gütern an Moskau eingeführt – betroffen sind auch Banken und Unternehmen aus China. „Wir sind der Ansicht, dass Chinas Unterstützung für Russlands Krieg unseren Interessen enorm schadet“, sagte ein Entscheidungsträger.
Doch das könnte bei weitem nicht ausreichen. Argumentiert wurde, dass sich chinesische Beamte wenig bis gar nicht um ihren Ruf in Europa sorgen, weil sie nicht glauben, dass (die Europäer) eine Rolle spielen. Andere wiesen darauf hin, dass Peking seine Haltung gemäßigt habe und weniger aggressiv als noch vor einigen Jahren sei. Insgesamt habe China für seine Unterstützung Russlands im Krieg gegen die Ukraine aber noch keinen wirklichen Preis gezahlt.
In der anschließenden Debatte über Sanktionen wurde über Maßnahmen gegen die chinesische Luftfahrtindustrie, etwa durch Softwarebeschränkungen bei Airbus-Flugzeugen diskutiert – ein Thema, dass durch die Konkurrenz des US-Riesen Boeing und die wachsende Unsicherheit über Washingtons Haltung in dieser Frage verkompliziert wird.
Kritik wurde auch an der EU-Handelspolitik gegenüber China geübt, die den Block zu einem Lieferanten „leicht ersetzbarer“ Agrar- und Rohstoffgüter wie Gerste, Kartoffeln und sogar Hühnerfüße gemacht habe, während die Chinesen „alle industriellen Bereiche übernehmen“.
Die EU muss geschlossen gegen China auftreten
Am Ende der Diskussion stand die Schlussfolgerung, dass Europa gemeinsam und nicht auf nationaler Ebene gegen China vorgehen müsse. Ziel müsse sein, die Folgen von Pekings aggressiver Wirtschaftspolitik rasch (innerhalb von 6 bis 12 Monaten) abzumildern, um die heimische Industrie zu schützen und um gleichzeitig die Ukraine bei der Abwehr des russischen Angriffskrieges zu unterstützen. Sollte dies scheitern, warnen die Experten vor einem Szenario, in dem eine von China geführte Weltordnung zur Aufspaltung der EU und zu einer größeren Rolle Russlands führt.
Mitarbeit und Reaktion: Nikolaus von Twickel
Hat Ihnen unser Beitrag gefallen? Dann spenden Sie doch einfach und bequem über unser Spendentool. Sie unterstützen damit die publizistische Arbeit von LibMod.
Spenden mit Bankeinzug
Spenden mit PayPal
Wir sind als gemeinnützig anerkannt, entsprechend sind Spenden steuerlich absetzbar. Für eine Spendenbescheinigung (nötig bei einem Betrag über 200 EUR), senden Sie Ihre Adressdaten bitte an finanzen@libmod.de
Verwandte Themen
Newsletter bestellen
Mit dem LibMod-Newsletter erhalten Sie regelmäßig Neuigkeiten zu unseren Themen in Ihr Postfach.








