Ökologie und Freiheit

© Shut­ter­stock

Weniger fliegen! Weniger Fleisch essen! Im Kampf gegen den Klima­wandel sollen wir vor allem eins: uns mäßigen. Keine Frage: Persön­liche Verant­wor­tung zählt. Aber retten Verzicht und Verbote die Welt? Nein, argu­men­tiert Ralf Fücks: Wir brauchen eine grüne indus­tri­elle Revo­lu­tion. Wer Ökologie und Freiheit gegen­ein­ander ausspielt, wird am Ende beides verlieren.

Die Ausein­an­der­set­zung um den Klima­wandel ist in eine neue Phase getreten. Kohle­aus­stieg, Auto­mo­bi­lität, Pestizide in der Land­wirt­schaft, indus­tri­elle Fleisch­pro­duk­tion: Jetzt geht‘s ans Einge­machte. Je deut­li­cher die Gefähr­dung unserer ökolo­gi­schen Lebens­grund­lagen zutage tritt, desto lauter wird der Ruf: „Du musst Dein Leben ändern!“ Für die Verfechter eines neuen, kontrak­tiven Lebens­stils ist der Klima­wandel die Folge der expan­siven Lebens­weise von einer Milliarde Menschen, die alle Segnungen der Moderne ohne Rücksicht auf die Folgen genießen. Die Freude am Fahren, der Flug­ur­laub, die große Wohnung, die strom­fres­sende Online-Kommu­ni­ka­tion und der hohe Fleisch­konsum, all das gilt als ökolo­gi­scher Sünden­fall. Unser Streben nach „immer mehr“ ruiniert den Planeten. „Tuet Buße und kehrt um!“ ist deshalb der neue kate­go­ri­sche Imperativ. 

Portrait von Ralf Fücks

Ralf Fücks ist geschäfts­füh­render Gesell­schafter des Zentrums Liberale Moderne.

Die extro­ver­tierte Selbst­ver­wirk­li­chung der Moderne basiert bis heute auf der scheinbar unbe­grenzten Verfüg­bar­keit fossiler Energien. Sie waren der Treib­stoff einer unge­heuren Stei­ge­rung von Produk­tion und Konsum. Jetzt, da sich erweist, dass die Verbren­nung von Kohle, Öl und Gas das Erdklima aus den Fugen hebt, gerät auch der Hedo­nismus der Moderne unter Kritik. Eine Freiheit, die auf Kosten des Rests der Mensch­heit ausgelebt wird, wird zum bloßen Egoismus. Sie zerstört die Freiheit künftiger Genera­tionen, in einer halbwegs intakten Umwelt zu leben. Statt die Grenzen des Möglichen ständig auszu­weiten, sollen wir uns jetzt in die plane­ta­ri­schen Belas­tungs­grenzen fügen.  Das Zeitalter des „höher, schneller, weiter“ ist vorbei. Die neue Ethik der Begren­zung gebietet Entschleu­ni­gung und Genüg­sam­keit. Sein statt Haben.

Wenn der Appell zum Verzicht auf taube Ohren stößt, müssen kollek­tive Gebote und Verbote nach­helfen. Sie schränken die Freiheit des Einzelnen ein, um das Leben aller zu schützen. Das Gebot der Restrik­tion erscheint moralisch unan­greifbar. Es ist dennoch die falsche Antwort auf Klima­wandel und Arten­sterben. Ökolo­gisch springt es zu kurz, gesell­schaft­lich mündet es in eine scharfe Pola­ri­sie­rung, politisch führt es auf die schiefe Ebene eines Auto­ri­ta­rismus im Namen der Weltrettung.

Die Zukunft: „eine Art von ökolo­gi­schem Calvinismus“

Der Philosoph Peter Sloter­dijk hat den neuen Kultur­kampf bereits vor Jahren präzise voraus­ge­sehen: „Die expres­sions- und emis­si­ons­feind­liche Ethik der Zukunft zielt gera­de­wegs auf die Umkehrung der bishe­rigen Zivi­li­sa­ti­ons­rich­tung. (..) Sie fordert Mini­mie­rung, wo bisher Maxi­mie­rung galt, sie verordnet Spar­sam­keit, wo bisher Verschwen­dung als höchster Reiz empfunden wurde, sie mahnt die Selbst­be­schrän­kung an, wo bisher die Selbst­frei­set­zung gefeiert wurde. Denkt man diese Umschwünge zu Ende, so gelangt man im Zuge der meteo­ro­lo­gi­schen Refor­ma­tion zu einer Art von ökolo­gi­schem Calvinismus.“

Die Erbit­te­rung, mit der um Tempo­li­mits und Fahr­ver­bote gestritten wird, ist der Vorschein des neuen Kultur­kampfs zwischen den Anhängern einer moralisch aufge­la­denen Politik der Restrik­tion und jenen, die diese Politik als Angriff auf ihre Lebens­form empfinden. Die einen berufen sich auf Klima- und Gesund­heits­schutz als zwin­gendes Gebot, die anderen sehen eine Verschwö­rung von grünen Auto­geg­nern, die keine Ahnung vom realen Leben haben. Dieser Konflikt hat eine soziale Schlag­seite, weil es vor allem die privi­le­gierten Kinder der Wohl­stands­ge­sell­schaft sind, die eine „Wende zum Weniger“ propa­gieren. Wenn dann heraus­kommt, dass die Befür­worter von Fahr­ver­boten zur Klasse der Viel­flieger gehören, ist das ein gefun­denes Fressen für alle Grünen-Hasser und Vertei­diger des Status quo. Die mora­li­sche Über­hö­hung der Klima­frage frisst ihre Kinder.

Die Anhänger einer restrik­tiven Umwelt­po­litik berufen sich gern auf die Maxime „Mit dem Klima lässt sich nicht verhan­deln.“ Sie berufen sich auf ökolo­gi­sche Sach­zwänge, die über der Politik stehen. Der Fahrplan für den Kohle­aus­stieg ergibt sich dann nicht aus einem Aushand­lungs­pro­zess zwischen diver­gie­renden ökolo­gi­schen, wirt­schaft­li­chen und regio­nalen Inter­essen, sondern aus scheinbar exakten Tabellen, wie viel CO2 der deutsche Strom­sektor pro Jahr einsparen muss, um die Erder­wär­mung unter zwei Grad zu halten. Scheinbar exakt, weil jede isolierte Betrach­tung einzelner Sektoren ebenso fiktiv ist wie eine national begrenzte Sicht­weise. Dabei hilft ein trag­fä­higer Konsens über den Kohle­aus­stieg dem Klima­schutz mehr als ein forcierter, aber hoch umstrit­tener Plan, der mit erheb­li­chen wirt­schaft­li­chen und sozialen Risiken behaftet ist.

Demo­kratie als Luxus?

Die Kritik an der Lang­sam­keit der Demo­kratie mit ihren ewigen Kompro­missen hat eine lange Tradition. Es ist kein Zufall, dass promi­nente Umwelt­schützer wie der Norweger Jorgen Randers mit dem chine­si­schen Modell sympa­thi­sieren. Wenn man Ökologie in erster Linie als Einschrän­kung von Produk­tion und Konsum versteht, ist das konse­quent. Auto­ri­täre Regimes scheinen eher in der Lage, die notwen­digen Verzichts­leis­tungen durch­zu­setzen. Demo­kratie wird zum Luxus, den wir uns ange­sichts schmel­zender Eisberge nicht mehr leisten können; Freiheit schnurrt auf die Einsicht in die ökolo­gi­sche Notwen­dig­keit zusammen.

Wenn die Erder­wär­mung außer Kontrolle gerät und die Meere kippen, wird das große Verwer­fungen nach sich ziehen, von wirt­schaft­li­chen Einbrü­chen bis zu welt­weiten Wande­rungs­be­we­gungen. Insofern gefährdet die Umwelt­krise auch die Demo­kratie. Wir müssen deshalb alles tun, um die ökolo­gi­sche Trans­for­ma­tion der Indus­trie­ge­sell­schaft voran­zu­treiben, ohne die liberalen Frei­heiten preiszugeben.

Wer Freiheit und Ökologie in Einklang bringen will, muss vor allem auf Inno­va­tion setzen und den Wett­be­werb um die besten Lösungen fördern. Sicher, auch eine liberale Ordnungs­po­litik kommt nicht ohne Grenz­werte und Verbote aus. Aber sie sind nicht der Königsweg für die Lösung der ökolo­gi­schen Frage. Ziel­füh­render ist die Einbe­zie­hung ökolo­gi­scher Kosten in die Preis­bil­dung. Markt­wirt­schaft funk­tio­niert nur, wenn Preise die ökolo­gi­sche Wahrheit sagen. Die Mehr­be­las­tungen, die durch Umwelt­steuern entstehen, können durch eine Senkung von Lohn­steuern und Sozi­al­ab­gaben kompen­siert werden.

Es geht um die Entkopp­lung von Wohlstand und Naturverbrauch

Damit wir uns recht verstehen: Es gibt keine Freiheit ohne Verant­wor­tung für das eigene Handeln. Deshalb ist es gut und richtig, mit Rad oder Bahn zu fahren und keine Produkte zu kaufen, für die Menschen geschunden werden oder Tiere leiden. Jedem steht es frei, das »gute Leben« in einem Mehr an freier Zeit und sozialen Bezie­hungen zu suchen – statt in einer Stei­ge­rung von Einkommen und Konsum. Aber ein nüch­terner Blick auf die Größe der ökolo­gi­schen Heraus­for­de­rung zeigt, dass sie mit dem Appell zur Genüg­sam­keit nicht zu lösen ist. Ohne eine grüne indus­tri­elle Revo­lu­tion werden wir den Wettlauf mit dem Klima­wandel nicht gewinnen. Er erfordert die Umstel­lung auf erneu­er­bare Energien, eine Effi­zi­enz­re­vo­lu­tion im Umgang mit knappen Ressourcen und den Übergang zu einer modernen Kreis­lauf­wirt­schaft. Im Kern geht es um die Entkopp­lung von Wohl­stands­pro­duk­tion und Natur­ver­brauch. Das ist ambi­tio­niert, aber machbar.

Ange­sichts der Zuspit­zung ökolo­gi­scher Krisen stehen wir vor drei abseh­baren Optionen. Die erste liegt in der Radi­ka­li­sie­rung einer Umkehr­be­we­gung. Sie sucht die Rettung in der frei­wil­ligen oder erzwun­genen Umpro­gram­mie­rung des Menschen, in Verzicht und Verbot. Ihr Gegenpol ist ein trotziges „weiter so“. Sloter­dijk nennt das eine „komple­men­täre Welle der Resi­gna­tion, des Defä­tismus und des zynischen Nach-uns-die-Sintflut“. Die Wahr­schein­lich­keit, dass sie die Oberhand gewinnt, ist hoch. Die dritte Möglich­keit liegt in einer neuen Synthese zwischen Natur und Technik, einer Ko-Evolution zwischen Biosphäre und tech­ni­scher Zivi­li­sa­tion. Ange­sichts der Belas­tungs­grenzen des Erdsys­tems bleiben uns zwei große Quellen des Fort­schritts: Die Einstrah­lung von Sonnen­en­ergie auf die Erde und die mensch­liche Krea­ti­vität. Auf einer Kombi­na­tion von beidem muss eine frei­heit­liche Zivi­li­sa­tion aufbauen. Wer Ökologie und Freiheit gegen­ein­ander ausspielt, wird am Ende beides verlieren.

Dieser Essay erschien am 27. Februar unter der Über­schrift „Die Logik der Restrik­tion scheint zwingend – und ist doch falsch“ in der Tages­zei­tung „Die Welt“.

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