Ukraine: Wie weiter? Ein Blick zurück nach vorn

Vier Jahre nach Beginn der russischen Vollinvasion ziehen Ralf Fücks und Marieluise Beck Bilanz: Putins Kriegsziele sind unverändert, Scheinverhandlungen bieten keinen Ausweg. Europa steht vor der Entscheidung, endlich entschlossen zu handeln – für die Ukraine und die eigene Sicherheit.
Vier Jahre Krieg und Vernichtung in der Ukraine. Präziser sind es schon zwölf Jahre seit der russischen Invasion von 2014. Wir können an dieses Datum nur mit einer Mischung aus Trauer, Zorn und Bewunderung denken.
Trauer über die vielen Opfer der Ukraine – die riesige Zahl der im Kampf gefallenen und verwundeten Soldaten wie die vielen Zivilisten, die im russischen Bomben- und Raketenhagel ihr Leben verloren. Bewunderung für ihre erstaunliche Widerstandskraft – trotz der russischen Übermacht und gegen alle Voraussagen westlicher Experten, die einen raschen Zusammenbruch der Ukraine voraussagten. Zorn über die fortgesetzte russische Barbarei und über einen amerikanischen Präsidenten, der Selenskyj attackiert und Putin den Teppich ausrollt. Zorn aber auch über die fehlende Entschlossenheit Europas, über die riesige Kluft zwischen Worten und Taten.
Dass Russland Tag für Tag die Lebensgrundlagen der Ukraine zerstört, ist auch ein Versagen der europäischen Politik. Die Europäische Union hat das zehnmal größere ökonomische Potenzial als Russland – woran es fehlt, ist der Wille, diese Kraft auch in die Waagschale zu werfen.
Ja, die Bundesregierung hat sich weit bewegt seit dem Februar 2022 – von „keine Waffen für die Ukraine, um den Konflikt nicht zu eskalieren“ über die noch immer Scham erregenden 5000 Helme bis heute. Deutschland ist nach dem Wegbrechen der USA der wichtigste Stützpfeiler der Ukraine. Aber gemessen an unserer Wirtschaftskraft liegen wir nur im Mittelfeld der europäischen Staaten. Und weshalb zaudert der Bundeskanzler, der so viele richtige Worte zu diesem Krieg findet, immer noch, der Ukraine Taurus-Marschflugkörper zu liefern, mit denen sie russische Rüstungsbetriebe und Militärstützpunkte angreifen kann? Ist es die alte Furcht vor Eskalation, die doch nur Putin erlaubt, den Krieg immer weiter zu eskalieren? Oder ist es Druck aus Washington und Rücksicht auf die Verhandlungen über ein Ende des Krieges?
Alles keine guten Gründe. Die jetzigen Verhandlungen sind eine Farce. Sie dienen nur dazu, die Fiktion aufrechtzuerhalten, Putin sei verhandlungsbereit, während er den Bombenkrieg gegen die Ukraine ausweitet. Trump und seine Laiencombo sind keine wohlmeinenden Vermittler. Sie wollen freie Bahn für lukrative Deals mit Moskau. Die Verhandlungen sollen den Druck auf die Ukraine erhöhen, sich den russischen Forderungen zu beugen.
Putins Kriegsziele sind unverändert
Man muss nicht im Kaffeesatz lesen, um zu erkennen, dass der Kreml seine Kriegsziele um kein Jota geändert hat. Jenseits der territorialen Ansprüche geht es immer noch um die Zerstörung der Ukraine als eigenständige Nation. Denazifizierung, Demilitarisierung und Neutralisierung sind Tarnwörter, sie wieder unter russische Vorherrschaft zu zwingen. „Land gegen Frieden“ – die Preisgabe ukrainischer Gebiete im Tausch für friedliche Koexistenz – ist eine Illusion. Nicht zuletzt werden mit dem Land auch Millionen Menschen der russischen Gewaltherrschaft ausgeliefert. Man kann in den besetzten Gebieten sehen, was „Russifizierung“ bedeutet.
Putin wird erst bereit sein, ernsthaft zu verhandeln, wenn Russland militärisch in die Defensive gerät. Das ist nicht so unrealistisch, wie uns viele vermeintliche Realisten weismachen wollen. Moskau hat inzwischen Mühe, die exorbitanten Verluste an Menschen und Material zu ersetzen. Die Öleinnahmen – immer noch die wichtigste Finanzquelle des Kremls – sind drastisch gefallen. Ausländische Investitionen sind fast komplett weggebrochen, inländische Investitionen im zivilen Sektor sinken. Das Modernisierungsdefizit der russischen Wirtschaft wächst dramatisch. Die Realeinkommen außerhalb des militärischen Bereichs fallen. Die Regierung kann den Krieg nur finanzieren, indem sie die Zukunft des Landes opfert. Putin bleibt nur die Hoffnung, dass die Unterstützung des Westens für die Ukraine einbricht, bevor Russland die Puste ausgeht.
Europa muss zum Machtfaktor werden
Weshalb sitzen wir, die Europäer, nicht mit am Tisch, wenn über die Zukunft der Ukraine verhandelt wird? Die Antwort lautet: Weil weder Trump noch Putin uns als Machtfaktor ernst nehmen. Das lässt sich ändern, sobald Europa seine Machtmittel nutzt: Greift endlich auf die russischen Staatsgelder zu! Liefert der Ukraine Marschflugkörper, mit denen sie strategische Ziele im russischen Hinterland angreifen kann! Nehmt mehr Geld in die Hand, um gemeinsam mit der Ukraine die Produktion von Drohnen anzukurbeln! Stoppt die russische Schattenflotte! Und treibt den EU-Beitritt der Ukraine voran, statt ihn auf die lange Bank zu schieben!
Die Ukraine ist kein Ballast, sondern ein Plus für Europa. Nicht nur wegen ihrer militärischen Fähigkeiten. Sie ist ein Asset für Europas Energie- und Ernährungssicherheit und ein digitales Innovationszentrum.
Es liegt in unserer Hand, das Blatt zu wenden. Nur Mut, Herr Bundeskanzler! Die Mehrheit der Bürger steht hinter der Ukraine. Die Weidels und Wagenknechts, die deutsche Rentner gegen die Solidarität mit der Ukraine ausspielen, vertreten keine deutschen Interessen, sondern spielen Putin in die Hände. Wenn Russland mit seiner Aggression durchkommt, liegt die europäische Friedensordnung in Trümmern. Dann wächst die Gefahr eines noch größeren Krieges auf unserem Kontinent. Die Ukraine ist unsere heutige Frontlinie. Wenn sie fällt, rückt der Krieg näher an uns heran.
Nicht zu vergessen: Russland kann seinen Feldzug nur führen, weil es von einer Koalition der Diktaturen unterstützt wird: Nordkorea schickt Artilleriemunition und zehntausend Soldaten, der Iran Drohnen, Lukashenka hilft Putin mit seinen Beständen, China schluckt das Öl und Gas, das nicht mehr nach Westen fließt und ist der wichtigste Zulieferant für die russische Kriegsindustrie. Sie alle sehen die Ukraine als Kampfplatz im weltweiten Ringen zwischen Demokratie und Autoritarismus. Das sollten auch wir tun.
Moskaus Großmachtambitionen machen in der Ukraine nicht Halt. Sie zielen darauf, das Imperium wiederherzustellen und Europa zu dominieren. Außenminister Lawrow hat just bekräftigt, dass die russischen Forderungen vom 17. Dezember 2021 immer noch bestehen. Sie zielen darauf ab, die NATO aus Mittel-Osteuropa herauszudrängen. Es ist eine bittere Ironie, dass ausgerechnet der amerikanische Präsident den alten Traum Moskaus befördert, die transatlantische Allianz zu zerstören.
Eckpunkte für ein Ende des Krieges
Für Europa schlägt jetzt die Stunde der Wahrheit: sind wir eine eigenständige politische Kraft oder überlassen wir es anderen, unsere Zukunft zu bestimmen? Es wird höchste Zeit, dass wir unsere eigenen Ziele für ein Ende des Krieges definieren, statt nur auf Trump und Putin zu reagieren:
- Volle innen- und außenpolitische Souveränität der Ukraine! Ihr Recht auf Selbstbestimmung ist nicht verhandelbar.
- Keine Anerkennung russischer Eroberungen.
- Russland muss Schadensersatz leisten, die Verantwortlichen für die russischen Kriegsverbrechen müssen zur Verantwortung gezogen werden.
- Robuste Sicherheitsgarantien für die Ukraine. Das erfordert die Präsenz europäischer Truppen vor Ort, damit klar ist: jeder Angriff auf die Ukraine ist ein Angriff auf Europa.
Niemand will dringender Frieden als die geschundene Ukraine. Aber wir dürfen nicht zulassen, dass mit dem hehren Wort „Frieden“ Schindluder getrieben wird. Es gibt einen himmelweiten Unterschied zwischen einem Frieden in Würde und Freiheit und der Unterwerfung unter den Aggressor. Für diesen Unterschied bezahlt die Ukraine einen hohen Preis. Für Europa ist dieser Krieg die wichtigste Bewährungsprobe dieser Tage. Sein Ausgang entscheidet auch über unsere Zukunft.

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