Die Anti-Sar­ra­zins: Neue Bücher von Aladin El-Mafaa­lani und Ahmad Mansour

Shut­ter­stock

Aladin El-Mafaa­lani und Ahmad Mansour haben zwei kluge Bücher über die Ein­wan­de­rungs­ge­sell­schaft geschrie­ben. Der eine plä­diert für Viel­falt, der andere für Anpas­sung. Unser Rezen­sent Richard C. Schnei­der arbei­tet Stärken und Schwä­chen der beiden Autoren heraus. Wenn man sie zusam­men­liest, ergeben sie den per­fek­ten Anti-Sar­ra­zin.

Wer eine ver­nünf­tige alter­na­tive Lektüre zu Thilo Sar­ra­zins „Feind­li­che Über­nahme“ sucht, kann ohne wei­te­res fündig werden. Zwei Autoren mit „Migra­ti­ons­hin­ter­grund“ haben sich des Themas Inte­gra­tion ange­nom­men. Sie kommen zu unter­schied­li­chen Ergeb­nis­sen, doch ihre Kennt­nisse sind fun­diert, sind, anders als bei Sar­ra­zin, Außen- und zugleich Innen­an­sich­ten, denen man Zeit und Raum geben sollte, um sich dem kom­ple­xen Thema zu stellen.

Portrait von Richard C. Schneider

Richard C. Schnei­der ist Editor-at-Large der ARD, Buch­au­tor und Doku­men­tar­fil­mer. Er war Leiter des ARD-Studios in Rom und in Tel Aviv

Schwä­chen liberal-demo­kra­ti­scher Iden­ti­tät

Ahmad Mansour, ein paläs­ti­nen­si­scher Israeli, der mit 28 Jahren nach Deutsch­land kam und als Psy­cho­loge und Grup­pen­lei­ter des Neu­köll­ner Gewalt­prä­ven­ti­ons­pro­jek­tes „Heroes“ bekannt wurde, nennt sein neues Buch „Klar­text zur Inte­gra­tion“. Doch erst der Unter­ti­tel gibt einen Hinweis, worauf Mansour hin­aus­will: „Gegen falsche Tole­ranz und Panik­ma­che“. Mansour spricht über Pro­bleme der Inte­gra­tion aus eigenem Erleben, aber mehr noch aus der Erfah­rung bei seiner Arbeit mit pro­ble­ma­ti­schen Fällen. Da schreibt also ein „Street­wor­ker“, einer, der die gesamt­ge­sell­schaft­li­che Pro­ble­ma­tik auf das Indi­vi­du­elle her­un­ter­bricht. Er sieht die Migran­ten in einer „Bring­schuld“ gegen­über dem Staat, der sie auf­ge­nom­men hat. Für Mansour ist der gemein­same Nenner, um Inte­gra­tion möglich zu machen, das Grund­ge­setz. Er zeigt aber an vielen Bei­spie­len auf, wie die Mehr­heits­ge­sell­schaft versagt, die ethi­schen Normen und Werte des Grund­ge­set­zes zu ver­mit­teln, ein­zu­for­dern oder auch für sie ein­zu­ste­hen. Der Psy­cho­loge zeigt die Schwä­chen deut­scher oder besser: liberal-demo­kra­ti­scher Iden­ti­tät auf, die in falsch ver­stan­de­ner Rück­sicht­nahme auf den „Fremden“ oder aber gar aus Angst und Unsi­cher­heit zu einer Ungleich­be­hand­lung des Ein­zel­nen führt. Inso­fern ist Man­sours Analyse eine scho­nungs­lose Abrech­nung mit einer Gesell­schaft, die stolz auf die Errun­gen­schaf­ten des frei­heit­li­chen Systems sein könnte, die allen Grund hätte, diese „aggres­siv“ zu ver­tre­ten. Mansour hält dem libe­ra­len Teil der „Bio­deut­schen“ somit einen Spiegel vor. Und das ist gut so.

Doch er tappt dabei in eine Falle, die zugleich die Schwä­che des Buches ist. Er fordert zurecht eine Anpas­sung der Migran­ten an die neue Gesell­schaft, eine Offen­heit gegen­über einem neuen Wer­te­sys­tem, das dem tra­di­tio­nel­len isla­mi­schen oder ara­bi­schen Denken häufig dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setzt ist. Doch er ver­säumt zugleich der „alten“ Gesell­schaft im Lande zu zeigen, daß auch sie sich anzu­pas­sen hat, daß auch sie Wege finden muß, wie sie mit einer ver­än­der­ten gesell­schaft­li­chen Situa­tion umzu­ge­hen hat. Gewiß, der Autor erklärt, wo Politik und Sozi­al­ar­beit anders und besser anset­zen müßten, aber  er drückt sich um eine  drin­gend not­wen­dige Neu­de­fi­ni­tion dessen, was „deutsch“ oder „Deutsch­land“ heute sein soll und kann. So lässt Mansour den Leser mit dem Gefühl zurück, die eigent­li­che Arbeit müsse von den Migran­ten gemacht werden, die Mehr­heits­ge­sell­schaft müsse ledig­lich das Grund­ge­setz besser vor­le­ben.

Das Migra­ti­ons-Paradox

Aladin El-Mafaa­lani geht in seinem Buch „Das Inte­gra­ti­ons­pa­ra­dox“ einen Schritt weiter. El-Mafaa­lani, in Deutsch­land gebo­re­nes Kind syri­scher Migran­ten, Pro­fes­sor für Poli­tik­wis­sen­schaft und poli­ti­sche Sozio­lo­gie, arbei­tet heute in NRW im Minis­te­rium für Kinder, Familie, Flücht­linge und Inte­gra­tion. Der Unter­ti­tel seines Buches ver­wirrt zunächst: „Warum gelun­gene Inte­gra­tion zu mehr Kon­flik­ten führt“. Das schein­bare Paradox ist jedoch genau der Schritt weiter, der bei Mansour fehlt. El-Mafaa­lani findet dafür das Bild eines Tisches, an dem eine Familie sitzt. All­mäh­lich setzen sich aber immer mehr Men­schen hinzu – Migran­ten, deren Kinder und Kin­des­kin­der: der Platz am Tisch wird enger. Alle wollen mit­re­den und sogar mit­be­stim­men, was auf den Tisch kommt, was geges­sen wird. Klar, daß dadurch die Familie, die schon immer da saß, sich wehrt, sie hat aber keine Wahl als sich gleich­zei­tig auf die neue Situa­tion ein­stel­len. Gerade das Anwach­sen der Kon­flikte zwi­schen Alt­ein­ge­ses­se­nen und den Migran­ten und deren Kindern zeigt, daß die Inte­gra­tion – so der Autor – gut vor­an­ge­kom­men ist. Daß die Migran­ten eben Platz genom­men haben am Tisch und nicht mehr am „Kat­zen­tisch“ oder gar am Boden sitzen, wie noch vor vierzig, fünfzig Jahren die soge­nann­ten „Gast­ar­bei­ter“, für die es kei­ner­lei Inte­gra­ti­ons­pro­gramme gab, da man sie nicht behal­ten wollte. Die Kon­flikte seien gerade der Beweis für eine zuneh­mend gelun­gene Inte­gra­tion und El-Mafaa­lani weist anhand ein­deu­ti­ger Zahlen und Bei­spiele nach, daß den Migran­ten und anderen Min­der­hei­ten in Deutsch­land heute mehr Chancen und Mög­lich­kei­ten offen stehen als jemals zuvor – und sie diese Chancen auch nutzen. Das aber zwingt die „Ein­hei­mi­schen“ in der Aus­ein­an­der­set­zung mit den „Zuge­reis­ten“ und deren bereits in Deutsch­land gebo­re­nen Kindern ein neues Ver­hält­nis zur eigenen Iden­ti­tät zu finden. Die deut­sche Gesell­schaft ins­ge­samt beginnt sich zu ver­än­dern, ein Zurück in die „gute, alte Zeit“, die gerade in Deutsch­land objek­tiv so gut gar nicht war, ist unmög­lich. Die Abschot­tungs­ten­den­zen, wie sie heute vor allem die AfD, aber auch linke Rand­grup­pen pre­di­gen, sind psy­cho­lo­gisch nach­voll­zieh­bar, aber sie werden von El-Mafaa­lani als Folge der Ver­än­de­rung dar­ge­stellt. Eine Ver­än­de­rung, die übri­gens lange vor 2015, vor dem Zustrom von rund einer Mil­lio­nen Flücht­lin­gen, begon­nen hatte.

Super­di­ver­sity oder Anpas­sung?

Die Unter­schiede im Denk­an­satz der beiden Autoren Mansour und El-Mafaa­lani sind an ein- und dem­sel­ben Bei­spiel zu erken­nen. Während Mansour eher ein Kopf­tuch­geg­ner ist und zumin­dest für ein Kopf­tuch­ver­bot bei Kindern plä­diert, weil sie damit einem patri­ar­cha­li­schen, frau­en­feind­li­chen System unter­wor­fen wären, das zutiefst demo­kra­tie­feind­lich sei, erklärt El-Mafaa­lani, daß es eine gehö­rige Portion Mut und Selbst­be­wußt­sein der Frauen brauche, im deut­schen Umfeld ein Kopf­tuch zu tragen.

El-Mafaa­lani wünscht sich daher eine Akzep­tanz der „Super­di­ver­sity“, wie sie in den west­li­chen Groß­städ­ten längst die Regel ist und eine Chance für alle bedeu­tet, weil somit die Glo­ba­li­sie­rung im Lokalen auch mehr Mög­lich­kei­ten anbie­tet als eine mono­kul­tu­relle Gesell­schaft.

In einem Punkt aber ist Mansour auf­grund seiner Arbeit als Sozi­al­ar­bei­ter prä­zi­ser und pro­blem­be­wuß­ter: Was tun mit isla­mi­schen, extre­mis­ti­schen Grup­pie­run­gen, die das Prinzip der libe­ra­len Demo­kra­tie grund­sätz­lich nicht akzep­tie­ren, wo also Dialog und Inte­gra­tion nicht möglich sind? Mansour macht deut­lich, daß es Grenzen der Ver­stän­di­gung gibt, daß es Gesprächs­ver­wei­ge­rung gibt unter vielen Migran­ten, daß Gewalt­be­reit­schaft exis­tiert und sich ver­brei­tet und der Staat kon­se­quent sein muß, solchen Extre­mis­ten keinen Platz in Deutsch­land zu gewäh­ren. El-Mafaa­lani kommt zwar kurz auf solche Gruppen, wie etwa die Sala­fis­ten, zu spre­chen, doch er sieht in ihnen nur Ver­wei­ge­rer einer Ent­wick­lung, die nicht auf­zu­hal­ten ist. Doch sein Gesell­schafts­mo­dell geht nur dann auf, wenn alle bereit sind, sich an den Tisch zu setzen. Was aber geschieht eben, wenn „der Tisch“ als solches grund­sätz­lich abge­lehnt wird? Eine unbe­ant­wor­tete Frage bei El-Malaafani. Genau diese Frage wird die öffent­li­che Dis­kus­sion aber auch in Zukunft bestim­men und weiter anhei­zen, ganz unab­hän­gig davon, wie gut Inte­gra­tion tat­säch­lich vor­an­kommt. Und es ist und bleibt Aufgabe des Staates, allen Seiten – Popu­lis­ten wie Isla­mis­ten – eben auch die Grenzen des liberal-frei­heit­li­chen Systems auf­zu­zei­gen.

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