Diskussion: Was unsere Traumata über uns als Nationen verraten

Wird ein Trauma von Generation zu Generation vererbt? Was sagt uns das Trauma über Polen und Deutsche? Was verbindet, was trennt uns? Wie hat die Geschichte unsere Verhaltensweisen geprägt, unsere Ängste und Obsessionen?
Am 24. November 2025 diskutierten im Polnischen Institut Berlin Asal Dardan und Karolina Wigura zum Thema „What Trauma tells us about ourselves as nations“, Katharina Blumberg-Stankiewicz moderierte. Die Veranstaltung wurde von Kultura Liberalna und dem Zentrum Liberale Moderne organisiert und von der Stiftung Deutsch-Polnische Zusammenarbeit gefördert.
Katharina Blumberg-Stankiewicz: Unser heutiges Gespräch dreht sich um das Trauma. Einerseits lässt sich feststellen, dass kollektive Traumata allgegenwärtig sind, im Hinblick auf unsere geografische Lage und die Geschichte Europas, vor allem Mitteleuropas. Andererseits ist es sehr schwer, sich einem Verständnis des kollektiven Traumas anzunähern, es zu begreifen. Die Besonderheit des heutigen Abends ist, dass wir uns hier treffen und nicht nur über eine Gesellschaft, nicht nur ein Land sprechen, sondern über zwei, nämlich Polen und Deutschland.
Wir beginnen mit Asal Dardans Buch „Traumaland. Eine Spurensuche in deutscher Vergangenheit und Gegenwart“. Du kommst aus dem Iran, lebst aber in Deutschland. Ich selbst wurde in Polen geboren, 1981, ich war vier Jahre alt, zogen wir nach Deutschland. Auch wenn ich sehr viele andere Menschen kenne, die eine ähnliche Migrationsgeschichte von Polen nach Deutschland teilen, habe ich nie den Begriff „Diaspora“ verwendet, es fiel mir schwer. Du tust das. Wie bist du dazu gekommen, über Trauma zu schreiben, deine früheren Themen waren doch ganz andere?
Asal Dardan: Als ich dieses Buch schrieb, wurde mir plötzlich bewusst, dass ich schon viele, viele Jahre an demselben Thema arbeite. In meiner Diplomarbeit über die Erinnerung an den Holocaust im Film beschäftigte ich mich damit, wie man mithilfe von Bildern Trauma erzählen kann. Gewissermaßen ist dieses Buch etwas, das ich schon sehr lange mit mir herumtrage. Fragen von Verfolgung, von Genozid, aber auch der Holocaust und gesellschaftliche Ausgrenzungen oder eben Diaspora, das sind Themen, mit denen ich mich schon in meinem ersten Buch beschäftigte, „Betrachtungen einer Barbarin“.
Ich lebe die meiste Zeit in Schweden, auf der Insel Öland. Mein erstes Buch habe ich also am Küchentisch in Schweden geschrieben. Dank diesem Buch konnte ich dann Orte in Deutschland besuchen, wo ich noch nie war, Oberursel etwa. Diese Lesereise mit meinem ersten Buch hat mir vor allem gezeigt, dass die Menschen in diesem Land, zumindest diejenigen, die zu meinen Lesungen kommen und ihre Freizeit damit verbringen, etwas über Rassismus und den Holocaust zu hören, anstatt beispielsweise Netflix zu schauen… Vielleicht ist es nur ein anekdotischer Beweis, aber zumindest auf meinen Lesungen konnte ich den Eindruck gewinnen, dass die Menschen in diesem Land besser sind als unsere Diskurse uns glauben machen.
Ich habe viele Menschen getroffen, die in ihren Ortschaften viel für die Erinnerung an den Holocaust tun oder Geflüchteten helfen und oft auch diese Themen verbinden. Manchmal sind das pensionierte Menschen, Menschen, die auf Lebenserfahrung zurückblicken. Sie waren in der DDR aktiv im Kampf gegen das System und haben Lebenszeit eingesetzt, um an die Opfer des Holocaust zu erinnern, an die deportierten oder ermordeten Bürger:innen ihrer Städte, oder auch, um Geflüchteten zu helfen. Diese Begegnungen findet sich nun in meinem zweiten Buch wieder.
Eine Sache, die mir wirklich Hoffnung macht, sind diese Menschen, die sich aktiv für die Stabilisierung der Demokratie einsetzen, ihre Freizeit dafür einsetzen. Die Zivilgesellschaft hat mich also inspiriert, „Traumaland“ zu schreiben, auch um zu zeigen, wie viele dieser Menschen es gibt.
Die Idee zu „Traumaland“ entstand aus zwei Erlebnissen, die sich kurz nacheinander ereigneten. 2021 fuhr ich nach Hanau – eine Stadt, deren Namen jetzt viele kennen, weil dort ein rassistischer Terroranschlag stattfand, bei dem ein Rechtsradikaler innerhalb weniger Minuten neun junge Menschen erschoss. Ich war dort ein Jahr nach dem Anschlag, um an einer Solidaritätskundgebung für die Opfer und ihre Familien teilzunehmen. Mir wurde bewusst, dass das keine gruselige Stadt ist, sondern eine völlig normale deutsche Stadt. Hanau hat mich an die Stadt erinnert, in der ich aufgewachsen bin, Bergisch Gladbach. Ich stellte plötzlich fest, dass es in Deutschland diese Landschaft aus Ortsnamen wie Mölln, Solingen, Rostock-Lichtenhagen und Merseburg gibt, die ich nur deshalb kenne, weil dort rassistische oder antisemitische Anschläge stattgefunden haben. Ich hatte das Gefühl, dass diese Landkarte oder Topografie politischer Gewalt erforscht werden sollte.
Dann hatte ich ein Gespräch mit einer Gruppe anderer Autor:innen über meine Idee, mir Trauma im Kontext konkreter Orte anzusehen. Ich sagte, ich wolle unter anderem auch nach Dessau fahren, und bekam zur Antwort: „Tolle Idee, fahr nach Dessau!“ Sie dachten dabei an das Bauhaus in Dessau, an die Schließung und Verfolgung vieler mit ihm verbundener Personen. Ich aber dachte an den rassistischen Mord an Oury Jalloh 2005, einen Geflüchteten aus Sierra Leone, der in einer Zelle der Dessauer Polizeistation ermordet wurde.
Das zeigt das Spektrum dessen, was Trauma im deutschen Kontext wirklich bedeutet. Ich wollte verschiedene Phasen traumatischer Erfahrungen verbinden und ihre Fortsetzung betrachten. Ich denke, wenn man Gewalt nicht in der Kategorie linearer Zeit, sondern im Kontext von Orten betrachtet, kann man diese Kontinuitäten sehr viel leichter zugänglich machen.
In deinem Buch spürt man sehr stark eine persönliche Topografie, die gleichzeitig eine kollektive Topografie ist, aber auch einen Balanceakt zwischen deiner persönlichen Perspektive und der Opferperspektive, und auch ein größeres Bild. Wolltest du beim Beschreiben all dieser traumatischen Ereignisse nicht manchmal einfach nur schreien?
Asal Dardan: Natürlich war ich wütend oder traurig, einige dieser Biografien von Personen sind wirklich schwer zu verarbeiten und für mich war es sehr wichtig, sie nicht auf eine bloße historische Anekdote zu reduzieren, in der die Opfer nur durch die Gewalt in Erinnerung bleiben, die sie erlebten. Allerdings konnte ich auch nicht die Biografie jeder einzelnen Person aufschreiben.
Es ist furchtbar, dass sich alles zyklisch wiederholt und diese Form der Gewalt in diesem Land noch immer möglich ist. Ein Antrieb für mich, für mein Schreiben, ist die Solidarität, also das Positive. Ich denke, dass es letztlich gesünder ist, nicht nur gegen etwas zu kämpfen, sondern für etwas, und zu wissen, warum man es tut.
Deshalb schreibe ich in meinem Buch mehrfach, dass ich viele der Biografien nur deshalb kenne, weil es Menschen gab, die gesagt haben: „Wir lassen nicht zu, dass ihr vergesst.“ Das waren vor allem Überlebende oder Menschen, die Angehörige verloren haben. Darin liegt eine sehr große Kraft. Ich zitiere Hannah Arendt, die einmal sagte, wenn du als Jude angegriffen wirst, musst du dich als Jude verteidigen, nicht als Mensch unter anderen Menschen, und das ist eine große Herausforderung für alle anderen, zu sagen: „Ja, wir stehen an deiner Seite und verteidigen dich, als die Person, als du dich verteidigst.“ Es geht nicht darum, alles gleichzumachen, sondern darum zu sagen: „Ja, wir sind anders und akzeptieren diese radikale Verschiedenheit.“ Das ist der einzige Weg für uns, ein Gefühl von Gemeinschaft oder von Zugehörigkeit zu erhalten, nicht durch das Auslöschen von Unterschieden, sondern durch ihre Akzeptanz.
Du machst sehr deutlich, dass Trauma etwas Persönliches, körperlich Spürbares ist, und dass alle traumatische Erfahrungen gemacht haben.
Asal Dardan: Ich finde nicht, dass jede Person in ihrem Leben traumatisiert ist. Ein Trauma ist ja das Ergebnis von etwas, das sich ereignet hat, und hängt auch in großem Maße davon ab, wie die Umgebung damit umgeht. Man weiß zum Beispiel, dass Menschen, die einen Krieg überlebt haben, vor allem Frauen, die vergewaltigt wurden, während des Krieges Opfer sexueller Gewalt wurden, besser damit zurechtkommen, wenn sie sich in einem Umfeld wiederfinden, das weiß, wie man mit Traumata umgeht.
Ich würde nicht sagen, dass ich an diese Orte als von deutscher Geschichte traumatisierter Mensch gefahren bin, ich habe keine Eltern oder Großeltern, die verfolgt oder ermordet wurden oder aber SS-Mitglieder oder in der NSDAP waren. Aber natürlich, und das habe ich als wichtig erachtet und darüber im Buch geschrieben, komme ich aus einem anderen Land, das ebenfalls politische Gewalt kennt.
Die Gewalt, der wir in unseren Herkunftsländern ausgesetzt sind oder andere aussetzen, spielt hier natürlich genauso eine Rolle. Gewissermaßen war das als im Iran Geborene eine schwierige Geschichte für mich persönlich, der ich mich stellen musste, aber als Schriftstellerin war es auch ein Geschenk, weil ich dadurch verstand, wie schwierig es ist, mit Schuld umzugehen, und mit dem Verantwortungsgefühl gegenüber anderen, die ein Trauma in sich tragen. Ich denke, eine Errungenschaft der deutschen Erinnerungskultur ist der Fokus auf die Opfer, dass die Opfer aus der Masse herausgehoben werden, zu der sie von den Nationalsozialisten gemacht wurden.
Wir kennen jetzt einige Namen, Biografien, haben erfahren, dass das keine Anderen sind, sondern dass sie zu Anderen gemacht wurden. Etwas, das meiner Meinung nach in der deutschen Erinnerungskultur nicht so gelungen ist, ist die Idee, dass die Täter „Andere“ sind. Sie werden noch immer als das Böse dargestellt, aber sie kamen und kommen auch aus unserer Gesellschaft. Ihre Taten rühren aus dem, was die gesamte Gesellschaft tut.
Deshalb sage ich entschieden: Nein, nicht jeder in diesem Land ist traumatisiert, nicht jeder trägt ein Trauma in sich, aber das heißt nicht, dass keine Solidarität möglich ist. Man muss aber tatsächlich wissen, woher man kommt, welche Perspektive man hat, welchen Ausgangspunkt. Wir leben in einer Landschaft des Traumas, aber es beeinflusst uns auf unterschiedliche Weise, selbst wenn es uns alle betrifft.
Karolina, Asal hat unter anderem gesagt, dass Trauma etwas sein kann, das nach außen hin nicht sichtbar ist. Betrachten wir deine Definition, dein Verständnis von Trauma und das Konzept der posttraumatischen Souveränität. Dein – oder besser euer, du hast das Buch „Posttraumatische Souveränität. Ein Essay über Ostmitteleuropa“ gemeinsam mit Jarosław Kuisz geschrieben – Ausgangspunkt ist der Ansatz, dass Trauma etwas Physisches und Persönliches ist. Das stärkste Argument ist allerdings, dass wir Polen als ein Land betrachten müssen, auf dem ein kollektives Trauma lastet.
Karolina Wigura: Ich würde gern zunächst darauf Bezug nehmen, was Asal gesagt hat. Die erste Frage lautet natürlich immer, woher kommst du. Ich komme nicht aus der Traumaforschung, ich befasse mich mit der Philosophie der Vergebung. Das ist mein zentrales Forschungsinteresse und ich denke, dass es letztlich auch zur Entstehung dieses Buches geführt hat.
Wenn ich sage, mein Forschungsinteresse ist die Vergebung, dann meine ich ebenfalls die Holocaust-Forschung. Mein erstes Thema war die Frage, warum Vergebung nach dem Holocaust nicht möglich ist.
Während ich dein Buch las, Asal, schwirrte immer ein Gedanke durch meinen Kopf, nämlich ein Zitat aus den Talmud-Lesungen von Emmanuel Levinas, das in etwa lautet: „Das Böse vernichtet die Opfer, aber noch viel mehr vernichtet es die Seelen der Täter.“ Ich lese dein Buch als eine lange Erzählung darüber, wie das Böse – bewusst oder unbewusst – die Seele des Täters zerstört.
Aber ich bin auch stark beeinflusst durch eine Person, die mich als Studentin mit diesem Thema in Berührung brachte. Die polnischen Teilnehmenden werden den Namen kennen, im Ausland war er leider kaum bekannt. Die Rede ist von Professor Paweł Śpiewak. Paweł machte uns im Studium das Leben sehr schwer. Er trug uns auf, sehr aufmerksam zu lesen, und stellte dann Fragen, die nicht leicht zu schlucken waren. Du hast von der Erziehung der Täter gesprochen. Es gibt einen sehr wichtigen Satz, den Paweł Śpiewak uns beigebracht hat, der mir für immer im Gedächtnis bleiben wird. Wir verbrachten zwei Jahre damit, alle Zeugnisse der Menschen zu lesen, die den Holocaust überlebt hatten – oder nicht. Wir dachten also, wir seien jetzt sehr klug, weil wir all diese Quellen studiert hatten, wir wüssten alles. Paweł Śpiewak fragte uns: „Ihr habt die Zeugnisse gelesen, nicht wahr? Ihr denkt, ihr wisst viel über den Holocaust? Und als ihr gelesen habt, wer wart ihr da in eurer Vorstellung? Ihr wart immer die Juden, oder?“
Du denkst gern, dass du ein Jude bist, weil das unter allen Rollen, die man einnehmen kann, die einzige ist, die gewissermaßen moralisch akzeptabel ist. Dann sagte Paweł noch: „Leider bist du statistisch gesehen kein Opfer. Der Statistik nach bist du entweder Täter oder Zuschauer.“ Dieser Satz hat sich mir für immer eingeprägt.
Denn es geht nicht darum, jemanden zu entschuldigen oder zu rechtfertigen. Es geht darum zu sagen, dass das aus uns heraus erwachsen ist. Und wenn ich „uns“ sage, meine ich nicht, dass ich mich als Deutsche fühle. Ich bin keine Deutsche, ich bin polnische Europäerin. Wenn ich sage, das Böse ist aus uns gekommen, dann meine ich „uns“ als Menschen.
Die dritte Sache, die ich noch anmerken möchte, ist etwas, das mich sowohl in Asals Buch als auch hier im Zusammenhang mit Hannah Arendt sehr stark beschäftigt hat – das Zitat, wenn du als Jude angegriffen wirst, musst du als Jude reagieren. Ich verehre Hannah Arendt sehr und habe viel von ihr gelernt, aber hier widerspreche ich ihr. Das stimmt nicht. Wenn du als Jude angegriffen wirst, reagierst du als Mensch. Du musst dich als Mensch verteidigen. Du reagierst als Mensch, weil das eine Frage des Menschseins ist. Ich werde hier keinen Vergleich zwischen der Diskriminierung von Juden mit der Diskriminierung von Polen aufmachen. Aber es steht außer Zweifel, dass Polen in Deutschland Diskriminierung ausgesetzt sind, oder sogar Rassismus. Es ist ein anderer Rassismus, als ihn Menschen mit anderer Hautfarbe erleben. Aber auch wenn ich weiß bin, spüre ich häufig, dass genau in dem Moment, wenn ich meinen Mund öffne und mein harter, polnischer Akzent zu hören ist, dieser Akzent mich verrät. Ich verstehe dann, was es heißt, sich vor Diskriminierung zu schützen. Und meine Strategie ist es, mich als Mensch zu schützen. Ich glaube, dass wir nur dann verstehen können, dass es hier nicht um Rassismus in der deutschen Gesellschaft oder Rassismus in der polnischen Gesellschaft geht – die gibt es natürlich auch – sondern um Rassismus in menschlichen Gesellschaften als solchen. Wir müssen gegen ihn kämpfen, ohne die Kategorien zu benutzen, die diese Rassismen uns versuchen aufzuzwingen.
Kehren wir noch einmal zu der Frage zurück, warum du „Souveränität“ als zentralen Begriff, als Schlüsselkonzept für dein Buch gewählt hast.
Karolina Wigura: Als Wladimir Putin 2022 den großangelegten Krieg gegen die Ukraine begann, lebte ich in Berlin. Ich durfte dort ein Jahr als Stipendiatin der Robert-Bosch-Akademie verbringen. Ich kam mit dem Plan, etwas über die Emotionen im Kontext der Pandemie zu schreiben, über die Reaktionen auf die Covid-19-Pandemie, und was die Menschen bewog, all diese Proteste zu organisieren, von Black Lives Matter hin zu den „Schwarzen Protesten“ in Polen gegen das Abtreibungsverbot. Ich wollte das verstehen und meine Zeit nutzen, um die deutschen Emotionen zu beobachten und Interviews zu diesem Thema zu führen.
Aber als ich hier war, begann dieser Angriff, und ich war erstaunt über die Reaktionen der Menschen hier, aber auch anderer internationaler Kollegen, die meinten: „Mein Gott, das ist ein Schock. Wie konnte das passieren?“ Ich sah sie an und dachte: „Kommt schon, das war doch offensichtlich. Wir wussten schon lange, dass das passieren wird.“ Gemeinsam mit Jarosław Kuisz wollten wir dann etwas zur deutschen Debatte beitragen, unser Wissen teilen. Uns war klar, dass Trauma eine körperliche Erfahrung ist, es ist individuell, eine persönliche Geschichte, aber es bedeutet auch Wissen. Ein Trauma kann uns helfen, eine Gesellschaft besser zu verstehen.
Als wir also unseren Gesprächspartnern in Berlin zuhörten und dann weitere Forschungen in Mittel- und Osteuropa durchführten, verstanden wir, dass Polen, Ukrainer, Balten, viele Menschen in Ostmitteleuropa nicht verstehen, wie Westeuropa tickt, besonders Deutschland. Und umgekehrt ist es genauso, denn die Traumata sind andere. Deutschlands Trauma, wenn ich das einmal so knapp fassen darf, beruht auf der Vernichtung aller, die schließlich auch zur eigenen führt. Es beruht also auf Selbstmord, in besonders brutaler Weise, die auch andere vernichtet. Das Trauma Ostmitteleuropas ist ein anderes, nämlich das regelmäßige, zyklische Verschwinden, Attackiertwerden durch den Imperialismus, der immer wieder zurückkehrt. In der Vergangenheit kam der Imperialismus aus dem Westen und aus dem Osten. Russland kam immer wieder, Preußen fiel immer wieder ein. Heute ist klar, dass Preußen nicht wiederkommt, weil es nicht mehr existiert, und Deutschland sich tiefgehend verändert hat, weil es fähig war, die eigene Schuld anzuerkennen.
Ostmitteleuropa hat durch sein Trauma, durch sein Wissen darum, was in der Vergangenheit geschehen ist, lange gewusst, dass sich in Russland nichts geändert hat. Es ist derselbe Imperialismus, der immer wiederkehrt, und daher rührt eben das Thema Souveränität. Das ostmitteleuropäische Verhältnis zu Souveränität unterscheidet sich einfach vom westeuropäischen Verhältnis zu Souveränität.
Dein Ziel ist, wie du schon selbst andeutest, ein differenzierter, empathischer Blick auf die gesamte Region.
Karolina Wigura: Zunächst einmal brauchen wir Wissen. Jarosław Kuisz und ich wollten sagen: „Hört zu, das ist Europa. Die europäischen Staaten haben unterschiedliche Traumata. Wir müssen einander zuhören, denn wenn wir einander zuhören, wird unser Kontinent ein besserer werden. Vielleicht verstehen wir dann endlich, dass es absolut inakzeptabel ist, dass die Ukraine kein Teil der Europäischen Union und der NATO ist, denn wir müssen sie dafür verteidigen, dass sie etwas für uns verteidigen.“
Überall, wo das Böse Einzug hielt, vernichtete es die Seelen der Menschen, die dort lebten, selbst, wenn sie nur Zeugen waren, selbst, wenn sie einen anderen Weg wählten. Daher denke ich, dass Asals Ansatz, durch die Straßen zu gehen, den Alltag, die Sprache, die Orte zu beobachten, unglaublich wertvoll ist und zur Verbreitung des Wissens beiträgt, das ich auch vermitteln möchte – nämlich, wer unsere Großväter und Großmütter waren, welche Rolle sie spielten, bewusst oder unbewusst, und welche moralische Verantwortung damit verbunden ist.
Asal Dardan: Das ist sehr interessant vor dem Hintergrund, dass Polen ein Land ist, das sehr stark gelitten hat, mit am stärksten in Europa, es hat viele Millionen Menschen verloren. Und doch gibt es das Element des Zuschauers und Kollaborateurs, das auch berücksichtigt werden muss als Teil der kollektiven Identität, genau, wie du es in deinem Buch beschreibst.
Ich denke, in gewissem Sinne führt uns genau das zu Europa, wenn wir den Opfer-Täter-Dualismus und die nationalen Narrative aufbrechen. Die nationale Erinnerungskultur scheint dazu zu dienen, das Vergangene wegzuwischen, weil wir jetzt tun, was unsere Opfer von uns wollen, also an sie erinnern und ihnen Ehre erweisen. Aber man muss auch die Schuld auf sich nehmen und verstehen, was es wirklich für die Gegenwart bedeutet, es nicht nur in die Vergangenheit schieben, aber das geschieht sehr oft, scheint mir.
Karolina Wigura: Vor einigen Monaten entbrannte in der polnischen Öffentlichkeit eine Debatte über eine Ausstellung in Gdańsk namens „Nasi chłopcy”- Unsere Jungs. Darin geht es um junge Männer in Pommern, die in die Wehrmacht zwangsverpflichtet wurden. Die rechten Kommentatoren behaupteten, das sei empörend, da die Ausstellung die Taten der Wehrmachtsangehörigen, die in Polen Menschen ermordeten, entschuldigen und erklären würde. Die Organisatoren sagten: „Hört zu, wir zeigen nur die Geschichte.“ Ich fuhr also nach Gdańsk, um die Ausstellung anzuschauen. Ich kam in einen kleinen, bescheidenen Raum mit schwarzen Wänden, und das Erste, das die Besucher am Eingang empfängt, war eine Menge junger Männer in Wehrmachtsuniformen. Und wen sehe ich als vierzigjährige Frau? Ich sehe darin meine Söhne. Frauen in unserem Alter sehen junge Männer als unsere Söhne, so ist das einfach, nicht wahr? Diese Ausstellung sagt also: Leider gibt es Zeiten, in denen junge, schutzlose Jungs in mörderische Armeen eingezogen werden, wo sie zu Mördern werden. Es werden Beispiele aus Polen, aber auch aus Frankreich gezeigt, wo es ähnlich ablief. Und es wird gezeigt, wie diese Geschichten später über Jahrzehnte in den Familien verschwiegen und von der offiziellen Staatspropaganda streng untersagt wurden. Was sagt uns die Ausstellung also? Sie sagt: „Schätzt euch glücklich, dass ihr nicht in Zeiten lebt, in denen ihr solche moralischen Entscheidungen treffen müsst und euer Sohn gezwungen wird, einer mörderischen Armee beizutreten.“ Diese Menschen hatten keine Wahl. Sind sie deshalb nicht verantwortlich für ihre Verbrechen? Geben wir es zu, eine simple, moralische Antwort lässt sich hier schwer geben. Wir wissen aber, dass genau das gerade in der Ukraine passiert, wo Russland Kinder entführt, die dann russifiziert und indoktriniert werden, und schließlich vielleicht Ukrainer im eigenen Herkunftsland töten werden.
Ich will also sagen, dass wir uns dessen sehr bewusst sein müssen, dass wir aus moralischer Sicht als Gesellschaft nie auf der sicheren Seite sind. Als Gesellschaft müssen wir lernen zu verstehen, wie uneindeutig unsere Rolle sein kann, nicht nur, weil wir gleichzeitig Opfer, Täter und Zuschauer sein können. Trauma bedeutet auch Wissen. Ethisches Wissen. Das Trauma gibt aber keine einfachen Antworten und auch kein gutes Gefühl, wie man es hat, wenn man sich auf der „richtigen Seite“ der Geschichte befindet.
Wir haben viel über die Zeit des Zweiten Weltkriegs gesprochen, aber lasst uns auch auf das Jahr 1989 schauen. War es eine Wende? Was lief damals falsch und warum?
Asal Dardan: Aus meiner Perspektive einer Migrantin war das Jahr 1989 ein Moment der Sorge, weil die Deutschen wieder die Frage zu beantworten versuchten: Wer sind wir als Deutsche? Viele ausgrenzende, rassistische Ideen kehrten zurück.
Oder vielleicht war es gar keine Rückkehr. In den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts gab es so viele antisemitische Gewaltakte, dass ihr es nicht glauben würdet. Jüdische Friedhöfe wurden zerstört, Juden und Jüdinnen angegriffen. Die Westdeutschen würden ihre Geschichte gern so erzählen, dass sie 1945 plötzlich auf magische Weise demokratisch wurden, aber dem war nicht so. Dasselbe fand in der DDR statt, wo plötzlich alle antifaschistisch gewesen sein sollen. Irgendwie wurde eine Mauer gebaut, und alle Faschist:innen waren auf der anderen Seite, auch eine Lüge.
All das wurde also wieder drängender, weil es nicht aufgearbeitet worden war. Im Westen wurden die sogenannten Gastarbeiter:innen, die angeworbenen Arbeitskräfte, immer häufiger attackiert, im Osten betraf es die sogenannten Vertragsarbeiter aus den kommunistischen Staaten, Mosambik und Vietnam etwa. Es war eine beängstigende Zeit.
Das Problem war auch, dass die Angriffe als eine Art begründete Frustration junger Menschen gesehen wurden. Trauma braucht oft Zeit. Man kann Trauma nicht in dem Moment bewältigen, in dem es stattfindet. Es braucht manchmal Generationen.
Ich war zum Beispiel mit meinen Eltern im Exil in Köln und ich glaube, ich habe erst einige Jahre später vom Fall der Berliner Mauer erfahren. In unserem Haushalt hatte das keine große Bedeutung. Es war einfach etwas, das jenseits unserer Realität geschah. Man konnte in Deutschland leben und das war gar nicht wichtig, weil andere Dinge wichtig waren, zum Beispiel rassistische Übergriffe. In den 1990er Jahren wurden viele Menschen in Deutschland ermordet. Erst jetzt beginnen die Leute, ihre Namen zu nennen. Das geschieht, weil die Opfer, ihre Familien und solidarisierte Menschen beginnen, über sie zu reden.
In gewissem Sinne stimme ich dir zu, Karolina, dass es gut wäre, wenn wir als Menschen betrachtet würden, das wäre ein verbindendes Element, und wir uns als Menschen verteidigen würden. Aber gleichzeitig sind wir anders. Es gibt Unterschiede zwischen uns. Und es ist auch gut, diesen Unterschied zu wahren, zu sagen, ein Jude kann in Deutschland offen Jude sein, genau wie ein Muslim, beide müssen in Sicherheit leben.
Ich denke, das ist ein Ausdruck von Menschenwürde. Sie beruht in ihrem Kern, in ihrer Radikalität, darauf, dass jeder Mensch, unabhängig davon, wer er ist, wie gut oder wie böse, eine immanente menschliche Würde besitzt. Ich denke, das ist eine universelle Lektion, die man daraus lernen kann, über den Fakt hinaus, dass wir alle Opfer sein können. Es aber nicht sind. Wie du schon sagtest, statistisch betrachtet sind wir in der Mehrheit Täter:innen, Zeug:innen oder passive Zuschauer:innen.
Eine wichtige Frage im Kontext des heutigen Themas ist für mich, wie wichtig die Rückkehr zum Jahr 1989 ist, aber auch die Frage des Beitritts zur Europäischen Union, das Befolgen aller Grundregeln – darüber wird nicht häufig gesprochen – und wie schwer Situationen sind, in denen Hierarchien bestehen. Vor einigen Jahren, als ich zum Thema Diaspora geforscht habe, war es schwer, über Migration zu sprechen, und über Wunden – die griechische Bedeutung des Wortes Trauma – und da kam mir der Gedanke, andere Worte zu verwenden, wie ein Schiffsleck, das man reparieren kann, und wo man einen Anker hat.
Karolina Wigura: Aus der Forschung über die Traumata der Holocaustüberlebenden, ihrer Kinder und Enkel, wissen wir, dass es ein Phänomen gibt, das das Trauma am stärksten nährt, und zwar das Schweigen. Deshalb glaube ich, dass es entscheidende Bedeutung für das Trauma hat, dass wir – wie jetzt – das Wort erheben und alle Ambivalenzen äußern, um ihm Ausdruck zu verleihen und es in gewisser Weise zu mildern.
Das Trauma verschwindet nicht, das wissen wir aus der Hirnforschung. Wir können nur die Folgen eindämmen, und wenn wir Glück haben, können wir das Trauma als Wissen behandeln und uns darüber austauschen, wie wir es durchlebt haben. Andererseits haben wir natürlich eine wachsende Polarisierung, populistische Parteien und Bewegungen, die das Wort „Ambivalenz“ nicht mögen und prinzipiell wollen, dass wir in sehr emotionalen Kategorien denken. Sie nutzen das Trauma für ihre eigenen politischen Zwecke. Am besten wäre es für sie, wenn wir sehr sentimental in Bezug auf unsere Vergangenheit wären und voller Groll gegen alle unsere Nachbarn kämpfen würden. Das wäre die beste Lösung, weil man uns dann leicht manipulieren könnte. Deshalb denke ich, gibt es diesen politischen Kampf um die Stärkung der Ambivalenz und die Schwächung der Polarisierung, der aktuell wirklich entscheidende Bedeutung erlangt.
Frage aus dem Publikum: Ich vertrete eine Organisation, die die Ukraine unterstützt. Als Russland 2014 meine Heimatstadt Donezk besetzte, begann ich zu erforschen, was dieses Russland ist, und mir wurde klar, dass es vorher schon Georgien angegriffen hatte, und Tschetschenien und so weiter. Mir wurde bewusst, dass es in meiner Familie keine Generation gibt, die keinen Krieg erlebt hat. Ich schätze den Gedanken, dass wir alle einander zuhören müssen, aber ich sehe auch, dass das leider nicht funktioniert. Ich habe keine Ahnung, wie schwer es ist, ein kollektives Trauma zu bewältigen, aber ich denke, die Menschen in der Ukraine sind in dieser Hinsicht den Menschen in Polen ähnlich, wir haben aber auch sehr starke deutsche Partner, die auch sehr gut verstehen, was es bedeutet, im Kontext des Traumas des Zweiten Weltkrieges zu arbeiten. Was ihr gesagt habt über Vergebung, den Tätern zu vergeben, also Russland – das erscheint mir unmöglich. Weder jetzt noch zu einem späteren Zeitpunkt, selbst wenn die Ukraine diesen Krieg gewinnen würde.
Asal Dardan: Ich kann etwas aus deutscher Perspektive beitragen. Es wird oft vergessen, dass nicht alle Opfer Deutschlands das Gefühl hatten, vergeben zu können. Ich denke da an die vielen jüdischen Menschen, die emigrierten, zu politischen Flüchtlingen wurden und nie zurückkehrten, sie wollten nicht zurückkehren. Aber in Deutschland sprach man plötzlich von einer deutsch-jüdischen Kultur, weil die Nachfahren der Täter:innen das Bedürfnis hatten, etwas zu überwinden, zur Versöhnung zu finden.
Ich denke, es ist ein Fehler, von den Opfern Entgegenkommen oder Gutmütigkeit zu verlangen, ich denke, wir sollten mehr über jüdische Wut und jüdische Rache sprechen, die es auch gab, aber aus irgendeinem Grund ist das unangenehm, also versucht man es zu verbergen, weil der Holocaust zur globalen Chiffre geworden ist, zum globalen Bezugspunkt. Das hat auch Einfluss darauf, wie wir heute über Gewalt, Genozid und Übergriffe sprechen, über die Opfer von heute. Das ist ein Defizit im deutschen Kontext, das sich auch auswirkt.
Es ist auch etwas, was unsere Debatten über Gaza beeinflusst – dass die Palästinenser für uns irgendwie engelsgleiche Opfer sein müssen, damit wir anerkennen können, dass sie Opfer sind. Für mich als Schriftstellerin sind Geschichten elementar, die Geschichten Einzelner.
Ich finde nicht, dass Opfer vergeben müssen. Es gibt Opfer, die für ihre eigene Gesundheit und ihr Wohl vergeben müssen, aber den Tätern sind sie nichts schuldig. Im Kontext der Ukraine besteht das Problem darin, dass die Menschen in einer Situation sind, in der sie um Hilfe bitten müssen. Es sind immer diejenigen, die gewaltsam unterdrückt oder attackiert werden, die irgendwie dieser Situation entkommen müssen, die bitten müssen. Letztendlich hat der Kampf für sich selbst noch keinen moralischen Wert, dieser Wert entsteht dann, wenn man auch für andere kämpft, weil man weiß, was immer andere attackiert, greift am Ende auch einen selbst an.
Karolina Wigura: Ich möchte mit der These beginnen, dass Trauma ein sehr nützliches Konzept ist, aber nicht alle Probleme löst. Das Konzept des Traumas wurde geschaffen, wie auch seine Erforschung und seine Diagnose, um eine neutrale Beschreibung dessen zu ermöglichen, was mit manchen Menschen geschieht, die in ihrem Leben dramatische Erlebnisse erfahren haben. Die Männer etwa, die mit schwerwiegenden psychischen Beeinträchtigungen aus dem Ersten Weltkrieg heimkehrten, waren einfach andere Menschen geworden. Zunächst dachten viele, sie seien Feiglinge geworden, die ihren Pflichten nicht nachkommen wollen. Dank Freud und anderen Psychologen, die dieses Thema vertieften, später auch in Amerika, als die Soldaten aus Vietnam zurückkehrten, fand man heraus, dass es etwas jenseits von Moral gibt, nämlich das Trauma.
Insofern kann ein Täter ebenso traumatisiert sein wie ein Opfer. Zum Beispiel ist die Frage sinnlos, ob ein deutsches Kind 1950 genauso traumatisiert war wie ein gerettetes jüdisches Kind, weil Traumaforschung nur ein Instrument ist, das uns von Zeit zu Zeit, wenn es notwendig war, von der moralischen Perspektive befreien sollte. Aber die moralische Perspektive existiert noch, und am Ende des Buches „Posttraumatische Souveränität“ stellen wir auch diese Fragen nach der individuellen Verantwortung.
Viele Menschen sind traumatisiert. Bedeutet das, dass sie im eigenen Leben Monster sein müssen? Wenn du als Kind geschlagen wurdest, musst du dann auch deine Kinder schlagen? Oder wenn die Gesellschaft Russlands über Jahrhunderte durch politische Gewalt traumatisiert wurde, heißt das, dass sie selbst auf ewig der Tyrannei zustimmen muss? Trauma ist eine Folie, die wir über die Realität legen müssen, weil nur das Verständnis von Ethik und von menschlichen Traumata, also die Fragen: Was ist entschuldbar oder unentschuldbar, akzeptabel oder inakzeptabel, uns zu Menschen macht. Ich denke, das darf man nicht vergessen. Das Böse, das derzeit in der Ukraine stattfindet, ist aus meiner Sicht absolut nicht zu vergeben. Aus einem einfachen Grund: Es kann keine Vergebung geben, solange das Böse andauert.
Die Möglichkeit zur Vergebung existiert. Es besteht die Chance zur Vergebung, sobald das Böse der Vergangenheit angehört. Aber nur die Chance. Es geht es nicht darum, ob die Opfer vergeben müssen oder nicht. Nur sie haben den Schlüssel zu dieser Tür.
Vladimir Jankelevitch sagt in seinen Zeugnissen, seiner Philosophie des Verzeihens, die eigentlich eine Philosophie des Nicht-Verzeihens ist: „Wisst ihr, sie haben alle verziehen, aber ich wurde nicht gefragt. Sie hätten mich fragen sollen, ob ich das will oder nicht.“ Denn der Holocaust kann nicht verziehen werden. Man kann ihn nicht vergeben, weil all die Menschen nicht mehr leben. Nehmen wir Willy Brandt, der in Warschau kniet und kein Wort sagt. Warum sagt er nichts? Weil kein Wort angemessen wäre. Er kann nicht um Vergebung bitten. Weil es diejenigen, die vergeben könnten, nicht mehr gibt.
Alles hängt von den Opfern ab. Ich würde nie jemandem sagen, er müsse vergeben, weil die Vergangenheit jetzt Vergangenheit ist. Es bleibt auch die Frage, warum die Opfer nicht vergeben können, selbst wenn sie noch am Leben sind. Das Problem mit den Tätern ist nämlich – so war es mit den Deutschen, die Täter waren, und so ist es mit den Russen, die heute Täter sind – dass sie nie um Vergebung bitten. Es sind immer die Gerechten, die durch und durch anständigen Menschen in den Gesellschaften, die auf die Idee kommen, dass wir einander verzeihen sollten.
Der Text entstand im Rahmen eines aus Mitteln der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit mitfinanzierten und vom Zentrum Liberale Moderne, der Fundacja Kultura Liberalna sowie dem Polnischen Institut Berlin realisierten Projekt. Das leicht bearbeitete Gespräch erschien zuerst auf Polnisch in der Kultura Liberalna und wurde von Tina Wünschmann ins Deutsche übersetzt.
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