Wie steht es aktuell um die CO2- Entnahme?

Heute erscheint die dritte Ausgabe des Berichts „State of Carbon Dioxide Removal“. Die wichtigsten Erkennt­nisse fasst die Mitau­torin des Berichts, Leona Tenkhoff von der Stiftung Wissen­schaft und Politik, für uns zusammen. Und sie analy­siert, welche Schluss­fol­ge­rungen Deutschland daraus ziehen kann, um sich innerhalb der CO2-Entnahme-Politik strate­gisch zu positionieren.

Die nächsten Jahre entscheiden

Die Entnahme von CO₂ aus der Atmosphäre (Carbon Dioxide Removal, CDR) ist ein globales öffent­liches Gut. Eine Tempe­ra­tur­sta­bi­li­sierung des globalen Klimas ist ohne eine dauer­hafte Balance zwischen bestehenden Emissionen und der Entnahme von CO₂ nicht möglich. Sie ist gerade auch wegen des Ausbleibens strin­genter Emissi­ons­re­duk­tionen unabdingbar geworden, um die Ziele des Pariser Klima­ab­kommens erreichen zu können. Aller­dings – und auch das muss bedacht werden – würde sich ein Ausreizen der in Bezug auf Ressour­cen­ver­füg­barkeit berech­neten maximalen CDR-Poten­tiale negativ auf Landnutzung, Biomas­se­ver­brauch und Biodi­ver­sität auswirken. Die dritte Edition des “State of CDR” Berichts kommt zu dem Fazit, dass der Zeitraum zwischen 2026 und 2030 entscheidend für zentrale Weichen­stel­lungen ist. Während dieser Jahre muss die Legiti­mität des CDR-Sektors aufgebaut, dessen Zuver­läs­sigkeit unter Beweis gestellt und das Wachstum des Sektors ausrei­chend Anreize erhalten, um einen langfris­tigen Beitrag zur Errei­chung der globalen Klima­ziele zu gewähr­leisten. Basierend auf aktuellen Anreiz­struk­turen ist es in keinem Fall gesichert, dass das Wachstum von CDR-Kapazi­täten und gleich­zeitig die Emissi­ons­re­duk­tionen ausreichen werden, um eine Stabi­li­sierung des Klimas zu erreichen. Wem das zu alarmis­tisch klingt, sei an dieser Stelle als Referenz ein Blick in Kapitel 9 (“CDR Gap”) und in das Szena­ri­en­ka­pitel 8 empfohlen, die hier detail­liert einordnen.

Einer optimis­ti­schen Leserin machen dafür andere Kapitel des Berichts sicherlich Mut: Denn die Poten­tiale für CO₂-Entnahme sind groß. Zu unter­scheiden ist zwischen konven­tio­neller CO₂-Entnah­me­me­thoden, die bereits etabliert sind und häufig durch Landnut­zungs­än­derung, wie z. B. Aufforstung erzielt werden und neuartige Methoden, die sich meist noch in einem gerin­geren Entwick­lungs­stadium befinden und CO₂ in verschie­denen Pools speichern, beispiels­weise mithilfe von Bioen­ergie mit Kohlen­stoff­ab­scheidung und ‑speicherung (BECCS) in geolo­gi­schen Forma­tionen oder bei beschleu­nigter Verwit­terung im Gestein.

Bei den neuar­tigen Entnahme-Methoden sind die Poten­tiale größer und auch das Wachstum stark: Es erreicht im Schnitt jährlich 40 Prozent, was in etwa den Wachs­tums­raten von Solar­energie in der Hochphase entspricht. Dennoch reicht das nicht aus, um den Zielen von Paris in hinrei­chendem Maße näher zu kommen. Aber: CO2-Entnahme kann auch Syner­gie­ef­fekte über die Klima­wirkung hinaus erreichen, zum Beispiel durch Ertrags­stei­ge­rungen auf landwirt­schaft­lichen Flächen, auf denen die beschleu­nigte Verwit­terung von Gesteinen angeregt oder in die Pflan­zen­kohle einge­ar­beitet wird. Das birgt Chancen, die ausschlag­gebend für die jewei­ligen Kosten-Nutzen-Analysen und somit für die Reali­sier­barkeit von CDR-Projekten sein können. Beachtlich ist auch, dass die Finan­zierung von CDR-Unter­nehmen trotz eines allge­meinen Rückgangs der Klima­fi­nan­zierung bemer­kenswert stabil ist. Zu guter Letzt sei erwähnt, dass die Wissen­schaft sich in beson­derer Weise mit neuar­tigen CO2-Entnahme-Methoden beschäftigt, hier erreicht die Anzahl neuer Publi­ka­tionen in Fachzeit­schriften jährlich neue Allzeithochs.

Die wachsende Lücke: Versprechen vs. Realität

Eine zentrale Erkenntnis unseres Reports ist: Die Diskrepanz zwischen den natio­nalen Klima­schutz­bei­trägen und den Szenarien, die mit dem Pariser Klima­ab­kommen konform wären – und die dafür Entnahme-Volumina benötigen – nimmt zu. Diese wachsende Lücke stellt ein syste­mi­sches Risiko für den CDR-Sektor dar, aber vor allem auch für die Glaub­wür­digkeit der Klima­ziele. Der “CDR-Gap” zeigt das Skalie­rungs­de­fizit in jewei­ligen Zieljahren und macht deutlich, dass sich die globalen Ambitionen gegenüber dem aktuellen Kurs etwa verdoppeln müssen, allein um die Lücke bis 2030 zu schließen. Konkret fehlen im Jahr 2030 bereits jetzt 300 Millionen Tonnen CO₂ (0,3 GtCO₂), die bis 2035 und 2050 stark ansteigen und respektive 1,2 Gt bzw. 5,2 Gt ausmachen. Kapitel 9 erklärt diese Berechnung ausführlich. Obwohl das Wachstum des CDR-Sektors aktuell bemer­kenswert ist, wäre es ein Trugschluss zu denken, dies reiche aus, um den CDR-Gap zu schließen.

Die globale CDR-Landschaft ist außerdem durch ein tiefgrei­fendes Ungleich­ge­wicht gekenn­zeichnet. Laut unseres Berichts beläuft sich die weltweite CO₂-Entnahme auf insgesamt 2,2 Gt pro Jahr – sie entspricht damit etwa 5% der jährlichen Brutto­emis­sionen. In der Bewertung dieses Volumens ist jedoch die Zusam­men­setzung zentral – unter anderem im Hinblick auf die Dauer­haf­tigkeit der Entnahme und dessen Wachs­tums­po­tential. 99,9 Prozent der Kapazität entfallen aktuell auf konven­tio­nelle Methoden, dominiert von Aufforstung und Wieder­be­waldung. Deren Ausbau gerät aufgrund der Verfüg­barkeit von Land absehbar rasch an seine Grenzen. Zudem können Wälder und Böden zwar einige Dutzend bis wenige hundert Jahre der Speicherung erreichen, in keinem Fall aber entsprechen sie der Wirkungs­dauer von fossilem CO₂ in der Atmosphäre. Die Bedeutung dieser Klima­bei­träge liegt nicht zuletzt in deren kurzfris­tigen Verfüg­barkeit und den vergleichs­weise geringen Kosten. Dabei muss beachtet werden: Die mangelnde Dauer­haf­tigkeit und das Risiko des erneuten Austretens des CO2 ist eine inhärente Schwäche vieler konven­tio­neller CO₂-Entnah­me­me­thoden, die Bedacht bei Einsatz­mög­lich­keiten erfordert. Eine langfristige Speicherung, wie beispiels­weise in geolo­gi­schen Forma­tionen, macht weiterhin nur einen Bruchteil eines Prozents der heutigen CO₂-Entnahme aus; ein Ungleich­ge­wicht, das im starken Kontrast zur Dauer­haf­tigkeit des Tempe­ra­tur­ef­fekts von CO₂ in der Atmosphäre steht.

Auch die Berechnung des CDR-Gaps selbst steht auf wacke­ligen Beinen. Das zukünftige CDR-Volumen von Staaten kann nur geschätzt werden. Basierend auf natio­nalen Versprechen wie den „Natio­nally Deter­mined Contri­bu­tions“ die Vertrags­par­teien des Pariser Klima­ab­kommens alle fünf Jahre einreichen müssen, können legitime Annahmen getroffen werden. Ob diese auch reali­siert werden, ist hingegen nicht garan­tiert. Für die CDR-Gap ist somit – analog zu der Lücke an Emissi­ons­re­duk­tionen des „Emissions Gap Report“ der Vereinten Nationen – die Lücke der Umsetzung (Imple­men­tation Gap) relevant, denn sie baut auf den Zielwerten auf, zu denen sich Länder bekennen. Eine Konti­nuität von Maßnahmen zur Emissi­ons­re­duktion durch zukünftige Regie­rungen ist somit mindestens erfor­derlich. Zudem ist die Wertigkeit des unteren Endes des Gaps an das Vertrauen in demokra­tische Regie­rungen geknüpft. Neben der politi­schen Heraus­for­derung ist außerdem die Lernkurve von Methoden in mittleren Entwick­lungs­stadien besonders relevant: Nur 20% der geplanten neuar­tigen CDR-Kapazi­täten wurden in den letzten Jahren reali­siert. Ein Ausweiten zwischen tatsäch­lichen Kapazi­täten und den notwen­digen Volumen kann in Zukunft also nicht ausge­schlossen werden.

Trotz der vielver­spre­chenden Wachs­tumsrate bei neuar­tigen CDR-Methoden leidet der Sektor teilweise unter geringer politi­scher Glaub­wür­digkeit: Die Rückab­wicklung großer Teile des politi­schen Anreiz­systems der USA über das letzte Jahr hat dem Sektor geschadet. Auch wenn einzelne Projekte – der South Texas DAC Hub and das Projekt Cypress in Louisiana – weiter gefördert werden, sind zukünftige Poten­tiale durch das Ausbleiben von Initi­al­för­derung unter­graben. Zudem ist der Sektor bisher durch eine Markt­kon­zen­tration charak­te­ri­siert, die ihn schwächt: Bislang dominiert mit Microsoft ein einziger Käufer die Landschaft deutlich. Zuletzt aber hat das Unter­nehmen angekündigt, zunächst keine weiteren Käufe zu tätigen, was die Dynamik des gesamten Sektors auszu­bremsen droht. Gemeinsam mit dem politi­schen Still­stand in wichtigen Rechts­räumen verschärft sich die Fragi­lität weiter zu. Dem gegenüber stehen vorsichtige Entwick­lungen nachfra­ge­sei­tiger Politik – jüngst beispiels­weise in der EU, der Schweiz oder in UK durch mögliche Integration in Emissi­ons­han­dels­systeme, den direkten Ankauf von CDR-Zerti­fi­katen in Kanada, aber auch durch geplante staat­liche Ankauf­vor­haben in Deutschland. All diese dienen als entschei­dender Testlauf dafür, wie stark nationale Rahmen­be­din­gungen diese Anfäl­lig­keiten des Sektors zukünftig abmildern können.

Diskrepanz zwischen angebots­sei­tiger und nachfra­ge­sei­tiger Politikinstrumente

Die langsam aber stetig wachsende Landschaft an CDR-Politik­maß­nahmen ist unaus­ge­glichen. Kapitel 5 des „State of CDR“-Berichts zeigt, dass sich politische Anreize in G20-Staaten bislang auf verschiedene Subven­tionen konzen­trieren. Wichtige Instru­mente wie steuer­liche Anreize, Rückwärts­auk­tionen und CO₂-Diffe­renz­ver­träge tragen zwar wirksam dazu bei, die Markt­ein­tritts­bar­rieren für Entwickler zu senken. Bislang ist die Chance jedoch weitgehend ungenutzt, gleich­zeitig nachfra­ge­seitige Instru­mente zu etablieren, die eine langfristige Abnahme gewähr­leisten. Ohne einen entspre­chenden Pull-Faktor auf der Nachfra­ge­seite bleiben Erwar­tungen fragil, und Entwickler an den freiwil­ligen Markt gebunden. Mit diesem allein ist CDR im Gigatonnen-Maßstab jedoch nicht möglich.

Für die Politik bedeutet das bisherige Ungleich­ge­wicht, dass die Gewichtung von angebots­sei­tiger Förderung und der Schaffung einer robusten Nachfra­ge­er­wartung neu austa­riert werden sollte. Auch wenn die Einbindung neuar­tiger CDR-Kredite in etablierte Emissi­ons­han­dels­systeme in einigen Rechts­räumen mittler­weile wahrscheinlich ist, kann das mittel­fristige Nachfra­ge­problem damit sicherlich nicht gelöst werden. Zum einen ist die Finan­zierung durch lange Inves­ti­ti­ons­vor­lauf­zeiten für CDR-Infra­struktur kurzfristig nicht gewähr­leistet. Zum anderen sind die Kosten für CDR selbst bei Integration wohlmöglich noch nicht vergleichbar mit den Preisen von CO2-Zerti­fi­katen in Emissi­ons­han­dels­sys­temen. Um die Poten­ziale des Sektors langfristig zu reali­sieren, ist nicht nur eine Diver­si­fi­zierung, sondern vor allem auch eine substan­tielle Ausweitung der Nachfrage in den nächsten Jahren unabdingbar. Für die globale Lernkurve ist es zentral, dass dort, wo Klima­ziele bestehen, rasch Nachfrage nach CO2-Entnahme geschaffen wird.

Deutsch­lands Neuaus­richtung: Von der Forschung zum Marktaufbau

Die Bundes­re­gierung hat erkannt, dass das Netto-Null-Ziel für 2045 ohne die Insti­tu­tio­na­li­sierung von CO₂ Entnahme nicht zu erreichen ist. Mit der Einrichtung einer Unter­ab­teilung für CO2-Entnahme im Bundes­mi­nis­terium für Umwelt, Klima­schutz, Natur­schutz und nukleare Sicherheit ist seit Ende 2025 eine gewisse Konti­nuität gesichert. Auch der Bundes­haushalt 2026 eröffnet zum ersten Mal dezidierte Posten zur Steigerung der CO₂-Entnahme. Insbe­sondere der Budget­posten „Freiwil­liger Markt, Ankauf von CO2-Entnahme-Zerti­fi­katen“ könnte durch staat­lichen Erwerb hochwer­tiger CO₂-Entnah­me­gut­schriften den Anfang einer Neuaus­richtung auf den aktiven Aufbau von Märkten darstellen. Gepaart mit dem Posten zur Subven­tio­nierung im klassi­scheren Sinne sind 111,5 Millionen Euro für neuartige CO2-Entnahme allein im Jahr 2026 vorge­sehen. Die zeitlich gebun­denen Mittel sollen noch 2026 für einen effek­tiven, inlän­di­schen Markt­an­schub einge­setzt werden. Trotz dieser soliden Perspektive kann dies nur der Anfang sein auf dem Weg zum Ausbau der deutschen CDR-Entnah­me­ka­pa­zität und dessen notwen­diger Infra­struktur. Da CDR im ökono­mi­schen Sinne keinen unmit­tel­baren Gegenwert schafft, sondern abstrakter zur Eingrenzung von Klima­schäden beiträgt, ist mittel­fristig die Abhän­gigkeit des Marktes von effek­tiver angebots- und nachfra­ge­sei­tiger Politik größer als bei anderen Klima­schutz­maß­nahmen. Für die Anerkennung dieser Schieflage war die Insti­tu­tio­na­li­sierung von CDR-Politik in Deutschland ein entschei­dender Schritt.

Deutschland hat in naher Zukunft die Chance, sich als Vorreiter im Aufbau eines strate­gi­schen Politik­mixes für CDR zu positio­nieren. Eine „Langfrist­stra­tegie Negative­mis­sionen“ wird bis Ende 2026 erwartet, entwi­ckelt unter anderem mit dem Mandat, Zielwerte für neuartige CO₂-Entnahme zu definieren. Das Budget für ein staat­liches Ankauf­pro­gramm könnte Start-ups eine unver­zichtbare Risiko­min­derung liefern und damit anerkennen, dass CDR-Start-ups unabdingbar sind, wenn Deutschland seine Restemis­sionen 2045 wenigstens anteilig im Inland ausgleichen will. Die politische Neuaus­richtung von einem Forschungs- und Entwick­lungs­schwer­punkt hin zu einem Markt­aufbau könnte insbe­sondere in Zeiten Früchte tragen, in denen sich die Zusam­men­setzung des CDR-Ökosystems neu definiert. Deutsch­lands gegenüber der EU um fünf Jahre vorge­zo­genen Netto-Null-Ziel sollte ebenfalls als Chance betrachtet werden: Als ein Vorsprung, die Infra­struktur in Mittel­europa zu stärken, etwa durch den Ausbau vom Stromnetz und Pipelines. Das kann ein entschei­dender Vorteil bei bi- und multi­la­te­ralen Verhand­lungen sein. Die Tatsache, dass das deutsche Ankauf­pro­gramm zu den ersten seiner Art gehört, stellt einer­seits zwar eine Heraus­for­derung bei der Konzeption dar. Ander­seits aber kann das für die Ansiedlung der Industrie einen entschei­denden Vorteil bedeuten.

Fazit: Ein Aufruf zur struk­tu­rellen Integration

CDR ist nicht mehr optional, sondern für den Klima­schutz unabdingbar notwendig und ein öffent­liches Gut. Der CDR-Gap wächst stetig und gefährdet die Integrität des Pariser Klima­ab­kommens. Das 40-prozentige Wachstum bei neuar­tigen CDR-Methoden global ist vielver­spre­chend, aber unzurei­chend. Eine Umgewichtung politi­scher Förderung, die die Nachfrage nach Entnahme kurzfristig anreizt und langfristig sichert, ist nötig, um positive Markt­er­war­tungen zu erzeugen. Deutschland hat die Chance, diesem Aufruf als Vorreiter gerecht zu werden. Die finan­zi­ellen Möglich­keiten für sowohl angebots- als auch nachfra­ge­seitige Anreiz­struk­turen durch den aktuellen Bundes­haushalt sind durchaus substan­ziell. Die Veröf­fent­li­chung der „Langfrist­stra­tegie Negative­mis­sionen“ könnte den Fortschritt durch die Festschreibung ambitio­nierter Zielgrößen für die CO₂-Entnahme über Legis­la­turen hinweg politisch unter­mauern. Erst eine konti­nu­ier­liche Unter­stützung, die die Nachfra­ge­er­war­tungen für Entwickler stabi­li­siert, stünde im Einklang mit der Überschrift des dritten „State of CDR“-Berichts, die den prägenden Charakter der nächsten fünf Jahre herausstellt.

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