Frank­reich: Die Stol­per­steine im kol­lek­ti­ven Gedächtnis

Foto: Shut­ter­stock, Everett Collection

In einem Wahl­kampf, dem von allen Seiten her iden­ti­täts­po­li­ti­sche Themen auf­ge­zwun­gen werden, ist der Weg zur Prä­si­dent­schaft mit einer Reihe heikler Gedenk­tags-Stol­per­steine aus der Kolo­ni­al­ge­schichte gepflastert.

Ein Freund­schafts­spiel, das keines war

Vor zwanzig Jahren, am 6. Oktober 2001 fand das erste und bis heute einzige Fußball-Län­der­spiel zwi­schen Frank­reich und Alge­rien statt. Aus­gangs­punkt war die anhal­tende Eupho­rie um die mul­ti­eth­ni­sche Welt­meis­ter­mann­schaft von 1998 um Zine­dine Zidane, ihren in Mar­seille gebo­re­nen Super­star mit alge­ri­schen Wurzeln. Geplant war ein „Freund­schafts­spiel“ im besten Sinne des Wortes, ange­dacht in Algier, mangels Zustim­mung der lokalen Behör­den dann doch im „Stade de France“ von Saint-Denis, das an diesem Tag seinen Namen defi­ni­tiv nicht verdiente.

Die gut­ge­mein­ten Absich­ten für eine Art Fest der Ver­söh­nung endeten in einem Fiasko, dem zum zwan­zigs­ten Jah­res­tag eine Reihe von rück­bli­cken­den Ana­ly­sen gewid­met wurden. Zu Recht, denn das Match, das nach 76 Minuten wegen eines spon­ta­nen Platz­sturms einer großen Zahl meist junger Zuschauer abge­bro­chen werden musste, ent­hüllte die Zer­brech­lich­keit des „black-blanc-beur“-Slogans, mit dem der Fußball den Zusam­men­halt der Nation beschwo­ren hatte.

Die Stim­mung im Stadion damals war von Beginn an seltsam auf­ge­heizt. Das Publi­kum, abge­se­hen von der zahl­reich reprä­sen­tier­ten Regie­rung um Premier-Minis­ter Lionel Jospin, zeigte schon beim Auf­wär­men der beiden Teams ein hohes Maß an Aggres­si­vi­tät gegen­über der fran­zö­si­schen Mann­schaft, wobei Zidane beson­ders mit Schmäh­ru­fen bedacht wurde. Die Natio­nal­hymne ging in Pfiffen und Buh­ru­fen unter – ein Eklat.

Während des Spiels schie­nen sich die Gefühle zunächst etwas abzu­küh­len. Natür­lich war der amtie­rende Welt- und Euro­pa­meis­ter haus­hoch über­le­gen, aber als den Alge­ri­ern kurz vor der Pause ein Ehren­tref­fer zum 3:1 gelang, schien die Stim­mung eher positiv umzu­schla­gen. Eine Vier­tel­stunde vor Spie­lende gelang es dann einer Zuschaue­rin, mit einer alge­ri­schen Flagge bis auf den Rasen vor­zu­drin­gen. In kür­zes­ter Zeit folgten ihr einige Hundert weitere junge Leute, an eine Wie­der­auf­nahme des Spiels war nicht zu denken. Die Beschwich­ti­gungs­ver­su­che der kom­mu­nis­ti­schen Sport­mi­nis­te­rin Marie George-Buffet über den Laut­spre­cher erwie­sen sich, nicht uner­war­tet, als eher kontraproduktiv.

In der Auf­ar­bei­tung des Gesche­hens während der fol­gen­den Tage wurde deut­lich, dass keiner der Platz­stür­mer wirk­lich in der Lage war, das kol­lek­tive Anlie­gen in Worte zu fassen. Der Ein­druck, der sich ver­fes­tigte, war der einer tief­sit­zen­den Ver­wir­rung der Gefühle, eines unbe­hol­fe­nen Aus­drucks des Nicht-Ange­kom­men-Seins in einer Gesell­schaft, die für mul­ti­ple kul­tu­relle Iden­ti­tä­ten nur wenig Ver­ständ­nis zeigt. Ein stummer, aber umso lauter nach­hal­len­der Vorwurf an eine Nation, die ihre kolo­niale Ver­gan­gen­heit mit all ihren ver­dräng­ten Schand­fle­cken und Nach­wir­kun­gen nie wirk­lich auf­ar­bei­ten wollte.

Der Fußball ist ein ver­läss­li­cher Pro­du­zent von Gedenk­ta­gen fürs kol­lek­tive Gedächt­nis. Die großen Tri­um­phe der Natio­nal­mann­schaft, aber auch die nie been­dete, nie nach­ge­holte, nie neu auf­ge­legte Begeg­nung des 6. Oktober 2001 haben sich dort ein­gra­viert. Sicher, es war „nur“ ein Fuß­ball­spiel. Aber eines, dessen zwan­zigs­ter Jah­res­tag sich in eine ganze Reihe von post-kolo­nia­len Erin­ne­rungs­or­ten ein­ord­net, die ein nicht zu unter­schät­zen­des Spalt­po­ten­tial gemein haben. Beson­ders in den langen Monaten eines Präsidentschaftswahlkampfes.

Eine Schand­tat, die nie auf­ge­ar­bei­tet wurde

Frank­reich liebt Gedenk­tage. Keine Woche vergeht, ohne dass auf einen Jah­res­tag hin­ge­wie­sen wird. Der His­to­ri­ker Pierre Nora, der das unge­mein erfolg­rei­che Konzept der „Erin­ne­rungs­orte“ (Lieux de mémoire) in den 1980er Jahren geprägt hat, beschei­nigte seinem Land gar eine „kom­me­mo­ra­tive Bulimie“.

Der Herbst 2021 macht da keine Aus­nahme. In einer ver­un­si­cher­ten, zuneh­mend frag­men­tier­ten Gesell­schaft, die nach iden­ti­täts­stif­ten­den Nar­ra­ti­ven zu lechzen scheint, berufen sich Regie­rung und Medien per­ma­nent auf die Ver­gan­gen­heit. Zum 40. Jah­res­tag der Abschaf­fung der Todes­strafe wurden die huma­nis­ti­schen Werte von Mit­ter­rands Jus­tiz­mi­nis­ter Robert Bad­in­ter, einer all­seits hoch­ge­schätz­ten Per­sön­lich­keit, detail­liert auf­ge­ar­bei­tet. Anläss­lich des hun­derts­ten Geburts­tags von Georges Bras­sens wurde dieses Monu­ment des fran­zö­si­schen Chan­sons in Hom­ma­gen in allen denk­ba­ren For­ma­ten geehrt. Und 40 Jahre „TGV“ waren der SNCF ein wun­der­bar emo­tio­na­les und tat­säch­lich auch ästhe­tisch geglück­tes Video wert.

Nicht alle Gedenk­tage sind so kon­sen­su­ell. Ins­be­son­dere, wenn es um das kom­pli­zierte, nie wirk­lich auf­ge­ar­bei­tete Erbe der fran­zö­si­schen Kolo­ni­al­ge­schichte geht.

Ungleich schwie­ri­ger als die kopf­schüt­telnd abge­hakte, letzt­lich harm­lose Erin­ne­rung an das miss­ra­tene Län­der­spiel – zu dem auch kein offi­zi­el­ler Kom­men­tar erwar­tet wurde – war das Geden­ken an einen der dun­kels­ten Schand­fle­cke der Fünften Repu­blik: das Mas­sa­ker des 16. Oktober 1961, als eine fried­li­che Demons­tra­tion alge­ri­scher Arbei­ter gegen eine dis­kri­mi­nie­rende Aus­gangs­sperre in unfass­ba­rer Bru­ta­li­tät von der Polizei nie­der­ge­schla­gen wurde. Dieses Staats­ver­bre­chen wurde jahr­zehn­te­lang ver­tuscht, seine gründ­li­che Auf­ar­bei­tung behin­dert. Bis heute wurde die genaue Zahl der Opfer – wahr­schein­lich um die 120 Men­schen – nie end­gül­tig ermittelt.

Eines solchen Schand­flecks der fran­zö­si­schen Geschichte ange­mes­sen zu geden­ken, ist eine gefähr­li­che Grat­wan­de­rung für das Staats­ober­haupt. Umso mehr als der Jah­res­tag in einem rhe­to­risch aggres­siv auf­ge­la­de­nen Umfeld statt­fand. Auf der einen Seite ein Fahrt auf­neh­men­der Wahl­kampf, in dem sich sogar die von anste­hen­den Vor­wah­len getrie­bene gemä­ßigte Rechte auf die reak­tio­näre, iden­ti­täts­be­ses­sene Rhe­to­rik der natio­nal-popu­lis­ti­schen Bewe­gun­gen von Le Pen und Zemmour ein­lässt. Auf der anderen Seite eine Eska­la­tion diplo­ma­ti­scher Span­nun­gen zwi­schen Frank­reich und Alge­rien, wo eine zuneh­mend dele­gi­ti­mierte Regie­rung das sen­si­ble Thema der Kolo­ni­al­ge­schichte nur zu gerne auf­greift, um in der Ent­rüs­tung über den Buhmann Frank­reich von der eigenen Unzu­läng­lich­keit abzulenken.

Emma­nuel Macron, der vor kurzem in einer Dis­kus­sion mit jungen Men­schen alge­ri­scher Her­kunft mit deut­li­chen Worten noch ÖI ins Feuer gegossen hatte, wurde ent­spre­chend nach seinem durch­aus gelun­ge­nen, ange­nehm ruhig-respekt­vol­len Gedenk­akt am 16. Oktober an der betref­fen­den Seine-Brücke, sowie seiner offi­zi­el­len schrift­li­chen Stel­lung­nahme, von allen Seiten heftig kri­ti­siert. Man darf davon aus­ge­hen, dass er es nicht anders erwar­tet hatte: für die Einen ist die Ver­ur­tei­lung dieser „Ver­bre­chen“ als „unver­zeih­lich“ von einer echten Bitte um Ent­schul­di­gung weit ent­fernt, für die Anderen ist die expli­zite Aner­ken­nung der his­to­ri­schen Ver­ant­wor­tung des Staats schon ein inak­zep­ta­bler „Bußgang“ – in den letzten Jahren ist es der Rechten tat­säch­lich gelun­gen, das ehrbare Wort „repen­tance“ (Buße, Reue) im öffent­li­chen Diskurs mit einer hämisch-ver­ächt­li­chen Kon­no­ta­tion zu vergiften.

Eine Ver­söh­nung, die schwer fällt

Im Grund erntet Macron die Früchte der Zöger­lich­keit seiner Vor­gän­ger, die sich, von äußerst vor­sich­ti­gen, punk­tu­el­len Stel­lung­nah­men abge­se­hen, zum Thema Alge­rien sehr bedeckt hielten. Durch das ewige Halb-Ver­tu­schen fühlten sich die­je­ni­gen bestä­tigt, die in falsch ver­stan­de­nem Patrio­tis­mus mit teils gespiel­ter, teils ehrlich emp­fun­de­ner Ent­rüs­tung auf die kri­ti­sche Auf­ar­bei­tung des Kolo­nia­lis­mus reagie­ren. Schon seine Bemer­kun­gen zum Thema als Kan­di­dat 2017, als er (übri­gens vor Ort in Alge­rien) den Kolo­nia­lis­mus als „Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit“ bezeich­nete, hatten heftige Reak­tio­nen her­vor­ge­ru­fen. Eine „Gnade der späten Geburt“ wird ihm jeden­falls nicht zuteil.

Mag man sich auch daran stören, dass die Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung in Frank­reich nicht nur recht spät in Gang kommt, sondern auch in Umfang und Inten­si­tät zu wün­schen übrig lässt, kann man Emma­nuel Macron nicht vor­wer­fen, dem Thema aus dem Weg zu gehen.

So hat er sich bei­spiels­weise, nur zwei Wochen vor dem Gedenk­tag des Mas­sa­kers von 1961, auch der Gruppe der „Harkis“ in ange­mes­se­ne­rer Weise ange­nom­men als jeder seiner Vor­gän­ger im Präsidentenamt.

Bei den Harkis handelt es sich um Alge­rier, die gegen die Unab­hän­gig­keit waren und zu großen Teilen die fran­zö­si­sche Armee in Hilfs­trup­pen unter­stütz­ten. Die Art und Weise, wie die rund 60 000 Harkis, die es 1962 nach Frank­reich geschafft hatten, vom fran­zö­si­schen Staat in unwür­digs­ten Auf­fang­la­gern behan­delt wurden, wird auch ein Schand­fleck auf der Weste von Charles de Gaulle bleiben.

Natür­lich kommt Macrons offi­zi­elle Bitte um Ver­ge­bung ange­sichts des ihnen wider­fah­re­nen Unrechts viel zu spät. Genauso wie der ein­ge­rich­tete Soli­da­ri­täts­fonds, der sechzig Jahre später kaum für Wie­der­gut­ma­chung sorgen kann. Aber auch die sym­bo­li­sche Geste zählt, und man darf ihm abneh­men, dass sie ehrlich gemeint war.

In den kom­men­den Monaten wird sich auch zeigen, was genau der Prä­si­dent aus den Emp­feh­lun­gen des Berichts für eine ver­söh­nende Erin­ne­rungs­kul­tur mit Alge­rien machen wird, den er beim renom­mier­ten His­to­ri­ker Ben­ja­min Stora in Auftrag gegeben hat und der seit Januar auf seinem Tisch liegt. Das 160 Seiten starke Doku­ment mit dem Titel „Gedächt­nis­fra­gen zur Kolo­ni­sie­rung und zum Alge­ri­en­krieg“ legt unter anderem die Ein­rich­tung einer „Gedächt­nis- und Wahr­heits­kom­mis­sion“ nahe, sowie die Auf­ar­bei­tung von Ein­zel­schick­sa­len mit Hilfe der Archive, und nicht zuletzt, in Anleh­nung an die deutsch-fran­zö­si­sche Aus­söh­nung, die Schaf­fung eines bila­te­ra­len Jugend­werks (nütz­li­che Zusam­men­fas­sung mit Quer­ver­wei­sen hier).

Eine ideale Gele­gen­heit, even­tu­elle Maß­nah­men fei­er­lich anzu­kün­di­gen, wird sich Emma­nuel Macron im kom­men­den März bieten, wenn ihm, grade mal drei Wochen vor dem ersten Wahl­gang, ein wei­te­rer heikler Gedenk­tag bevor­steht: der 60. Jah­res­tag der Ver­träge von Evian, mit denen Alge­rien in die Unab­hän­gig­keit ent­las­sen wurde. Es lässt sich jetzt schon ahnen, dass jedes Wort im ohnehin ständig über­hitz­ten Pariser Medien-Kessel auf die Gold­waage gelegt und pola­ri­sie­rend inter­pre­tiert werden wird.

Wie sehr sich Macron der sym­bo­li­schen Fall­stri­cke bewusst ist, belegt seine Nicht­be­rück­sich­ti­gung des Vor­schlags von Ben­ja­min Stora, die kürz­lich ver­stor­bene Rechts­an­wäl­tin, Men­schen­rechts­ak­ti­vis­tin und Femi­nis­tin Gisèle Halimi ins Pan­théon zu über­füh­ren. Die Tat­sa­che, dass sie in einem Auf­se­hen erre­gen­den Prozess die alge­ri­sche Unab­hän­gig­keits-Kämp­fe­rin Djamila Bou­pacha ver­tei­digt hatte, würde den Staats­akt in eine laut­starke Polemik aus­ar­ten lassen. Statt­des­sen wird Macron im Früh­jahr ledig­lich einer fei­er­li­chen, offi­zi­el­len Ehrung der Ver­stor­be­nen im Hof des Hôtel des Inva­li­des vor­ste­hen. Den Platz im Pan­théon wird dagegen am 30. Novem­ber der schil­lern­den Per­sön­lich­keit von Jose­phine Baker zuteil, einer gebo­re­nen Ame­ri­ka­ne­rin, die es in Frank­reich von der Revue-Tän­ze­rin zur Wider­stands­hel­din und huma­nis­ti­schen Kämp­fe­rin für die Men­schen­rechte gebracht hatte. Sie wird die sechste Frau sein, der die Nation „dankbar“ gedenkt, wie es auf dem Fries über dem Eingang des Tempels steht. Und die erste dun­kel­häu­tige, auch ein Symbol. Aber eben ein wohl­fei­les, ungleich kon­sens­fä­hi­ger als alles, was mit Alge­rien in Ver­bin­dung steht.

Ein Umden­ken, dessen Zeit gekom­men ist

Die zahl­rei­chen kom­me­mo­ra­ti­ven Stol­per­steine auf dem Weg zur Wie­der­wahl bergen Risiken für den Prä­si­den­ten, aber gleich­zei­tig auch Chancen, sich kurz vor der Wahl als Ver­tre­ter eines positiv in die Zukunft bli­cken­den Frank­reichs noch einmal scharf von den ewig Gest­ri­gen abzusetzen.

Das wäre keine schlechte Stra­te­gie: im real exis­tie­ren­den, mul­ti­kul­tu­rel­len und urbanen Frank­reich dieses Jahr­zehnts ver­fängt das her­kömm­li­che, auf natio­nal­pa­trio­ti­sche Kohä­sion abzie­lende Nar­ra­tiv nur noch bei einer Min­der­heit. Die Epoche, in der die Regie­rung Chirac per Gesetz dafür sorgen wollte, dass „die Lehr­pläne der Schulen die posi­tive Rolle der fran­zö­si­schen Präsenz ins­be­son­dere in Nord­afrika“ aner­ken­nen, scheint end­gül­tig vorbei. Auch die unver­hoh­lene Reha­bi­li­tie­rung des Kolo­nia­lis­mus, mit der Nicolas Sarkozy vor und nach seiner Wahl 2007 eine ganze Reihe von Reden würzte, wäre heute kaum noch mehrheitsfähig.

Nicht zuletzt, weil die post-kolo­niale Per­spek­tive mitt­ler­weile auch in Frank­reich ange­kom­men ist. Zwar sind die uni­ver­sa­lis­ti­schen Ideale der fran­zö­si­schen Repu­blik nicht mit dem mili­tan­ten Kom­mu­ni­ta­ris­mus der „woke“-Bewegung oder einer „cancel culture“ ame­ri­ka­ni­schen Stils ver­ein­bar, aber im Kiel­was­ser von „#Black­Live­s­Mat­ter“ und ange­sichts wie­der­hol­ter, in ein­deu­tig ras­sis­ti­schen Denk­mus­tern ver­an­ker­ter Poli­zei­ge­walt setzt sich auch in Frank­reich eine neue Sicht­weise durch, gekop­pelt mit einer For­de­rung nach Über­ar­bei­tung des kol­lek­ti­ven Gedächt­nis­ses ins­be­son­dere im Bezug auf Kolo­nia­lis­mus und Sklaverei.

Ein Buch, das dem Land seine Lebens­lü­gen vorhält

Beim Abbruch des Län­der­spiels gegen Alge­rien im Oktober 2001 stand er ratlos auf dem Platz und ver­suchte, die quer über den Rasen lau­fen­den jungen Zuschauer zu räso­nie­ren. Zwanzig Jahre später ist Lilian Thuram, Welt- und Euro­pa­meis­ter und nach wie vor Rekord­na­tio­nal­spie­ler der „Blauen“, selbst ein Akteur des Umden­kens. Vor einem Jahr hat Thuram ein beacht­li­ches Buch mit dem Titel „La pensée blanche“ („Das weiße Denken“) vor­ge­legt. Eine anspruchs­volle Abhand­lung von geho­be­nem intel­lek­tu­el­lem Niveau, mit prä­zi­sen Quel­len­an­ga­ben in Fuß­no­ten, einer gehalt­vol­len Biblio­gra­phie und einem reich­hal­ti­gen Namens­in­dex. Der Lebens­weg Thurams seit dem Ende seiner aktiven Fußball-Kar­riere ist in gewis­ser Weise stell­ver­tre­tend für eine Bewusst­wer­dung, die Frank­reich in den kom­men­den Jahren vor exis­ten­ti­elle Fragen stellen wird.

Sein gesell­schaft­li­ches Enga­ge­ment in der „Lilian-Thuram-Stif­tung für Erzie­hung gegen den Ras­sis­mus“ war schon seit län­ge­rem bekannt. Wie tief er sich aller­dings im auto­di­dak­ti­schen Studium, im engen Kontakt mit füh­ren­den His­to­ri­kern und Sozi­al­wis­sen­schaft­lern wie Pascal Blan­chard oder Nicolas Bancel, in die post-kolo­niale For­schung ein­ge­ar­bei­tet hatte, war nur wenigen bewusst.

Kurz auf den Punkt gebracht, ist La pensée blanche ein päd­ago­gi­sches Buch, das sich an die fran­zö­si­sche Main­stream-Gesell­schaft wendet, um ihr, sanft aber bestimmt, ihre Lebens­lü­gen vor­zu­hal­ten. Thuram zeigt seinen weißen Lesern auf, wie sehr ihre eigene Iden­ti­tät in einer ideo­lo­gi­schen Kon­struk­tion ver­an­kert ist, welche die Welt in Weiße und Nicht-Weiße aufteilt.

Am stärks­ten ist das Buch, wenn es darlegt, wie ein eth­nisch begrün­de­ter Legi­ti­ma­ti­ons­dis­kurs sozia­ler Domi­na­tion und öko­no­mi­scher Aus­beu­tung über einen langen Zeit­raum hinweg geschaf­fen wurde, um Skla­ve­rei und Kolo­nia­lis­mus sozu­sa­gen als natür­lich gegeben erschei­nen zu lassen. Beim Auf­ar­bei­ten der fran­zö­si­schen Geschichte ver­mei­det er dabei geschickt pau­schale Schuld­zu­wei­sun­gen. Es geht ihm nicht darum, irgend­wel­che Denk­mä­ler vom Sockel zu stoßen.

Aber das Argu­ment, man dürfe aus heu­ti­ger Sicht nicht über „damals“ urtei­len, lässt er nicht gelten. Für jeden ent­schei­den­den Moment in dieser fatalen Dis­kurs­ge­schichte führt er huma­nis­ti­sche, anti-ras­sis­ti­sche Gegen­stim­men an, die ver­nehm­bar waren, aber aus teils wirt­schaft­li­chen, teils ideo­lo­gi­schen Beweg­grün­den igno­riert wurden.

Und gerade in dieser Bewusst­wer­dung hat die fran­zö­si­sche Gesell­schaft Nach­hol­be­darf. Als Bei­spiel sei Jules Ferry (1832–1893) ange­führt, eine Art Natio­nal­hei­li­ger, der in der Dritten Repu­blik die all­ge­meine Schul­pflicht durch­boxte und umsetzte. Die Art und Weise, wie dieser vor dem Par­la­ment den Kolo­nia­lis­mus durch die evi­dente Über­le­gen­heit der weißen Rasse zu einer Pflicht machte, fand schon damals in den Worten von Georges Cle­men­ceau (1841–1929) und anderer Abge­ord­ne­ter eine deut­li­che und kraft­volle Wider­rede, die letzt­end­lich jedoch vom Tisch gewischt wurde.

Das intro­spek­tive Sich-in-Frage-stellen, das Thuram von den weißen Fran­zo­sen fordert, ist über­fäl­lig. In Ras­sis­mus-Fragen ist Frank­reich eine schwer erzieh­bare Gesell­schaft, was sich zum Bei­spiel in einem mas­si­ven Kennt­nis­de­fi­zit über die Geschichte der Skla­ve­rei aus­drückt. Was der Durch­schnitts­fran­zose weiß, ist die Tat­sa­che, dass Victor Schoel­cher 1848, also einige Jahre vor den Ame­ri­ka­nern mit seinen Schrif­ten die Abschaf­fung durch­ge­setzt hat und dafür seinen Platz im Pariser Pan­theon mehr als ver­dient hat. Wie sehr sich Frank­reich am Skla­ven­han­del berei­chert hat, wird in Städten wie Nantes oder Bor­deaux, die massiv davon pro­fi­tier­ten, erst seit wenigen Jahren auf­rich­tig, aber immer noch zaghaft aufgearbeitet.

Lilian Thuram ist sich der „Lern­schwie­rig­kei­ten“ seiner poten­ti­el­len Leser­schaft bewusst und gibt sich ent­spre­chend größte Mühe, nicht als Anklä­ger auf­zu­tre­ten. Keiner ver­lange von den weißen Fran­zo­sen, wegen ihrer Geschichte in Sack und Asche zu gehen. Aber einfach mal zuzu­hö­ren, ohne gleich in den Abwehr­mo­dus zu gehen, das müsse doch möglich sein. Dass er bei seiner auf­klä­re­ri­schen Arbeit mehr­mals die bri­ti­sche Autorin Reni Eddo-Lodge zitiert („Warum ich nicht länger mit Weißen über Haut­farbe spreche“, auf Deutsch bei Klett-Cotta erschie­nen), ist kohärent.

Das Buch hat auch Schwach­stel­len, ins­be­son­dere im dritten Teil, in dem der Text in seiner berech­tig­ten Wider­le­gung des Uni­ver­sa­li­täts­an­spru­ches des „weißen Denkens“ zwi­schen den Zeilen in einen bedenk­li­chen Men­schen­rechts­re­la­ti­vis­mus abglei­tet, in dem sich auch die Kom­mu­nis­ti­sche Partei Chinas wie­der­fin­den könnte.

Das ändert aber nichts daran, dass die Fragen zur fran­zö­si­schen Geschichte und Gegen­wart, die Lilian Thuram auf­wirft, in über­zeu­gen­der Prosa auf eine Debatte vor­grei­fen, die Frank­reich in den kom­men­den Jahren erst noch bevorsteht.

Ein Prozess, der schmerz­haft sein wird

Ein seit langem kon­so­li­dier­tes Kol­lek­tiv-Gedächt­nis und die daraus resul­tie­ren­den Iden­ti­täts-Nar­ra­tive zu revi­die­ren, ist ein schmerz­haf­ter Prozess. Aber unver­meid­lich für eine mul­ti­kul­tu­relle Gesell­schaft, die aus einer kom­pli­zier­ten Geschichte her­vor­ge­gan­gen ist.

Ange­sichts der erstaun­li­chen Inte­gra­ti­ons­leis­tung, die Frank­reich – trotz aller Rei­bun­gen und Unzu­läng­lich­kei­ten – im Laufe von 150 Jahren suk­zes­si­ver, mas­si­ver Ein­wan­de­rungs­ströme aus den ver­schie­dens­ten Kul­tu­ren erbracht hat, müsste man eigent­lich selbst­be­wusst genug sein, einen kri­ti­schen Blick auf die eigene Ver­gan­gen­heit und ihre Aus­wir­kun­gen aufs Zusam­men­le­ben in der Gegen­wart zu werfen.

Natio­nale Gedenk­tage, so sie denn intel­li­gent genutzt werden, können in diesem Prozess eine wert­volle Hil­fe­stel­lung leisten.

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