G7, EU und NATO: Die Ukraine startet selbstbewusst in die sommerlichen Gipfeltreffen

Die Ukraine startet durch militärische Erfolge und die Abwahl von Viktor Orbán gestärkt in die Saison der Spitzentreffen mit G7‑, EU- und NATO-Gipfel. Doch Europa und die Ukraine müssen das offene Zeitfenster unbedingt nutzen, um sicherheitspolitische Tatsachen zu schaffen. Denn bereits 2027 droht Europa eine noch tiefere Spaltung, analysiert Simon Schlegel.
Noch Anfang 2025 hat kaum jemand geglaubt, dass die Ukraine Trumps Kahlschlag bei der militärischen und humanitären Unterstützung so gut verkraften würde. Seither hat Kyjiw die Not zur Tugend gemacht und seine Partnerschaften diversifiziert. Noch entscheidender aber war der Senkrechtsstart der heimischen Drohnenproduktion. Unbemannte Systeme halten mittlerweile die russischen Truppen an fast allen Frontabschnitten in Schach und fügen ihnen dabei gewaltige Verluste zu. Durch den Einsatz von neuartigen Abfangdrohnen schießt die ukrainische Luftabwehr weiterhin einen Großteil der russischen Kamikazedrohnen ab, obwohl deren Zahl steil angestiegen ist. Im Mai hat die ukrainische Armee zudem begonnen, mit ihren Mittelstreckendrohnen die russische Logistik in den besetzten Gebieten unsicher zu machen. Der fehlende Nachschub könnte im Sommer zu einer Aufweichung der russischen Front im Süden führen.
Dennoch kämpft die Ukraine weiterhin ums Überleben. Weltweit ist die Abfangmunition für ballistische Raketen knapp. Russland hat mit solchen Waffen im vergangenen Winter ganze Kraftwerke dem Erdboden gleichgemacht. Wird der nächste Winter wieder so kalt wie der letzte, könnten Hunderttausende das Land verlassen, um der Kälte und tagelangen Stromausfällen zu entfliehen.
Die demographische Katastrophe, die der Ukraine ohnehin droht, würde sich dadurch noch verschlimmern. Sie führt bereits jetzt zu lähmender Personalknappheit in der Wirtschaft und wird zunehmend zur Achillesferse der Armee. Auch wenn die Ukraine durch die Drohnenrevolution weniger Soldaten in die Todeszone schicken muss, hat sie zunehmend Probleme, neue Soldaten zu mobilisieren. Mit den wenigen neuen Rekruten, welche die Musterungsbehörden noch finden, kann die Ukraine die Front halten, aber weder den erschöpften Fronttruppen eine Pause im Hinterland ermöglichen noch Reserven für eine große Gegenoffensive aufbauen.
Vom Bittsteller zum Sicherheitspartner
Mit dieser durchzogenen, aber vergleichsweise hoffnungsvollen Ausgangslage wird die Ukraine auf dem internationalen Parkett um Unterstützung werben. Dieses Jahr wird niemand behaupten können, die Ukraine habe keine Karten in der Hand und sollte sich am besten einfach ergeben.
Der Sommer startet mit dem Treffen der G7 vom 15.–17. Juni im französischen Évian. Der Krieg in der Ukraine steht ganz oben auf der Tagesordnung. Wie schon in früheren Jahren wird Volodymyr Selenskyj als Gast dabei sein. Anders als noch vor einem Jahr wird er dabei nicht als bedrängter Bittsteller, sondern als selbstbewusster Sicherheitspartner auftreten. Schließlich schützt ukrainische Drohnentechnologie auch US-Verbündete am Persischen Golf gegen iranische Luftangriffe. Selenskyj wird die globale Bühne nutzen, um zu zeigen, dass die Ukraine zu einem Waffenstillstand bereit ist, aber nicht kapitulieren muss.
Die Ukraine wird sich in Évian vor allem für die Stärkung der immer noch löchrigen Sanktionen gegen Russland einsetzen. Die oft scherzhaft als „kinetische Sanktionen“ bezeichneten Tiefenschläge der Ukraine gegen russische Ölinfrastruktur und den militärisch-industriellen Sektor funktionieren nur, wenn Russland diese Kapazitäten künftig nicht mehr durch Sanktionsumgehungen nachrüsten kann. Kyjiw befürchtet, dass die G7 beim russischen Öl die Sanktionen aufweichen könnten, wenn im Sommer Flugbenzin knapp wird oder die Spritpreise weiter steigen. Zudem konnte die Ukraine zeigen, dass in Raketen, die ukrainische Städte treffen, immer noch viel westliche Technik verbaut ist.
Echte Chancen auf Fortschritt beim EU-Beitrittsprozess
Beim unmittelbar an das G7-Treffen anschließenden EU-Gipfel am 17. und 18. Juni scheint echter Fortschritt möglich. Die Abwahl von Ukraine-Plage Viktor Orbán könnte den Weg freimachen für die Öffnung des Beitrittskapitels „Fundamentals“, welches immer als erstes eröffnet und als letztes geschlossen wird. EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos sagte, die Ukraine habe durch „Frontloading“ – das vorsorgliche Umsetzen von Reformen – bereits viel Vorarbeit geleistet.
Der neue ungarische Ministerpräsident Peter Magyar wird nicht, wie sein Vorgänger, Fundamentalopposition gegen einen ukrainischen Beitritt betreiben, doch auch er wird bei den Rechten der ungarischen Minderheit in der ukrainischen Region Transkarpatien pingelig bleiben.
Der Bundeskanzler möchte, wie in einem Brief Mitte Mai an die EU-Spitze formuliert, solche Details am liebsten erst klären, nachdem die Ukraine schon mit einem Fuß Mitglied ist. Er schlägt eine „Assoziierte Mitgliedschaft“ vor, bei der die EU ihre Beistandsklausel als Teil von Sicherheitsgarantien auf die Ukraine ausweitet. Kyjiw würde dabei bereits einen assoziierten EU-Kommissar und Europaparlamentarier stellen, diese hätten aber bis zur Vollmitgliedschaft noch kein Stimmrecht. Deswegen sieht die ukrainische Regierung eine solche Warteraumlösung, die mit hohem Reformdruck aber ohne Mitsprachrecht verbunden wäre, eher skeptisch. Zumindest käme durch eine solche Teilmitgliedschaft Bewegung in den Prozess. Die EU müsste durch die Anwendung der Beistandsklausel auf ein Kriegsland schnell ihre eigene Sicherheit stärken und den blockadeanfälligen Beitrittsprozess reformieren. Beides würde Europa guttun.
Eine Zerreißprobe für die NATO
Den sommerlichen Gipfelmarathon schließt der NATO-Gipfel am 7. und 8. Juli in Ankara ab. US-Außenminister Marco Rubio hat bereits angekündigt, Donald Trump wolle den Gipfel nutzen, um seiner Enttäuschung über die NATO-Verbündeten Luft zu machen. In der Praxis wird das heißen, dass die USA öffentlich rechtfertigen, was das Pentagon NATO-intern schon angekündigt hat: Washington wird in viele wichtige Waffensysteme aus Europa abziehen, um diese in den Indopazifik zu verlegen. Vor diesem Hintergrund wird Trump sicherlich lieber über den Krieg im Iran sprechen als über die Ukraine, für die die USA nicht mehr viel Bandbreite haben. Da Trump mit seinen zahlreichen unausgereiften Friedensinitiativen von 2025 vor allem versuchte, die Ukraine zu einem Diktatfrieden nach russischem Geschmack zu drängen, war die Ablenkung durch Epic Fury für Kyjiw eher eine Atempause als ein Verlust. Mittlerweile scheint auch Moskau den Glauben zu verlieren, dass Trump Putins Kriegsforderungen am Verhandlungstisch durchsetzen kann.
Der NATO-Gipfel wird daher für Europa und die Ukraine ein Drahtseilakt. Europa und die Ukraine müssen einerseits mehr militärische Hilfe für die Ukraine sichern, während sie sich aus Trumps Debakel am Golf heraushalten. Gleichzeitig müssen die Europäischen NATO-Länder Moskau signalisieren, dass sie sich von vielen amerikanischen Abhängigkeiten freigeschwommen haben und in Zukunft selbst mit Putin über Europas Zukunft verhandeln können.
Entscheidende Wahlen am Horizont
Wenn die russische Armee nicht mehr vom Fleck kommt und Moskaus Hoffnungsträger in Mar-a-Lago mit der Straße von Hormus beschäftigt ist, wird der Kreml künftig ganz auf Europas Anfälligkeit für politische Spaltung setzen. Diese Strategie könnte leider funktionieren. In Frankreich, Großbritannien und Deutschland führen Rechtspopulisten mit mehr oder weniger offenen Moskausympathien in den Umfragen. In Frankreich könnte Rassemblement National nächstes Frühjahr die Präsidentschaftswahlen gewinnen. Auch das wäre nicht der Untergang der Ukraine, aber die politischen Fortschritte, die diesen Sommer möglich sind, wären dann passé.
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